19.09.1994

USATriumph des Vulgären

Im amerikanischen Kino ist Oliver Stone der Mann fürs Grobe. Seine Filme sind lang, laut und sentimental. Sie sind keine Kunstwerke, aber sie bekunden ein immenses Gespür für die Dämonen der amerikanischen Volksseele.
Sein Film "JFK", eine lärmende Show zur Wiederbelebung obskurer Verschwörungstheorien über den Kennedy-Mord, eine Collage aus Dokumentar- und Spielszenen, brachte nicht nur volle Kassen, sondern beschäftigte den Kongreß.
Sein neuester Film "Natural Born Killers" hat weder eine Handlung, die der Rede wert ist, noch formalen Witz, der über den von MTV-Videoclips hinausgeht. Doch er hat ein aktuelles Thema: die Vergötterung der Gewalt und die seelische Verödung Amerikas.
In diesem überaus vergnügten Film, für den Stone in der vergangenen Woche auf dem Filmfestival von Venedig den Spezialpreis der Jury erhielt, werden zwei Serienkiller zu Helden. Ihre Geschichte ist nur der Anlaß für einen Bilderbogen über die Trivialisierung und Verschrottung des amerikanischen Traums durch die Medien, den Voyeurismus und die öffentliche Durchbrechung sämtlicher Schambarrieren.
Beispiele für Geschmacksverrohung finden sich überall. Wenn etwa die Betten, Stühle, Telefone des zum Verkauf angebotenen O'Hare-Plaza-Hotels in Chicago versteigert werden, setzt der Auktionator für die Stücke aus Zimmer 915 Sonderpreise an. Der Grund: Das Football-Idol O. J. Simpson hat hier einen Teil der Nacht nach dem Mord zugebracht. In diesem Bett hat er gelegen, in dieses Telefon gesprochen, nachdem er, wie die Anklage glaubt, seine Frau und deren Freund daheim in Los Angeles abgeschlachtet hatte.
Memorabilien von mutmaßlichen oder überführten Mördern sind der letzte Schrei in der gegenwärtigen amerikanischen Trivialkultur. Wer will schon ein Autogramm von Mutter Teresa, wenn er dafür eines des Menschenfressers Jeffrey Dahmer haben kann? Das exzentrisch Böse wird ebenso gefeiert wie das Peinliche, Groteske, Gemeine. Sendungen wie "Hard Copy", ja ganze TV-Anstalten wie Rupert Murdochs Fox widmen sich lüstern den Nachtseiten des Lebens.
Das Interesse an Tragödien und Perversionen, an intimen Beichten und Monsterprozessen ist unerschöpflich. Für stundenlange Vollprogramme sorgten die Menendez-Brüder, die ihre Eltern umbrachten und sich im Prozeß mit Erfolg darauf beriefen, sie seien als Kinder mißbraucht worden. John Wayne Bobbitt, dem die Frau den Penis abschnitt, absolvierte Autogrammstunden und tritt ebenso in Talk-Shows auf wie "Lobster Boy" Grady Stiles, der Mann mit den Scherenhänden, der seine Frau verdrosch.
Eine schleimige Billigkeit, eine Verrohung und Vulgarisierung hat sich über die herrschende Kultur gelegt. Hatten frühere Präsidenten stets auf königliche Distanz geachtet, so spricht der heutige Mann an der Spitze in einem Interview mit MTV über seine Unterhosen.
Der kühle Zynismus der achtziger Jahre ist durch den schrillen Exhibitionismus der Neunziger abgelöst worden, die Show der Mondänen von der Beichte der Freaks. Es geht nicht mehr darum, Haltung zu bewahren, sondern die Fassung zu verlieren - möglichst telegerecht.
Wie eine mörderische Wiederkehr des Verdrängten werden nun Inzest, Ehebruch, Freßsucht, Verstümmelungen und Perversionen zur Massenunterhaltung aufbereitet.
War das Wappentier der achtziger Jahre der smarte, Armani-gekleidete Yuppie, so ist das Symbol der neunziger Jahre einer wie Joey Buttafuoco, der Automechaniker in der Trainingshose, der wegen der Verführung der minderjährigen Revolver-Nymphe Amy Fisher im Gefängnis saß. Buttafuoco und Fisher sind Archetypen des "white trash", des "weißen Mülls". White Trash ist die Fast-food- und Six-pack-Kultur der weißen Unterschicht, die, jüngsten Erhebungen zufolge, stark zulegt.
