13.06.1994

USA „Das sind eure Helden“

Orgelmusik hat ihn angekündigt. Dann steht er auf der Bühne der Schulaula in Harlem. Schwergewichtig, braune Locken lang überm Kragen, die Augen aufgerissen, die Stimme heiser: "Keine Gerechtigkeit, kein Friede." Die Gemeinde antwortet johlend. No justice, no peace - seit den Rodney-King-Prozessen das Mantra der Straße. Und Al Sharpton, der Mann auf der Bühne, die neue schwarze Hoffnung.
Al Sharpton? Ausgerechnet er, der Ziehsohn von Boxpromoter Don King und Soulsänger James Brown? Sharpton, der die Mischung aus Show und jüngstem Gericht, aus Paradies und Verdammnis verinnerlichte, bevor er überhaupt lesen konnte? Sharpton, der radikale Clown vom Dienst, den Tom Wolfe in seinem Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" porträtiert hat, halbstark und so sehr New York wie die ewig verlierenden Mets?
Kein Zweifel - die schwarze Bewegung steckt in einer Führungskrise. 30 Jahre ist es her, daß mit Civil Rights und Voting Rights Act die letzten legalen Rassenschranken fielen. 30 Jahre schwarzer Emanzipation, gebrochener Versprechen, halber Erfolge, schwerer Rückschläge. 30 Jahre, in denen schwarze Bürgermeister gewählt - und jüngst wieder abgewählt wurden. Nun streben die Kinder der Bürgerprotestler an die Macht.
Al Sharpton - das ist die Generation nach Martin Luther King. Die Märsche auf weiße Bastionen sind heute Geschichte. Sie leben fort als Erinnerung, als Simulation. Die neue Generation muß die Aufhebung der Rassentrennung nicht mehr erkämpfen, sondern beerben. Ein schweres Erbe, denn Erfolge hat die Integration kaum vorzuweisen.
Das durchschnittliche Einkommen schwarzer Haushalte liegt unverändert seit Jahrzehnten weit unter dem der weißen - bei derzeit 58 Prozent. Das Unrecht ist beseitigt, die Ungleichheit nicht. Ebensowenig die heimliche, instinktive Segregation: Stadtviertel, in welche Schwarze ziehen, werden von Weißen fluchtartig verlassen.
Die überwiegend schwarzen Innenstädte verfallen. Die Familien sind zerrüttet. Ein Viertel aller schwarzen Twens sitzt im Gefängnis oder hat Bewährung. Wenn er nachts auf der Straße Schritte hinter sich höre, meinte Bürgerrechtler Jesse Jackson kürzlich resigniert, er sich dann umdrehe und Weiße hinter sich sehe, sei er erleichtert.
Einer wie Sharpton hat den Vorteil, daß er sich Resignation nicht anmerken läßt. Nun kandidiert er für den Senat. Er ist nicht länger die schrille Nummer am Rande. Das schwarze Establishment nimmt ihn ernst. Was bleibt ihm auch übrig?
Metropolen wie New York und Los Angeles konnten von moderaten schwarzen Bürgermeistern nicht gehalten werden. Sie sind wieder in weißer Hand. Da gehört einem Herausforderer von der Straße, einem wie Sharpton, womöglich die Zukunft.
Vergessen sind Sharptons Kontakte zum organisierten Verbrechen, die Anklagen wegen Veruntreuung von Spendengeldern. Bei den schwarzen Powerbrokern ist Sharpton respektabel geworden. Daß er gleichzeitig von den Fanatikern der schwarz-rassistischen "Nation of Islam" unterstützt wird, gilt vielen schwarzen Führern nicht länger als kompromittierender Nachteil, sondern als Beweis für seine Integrationskraft.
"Er ist der einzige Politiker, der nicht gekauft ist", sagt ein Mann mit afrikanischer Tracht, der wie die übrigen hundert an diesem Morgen immer wieder aufspringt und rhythmisch klatscht. Diesen Magnetismus hat derzeit kaum ein anderer schwarzer Politiker.
