28.11.1994

„EIN FÜHRER IST EIN HIRTE“

Nachdem ich heimlich die Grenze von Betschuanaland nach Südafrika überschritten hatte, atmete ich tief durch. Die heimatliche Luft riecht immer besonders angenehm, wenn man fort gewesen ist. Es war eine klare Winternacht.
Obwohl ich eine Welt verließ, in der ich zum erstenmal Freiheit erlebt hatte, und in eine Welt zurückkehrte, in der ich ein Flüchtling war, war ich erleichtert, wieder im Land meiner Geburt und meiner Bestimmung zu sein.
Auf meiner Auslandsreise, der ersten meines Lebens, hatte ich zunächst an einer Konferenz unabhängiger afrikanischer Staaten im Februar 1962 in Addis Abeba teilgenommen und anschließend in mehreren afrikanischen Ländern um Unterstützung beim Aufbau der MK, unserer Guerilla-Armee, geworben.
Den Auftrag zu dieser Reise hatte mir der African National Congress (ANC), unsere Befreiungsorganisation, gegeben. Nach den rassistischen Gesetzen Südafrikas hätte ich mein Heimatland niemals verlassen dürfen: Dort war der Freiheitskämpfer Mandela ein Outlaw, ein Gesetzloser, der Ende März 1961 in den Untergrund abgetaucht war und seither von der Polizei gejagt wurde.
Ich traf mich zunächst mit ANC-Kameraden auf einer Farm nahe Johannesburg, die als Unterschlupf diente, und berichtete über meine Reise. Von dort fuhr ich in Begleitung von Cecil Williams, einem weißen ANC-Kameraden, mit dem Auto weiter nach Durban in Natal.
In Treffen mit ANC-Präsident Häuptling Luthuli und anderen Führern unserer Organisation besprachen wir die nächsten Pläne. Es gab keine Zwischenfälle. Am Nachmittag des 5. August 1962 machten wir uns auf die lange Fahrt zurück nach Johannesburg.
Ich trug einen weißen Chauffeursmantel und wechselte mich mit Cecil am Steuer seines Austin ab. Cecil und ich waren gerade in ein Gespräch über Sabotagepläne vertieft, als mir ein mit weißen Männern vollbesetzter Ford V-8 auffiel. Der Wagen jagte rechts an uns vorbei.
Instinktiv drehte ich mich um und sah hinter uns zwei weitere vollbesetzte Autos. Plötzlich gab der Ford vor uns ein _(y 1994 S. Fischer Verlag, Frankfurt am ) _(Main. y 1994 Nelson Mandela. Deutsche ) _(Ausgabe: ) Haltzeichen. Im selben Augenblick begriff ich, daß meine 17 Monate "Freiheit", die ich im Untergrund und im Ausland verbracht hatte, vorüber waren.
Als unser Auto hielt, kam ein hochgewachsener, schlanker Mann mit strengem Gesichtsausdruck direkt zu dem Fenster der Beifahrerseite. Mit ruhiger Stimme stellte er sich als Sergeant Vorster von der Polizei in Pietermaritzburg vor und zog einen Haftbefehl hervor. "Black Pimpernel" (so hatte mich die Presse während meiner Zeit im Untergrund genannt) war gefaßt.
Ich wurde nach Johannesburg gebracht und dort wegen Aufwiegelung afrikanischer Arbeiter zum Streik und wegen Verlassen des Landes ohne gültige Reisedokumente angeklagt. Im Südafrika der Apartheid konnten die Strafen für diese "Verbrechen" bis zu zehn Jahren Gefängnis betragen. Dennoch empfand ich die Anklagen mit Erleichterung: Offensichtlich verfügte der Staat nicht über genügend Beweise, um mich mit dem Aufbau des militärischen Arms des ANC in Verbindung zu bringen. Sonst hätte man mich des Hochverrats oder der Sabotage bezichtigt.
Noch mehr überraschte mich, daß der Richter und die im Gerichtssaal anwesenden Anwälte mich, den Angeklagten in Handschellen, mit Respekt und professioneller Höflichkeit behandelten. _(* Am 22. Oktober bei dem Prozeß gegen ) _(ihren Ehemann vor dem Gerichtsgebäude in ) _(Pretoria. ) Sie kannten mich als Nelson Mandela, Rechtsanwalt, nicht als Nelson Mandela, den Outlaw.
Diesen Männern war offensichtlich unbehaglich zumute - und das nicht etwa, weil ich ein heruntergekommener Kollege war, sondern weil ich ein normaler Mann war, der für seine Überzeugungen bestraft wurde. Ich erkannte jetzt die Rolle, die ich vor Gericht spielen konnte, und die Möglichkeiten, die sich mir als Angeklagtem boten: Ich war das Symbol der Gerechtigkeit im Gericht der Unterdrücker; ich war der Verfechter der großen Ideale von Freiheit, Fairneß und Demokratie in einer Gesellschaft, die diese Tugenden mit Füßen trat.
Damals begriff ich, daß ich den Kampf selbst innerhalb der Festung des Feindes fortführen konnte.
Ich erklärte, daß ich mich selbst vertreten würde. Der Verzicht auf einen Anwalt würde die Symbolkraft meiner Rolle stärken. Ich würde weniger versuchen, mich zu verteidigen, als vielmehr nachhaltig den Staat und seinen Rassismus auf die Anklagebank zu bringen.
Die erste Anhörung vor Gericht war für Montag, 15. Oktober 1962, angesetzt. Als ich an jenem Montag morgen den Gerichtssaal betrat, trug ich statt Anzug und Krawatte das traditionelle Leopardenfell der Xhosa. Die Menge der Anhänger erhob sich wie ein Mann mit hochgereckten geballten Fäusten und schrie: "Amandla!" und "Ngawethu!" - den populären ANC-Wechselruf, der "Macht!" und "Die Macht ist unser!" bedeutet.
Der Fellumhang, Kaross genannt, versetzte die Zuschauer in Erregung. Auch Winnie im Zuschauerraum trug Stammestracht: einen mit Perlen besetzten Kopfschmuck und einen knöchellangen Xhosa-Rock.
Die traditionelle Bekleidung hatte ich gewählt, um die symbolische Bedeutung zu betonen, die darin lag, daß ich, ein schwarzer Afrikaner, das Gericht eines weißen Mannes betrat. Auf meinem Rücken trug ich buchstäblich die Geschichte, die Kultur und das Vermächtnis meines Volkes. Ich hatte das Gefühl, das Erbe der schwierigen, doch edlen Vergangenheit Afrikas zu verkörpern.
Als ich zu meiner Zelle zurückkehrte, sagte ein ziemlich nervöser weißer Aufseher zu mir, der Kommandant, Oberst Jacobs, habe befohlen, ich solle ihm den Kaross aushändigen. Ich erklärte: "Sie können ihm mitteilen, daß er ihn nicht bekommen wird."
Kurz darauf erschien Oberst Jacobs persönlich und befahl mir, ihm das auszuhändigen, was er meine "Decke" nannte. Ich sagte ihm, er habe keine Befugnis, über meine Bekleidung im Gericht zu entscheiden, und falls er es versuchen sollte, meinen Kaross zu konfiszieren, würde ich die Angelegenheit bis vor das Oberste Gericht bringen. Der Oberst versuchte nie wieder, mir meine "Decke" zu nehmen.
Am Morgen des Tages, an dem ich mein Plädoyer halten sollte, kam Mr. Bosch, der Ankläger zu mir. "Mandela", sagte er, "zum erstenmal in meiner Laufbahn verabscheue ich, was ich tue. Es tut mir weh, daß ich das Gericht dazu auffordern muß, Sie ins Gefängnis zu schicken." Dann schüttelte er mir die Hand und wünschte mir alles Gute.
Mein über einstündiges Plädoyer war kein Plädoyer im juristischen Sinn, sondern ein politisches Manifest. Ich erklärte dem Gericht, wie und warum ich der Mann geworden war, der ich war, warum ich getan hatte, was ich getan hatte, und warum ich, sofern ich die Gelegenheit erhielte, es wieder tun würde.
Ich schloß mit den Worten: "Ich habe meine Pflicht gegenüber meinem Volk und gegenüber Südafrika getan. Ich habe keinen Zweifel, daß die Nachwelt verkünden wird, daß ich unschuldig war und daß die Verbrecher, die man vor dieses Gericht hätte stellen sollen, die Mitglieder dieser Regierung sind."
Genau zehn Minuten später verkündete das Gericht sein Urteil: drei Jahre für Anstiftung zum Streik und zwei Jahre für das Verlassen des Landes ohne Paß; fünf Jahre insgesamt, ohne Bewährung. Es war die schärfste Strafe, die bis dahin in Südafrika für ein politisches Vergehen verhängt worden war.
Im Gefängnis in Pretoria erhielt ich die Standarduniform für afrikanische Häftlinge: ein Paar kurze Hosen, ein grobes Khakihemd, eine Drillichjacke, Socken, Sandalen und eine Stoffkappe. Nur Afrikaner bekommen kurze Hosen, denn nur afrikanische Männer werden von den Behörden als "Boys" eingestuft.
Ich teilte den Behörden mit, ich würde unter keinen Umständen Shorts tragen. Als man mir später mein Essen brachte, steifen kalten Porridge mit einem halben Teelöffel Zucker, weigerte ich mich, das zu essen. Der Kommandant bewilligte schließlich die langen Hosen, aber zur Strafe kam ich in strengste Isolationshaft. _(* Im Hintergrund Kapstadt und der ) _(Tafelberg. )
Ich war nie zuvor in Einzelhaft gewesen, und jede Stunde erschien mir wie ein Jahr. Nach einiger Zeit ertappte ich mich dabei, daß ich im Begriff war, mit einem Kakerlak ein Gespräch aufzunehmen. Wochen später war ich soweit, meinen Stolz runterzuschlucken: Ich ließ dem Kommandanten ausrichten, daß ich meine langen Hosen für ein wenig Gesellschaft eintauschen würde.
An einem Tag im Juli 1963 wurde ich zum Gefängnisbüro bestellt, wo ich bekannte Gesichter sah: Walter Sisulu, Ahmed Kathrada und ein halbes Dutzend weiterer schwarzer und weißer Freiheitskämpfer. Wir alle wurden der Sabotage sowie der Verschwörung beschuldigt und sollten am nächsten Tag vor Gericht erscheinen. Ich hatte von meiner fünfjährigen Gefängnisstrafe erst neun Monate abgesessen - darunter zwei Wochen im Juni auf der Gefängnisinsel Robben Island nahe Kapstadt.
Gleichsam in Bruchstücken erfuhr ich, was geschehen war. Am Nachmittag des 11. Juli hatte die Polizei einen geheimen Unterschlupf des ANC auf einer Farm nahe Johannesburg umzingelt, die Anwesenden festgenommen und Hunderte von Papieren beschlagnahmt. Eines der wichtigsten Dokumente lag offen auf dem Tisch: "Operation Mayibuye", ein Plan zur Führung eines Guerillakrieges in Südafrika.