White Trash feiert den vulgären Geschmack. White Trash ist die Abdankung der ethischen und ästhetischen Standards. Dazu gehört Tonya Harding, die Eisläuferin aus dem Wohnwagenpark, die ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan das Knie zerschlagen lassen wollte. White Trash ist auch ihr Ex-Mann, der sie prügelte und der das Video der Hochzeitsnacht an das Penthouse-Magazin verkaufte, das es derzeit über einen Massenversand anbietet.
White Trash ist die voluminöse TV-Schlampe Roseanne, die in der David-Letterman-Show kürzlich von ihrem Besuch in der Sixtinischen Kapelle erzählte. Sie war enttäuscht, sie fand sie zu klein. Aber ihr Bodyguard habe sich im Bett bewährt. Letterman bedankte sich für das Gespräch mit einer Packung tiefgefrorener Schweineschnitzel.
White Trash verachtet Bildung, liebt Plastik-Flamingos und vergöttert Elvis Presley. White Trash, so der Autor Ernest Mickler, hat "keinen Stolz, keine Manieren und keinen Respekt vor irgendwem".
Natürlich ist auch so ein Phänomen vor Romantisierungen durch das Kulturestablishment nicht sicher. Filmregisseur John Waters bewundernd: "Da sitzen sie in BHs und Unterhosen vor der Glotze, und wenn jemand vorbeikommt, zeigen sie ihm den Stinkefinger - sie sind einfach frei."
Dieser Schicht, ihren Vorlieben und ihrem Auftrumpfen hat Stone nun ein Denkmal errichtet. "Natural Born Killers" feiert die Gewalt und den ästhetischen Niedergang. Er verklärt den moralischen Verfall als Durchbruch zur Freiheit. Er zeigt Mickey und Mallory, die Amok laufen und als Serienkiller zu Kultfiguren werden.
So, wie sich die schwarze Ghetto-Gewalt meist gegen Schwarze richtet, so richten Mickey und Mallory vorwiegend ihresgleichen hin, heruntergekommene Weiße, Truckfahrer, Kellnerinnen, Hoffnungslose, arme Teufel: die Autoaggression einer Klasse, einer Rasse.
Mickey ist der Fleischerlehrling mit dem rosafarbenen Netzhemd, der sich in Mallory verliebt, ein mit einem großen Skorpion tätowiertes Mädchen, das von seinem Vater mißbraucht wird - ihre Kindheit wird im Stil der Roseanne-Show erzählt, samt eingeblendetem Gelächter.
Die Kamera kreist und torkelt mit den beiden jugendlichen Killern auf Mördertour durch ein desolates Südstaaten-Amerika, durch eine triste Landschaft aus Motelzimmern und Müllhaufen und Reservaten. Sie schießen und sie grinsen und sie küssen sich, begleitet von gängigen Hits und Fetzen von News-Shows, Tieraufnahmen, Tötungen, Spielszenen und psychedelischen Tripsequenzen, einem ständigen Bilderrauschen - Kino als optische Klospülung.
Die beiden Teenager-Mörder werden von einem Kopfgeldjäger in Uniform gestellt, auf dem Weg ins Gericht von der Menge bejubelt - "Töte mich, Mickey" - und schließlich einem perversen Gefängnisdirektor anvertraut. Hier, in der Haft, wird Mickey von einem schmierigen Reporter befragt, und er gibt sein Credo ab, eine Art Mülleimerfaschismus für die MTV-Generation: Mord sei Naturimpuls, sei Selektion jenseits von Gut und Böse, sei letzte, größte Freiheit.
Anders als Stanley Kubricks "Clockwork Orange", der ein kühler, beunruhigender Essay über jugendliche Gewalt war, feiert Stones Film ein fröhliches, einverständig feixendes Spektakel, das sich vor allem an Teenager wendet, die mit dem Analphabetismus der MTV-Idole Beavis und Butt-head groß geworden sind - ein Happening des White Trash.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 38/1994
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