Sharptons Dramaturgie parodiert die eines Baptistengottesdienstes. Der Brandpredigt folgt eine Art Taufbekenntnis - das politische Kampfgelübde, der Beitritt zum Bund. Jeder, der seinem "National Action Network" angehören möchte, darf nach vorn kommen und ihm feierlich die Hand drücken. Die Aufnahmegebühr von 25 Dollar ist möglichst sofort zu entrichten. Rund 2000 Dollar kommen an diesem Morgen in einem braunen Karton an Spenden zusammen.
Anschließend läßt sich Sharpton von schwarzen Schülern, angehenden Journalisten, befragen. Hier, im kleinen Kreis, wirkt Sharpton mit einem Schlage besonnen. Das Gejammere über die Rassengesellschaft allein, sagt er, nun ganz strenger Familienvater, helfe nicht weiter.
Das draußen - das war die Show. Nun aber geht es um Programme. Er wettert gegen den schwarzen Gangster- und Machismo-Kult. Er würde Rap-Musiker und ihre Firmen boykottieren. Die seien ein trauriges Zeichen für den Verfall. Früher sei Martin Luther King ein Vorbild gewesen. "Heute ist es Snoop Doggy Dog - das ist doch entsetzlich." Er würde die Herstellung von Waffen verbieten. "Es gibt 290 Millionen Waffen in den Straßen, ein Wahnsinn."
Als die Schüler gegangen sind und Sharpton mit einem kurzen, zufriedenen Blick die Kollekte überflogen hat, springt er auf und hetzt zu seinem schwarzen Mercury, der ihn zum nächsten Wahlkampfauftritt bringt. Was ihn treibt? Er schweigt eine Sekunde. Dann lächelt er, als wäre er über die eigene Antwort überrascht: "Ich predige, seit ich vier Jahre alt bin - eigentlich habe ich nie etwas anderes getan." Der politische Protest, ein Vierteljahrhundert nach Martin Luther King: eine Lebensroutine - und fast ein Job wie jeder andere.
Harvard-Professor Henry Louis Gates ist ein Superstar, und er weiß es. Sein Büro auf dem Campus von Bostons Elite-Universität ist hell und mit erlesenem Geschmack möbliert; er posiert darin mit lässiger Wachheit.
Gerade ist er von einer Vortragsreise aus Berlin zurückgekehrt. Er plaudert abwechselnd über Basketball-Slam-Dunks und Herders Sprachphilosophie, und er mischt Rap mit konstruktivistischem Akademiker-Slang. Auf dem Tisch liegen CDs mit Musik von James Brown und Beethoven. Gates, ein schwarzer Intellektueller der Postmoderne. Mit einem Wort: ziemlich cool.
Das schwedische Plakat an der Wand hat ihm der Nigerianer Wole Soyinka gewidmet, in der Nacht, als er den Nobelpreis für Literatur entgegennahm. "Und jetzt haben wir Toni Morrison, die erste Afroamerikanerin." Er ballt die Hand zur Faust wie nach einem Playoff-Sieg. Wir?
Wen meint er damit? Die Rapper, die er vor Gericht verteidigt hat? Die Harvard-Studenten, die er in "Black Studies" unterrichtet? Die Ghetto-Kids aus dem Film "Menace II Society", über die er gerade im New Yorker geschrieben hat? Was hat Gates, der akademische Jet-setter, mit ihnen zu schaffen? Was ist das: schwarze Identität?
Für einen wie Henry Gates wohl in erster Linie eine intellektuelle Kampfpose, ein kultureller Diskurs. Einer wie er steht gleichzeitig draußen und mittendrin. Er weiß: Die Schwarzen als homogene Gruppe sind nur noch als Fiktion zu haben. 30 Jahre nach Aufhebung der Rassentrennung ist nur eines sicher: "Die Einheit ist endgültig dahin."
In der politischen Freakshow, in der Marktschreier um das schwärzeste Schwarz, die radikalste Losung, die abenteuerlichste Parole wetteifern, ist der federnde Witz des Henry Louis Gates eine Erholung.
Da sind Talmi-Wissenschaftler wie Leonard Jeffries aus New York, der die biologische Überlegenheit der schwarzen Rasse predigt und Milliarden an Reparationen für das erlittene Unrecht der Vergangenheit verlangt. Da sind Einpeitscher wie Khalid Muhammad von der Nation of Islam, der antisemitischen Haß schürt. Ende Mai wurde er von einem Abtrünnigen niedergeschossen.