Die Höchststrafe für die uns zur Last gelegten Verbrechen - Sabotage und Verschwörung zum Sturz der Regierung - war Tod durch den Strang. Wir lebten nun im Schatten des Galgens. Die Nationalisten würden sich die Chance nicht entgehen lassen, uns zu hängen.
Am Freitag, 12. Juni 1964, betraten wir das Gerichtsgebäude zum letztenmal. Fast ein Jahr war seit der verhängnisvollen Razzia auf der Farm verstrichen. Ich winkte Winnie und meiner Mutter auf der Zuschauertribüne zu. Meine Mutter war den weiten Weg von der Transkei herbeigereist.
Bevor das Urteil in dem Prozeß "Der Staat gegen Nelson Mandela und andere" verkündet wurde, hielten zwei prominente Liberale, der Anwalt Harold Hanson und der Autor Alan Paton, noch Plädoyers für eine Strafmilderung. Aber Richter Quartus de Wet, der in seiner roten Robe unter einem hölzernen Baldachin saß, schien in seine eigenen Gedanken vertieft. Offensichtlich hatte er bereits entschieden.
Schließlich nickte de Wet uns zu, wir sollten aufstehen. Ich versuchte, ihm in die Augen zu sehen, doch er schaute nicht einmal in unsere Richtung. Sein Gesicht war sehr blaß, und er atmete schwer. Wir Angeklagte sahen einander an: Es würde das Todesurteil sein, denn warum sonst war dieser gewöhnlich ruhige Mann so nervös?
Doch dann verkündete de Wet: "Das Urteil für alle Angeklagten lautet auf lebenslängliches Gefängnis."
Einer der Wärter, der uns Lebenslängliche auf die Gefängnisinsel Robben Island brachte, war ein angenehmer Mensch. "Wißt ihr", sagte er, "ihr Jungs werdet nicht lange im Gefängnis sein. Die Forderungen nach eurer Freilassung machen zuviel Druck. In ein oder zwei Jahren werdet ihr als Nationalhelden heimkehren. Menschenmengen werden euch zujubeln, alle werden eure Freunde sein wollen, Frauen werden euch haben wollen."
Unglücklicherweise lag er mit seiner Voraussage nahezu drei Jahrzehnte daneben.
"Esiquithini" ("Auf der Insel"), so beschreiben die Xhosa Robben Island, die schmale, windgepeitschte Felsformation 25 Kilometer vor der Küste von Kapstadt. Zum erstenmal hatte ich als Kind von ihr gehört.
Robben Island war unter den Xhosa wohlbekannt, da Makanna, der fast zwei Meter große Befehlshaber der Xhosa-Armee, von den Briten dorthin verbannt wurde, nachdem er 1819 an die 10 000 Krieger gegen Grahamstown geführt hatte. Makanna ertrank, als er versuchte, in einem Boot von Robben Island zu fliehen.
Robben Island war ohne Frage der bekannteste Vorposten des südafrikanischen Gefängnissystems, ein Härtetest nicht nur für die Gefangenen, sondern auch für das Gefängnispersonal. Die Wärter waren Weiße, die überwiegend Afrikaans sprachen. Sie befahlen uns, sie "Baas" (Herr) zu nennen, was wir jedoch ablehnten.
Wir erhielten Einzelzellen und je drei Schlafdecken, die so abgewetzt waren, daß man praktisch durch sie hindurchsehen konnte. Es war so kalt, daß wir voll angekleidet schliefen.
Wie alles andere im Gefängnis war auch die Verpflegung diskriminierend. Für Afrikaner bestand das Mittagessen aus gekochtem Mais (Mealies). Indische und farbige Gefangene erhielten Reis mit Mais, die zu einer Art Suppe aufbereitet wurden. Abends gab es für Schwarze wieder Mais-Porridge, manchmal mit Karotten oder einem Stück Kohl, für die farbigen und die indischen Gefangenen noch Brot und Margarine, da Afrikaner angeblich das "europäische" Nahrungsmittel Brot nicht wollten. Bei Beschwerden über die ungenießbare Pampe pflegten die Aufseher zu sagen: "Ach, ihr Kaffern eßt im Gefängnis besser, als ihr jemals zu Hause gegessen habt!"
In der ersten Woche begannen wir mit einer Arbeit, die uns lange beschäftigen sollte. Jeden Morgen wurde am Eingang zum Gefängnishof eine Ladung großer Steine abgeladen. Mit Hilfe von Schubkarren transportierten wir die Steine zur Hofmitte. Wir erhielten 4-Pfund-Hämmer oder, für größere Steine, 14-Pfund-Hämmer. Unsere Aufgabe war es, die Steine zu Kies zu zerkleinern.
Alle sechs Monate durfte ich einen Besucher empfangen, einen Brief schreiben und einen Brief erhalten. Der erste Brief von Winnie war so stark zensiert, daß außer der Anrede nicht viel übrigblieb. Die Zensoren hatten mit Rasierklingen ganze Absätze herausgetrennt. Da die meisten Briefe auf beiden Seiten eines Blattes beschrieben waren, wurde auch der Text auf der anderen Seite weggeschnitten.
Besuche durften höchstens eine halbe Stunde dauern. Dabei konnten sich Häftling und Besucher nur durch ein kleines, verdrecktes Glasfenster sehen und miteinander sprechen.
Im Gefängnis ist jeder Tag wie der Tag zuvor, jede Woche wie die vorherige, Monate und Jahre gleiten ineinander über. Was auch immer von diesem Muster abweicht, beunruhigt die Behörden, denn Routine ist das Zeichen für ein gut geführtes Gefängnis. Routine ist jedoch auch für den Gefangenen tröstlich. Sie ist wie eine bequeme Geliebte, der zu widerstehen schwerfällt.
