05.12.1994

SchweizBlökende Schafe

Die Justiz jagt den Anlegerverein European Kings Club. Nun droht vielen vertrauensseligen Kleinbürgern der Bankrott.
Josef von Hospenthal erfreute seine Kunden in Brunnen am Vierwaldstätter See 22 Jahre lang mit feinem Backwerk. Jetzt ist sein Laden zu, das Haus "Zum Schwanen" steht zum Verkauf, die Banken haben alle Kredite gekündigt.
Er sei ein Opfer des "Weltkapitals", behauptet der Eidgenosse mit dem adligen Namen, "denn die Botschaft, die ich hier unter die Leute bringe, ist ein Störfaktor für dessen Geschäfte".
Der Bäcker aus dem Kanton Schwyz gehört zu den Spitzenmanagern der dubiosen Anlegerorganisation European Kings Club (EKC). Seit ihm die deutsche Club-Chefin Damara Bertges, 39, vor zwei Jahren für ein 30 000 Franken-Investment 71,43 Prozent Jahresrendite offerierte, sorgte er dafür, "daß die Goldsuppe richtig verteilt wird". Pro Anlagezertifikat über 1400 Franken, "Letter" genannt, versprach er seinen "Mandanten" als Rückzahlung zwölf Monatsraten von 200 Franken.
Wohl 30 000 Schweizer vertrauten bisher der wundersamen Geldvermehrungsmaschine - in den Kantonen Uri und Glarus jeder zehnte Erwachsene und immerhin 3 von 100 im benachbarten Kanton Schwyz.
Die zumeist wenig gebildeten und in Gelddingen unerfahrenen Anleger steigerten sich in eine Profit-Psychose. Viele gaben ihren Beruf auf, nachdem sie am vermeintlichen Reichtum gerochen hatten. Bauernsippen leerten ihre Sparbüchsen, bedächtige Familienväter belasteten ihre Eigenheime, Hunderte Gastarbeiter aus Ex-Jugoslawien ließen sich zu dem einmaligen Reibach überreden.
An die 300 Millionen Franken, schätzen die Behörden, flossen aus der Schweiz in die undurchsichtigen Kanäle der Club-Zentrale im hessischen Gelnhausen - zusammen mit 700 Millionen aus Deutschland und Österreich.
Typisch ist der Fall eines Automechanikers, der den Kings sein ganzes Geld überließ. Darauf kündigten ihm die Banken alle Kredite, er mußte seine Werkstatt schließen, jetzt droht ihm der Konkurs: "Das ist mir egal", sprach er selig in eine TV-Kamera, "auch wenn sie mir das Haus wegnehmen, ich finde mich mit allem ab, wenn ich nur Kings-Club-Mitglied bleibe."
In der Schweiz gilt der EKC als illegale Organisation, das Bundesgericht verbot ihm jede Tätigkeit und verfügte die Auflösung. Seither haben Untersuchungsrichter in zehn Kantonen den Club im Visier. Bei Bäcker Hospenthal und anderen Werbern beschlagnahmten sie Zehntausende von Franken, etliche EKC-Führer sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft. Nach einem Werbemeeting im österreichischen Klagenfurt wurde am 18. November auch die charismatische Einpeitscherin Bertges festgenommen. Nun wartet sie auf die Auslieferung an die Schweizer Justiz.
Die Strafverfolger werten das EKC-System als Anlagebetrug. Denn Rückzahlungen sind nur möglich, solange frisches Kapital nachfließt. Daß das bar eingesammelte und nach Deutschland verfrachtete Geld angelegt wird, konnten Bertges und ihr Partner, der frühere Bundeswehrarzt Hans Günther Spachtholz, nie belegen.
Doch das beeindruckt das Schweizer Fußvolk nur mäßig. Die rund 500 Betreuer suchen, allen Verboten zum Trotz, immer noch neue Anleger - derzeit vor allem im Kanton Wallis. Weil die fälligen Renditezahlungen "wegen der Behördenhatz" gerade nicht möglich seien, raten sie, die Guthaben gleich in neue Letters umzuschreiben.
Viele gehen darauf ein. Für sie ist der EKC längst mehr als eine Geldmaschine. Der Club vermittelt das prickelnde Gefühl, zu jener Glitzerwelt zu gehören, die viele nur aus Bilderblättern kennen. Begeistert jubeln sie ihrer Queen Bertges zu, die predigt: "Und ist der Ruf erst ruiniert, so lebt sich's erst recht ungeniert."
Auch der Schwyzer EKC-Präsident Hospenthal und seine Frau Käthy propagieren den Mammon-Kult. Den Kapitalismus erklären sie ihren Anhängern als gigantisches Ausbeutungssystem, welches das Volk im Auftrag von Banken und Politikern in Abhängigkeit halte. Der Kings-Club dagegen, sagt die Frau des Bäckers, sei "eine Vereinigung von Leuten, die nicht mehr als Schafe in der Herde mitblöken wollen".
So indoktriniert, gehen die konservativen Innerschweizer mit Fahnen und Transparenten gegen die Verschwörung des Großkapitals auf die Straße. Beim Querfeldein-Radrennen (Hauptsponsor EKC) im Schwyzer Dorf Wangen trotzten im Oktober tausend wackere Aktivisten der Staatsgewalt, welche die illegale Werbeaktion beenden wollte - allerdings nur sehr halbherzig. Denn in Schwyz ist jeder zehnte Ordnungshüter EKC-Mitglied. Um dem Widerstand mehr Schub zu geben, gründeten die Innerschweizer Club-Manager ihre eigene Partei. Aufgereizt durch "das pogromartige Vorgehen verschiedener Justizbehörden", wollen sie den Bürgern "die Mechanismen der Umverteilung sozialer und freier Marktwirtschaft näherbringen".
Die Wandlung des EKC vom finanziellen Pyramidenspiel zur Politsekte bestätigt die Erfahrung des Schwyzer Untersuchungsrichters Josef Dettling: "Mit juristischen Mitteln allein ist der Hysterie nicht beizukommen."
Je klarer abzusehen ist, daß viele Ersparnisse futsch sind, desto höher steigt das Fieber. "Ich muß mich vor nichts fürchten", protzt Parteivorstandsmitglied Hospenthal, "Dettlings und Co. müssen sich fürchten."
Die Untersuchungsrichter erhalten wüste Drohungen. Dettlings Post wird auf Briefbomben untersucht, oft muß er unter Polizeischutz arbeiten. Auch seine Kollegin im Kanton Glarus lebt mit Morddrohungen. Die Polizei riet ihr, eine Waffe zu tragen.
Die Zockerspielkasse der Schweizer ist bald leer. Für neue Letters werden nur noch 43 Prozent Zinsen versprochen. "Zu Weihnachten", prophezeit Dettling, "ist alles aus."
"Was dann auf uns zukommt", meint ratlos ein leitender Sozialhelfer in Uri, "können wir noch gar nicht abschätzen. Wir machen uns auf alles gefaßt." Y

DER SPIEGEL 49/1994
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