Auf der anderen Seite stehen Kritiker der Radikalenbewegung wie Gates'' Kollege Shelby Steele aus Kalifornien, der die Quotenförderung für Schwarze abschaffen möchte - er hält sie für ebenso rassistisch, wie es früher die Vorrechte der Weißen während der Apartheid waren.
Dann ist da das große Heer des konservativen schwarzen Mittelstandes, merkwürdig sprachlos, das halbherzig "die Sache" unterstützt und insgeheim konservative Weiße wie Bürgermeister Rudolph Giuliani in New York ins Amt wählt - als Protest gegen den Drogenmob, das abgewirtschaftete Wohlfahrtssystem, die Lethargie der ewigen Opfer in den Ghettos.
Als Kommentator von der Seitenlinie schließlich Gates, der Mann der intelligenten Paradoxien und der tausend Stimmen, der als Akademiker oder als "brother" spricht - je nachdem, mit wem er es zu tun hat.
Gates argumentiert nicht als Pädagoge, sondern frivol als Linguist, wenn er Rapper verteidigt, die in ihren Songs Frauen pauschal zu Nutten machen und Polizisten zu Mördern. Er hält die Texte für eine "Folklore der Übertreibungen", für satirische Sprach- und Schreispiele, die in oralen, afrikanischen Traditionen wurzeln.
Gates'' Biographie ist keine der Not, sondern der schwarzen Moden und Wendemanöver in der Ära nach Martin Luther King. Er wuchs in einem Nest in West Virginia auf. In den stürmischen sechziger Jahren kam er, gerade 19, nach Yale, legte sich einen Afrolook zu und lernte "ausgerechnet an einer Universität, was es heißt, schwarz zu sein". Afrika, das war die romantische Fluchtvorstellung in einer "rassistischen Gesellschaft" - die Suche nach den Wurzeln als akademische Disziplin.
Als Assistenzarzt im afrikanischen Tansania erkannte er jedoch kurz darauf, "wie amerikanisch" er doch eigentlich war. Mit einem Hochbegabten-Stipendium ausgerüstet, studierte Gates daraufhin im englischen Cambridge Literatur und promovierte dort als erster Afroamerikaner in der über 700jährigen ** Henry Louis Gates Jr.: "Colored People - A Me- _(moir". Alfred A. Knopf, New York; 216 ) _(Seiten; 22 Dollar. * In New York. ) Geschichte der Universität. Nach diversen Professuren wechselte er vor drei Jahren für eine nicht genannte Summe nach Harvard und übernahm den Fachbereich "Afro-amerikanische Studien". Gates steht für eine Mission: den Studien, die als Protestfach in den späten sechziger Jahren an den Universitäten etabliert wurden, akademisches Renommee zu geben.
Vor Jahren stieß Gates in einem Antiquariat auf das Buch "Our Nig" von Harriet E. Wilson. Er erkannte darin den ersten erhaltenen Roman einer Schwarzen.
Seit jenen Tagen arbeitet Gates an einem Monsterprojekt: die schriftlichen Zeugnisse der einstigen Sklaven zu einem Kanon zu fügen, der neben den angestammten Literatur-Kanons Bestand hat. Er nennt sein Projekt eines der "Rettung".
Gates will Lehre statt Gruppentherapie. Dazu gehört, daß das Fach auch von Weißen unterrichtet werden kann, "selbstverständlich, sonst wäre es keine Wissenschaft". An einer rassistischen Paradoxie kommt auch er nicht vorbei: Letztlich entscheidet doch die Hautfarbe, nämlich die der Autoren, was "schwarze Literatur" ist und was nicht.