Das Problem für jeden Gefangenen, zumal für jeden politischen, besteht darin, wie er das Gefängnis ohne Schaden überleben kann, wie er seine Überzeugungen bewahrt und sogar verstärkt. Für einen einzelnen Mann wäre es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, dies zu schaffen.
Doch der größte Fehler der Behörden bestand darin, uns zusammen zu lassen. Was immer wir lernten, was immer wir erfuhren, wir teilten es miteinander, und indem wir es miteinander teilten, vervielfachten wir, was immer wir an individuellem Mut besaßen.
Der Kalksteinbruch, in dem wir bald nach der Ankunft arbeiten sollten, sah aus wie ein ungeheurer weißer Krater, der in einen Felshang geschnitten war. Wir standen stramm, während der kommandierende Offizier uns erklärte, daß die Arbeit, die uns jetzt erwartete, ein halbes Jahr dauern würde und wir danach leichtere Aufgaben erhalten würden. Wir blieben zwölf Jahre im Steinbruch.
Die Arbeit war viel anstrengender als das Steineklopfen auf dem Hof, und in den ersten Tagen schliefen wir nach unserer Abendmahlzeit sofort ein. Doch mir war es viel lieber, draußen in der Natur zu sein, Gras und Bäume zu sehen, die Vögel zu beobachten, den vom Meer her wehenden Wind zu spüren.
Eines Tages bemerkte ich nach der Rückkehr ins Gefängnis, daß einer der Aufseher auf einer Bank im Korridor eine Zeitung liegengelassen hatte. Zeitungen sind für politische Gefangene kostbarer als Gold oder Edelsteine und begehrter als Essen oder Tabak; auf Robben Island waren sie die wertvollste Schmuggelware.
Die Behörden versuchten, uns eine totale Nachrichtensperre aufzuerlegen. Sie wollten nicht, daß wir irgend etwas erfuhren, das geeignet sein könnte, unsere Moral aufzurichten.
Als ich die Zeitung auf der Bank bemerkte, verließ ich rasch meine Zelle und schob die Zeitung unter mein Hemd. Normalerweise hätte ich die Zeitung irgendwo in meiner Zelle versteckt und sie erst zur Schlafenszeit hervorgeholt. Doch wie ein Kind, das seine Süßigkeiten vor der Hauptmahlzeit verschlingt, war ich so begierig nach Nachrichten, daß ich die Zeitung sofort in meiner Zelle aufschlug.
Ich war so vertieft in die Lektüre, daß ich keine Schritte hörte. Plötzlich tauchten ein Offizier und zwei weitere Aufseher auf. "Mandela", erklärte der Offizier, "wir beschuldigen Sie des Besitzes von Schmuggelware, und dafür werden Sie bezahlen." Ich wurde zu drei Tagen Einzelhaft verurteilt, die Mahlzeiten wurden mir gestrichen.
Das einzige unabänderliche Ereignis in unserem Wochenplan war der Gottesdienst am Sonntagmorgen. Ihn abzuhalten war von den Behörden zwingend vorgeschrieben. Es war, als hielten sie ihre eigenen Seelen für gefährdet, wenn sie uns nicht am Sonntag die Möglichkeit zum Beten gaben.
Jeden Sonntagmorgen predigte ein Geistlicher einer anderen Konfession. In der einen Woche war es ein anglikanischer Priester, in der nächsten ein Prediger der niederländisch-reformierten Kirche, dann ein methodistischer Pfarrer. Die Geistlichen wurden von der Gefängnisleitung ausgesucht, und die hatte nur eine Bedingung gestellt: Die Predigt durfte nur von religiösen Themen handeln.
Eines Sonntags meldete sich der Häftling Hennie Ferris freiwillig als Vorbeter. Bruder September, ein farbiger Prediger, freute sich über soviel Frömmigkeit. Hennie begann in einem erhabenen Tonfall zu sprechen, und schließlich bat er die Versammelten, die Augen zu schließen und zu beten.
Dieser Aufforderung kamen alle nach, auch Bruder September. Daraufhin schlich einer der Häftlinge auf Zehenspitzen nach vorn, öffnete Bruder Septembers Aktentasche und nahm die Sunday Times vom gleichen Tag heraus. Damals hatte niemand irgendeinen Verdacht, aber Bruder September brachte nie wieder Zeitungen mit.
Reverend Andre Scheffer war Geistlicher der niederländisch-reformierten Missionskirche in Afrika. Der Reverend hatte einen Sinn für trockenen Humor und machte sich gern über uns lustig.
"Wißt ihr", sagte er, "der weiße Mann hat in diesem Land eine schwierigere Aufgabe als der schwarze. Immer wenn es irgendwo ein Problem gibt, müssen wir eine Lösung finden. Wenn ihr Schwarzen ein Problem habt, habt ihr eine Entschuldigung. Ihr braucht nur ,Ingabilungu'' zu sagen."
Wir brachen in Gelächter aus, nicht nur wegen seiner unbeabsichtigt komischen Aussprache, sondern auch weil wir den Gedanken lustig fanden. "Ngabelungu" ist ein Wort aus der Xhosa-Sprache und bedeutet: "Die Weißen sind schuld."
Damit sagte er, daß wir die Weißen für alle unsere Schwierigkeiten verantwortlich machen konnten. Seine Botschaft lautete: Wir sollten auch vor unserer eigenen Tür kehren und die Verantwortung für unser Handeln übernehmen - eine Überzeugung, der ich aus vollem Herzen zustimmte.
