28.11.1994

FrankreichRätsel der Saison

Hoffnung für die Sozialisten: Ihr Wunschkandidat für den Elysee-Palast, Jacques Delors, liegt vorn.
Das faltenreiche Kummergesicht des Ex-Premiers Michel Rocard strahlt neuerdings wieder Lebensfreude aus - die Genossen werten das als Glückssignal für ihre geschundene Sozialistische Partei.
Wie kein anderer symbolisiert der Linke Aufstieg und Absturz der Sozialisten. Ganz oben angelangt, verlor Rocard nacheinander das Amt des Regierungschefs und sein Parlamentsmandat. Bei den Euro-Wahlen sackte die von ihm geführte Liste auf jammervolle 14,5 Prozent; daraufhin mußte der Pechvogel auf den Parteivorsitz und die bereits angemeldete Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen verzichten.
Noch vor wenigen Monaten konnte die Partei des sozialistischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand nicht einmal mehr einen vorzeigbaren Anwärter auf dessen Erbe präsentieren - tiefer ging's nicht mehr.
Doch plötzlich schweben die Linken wie auf einer rosa Wolke, und ein vor Optimismus strahlender Rocard schlägt sich für einen neuen Superstar, der zudem ein Freund seit 30 Jahren ist: Jacques Delors, 69. Der Präsident der Europäischen Kommission ist fast über Nacht zum Favoriten für die Mitterrand-Nachfolge aufgestiegen.
Die unverhoffte Aussicht, nach den Mitterrand-Siegen von 1981 und 1988 die Machtzentrale der Republik ein drittes Mal zu erobern, stimmt die "camarades" so hochgemut, daß sie dem praktizierenden Katholiken Delors (L'Express: "Saint Jacques") einen Schönheitsfehler nachsehen, den sie in besseren Zeiten nie akzeptiert hätten: Der Umschwärmte ist kein waschechter Linker, sondern rangiert irgendwo zwischen linkem Christ- und rechtem Sozialdemokraten.
Vergeben ist auch, daß Mitterrands einstiger Wirtschafts- und Finanzminister vor gut 20 Jahren als enger Berater des Gaullistenpremiers Jacques Chaban-Delmas an dessen - rechtsgewirkter - "neuer Gesellschaft" mitwerkelte, auf die Frankreich allerdings noch heute wartet.
Doch nichts ist, wie Fußball- und Radsportfan Delors selbst am besten weiß, so überzeugend wie der Erfolg. Hingerissen lasen die Sozialisten vorige Woche, daß ihr Mann aus Brüssel in einer Umfrage den Gaullistenpremier Edouard Balladur mit 52 gegen 48 Punkte abhängte. Der führte seit Monaten mit weitem Vorsprung alle Popularitätslisten an.
Nachdem sein interner Rivale Jacques Chirac sich bereits zum Elysee-Anwärter der Gaullistenpartei RPR ausgerufen hat, will der Premier seine Kandidatur Anfang Januar anmelden. Tritt Delors gegen Balladur an oder gegen Chirac - das ist das Rätsel der Saison.
Die plötzliche Popularität des EU-Heimkehrers, auf dessen offizielle Bewerbung die Parteifreunde noch vor Weihnachten hoffen, versetzt die Rechten zunehmend in Panik. Gaullisten und ihr rechtsliberaler Koalitionspartner, die UDF des Ex-Staatschefs Valery Giscard d'Estaing, müssen nämlich außer mit den Intimfeinden Chirac und Balladur noch mit weiteren konservativen Elysee-Aspiranten rechnen; die Diadochenkämpfe widern die Franzosen zunehmend an und helfen Delors.
Eine Initiative des RPR-Innenministers Charles Pasqua, wonach die Rechte in internen Vorwahlen ("primaires") nach US-Vorbild einen Einheitskandidaten küren soll, hat statt Harmonie wüstes Gezänk ausgelöst: Jeder mißtraut jedem.
Gesteigert wurde die Vorwahlhektik der Parteien noch, als vorige Woche eine Zeitung unter Berufung auf einen engen Balladur-Mitarbeiter meldete, der krebskranke Mitterrand leide schwer und werde statt planmäßig im Mai wohl schon vor Weihnachten abtreten. Bei einer Vakanz im Elysee muß laut Verfassung spätestens innerhalb von 50 Tagen gewählt werden; und ein kurzer Wahlkampf wäre vorteilhaft für Delors - der gewissenhafte Eurokrat ist nicht gerade ein mitreißender Volkstribun.
Anders als Chirac und Balladur giert Delors aber auch nicht penetrant nach dem höchsten Staatsamt; eher zögerlich prüft er sich selbst, ob er "physisch, psychisch und intellektuell" in der Lage wäre, Frankreich sieben Jahre lang zu führen. Hinzu kommen auch politische Skrupel: Die Sozialistische Partei ist unter ihrem Chef Henri Emmanuelli so weit nach links gedriftet, wie Delors nie gehen würde. "Nur aus Pflicht" würde er sich zu einer Kandidatur entschließen, beschied er drängelnde Freunde.
Auf dem jüngsten Parteitag der Sozialisten im einstigen Bergwerksort Lievin in Nordfrankreich ließ sich der EU-Präsident nicht blicken. Trotzdem feuerte Emmanuelli den Bedächtigen unter dem Jubel von 3000 Delegierten aus der Ferne an: "Jacques, im Namen der Mehrheit der Sozialisten, es ist deine Pflicht."
Die Franzosen schätzen Delors als "presidentiable", weil er mit den Großen dieser Welt wie mit seinesgleichen umzugehen versteht. Der Musterchrist ist zudem über jeden Korruptionsverdacht erhaben, während Konkurrent Balladur bereits drei Minister wegen Durchstechereien verloren hat.
Weil in der Nationalversammlung indes nur noch 53 Sozialisten sitzen, täte ein Präsident Delors gut daran, das Parlament aufzulösen und neu wählen zu lassen. Daß die Republik Delors zuliebe plötzlich wieder sozialistisch wählen könnte, ist dagegen nicht zu erwarten. Schon fragte die linke Liberation: "Mit wem will Delors regieren?"
Überdies ist der Name Delors zum Reizwort schlechthin für alle Feinde des Maastricht-Vertrags geworden - vom linken Ex-Verteidigungsminister Jean-Pierre Chevenement (der in Delors einen Euro-Vasallen von Helmut Kohl sieht) über den gaullistischen Parlamentspräsidenten Philippe Seguin bis zum ultrarechten Populisten Philippe de Villiers. Dessen Liste kam bei den Euro-Wahlen immerhin auf 12,3 Prozent. Der Hochadlige behauptet heute: "Ich bin der Anti-Delors-Champion."
Delors-Fan Rocard greift dem Freund zuliebe sogar den Monarchen Mitterrand an. Als konservative Politiker hämisch daran erinnerten, daß der einstige Finanzminister des Staatspräsidenten drei Franc-Abwertungen und unsinnige Verstaatlichungen zu verantworten habe, wehrte Rocard die "skandalösen Vorwürfe" ab: Mitterrands Programm sei damals "wirtschaftlich gefährlich" gewesen; "zum Glück" habe Delors "den Schaden begrenzt".
[Grafiktext]
_146_ Franz. Präsidentschaftswahlen: Umfragen Duell Chirac - Delors
_____ Franz. Präsidentschaftswahlen: Umfragen Duell Balladur - Delors
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 48/1994
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