Dieser Tage betreibt Gates seine archäologische Arbeit nicht nur als Wissenschaftler. Er "rettet" auch seine eigenen Überlieferungen, in einer literarischen Erinnerung, die er für seine Kinder geschrieben hat: "Colored People" berichtet von der eigenen Jugend - ein provozierend liebevolles Porträt jener vergangenen Ära der Rassentrennung**. Piedmont, das 2500-Seelen-Nest, liegt inmitten der Allegheny Mountains und im Windschatten der Geschichte. Die Papiermühle gibt den "Negroes", gibt seinem Vater Arbeit. Man fachsimpelt hier nicht über Malcom X, sondern über die beste Spezialpampe zum Glätten der Kraushaare. Schwarz und Weiß kommen gut miteinander klar, weil beide Gruppen unter sich bleiben.
Der junge Henry Gates bittet Gott nicht um Rassenharmonie, sondern um die Gnade, ihm eine Freundin zu schicken, denn seine Freunde haben bereits eine. "Dann erschrak ich bei dem Gedanken daran, was man sich den ganzen Tag sagen sollte - ich legte Listen an von Sachen, die man einer Frau erzählen könnte."
Martin Luther King erlebt er als Steppke vor dem Fernseher. "Für uns war es wie ein Krieg in Übersee." Er versteht nicht, warum die Bürgerrechtler um das zweifelhafte Recht kämpften, in den Restaurants der Weißen zu essen - "wo doch jeder wußte, daß Schwarze viel besser kochen konnten".
Gates'' Buch ist eine nostalgische Kleinstadt-Pastorale, in der der einarmige Friseur Comby Carroll seine Lügen spinnt, der Saxophonist Les zum Prediger bekehrt wird und Miss Sarah den Männern das Kartenspielen vermiest. Die Welt in Aufruhr ist in Piedmont nur Donner über fernen Horizonten.
Ja, die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung sind tatsächlich ein fernes Unwetter, das "eines Tages über Piedmont hereinbricht". Es schafft nicht nur bestehendes Unrecht ab, sondern zerreißt auch das soziale Gewebe, den Zusammenhalt der Schwarzen untereinander.
Wehmütig nimmt Gates im letzten Kapitel Abschied von der Welt der Segregation, wenn er an das traditionelle Jahrespicknick der schwarzen Mühlenarbeiter erinnert, bevor es, da es gegen den neuen Geist der Integration verstößt, verboten wird.
Noch einmal schmücken sich die Frauen, noch einmal steigen die Männer in ihre Stenzhosen, noch einmal wird gekocht, gespielt, getrunken und geliebt auf diesem Feld außerhalb der Stadt, und alle halten die Abschaffung der Rassentrennung an diesem Tag für einen Verlust. "Die Wärme und Nahrhaftigkeit der farbigen Welt, die wie ein Mutterleib war, schwand dahin, unwiderruflich, endgültig."
Das Buch füttert einen aktuellen Trend. Für viele Schwarze ist der unterschwellige Rassismus der Gegenwart schlimmer als die offene Front der sechziger Jahre.
Doch Gates'' Buch ist Nostalgie, kein politisches Programm. Einen separaten, schwarzen Staat, wie ihn einige schwarze Radikale propagieren, hält er für sinnlose Phantasterei. Man brauche Jobs, sagt der Harvard-Professor, einen Marshallplan für die Innenstädte. "Der nächste Aufruhr wird ein Armutskampf sein, nicht Rassen-, sondern Klassenkampf."
Dann werden "verarmte Schwarze gegen die schwarze Mittelklasse marschieren". Und Gates wird dann in unerwartete Positionen gedrängt werden - aber daran ist er schließlich gewöhnt.
Raheem, der vor der Baptistenkirche St. Paul eine Zigarettenpause einlegt, hat von Henry Gates noch nie gehört. Sein Idol ist Reverend Johnny Ray Youngblood, dessen Stimme bis auf die Straße zu hören ist. Die paar Meter bis zur Straßenecke sind Sicherheitszone - selbst die Puscher hier in East New York, dem Stadtteil mit der höchsten Mordrate, respektieren den Reverend.
Es war Youngblood, der die prächtige, afrikanische Beerdigung für Raheems kleinen Bruder organisierte. Und ihn, Raheem, wird Youngblood womöglich davor bewahren, "zur Statistik" zu werden. Er war auf dem besten Wege dazu. Vor einem halben Jahr wurde er eingebuchtet wegen bewaffneten Raubüberfalls. Er hat fünf Jahre Bewährung. Nun geht er auf eine Schule, bleibt weg von den Drogenleuten, hört auf den Reverend. Irgendwann wird er studieren.