Nach etwa zwei Jahren hatten die Aufseher im Steinbruch eine Haltung des Laisser-faire angenommen; wir konnten uns unterhalten, solange wir wollten, wenn wir nur hin und wieder arbeiteten. Wir standen in kleinen Gruppen herum, vier oder fünf Mann im Kreis, und sprachen den lieben langen Tag über alle Themen der Welt, politische und unpolitische.
Einige unserer Debatten waren an einem Tag erledigt, andere Themen wurden über Jahre hin erörtert. Ein Thema beispielsweise, dem wir uns wieder und wieder widmeten, war die Frage, ob es in Afrika Tiger gebe. Einige erklärten, Afrika habe Leoparden in Hülle und Fülle, jedoch keine Tiger. Andere behaupteten, mit eigenen Augen im Dschungel diese stärkste und schönste Katze gesehen zu haben.
Ich erklärte, auch wenn im heutigen Afrika keine Tiger anzutreffen seien, so gebe es doch ein Xhosa-Wort für Tiger, und wenn in unserer Sprache dieses Wort existiere, dann müsse das Tier einst in Afrika gelebt haben. Warum sollte es sonst einen Namen dafür geben?
Dieses Argument machte immer wieder die Runde, und ich erinnere mich, daß ein Kamerad einmal erklärte, seit Hunderten von Jahren gebe es ein Hindi-Wort für ein Gerät, das fliegen könne. Das bedeute jedoch nicht, daß es im alten Indien Flugzeuge gegeben habe.
Im Frühjahr 1968 besuchte mich erstmals meine Mutter im Gefängnis. Sie hatte stark abgenommen, und das beunruhigte mich. Einige Wochen später erhielt ich ein Telegramm von Makgatho, meinem jüngeren Sohn. Er teilte mir mit, meine Mutter sei an einem Herzanfall gestorben. Sofort stellte ich einen Reiseantrag, um an dem Begräbnis in der Transkei teilnehmen zu können, aber der leitende Offizier lehnte ihn ab. "Mandela", sagte er, "ich weiß, daß Sie Ihr Wort halten und nicht versuchen würden, zu fliehen, aber ich kann Ihrem Volk nicht trauen; ich fürchte, die würden Sie entführen."
In den frühen Morgenstunden des 12. Mai 1969 wurde Winnie in unserem Haus in Orlando von der Sicherheitspolizei ohne Angabe von Gründen festgenommen. Die Aktion war Teil einer landesweiten Razzia, bei der noch viele andere festgenommen wurden, unter ihnen auch Winnies Schwester.
Man steckte Winnie in Pretoria in Einzelhaft und verweigerte ihr die Freilassung auf Kaution. Sogar Besuche waren verboten. In den folgenden Wochen und Monaten wurde sie rücksichtslos und brutal verhört.
Ich hatte viele schlaflose Nächte. Was würden die Behörden meiner Frau antun? Wie würde sie damit fertig werden? Es ist eine Art seelischer Folter, wenn man sich ständig mit solchen Fragen herumschlagen muß, ohne daß man die Möglichkeit hat, sie zu beantworten.
An einem kalten Morgen im Juli 1969, zwei Monate nachdem ich von Winnies Festnahme erfahren hatte, erhielt ich erneut ein Telegramm von Makgatho. Dieses Mal teilte er mir mit, daß Thembi, mein ältester Sohn, bei einem Autounfall in der Transkei ums Leben gekommen war. Thembi war damals 25 und hatte zwei Kinder.
Ich war schon in tiefer Unruhe wegen meiner Frau, ich trauerte noch um meine Mutter, und dann noch eine solche Nachricht. Für die Bestürzung, die ich damals empfand, habe ich keine Worte. In meinem Herzen blieb eine Leere, die sich nie mehr ausfüllen läßt.
Im gleichen Jahr kam ein junger Aufseher zu uns, der besonders erpicht zu sein schien, mich kennenzulernen. Ich hatte Gerüchte gehört, wonach unsere Leute draußen meine Flucht vorbereiteten und einen Wärter auf die Insel geschleust hätten, der mir helfen sollte. Allmählich machte der Bursche mir klar, daß er meinen Ausbruch plante.
Er erklärte, daß er des Nachts die Wachhabenden im Leuchtturm unter Drogen setzen wolle, damit ein Boot am Strand landen könne. Er würde mir einen Schlüssel für unseren Block besorgen. Am Boot würde man mich mit einer Tauchausrüstung versehen, mit der ich in den Hafen von Kapstadt schwimmen könne, und von dort aus wolle man mich zu einem kleinen Flugplatz bringen und außer Landes fliegen.
Ich hörte mir den Plan an, ohne dem Aufseher zu sagen, wie abwegig und unzuverlässig er klang. Mein Freund Walter Sisulu, mit dem ich mich beriet, teilte meine Ansicht, daß man dem Burschen nicht trauen könne.
Wie sich später herausstellte, war mein Mißtrauen gerechtfertigt: Der Aufseher war ein Agent des Bureau of State Security, des südafrikanischen Geheimdienstes. Es war geplant, mich von der Insel fliehen zu lassen. Aber dann sollte ich bei dem Versuch, aus dem Land zu fliegen, in einer dramatischen Schießerei mit Sicherheitskräften auf dem Flughafen ums Leben kommen.
Obwohl eine Flucht fast unmöglich schien, dachte ich die ganze Zeit auf der Insel darüber nach. Auch Mac Maharaj und Eddie Daniels, zwei mutige und erfindungsreiche Männer, brüteten ständig über irgendwelchen Plänen. Ihre Projekte waren größtenteils viel zu gefährlich, aber das hielt uns nicht davon ab, sie zu durchdenken.
