14.03.1994

PresseSchlamm und Berg

Die Welt-Redaktion streitet um den politischen Kurs des Springer-Blattes.
In der Redaktion der Springer-Zeitung Die Welt wehren sich rund 50 Mitarbeiter mit Unterschriftenlisten, Brandbriefen und Appellen an die Verlagsleitung gegen den Ressortleiter "Geistige Welt", Rainer Zitelmann, 36. Der Historiker (Doktorarbeit: "Hitler - Selbstverständnis eines Revolutionärs"), seit 1. Dezember 1993 im Amt, bugsiert das Blatt nach Ansicht der Kollegen in Republikaner-Nähe.
Scharfmacher Zitelmann beklagt, viele Konservative seien "neurotisch, ängstlich, feige" und betrieben "Appeasement gegenüber den Linken". Die Nazi-Machtergreifung und die Apo-Revolte ("Doppeltrauma der Niederlagen von 1933 und 1968") hätten das bürgerliche Lager geschwächt, glaubt der Journalist, einst Schüler des Berliner Professors Ernst Nolte und Cheflektor des Ullstein Verlags.
Assistiert vom neuen Feuilletonchef Heimo Schwilk und Kulturreporter Ulrich Schacht, beide vorher bei der Welt am Sonntag, eifert Zitelmann gegen den liberalen Schriftsteller Rolf Hochhuth, 62, der als Welt-Kulturkorrespondent jeden Samstag Literaten vorstellt. Eine Folge über Martin Walser blieb ungedruckt; Schwilk kündigte an, künftig auch auf Hochhuths Theaterkritiken verzichten zu wollen.
Hochhuth wirft den Welt-Rechten "Imponiergehabe" und "blöde Besserwisserei" vor. Als der Dramatiker Lobbriefe des Ex-Herausgebers Claus Jacobi erwähnte, habe ihm Schwilk, so jedenfalls Hochhuth in einem Brief an Redaktionsdirektor Manfred Geist, beschieden: "Kommen Sie uns doch nicht dauernd mit diesen alten Männern, die interessieren hier ebensowenig wie die zwei noch vorläufigen Chefredakteure." Zitelmann bestreitet den Affront.
Zur Deutschland-Premiere von Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" ließ Zitelmann den Autor Will Tremper loslegen: In der Regiekunst des Amerikaners sei "etwas Widerwärtiges", die dargestellte "wildwestartige Räumung" des Ghettos von Krakau könne so blutrünstig nicht verlaufen sein; zum Beleg zitierte Tremper aus Reden des SS-Führers Heinrich Himmler.
Der Rechtsdrall stört den Versuch des Verlages, der Welt (Jahresverlust: 70 Millionen Mark) im Wahljahr mehr Leser in der bürgerlichen Mitte zu verschaffen. Etliche Korrespondenten beklagen in einem Schreiben an den Verlag "zunehmende Verquickung" mit der rechtslastigen Jungen Freiheit (JF), die 1986 im Dunstkreis der Republikaner entstand und selbst in der Welt als "Zeitung in der Grauzone" charakterisiert wurde.
Geradezu hymnisch feiert das Objekt Zitelmanns zahlreiche Bücher. Welt-Korrespondent Carl Gustaf Ströhm, ein Osteuropabeobachter, und Ex-Welt-Hardliner Günter Zehm ("Pankraz") erscheinen gern in dem Rechtsaußen-Blatt.
Zu den Neo-Rechten in der Welt habe Redaktionsdirektor Geist lange geschwiegen, wie Insider berichten. Springer-Vorstandschef Günter Prinz betrieb Krisenmanagement, Hochhuths Rausschmiß wurde zurückgenommen. Zitelmann selbst bewertete die Aufregung um seine Person im Kollegenkreis als "Aufstand des Schlamms gegen den Berg".

DER SPIEGEL 11/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 11/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Presse:
Schlamm und Berg

  • ISS: "Astro-Alex" übergibt das Kommando
  • Entlaufenes Zirkustier: Zebra streift durch Dresden
  • Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?
  • Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor