05.12.1994

PolizeiTod im Bienenstock

Die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern ist in Filz und Affären verstrickt. Minister Rudi Geil hat seine Behörde nicht im Griff.
Der Schweriner Innenminister empfing vergangenen Mittwoch reihenweise Beamte, die sonst kaum Zugang zu ihrem obersten Chef haben. Stundenlang lauschte Christdemokrat Rudi Geil unzufriedenen Polizeibeamten. Sie berichteten dem Minister über Vorgänge in seinem Haus, von denen Geil noch nie gehört hatte.
Es ging um Fehltritte und Verfilzungen in der Spitze der Landespolizei, nachdem am vorletzten Wochenende ein leitender Beamter Schlagzeilen machte. In einer Sonntagszeitung hatte der Innenminister lesen müssen, der Chef des mecklenburg-vorpommerschen Landeskriminalamts (LKA), Siegfried Kordus, habe als Polizeichef von Rostock im Jahre 1991 Kontakte zur Rotlichtszene der Hafenstadt gepflegt. Unter anderem habe sich Kordus in einem Warnemünder Polizeiwohnheim mit leichten Damen vergnügt und deren Dienste mit Schecks entlohnt, die später auf dem Konto eines stadtbekannten Zuhälters landeten.
CDU-Mann Geil, so belegt der Fall Kordus, hat sein Ministerium nicht im Griff. Seine engsten Mitarbeiter verschwiegen dem Minister über Monate, was sie längst wußten: Staatssekretär Klaus Baltzer und der Leiter der Polizeiabteilung im Ministerium, Olaf von Brevern, kannten seit vier Monaten die Vorwürfe gegen Kordus.
Geil ist seit Errichtung des Landes Mecklenburg-Vorpommern bereits der dritte christdemokratische Innenminister, der im Nordosten der Republik für Ruhe und Ordnung sorgen soll. Ministerpräsident Berndt Seite holte den Vertrauten Helmut Kohls vor knapp zwei Jahren aus Rheinland-Pfalz nach Schwerin, nachdem sein Vorvorgänger Georg Diederich über Parteiintrigen und dessen Nachfolger Lothar Kupfer über die Rostocker Krawalle vom August 1992 zu Fall gekommen waren.
Doch auch dem Kohl-Mann war bislang kein Glück beschieden. Geil hat es nicht vermocht, die Polizei des Landes von Filz, Seilschaften und Intrigen zu befreien. In den Amtsstuben von Mecklenburg-Vorpommern bekriegen sich nach Aussagen von Insidern ungeniert Kriminal- und Schutzpolizisten, altgediente Staatsdiener aus DDR-Zeiten und Emporkömmlinge der Wendezeit.
Aus Schleswig-Holstein strömten Anfang der neunziger Jahre scharenweise CDU-Beamte ins neue Nachbarland, wo sie sich bessere Karrierechancen ausrechneten als in ihrer SPD-regierten Heimat. Der frühere Vertraute des 1987 durch Selbstmord umgekommenen CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel, Volker Pollehn, stieg im Innenministerium zum Staatssekretär auf; zum Leiter der wichtigen Grundsatz- und Personalabteilung wurde Jürgen Lambrecht berufen, der in Schleswig-Holstein einst als anonymer Autor der Hetzschrift "Betr. Engholm" aufgefallen war.
Fast alle Chefposten der Sicherheitsbehörden wurden mit Uniformierten aus Schleswig-Holstein besetzt. Seither, so berichten Landeskenner, werde die Polizei landesweit von reißfesten Seilschaften zusammengehalten.
In einem Brief an die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (Zerv) in Berlin beschuldigte ein Polizeibeamter jetzt zwei hohe Polizeiführer offen der Vetternwirtschaft.
Der Landesinspekteur Hans-Heinrich Heinsen, früher Polizeichef in Lübeck, habe, so der Vorwurf, einen Nachbarn aus seinem Heimatdorf in Holstein mit dem Bau einer Polizeistation beauftragt. Die Dienststelle sei dann für gutes Geld von der Polizei angemietet worden - eine lukrative Investition. Heinsen bestätigt den Deal: Sein Nachbar habe die Station gebaut, "weil ich ihn darum gebeten habe".
Dem Chef der Polizeidirektion Rostock, Dieter Hempel, lastet der Briefschreiber an, er lasse in seinem Dienstbereich mehr Autos abschleppen als irgendwo sonst in Mecklenburg-Vorpommern - zugunsten von "auserwählten Abschleppunternehmen". Fahnder der Zerv prüfen derzeit die Anschuldigungen.
Nicht nur die Zerv durchkämmt den Rostocker Filz. Als vergangene Woche wegen des Verdachts der Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit im Rostocker Senat eine Hausdurchsuchung im Rathaus stattfand, waren Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) beteiligt. Dabei wurde auch das Büro des Ex-Oberbürgermeisters Klaus Kilimann (SPD) durchsucht.
Kilimann hatte seit 1991 zu Billigpreisen städtische Grundstücke an Spezis verteilt (SPIEGEL 17/1993). Dazu zählten nicht nur Rostocks Leitender Oberstaatsanwalt Wolfgang Neumann und der lokale Marinechef, Flotillenadmiral Otto H. Ciliax, sondern auch der damalige Polizeichef Kordus. Die BKA-Beamten seien gerufen worden, so Generalstaatsanwalt Alexander Prechtel, weil es bei "Rostocker Durchstechereien" vernünftig sei, "nicht die Rostocker Polizei zu beauftragen".
Als die Kripo bei der Untersuchung eines Doppelmordes im Rostocker Eros-Center im April Visitenkarten und Schecks von Kordus fand, wurden die Informationen im Ministerium zeitweise zurückgehalten. Hempel hatte die Erkenntnisse bei Geils Staatssekretär Baltzer und dessen Abteilungsleiter von Brevern mündlich vorgetragen und in Schwerin ein paar Akten abgeliefert. Die verschwanden erst einmal in der Ablage.
Für die Arbeit der Rostocker Polizei hat die Enthüllung über das Privatleben des letzte Woche vorläufig suspendierten LKA-Chefs Kordus unangenehme Folgen: Seither, so ein Insider, springen "reihenweise die Informanten" aus dem Milieu ab. Auf die aber sind die Ermittler der Hafenstadt, die sich immer schneller zu einer Drehscheibe des organisierten Verbrechens entwickelt, dringend angewiesen.
Nicht nur die Rotlichtszene, auch die Rostocker Polizeifahnder sind verunsichert. Am Dienstag letzter Woche wurde bei einer Auseinandersetzung im Warnemünder Bordell "Bienenstock" der Zuhälter Jürgen Lachmann getötet - bislang der letzte von vier dubiosen Todesfällen, die sich seit Ende 1993 im Rostocker Prostituiertenmilieu ereignet haben.
Die Bluttat, bei der zwei weitere Männer schwer verletzt wurden, stehe "in keiner Verbindung zur Kordus-Geschichte", beteuerte Polizeichef Hempel sofort. Doch ganz sicher ist er da offenbar nicht: In Sachen "Bienenstock" ermittelt nicht die zuständige Polizeiabteilung, sondern die Hempel direkt unterstellte "Soko 2/93". Die hat auch die Kordus-Kontakte aufgedeckt. Y
Akten im Fall Kordus verschwanden erst mal in der Ablage

DER SPIEGEL 49/1994
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