Das schwerste Hindernis für eine Flucht von Robben Island war das Meer. Eines Tages hatte Mac eine Idee, wie wir diese Schranke überwinden konnten. Man hatte ihn zu einer Zahnbehandlung nach Kapstadt gebracht, und dabei hatte er erfahren, daß der Zahnarzt mit einem bekannten politischen Häftling verschwägert war. Wie Mac außerdem festgestellt hatte, konnte man vom Fenster des Wartezimmers im zweiten Stock mit einem Sprung eine ruhige Seitenstraße erreichen.
Mac drängte uns, Zahnarzttermine zu beantragen. Das taten wir, und eines Tages erfuhren wir, daß wir zu viert nach Kapstadt fahren sollten. Drei von uns waren gewillt, den Versuch zu wagen, aber als Mac den vierten Mann ansprach, weigerte der sich. Wir hatten Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit dieses Mannes, und es beunruhigte uns, daß er nun in unsere Pläne eingeweiht war.
In der Zahnarztpraxis schickten unsere Wächter zunächst alle anderen Patienten weg. Wir verlangten, daß man uns die Fußfesseln abnahm, und da der Zahnarzt uns unterstützte, kamen die Aufseher der Forderung nach.
Mac führte uns zum Fenster und zeigte uns die Straße, die unser Fluchtweg sein sollte. Aber er zeigte sich sofort irritiert: Wir befanden uns am hellichten Tag im Zentrum von Kapstadt, und dennoch war die Straße leer.
"Das ist ein abgekartetes Spiel", flüsterte Mac. Auch ich hatte ein mulmiges Gefühl. So blieb es dabei, daß wir nur unsere Zähne untersuchen ließen.
Ende des Jahres 1970 setzten die Behörden Oberst Piet Badenhorst als neuen Kommandanten auf Robben Island ein. Badenhorst stand in dem Ruf, einer der brutalsten und autoritärsten Offiziere der Gefängnisverwaltung zu sein.
Er versuchte sogleich, die Uhren auf der Insel zurückzudrehen. Beschwerden wurden vollständig ignoriert. Besuche strich man ohne Erklärung. Das Essen wurde wieder schlechter, die Zensur wieder verschärft. Unsere Zellen wurden durchsucht, Bücher und Zeitungen beschlagnahmt, Mahlzeiten ohne Vorankündigung gestrichen, und Häftlinge wurden manchmal brutal geschlagen.
Eines Morgens, etwa eine Woche nach seiner Ankuft, tauchte Badenhorst ohne Vorankündigung am Rand des Steinbruchs auf. Er betrachtete uns aus einiger Entfernung. Wir hielten inne, um uns den neuen Kommandanten anzusehen. Badenhorst rief: "Mandela, Jy moet jou vinger uit jou gat trek" ("Du mußt den Finger aus deinem Arsch ziehen").
Doch Badenhorst übertrieb die Härte. Nach nur wenigen Monaten zog ihn die Regierung ab. Ausgerechnet dieser wohl brutalste Kommandant, den wir auf Robben Island hatten, sprach mich kurz vor Ende seiner Amtszeit an und wünschte mir und meinen Mithäftlingen viel Glück. Ich weiß nicht, ob man mir meine Fassungslosigkeit ansah, aber ich war verblüfft: Badenhorst hatte plötzlich wie ein menschliches Wesen gesprochen.
Über diesen Augenblick habe ich noch lange nachgedacht. Mir wurde bewußt, daß alle Menschen, und seien sie scheinbar noch so kaltschnäuzig, einen anständigen Kern haben. Oberst Badenhorst war letztlich kein böser Mensch; die Unmenschlichkeit war ihm von einem unmenschlichen System aufgezwungen worden. Er benahm sich wie eine Bestie, weil er für bestialisches Verhalten belohnt wurde.
Bei den Freiheitskämpfern wurde Robben Island als "die Universität" bekannt. Es gab Häftlinge, die studierten Englisch, Kunst, Geographie und Mathematik, einige legten sogar mehrere Examen ab. Aber vor allem lernten wir voneinander, indem wir uns eine eigene Fakultät einrichteten, mit eigenen Professoren, eigenem Lehrplan und eigenen Seminaren. Neben den offiziellen akademischen Studien stand der nicht erlaubte politische Stoff auf dem Programm.
Junge Häftlinge, die nach uns auf die Insel kamen, wußten sehr wenig über die Geschichte des ANC. Walter Sisulu, vielleicht der größte lebende ANC-Historiker, erzählte ihnen von der Entstehung der Organisation und von ihrer Anfangszeit. Nach und nach wurden diese formlosen Geschichtsstunden zu einem zweijährigen Studienkurs.
Die Lerngruppen fanden sich im Steinbruch zusammen oder stellten sich im Kreis um den Seminarleiter auf. Die Lehrmethode war die von Sokrates: Um Ideen und Theorien deutlich zu machen, bedienten sich die Lehrer des Frage-und-Antwort-Spiels.
Im Jahr 1976 bekam ich außergewöhnlichen Besuch: Jimmy Kruger, der für die Gefängnisse zuständige Minister, wollte mich kennenlernen.
Für mich war das eine günstige Gelegenheit, unsere Beschwerden vorzubringen. Detailliert beschrieb ich die schlechten Bedingungen auf der Insel, betonte, daß wir keine Kriminellen seien, sondern politische Gefangene und entsprechend behandelt werden sollten. Aber darüber lachte der stämmige, vierschrötige Mann nur und sagte: "Nee, ihr seid alle gewalttätige Kommunisten."