Die Statistik allerdings ist dagegen. Die Statistik sagt, daß seine Chancen, das 30. Lebensjahr zu erreichen, geringer sind als die von Jugendlichen in Bangladesch. Womöglich wird er von einem Schwarzen umgebracht werden, kaum älter als er selbst. Vorher wird er noch ein paar Kinder in die Welt setzen, die ihren Vater nicht kennen. Auch Raheem kannte seinen Vater nicht. "Die Statistik" - Raheem spricht das Wort mit einem gewissen Schauder aus. Bei ihm klingt es wie: Schicksal, Mythos, kein Entrinnen.
Drinnen streckt Reverend Youngblood seine Hände über der Gemeinde aus. Er trägt eine rote Robe, und hinter ihm, im farbigen Kirchenfenster, strahlt das Symbol der Auferstehung: das Kreuz, über das das Grabtuch geschlungen ist. In Reverend Youngbloods Kirche ist jeden Sonntag Auferstehung. Schwarzsein in East New York, das ist ein trotziges Dennoch, das ohne die Kirche nicht möglich wäre. Jeden Sonntag ein Stück Hoffnung, ein Triumph über den Satan, der "Statistik" heißt.
Wenn Amerika eine Erkältung bekommt, sagt man, bekommen die schwarzen Gemeinden Lungenentzündung. Dann sind Kirchen wie St. Paul die Notaufnahmen. Rund drei Viertel aller Schwarzen stimmen der Aussage zu, daß "Religion die Antwort auf die meisten Fragen unseres Daseins bereithält."
Allerdings wird sie von Frauen weit öfter befragt als von Männern. Männer haben keinen guten Ruf in schwarzen Baptistengemeinden. Die gehen trinken und türmen mit dem Wohlfahrtsscheck. Gottesdienste also - eine Weiber- und Kinderveranstaltung? Nicht in Youngbloods Gebetshaus, das sich die "ungewöhnliche Kirche" nennt. Hier sitzen, links und rechts vom Altar auf Emporen, die Männer der Gemeinde. Jahre an Überzeugungsarbeit hat er gebraucht, bis sie gefüllt waren. Youngblood ist kein politischer Maulheld und kein feinsinniger Akademiker. Mehr als alles andere ist er Sozialtherapeut.
Youngblood bittet die Männer, sich von den Stühlen zu erheben. "Kinder", ruft er, "schaut auch die Männer an, eure Väter, eure Onkel, eure Nachbarn. Sie sind nicht die Statistik. Sie sind eure Helden." Und die Gemeinde applaudiert der Wiedergeburt des schwarzen Mannes als Rollenmodell, als Vorbild.
An diesem Sonntag ist Kindergottesdienst. Die Kleinen haben ein Bibelspiel vorbereitet. Dann treten die Teenager vor die Gemeinde. Die Jungen marschieren mit militärischem Drill und rufen ihre Schwüre auf ein tugendhafteres Leben, und die Mädchen tragen Schärpen mit ihren Namen, wie Schönheitsköniginnen. Dann treten sie nacheinander einen Schritt vor und verkünden, was sie einmal werden wollen: Zahnarzt, Lehrer, Friseuse. Doch der Beruf, der am meisten genannt wird, ist Strafverteidiger.
Youngbloods Gemeinde feiert einen solidarischen, einen schwarzen Jesus, einen Bruder, dem sie applaudieren kann, denn Jesus sagt: "Y''all give me a hand." Diesem Jesus hat Raheem kürzlich einen Rap-Song geschrieben, der alle elektrisiert hat. Wer Jesu-Stellvertreter auf Erden ist, ist allen sonnenklar: der Mann in der roten Robe.
Youngblood verachtet heiliges Getue. Er ist Sünder, alle sind Sünder. Er erzählt von dem Mädchen aus einer Nachbargemeinde, das ihr Neugeborenes in die Mülltonne gesteckt hat. Die News-Shows waren voll davon. "Sie war noch am Morgen in der Kirche", ruft der Reverend. "Offensichtlich hatte sie niemanden in ihrer Gemeinde, an den sie sich wenden konnte in ihrer Not. Sie schämte sich. Wir alle haben sie auf dem Gewissen." Nun sammeln sie Geld für ihre Verteidigung, das Baby ist bei der Großmutter in Obhut.