Kruger hatte eine gezielte Offerte mitgebracht: Wenn ich die Regierung der Transkei als legitim anerkennen und später dorthin ziehen würde, wolle man meine Haft erheblich verkürzen.
Ich erwiderte, daß ich die Apartheid-Politik der Regierung mit ihren schwarzen Marionetten-Regierungen in den Homelands niemals unterstützen würde. Mein Wohnsitz sei Johannesburg, und dorthin wolle ich zurückkehren.
Ende Juni des gleichen Jahres hörten wir erste Gerüchte über einen großen Aufruhr im Land: Angeblich hatte die Jugend von Soweto das Militär überwältigt, die Soldaten hatten die Gewehre weggeworfen und waren geflohen. Erst im August kamen die ersten Gefangenen, die an den Unruhen beteiligt gewesen waren, nach Robben Island. Durch sie erfuhren wir, was wirklich geschehen war.
Am 16. Juni hatten sich 15 000 Schulkinder in Soweto versammelt, um gegen eine Vorschrift der Regierung zu protestieren, wonach die Hälfte des Unterrichts in den höheren Schulen auf Afrikaans abgehalten werden mußte. Petitionen von Eltern und Lehrern waren auf taube Ohren gestoßen.
Ein Polizeikommando stellte sich dieser Armee von Schulkindern entgegen und eröffnete ohne Vorwarnung das Feuer, wobei der 13jährige Hector Pieterson und viele andere ums Leben kamen. Die Kinder wehrten sich mit Stöcken und Steinen, und es folgte ein gewaltiges Handgemenge mit mehreren hundert verletzten Kindern und zwei durch Steine getöteten Weißen.
Die jungen Männer, die man im Gefolge der Unruhen verhaftet hatte, waren eine andere Art von Häftlingen, als wir sie bisher erlebt hatten. Viele von ihnen waren in unseren Lagern in Tansania, Angola und Mosambik als Guerillakämpfer ausgebildet worden. Sie waren mutig und aggressiv. Ihre Einstellung war nicht auf Kooperation, sondern auf Konfrontation gerichtet.
Die neuen Häftlinge waren entsetzt über die in ihren Augen unmenschlichen Haftbedingungen auf der Insel. Sie erklärten, sie könnten nicht verstehen, wie wir ein solches Leben aushielten. Wir erwiderten, sie hätten die Insel einmal 1964 sehen sollen. Unsere Aufforderung zur Disziplin beachteten sie nicht, und unsere Ratschläge hielten sie für schwächlich und duckmäuserisch.
Diese Burschen weigerten sich, auch nur die einfachsten Gefängnisvorschriften zu befolgen. Einmal sprach ich im Hauptbüro mit dem Kommandanten. Als ich mit dem Major ins Vorzimmer ging, kamen wir an einem jungen Häftling vorüber.
Der junge Mann - er war höchstens 18 - hatte in Gegenwart von Offizieren seine Gefangenenmütze auf, was den Bestimmungen widersprach. Der Major sah ihn an und sagte: "Bitte nehmen Sie die Mütze ab!" Der Häftling reagierte nicht. In verwirrtem Ton wiederholte der Major: "Nehmen Sie die Mütze ab!" Der junge Mann drehte sich um, sah den Major an und fragte: "Warum?"
Was ich da hörte, konnte ich kaum glauben. Eine wirklich revolutionäre Frage: Warum? Auch der Major schien verblüfft zu sein, aber er hatte eine Antwort. "Es ist gegen die Vorschriften", sagte er.
"Wozu haben Sie diese Vorschriften? Welchen Zweck haben sie?" fragte der Häftling. Das war zuviel für den Major; er stampfte aus dem Raum und sagte: "Mandela, reden Sie mit ihm!" Ich beugte mich zu dem Häftling, um ihm mitzuteilen, daß ich auf seiner Seite sei.
Wenn man im Gefängnis überleben will, muß man Wege finden, um sich im täglichen Leben Zufriedenheit zu verschaffen. Das gelang mir vor allem durch Gartenarbeit und Sport.
Fast von Anfang an hatte ich die Behörden um die Erlaubnis gebeten, auf dem Gefängnishof einen Garten anzulegen. Jahrelang hatt en sie dieses Ansinnen ohne Begründung abgelehnt. Schließlich aber durfte ich auf einem schmalen Erdstreifen an der Mauer einen kleinen Garten einrichten.
Die Behörden stellten mir Samen zur Verfügung. Anfangs baute ich Tomaten, Chilis und Zwiebeln an, widerstandsfähige Pflanzen, die weder fruchtbaren Boden noch ständige Pflege brauchen. Die ersten Male war die Ernte spärlich, aber das besserte sich bald. Die Aufseher profitierten davon, denn ich gab ihnen oft einen Teil meiner besten Tomaten und Zwiebeln.
In dem Garten sah ich in mancherlei Hinsicht eine Metapher für einige zentrale Aspekte meines Lebens. Auch ein Führer muß seinen Garten bestellen: Er sät, beobachtet, pflegt und erntet das Ergebnis. Wie ein Gärtner muß er die Verantwortung für das übernehmen, was er heranzüchtet; er muß sich um seine Arbeit kümmern, Feinde abwehren, erhalten, was zu erhalten ist, und das beseitigen, was keinen Erfolg verspricht.
Ich schrieb Winnie zwei Briefe über eine besonders schöne Tomatenpflanze, die ich als empfindlichen Keimling so lange umsorgt hatte, bis daraus ein widerstandsfähiges Gewächs geworden war, das tiefrote Früchte trug. Aber dann, durch einen Fehler oder mangelnde Pflege, begann sie zu verdorren und abzusterben. Als sie endgültig tot war, grub ich die Wurzel aus, wusch sie und beerdigte sie in einer Ecke des Gartens.
Diese kleine Geschichte erzählte ich Winnie sehr ausführlich. Ich weiß nicht, was sie aus diesem Brief herauslas, aber als ich ihn schrieb, hatte ich gemischte Gefühle: Ich wollte nicht, daß es unserer Beziehung so erging wie dieser Pflanze, aber andererseits spürte ich, daß ich die wichtigsten Beziehungen in meinem Leben vielfach nicht richtig nähren konnte. Manchmal kann man nichts tun, um etwas zu retten, das zum Sterben bestimmt ist.
Ich war immer überzeugt, daß Bewegung nicht nur der Schlüssel zu körperlicher Gesundheit ist, sondern auch zum Frieden der Seele. In alten Zeiten hatte ich Ärger und Frustration oft im Boxklub an einem Sandsack abreagiert.
Auf der Insel versuchte ich, mein altes Training weiterzuführen: Dauerlauf und Muskelübungen von Montag bis Donnerstag, dann drei Tage Pause. Ich lief in meiner Zelle morgens 45 Minuten lang auf der Stelle. Außerdem machte ich 100 Liegestütze auf den Fingerspitzen, 50 tiefe Kniebeugen und noch verschiedene andere Übungen.
Von Anfang 1977 an brauchten wir nicht mehr im Steinbruch zu arbeiten. Etwa zur gleichen Zeit erhielten wir die Gelegenheit zu einer angenehmeren Betätigung. Einer der Aufseher kam auf die Idee, aus dem Gefängnishof einen Tennisplatz zu machen. Die Abmessungen stimmten genau. Häftlinge strichen den Betonboden grün, und darauf zogen sie das weiße Linienmuster. Ein paar Tage später wurde ein Netz angebracht, und plötzlich hatten wir unser eigenes Wimbledon vor der Haustür.
Ich hatte schon als Student ein wenig Tennis gespielt, war aber alles andere als ein Könner. Meine Vorhand war recht stark, aber leider war die Rückhand schwach. Ich war ein typischer Grundlinienspieler und ging nur ans Netz, wenn sich eine eindeutige Möglichkeit zum Punkten bot.
Eines Tages erhielten wir auch ein eigenes Kino. Fast jede Woche sahen wir nun Filme, die in einem großen Nachbarraum unseres Korridors auf ein Bettlaken projiziert wurden. Später gab es eine richtige Leinwand.
Besonders gefesselt waren wir von "Der König und ich" mit Yul Brynner; denn dieser Film zeichnete für uns den Konflikt zwischen Ost und West nach und schien zu zeigen, daß der Westen eine Menge vom Osten lernen kann.
"Cleopatra" mit Elizabeth Taylor war umstritten. Viele Kameraden nahmen Anstoß daran, daß die ägyptische Königin von einer amerikanischen Schauspielerin mit rabenschwarzen Haaren und violetten Augen gespielt wurde, so schön sie auch sein mochte. Die Lästerer behaupteten, der Film sei ein Beispiel für westliche Propaganda und wolle die Tatsache aus der Welt schaffen, daß Kleopatra eine Afrikanerin war.
Später sahen wir auch südafrikanische Filme mit schwarzen Stars, die wir alle aus den alten Zeiten kannten. An solchen Abenden hallte unser kleines Behelfskino von Schreien, Pfiffen und Beifall wider, wenn wir einen alten Bekannten auf der Leinwand begrüßten.
Noch später durften wir uns Dokumentarfilme aussuchen - dieses Genre bevorzugte ich -, und ich ließ immer mehr Spielfilme aus (allerdings versäumte ich nie einen mit Sophia Loren). Besonders betroffen machte mich ein Bericht über die großen Seeschlachten des Zweiten Weltkriegs mit Wochenschauaufnahmen von der Versenkung der "Prince of Wales" durch die Japaner. Am meisten bewegte mich eine kurze Szene mit Winston Churchill, der weinte, als er vom Verlust des britischen Schiffes hörte.
Das Bild blieb mir lange im Gedächtnis; es zeigte mir, daß ein politischer Führer in bestimmten Augenblicken seine Trauer öffentlich zeigen kann, ohne sich damit in den Augen seines Volkes herabzusetzen. *HINWEIS: Im nächsten Heft Verlegung ins Hochsicherheitsgefängnis Pollsmoor - Bombenattentate unserer Guerillakrieger - Der Olivenzweig des Justizministers - Ausflug mit dem Gefängniskommandanten - Besuch beim "Großen Krokodil" - De Klerk hört mir aufmerksam zu - Tumult am Entlassungstag
Auf Robben Island waren Zeitungen wertvoller als Gold oder Edelsteine
"Der weiße Mann hat eine schwerere Aufgabe als der schwarze"
"In meinem Herzen blieb eine Leere, die sich nie mehr ausfüllen läßt"
"Wir sind keine Kriminellen, wir sind politische Gefangene"
"Ich ging nur ans Netz, wenn sich eine Möglichkeit zum Punkten bot"
y 1994 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. y 1994 Nelson Mandela. Deutsche Ausgabe: * Am 22. Oktober bei dem Prozeß gegen ihren Ehemann vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria. * Im Hintergrund Kapstadt und der Tafelberg.
Von Nelson Mandela

DER SPIEGEL 48/1994
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