Hier, im Ghetto-Gospel, hat Maria nicht jungfräulich empfangen. Hier war sie eine Teenager-Mutter, und Joe, ihr Mann, wurde angefeindet. Immerhin hat er zu ihr gehalten und zu seinem Sohn. "Söhne brauchen ihre Väter."
Youngblood weiß, wovon er spricht. Es hat lange gedauert, bis er seinen eigenen unehelichen Sohn anerkannt hat. Die Statistik sagt: Rund die Hälfte aller schwarzen Kinder wachsen ohne ihre Väter auf. Heute ist Youngbloods Sohn selber Priester - der Reverend hat die Weihe vorgenommen. "Ich habe von ihm mehr über Gott erfahren, als ich in meinem Priesterseminar gelernt habe." Und dann ruft er aus: "Väter brauchen erst recht ihre Söhne."
Zwei Stunden dauert dieser Gottesdienst. Er ist ein bewegendes Freudenfest im trostlosen East New York, ist Donnerhall, Soul-Musik und Gruppentherapie mit gestärkten weißen Kragen und Schleifen im Haar. Youngblood vergleicht ihn drastisch mit einem Schweinewettbewerb. Alle machen sich schön für zwei Stunden - um anschließend wieder in den Schlamm zu marschieren. "Und meine Aufgabe ist es, gegen den Schlamm draußen vorzugehen." Und dazu braucht es mehr als billige politische Haß-Rhetorik. Da hilft nur das positive Beispiel.
In seinem Büro unter all den Urkunden, die er für seinen Gemeindeeinsatz gesammelt hat, steht eine Büste des schwarzen Jesus. Das zumindest dachte er, als er sie kaufte. Dann erfuhr er, daß sie Othello darstelle. Doch für ihn erfüllt sie ihren Zweck. "Der schwarze Mann, so wie er in der Statistik auftaucht, ist vaterlos, sitzt im Gefängnis, ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Ich predige den anderen Schwarzen den schwarzen Jesus, das positive Rollenmodell."
Ona, die 18jährige, schlüpft zu ihm ins Büro. Sie ist schwanger. Sie will heiraten, doch der Junge will nicht. "Ich würde dich auch nicht heiraten", scherzt Youngblood. "Mach erst mal die Schule zu Ende." Immerhin komme sie zu ihm, seufzt Youngblood, als das Mädchen wieder gegangen ist. Er wird auch für sie einen Weg finden.
Als ob er nicht auch seine eigene Hölle hätte. Seine Eltern liegen im Krankenhaus. Seine Schwester ist auf Drogen. Seine vier Neffen "vergeuden ihr Leben". Die Gemeindemitglieder nutzen ihn als Seelsorger, aber auch als Mülleimer. Dieser Job habe eine "gewaltige Schmerzdimension". Er hält ihn nur aus, wenn "ich die Erfolge übertreibe und die Niederlagen verdränge".
Die Erfolge des Reverend lassen sich in Metern messen: In einem über zehnjährigen Kampf hat er, Stück um Stück, das Viertel wiederauferstehen lassen. Wo früher Schnapsläden und Wettbüros waren, sind heute kleine Schneidereien, Frisiersalons, Lebensmittelgeschäfte.
Niederlagen nimmt er nur als vorläufig hin. Die nächste Straßenecke haben sich die Dealer wieder zurückerobert. Auf seinem Marsch durch die Gemeinde kommt der Geistliche an ihnen vorbei. Er grüßt sie lässig. "Ihr denkt, ihr könnt mit mir umspringen, wie ihr wollt", murmelt er dann leise. "Fuck you - nächste Woche seid ihr dran." Er hat seine Hilfstruppen schon organisiert.
Auf die gedrillten Stadtsoldaten von Farrakhans Nation of Islam, die Erfolge im Kampf gegen die Drogenpuscher haben, will er nicht zurückgreifen. Er würde sein Gesicht verlieren, er und sein Gott. Warum, würden die Leute fragen, ist der Gott der Islam-Leute stärker als deiner, Reverend? In East New York ist auch Religion eine Macho-Übung.
Dabei hat er für die militanten Moslems durchaus Sympathie. Sie geben den Schwarzen Respekt, Selbstliebe. Er bekämpft sie nicht aus ideologischen, sondern aus theologischen Gründen. Sie haben das Christentum verlassen, weil dessen Gott ein weißer Gott sei. "Sie sind die wahren Feiglinge - ich dagegen bin der, der durchgehalten hat."
Er hält durch, Tag für Tag. Und sein zäher Kleinkampf summiert sich in einem schließlich doch spektakulären Erfolg: dem "Nehemiah"-Projekt. Mit verbilligten Krediten und Bauhilfen hat der Reverend in den vergangenen zehn Jahren rund 2300 kleine Ziegelsteinhäuser entstehen lassen, hat Straßenzug um Straßenzug für seine stets wachsende Gemeinde erkämpft.
Heute hat sich ein kleiner schwarzer Mittelstand dort neu etabliert, wo früher Mietskasernen standen und Abbruchhäuser, in denen Drogensüchtige dämmerten und Wohlfahrtsempfänger apathisch auf die Sozialhilfe warteten. Wenn Gott Wunder tut, dann hat er sie hier mit Hilfe des Reverend vollbracht: Inseln der Würde und Wärme in einer Nachbarschaft, die bisweilen aussieht wie ein zerbombter Planet.
Wenn der Reverend durch "Nehemiah" fährt, wenn er Charles, den ghanaischen Kaufmann, besucht oder bei Rita, der Bankangestellten, in den Kochtopf schaut, wenn er die herausgeputzten Häuschen sieht und die Vorgärten, die seine Klienten sich anlegen, dann spürt er vor allem eines: Stolz, wahnsinnigen Stolz auf seine Gemeinde, auf sich, ja, auf die schwarze Rasse. Und dieser Stolz läßt ihn aushalten.
Ja, er ist auch stolz darauf, Amerikaner zu sein, obwohl er glaubt, daß es eine Verschwörung gegen die Schwarzen gebe, in der Aids und Drogen und Waffen den Genozid herbeiführen sollen. All diese Gefühle, Stolz und Wut und manchmal auch Paranoia, haben gleichzeitig Platz in seiner Brust.
Er hält es mit Martin Luther King - Amerika, ein wundervolles Land voller Verheißungen, bis auf den einzigen Scheck, der nie gedeckt war: das Versprechen der Menschenwürde auch für Schwarze. "Als diese Nation Martin Luther King getötet hat", sagt er leise, "hat sie die eigene Seele getötet." Doch irgendwann, da ist er sicher, wird Amerika aufwachen. "Hoffentlich ist es dann nicht zu spät."
Bis es soweit ist, wird er seinen Gemeindemitgliedern beibringen, Häuser zu bauen, statt zu jammern. Hilfe zur Selbsthilfe - das ist nicht nur der American way of life. "Jesus möchte Männer, keine Waschlappen." Y *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Die Rassentrennung *
in den USA ist auch 30 Jahre nach Civil Rights und Voting Rights Act nicht beseitigt; die Führung der schwarzen Minderheit ist ratloser als je zuvor. Der Lebensstandard der Afroamerikaner liegt weit unter dem der Weißen. Innenstädte mit einem großen Anteil farbiger Bewohner verfallen. Ghettos wie in South Central Los Angeles liegen in Trümmern. Die Lebenserwartung jugendlicher Schwarzer entspricht der in Entwicklungsländern. Radikale Propheten predigen deshalb Gewalt. Andere fordern eine eigene schwarze Nation. Moderate schwarze Politiker wie Bürgermeister David Dinkins in New York wurden abgewählt. Wohin geht jene Generation, die das Erbe des Bürgerrechtlers Martin Luther King angetreten hat?
** Henry Louis Gates Jr.: "Colored People - A Memoir". Alfred A. Knopf, New York; 216 Seiten; 22 Dollar. * In New York.
Von Matussek, Matthias

DER SPIEGEL 24/1994
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