19.09.1994

AffärenGefährliche Fragen

Die braunen Schatten ihres Instituts fielen auf die Bevölkerungsforscherin Charlotte Höhn. Denkt sie rassistisch?
Die Frau sei eine "Erbin Hitlers", schimpfte der SPD-Bundestagsabgeordnete Freimut Duve. Sein politisch korrekter Bannstrahl traf Charlotte Höhn, 49, Chefin des Wiesbadener Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB).
Auf der Bevölkerungskonferenz in Kairo hatte die Volkswirtin für einen Eklat gesorgt. Kurz vor Konferenzbeginn druckte die Tageszeitung (taz) Passagen aus einem zweistündigen Gespräch ab, das Höhn vor Monaten mit zwei Historikerinnen geführt hatte. Darin verwahrte sich die Forscherin "mit einer gewissen Bekümmernis" gegen "Denkverbote" in der Wissenschaft, "zum Beispiel, daß man sagt, daß die durchschnittliche Intelligenz der Afrikaner niedriger ist als die anderer".
Nach dieser "Beleidigung der Tagungsteilnehmer" (Duve) mußte die Professorin, Mitglied der deutschen Delegation, vorzeitig abreisen. Letzte Woche forderte die SPD sogar ihren Rücktritt. Höhn verschanzte sich hinter Institutsmauern.
Am Freitag letzter Woche wurde die Wissenschaftlerin vorläufig von ihren Dienstpflichten entbunden. In einem Disziplinarverfahren gegen sie sollen, wie das Bundesinnenministerium mitteilte, "die erhobenen Vorwürfe weiter aufgeklärt werden". Wird in den Amtsstuben der Wiesbadener Demographen tatsächlich, wie die taz meinte, "Politikberatung in der Braunzone" betrieben?
Bereits vor vier Jahren hatten Schatten der Vergangenheit die Arbeit der beamteten _(* Kopfvermessung bei einer Zigeunerin in ) _(der "Rassenhygienischen ) _(Forschungsstelle" in Stein/Pfalz. ) Menschenzähler verdunkelt. 1990 veröffentlichte das Bundesinstitut in seiner Schriftenreihe die Arbeit eines Nachwuchsforschers, der den Rassehygienikern des Dritten Reichs eine "solide wissenschaftliche Basis" bescheinigte. Erst nach Protest der SPD-Bundestagsabgeordneten Edelgard Bulmahn ließ das Innenministerium das Machwerk einstampfen.
Schon die Gründung des Instituts war der Sieg von einschlägig vorbelasteten Bevölkerungsforschern, die jahrelang im verborgenen Lobbyarbeit geleistet hatten.
1952 war auf Initiative des (während der NS-Zeit mit Zwangssterilisationen befaßten) Hamburger Sozialhygienikers Hans Harmsen die Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft gegründet worden. Ein Jahr später rief Harmsen an der Universität Hamburg die Deutsche Akademie für Bevölkerungswissenschaft in Leben.
"Beide Organisationen", resümiert der Hamburger Wissenschaftshistoriker Ludger Weß, "wurden zu Sammelbecken der Statistiker, Soziologen und Rassenhygieniker des NS-Regimes und ihrer Schüler". Im ersten Nachkriegsjahrzehnt litten sie darunter, daß die belastete Bevölkerungswissenschaft "zur Zeit zum Schweigen verurteilt ist". Es gab weder ein eigenes Studienfach noch ein Forschungsinstitut. Vorsichtig knüpfte man Kontakte zur Adenauer-Regierung und kungelte Berufungen aus.
An vorderster Front agierte damals der Medizinstatistiker Siegfried Koller. 1941 hatte er eine "praktische Lösung" für das Problem der "Asozialen und Gemeinschaftsunfähigen" entworfen: Sie sollten von Staats wegen für eheunwürdig erklärt, zwangsweise unfruchtbar gemacht und im schweren Fall einer tödlichen "Sonderbehandlung" zugeführt werden.
Nach dem Krieg stieg der ehemalige NS-Schreibtischtäter zur grauen Eminenz im neugegründeten Statistischen Bundesamt auf. Er bereitete die Volkszählung 1960/61 vor (mit speziellen, später gestrichenen Fragen für eine "Fruchtbarkeitsstatistik").
Anfang der siebziger Jahre gingen Prognosen um, das Volk der Deutschen werde womöglich bald aussterben. Die aufgeschreckte sozialliberale Regierung beschloß deshalb 1973, ein Bevölkerungsinstitut zu gründen, das die Politiker beraten sollte. Die alte Garde der Bevölkerungsforscher wähnte sich am Ziel.
NS-Statistiker Koller saß im Gründungskuratorium des BiB, seine Mitarbeit galt als "unentbehrlich" (wie es später in einer Festschrift hieß). Erster Direktor des neugegründeten Bundesinstituts wurde der Kieler Anthropologe Hans Wilhelm Jürgens.
In seiner Habilitationsschrift 1961, 16 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches, hatte Jürgens sich - wie vor ihm Koller - mit dem "biologischen und sozialbiologischen Problem der Asozialität" befaßt. Aufgrund eigener Untersuchungen in Kiel glaubte der spätere BiB-Chef herausgefunden zu haben, an welchen äußeren Merkmalen man Asoziale erkennt: an "Fingerverkrümmungen", "Zahnstellungsanomalien", helleren Haaren und "runderen" Köpfen.
Die Asozialen, die in einer "Atmosphäre des Sumpfes" lebten, seien, so Jürgens weiter, eine "biologische Gefahr" für den "Volkskörper", weil sich asoziale Mädchen hemmungslos mit sozial "vollwertigen" Jungen "vermischen": "Sie wachsen in gesunde Sippen hinein und belasten sie mit ihrem negativen Erbgut."
Bei der "biologischen Bekämpfung" der Asozialität sei es, so der Gelehrte, leider "noch ein weiter Weg . . . bis zu einer stärkeren Einführung der Unfruchtbarmachung". Als wirksame soziale Maßnahme betrachtete er zudem die "Verweigerung der Genehmigung zur Eheschließung".
Bizarre Thesen vertrat Jürgens auch noch später, als er Chef des BiB wurde. So liebäugelte er angesichts des "stetigen Zustroms von Gastarbeitern" mit einem "Rotationsmodell" mit jederzeit widerrufbarer Aufenthaltserlaubnis. Dann wieder schlug er vor, Mütter sollten in den Staatsdienst gehen und als beamtete Frauen vier oder fünf Kinder großziehen.
Als der forsche Professor wegen seiner Eigenmächtigkeiten mit dem Innenministerium aneinandergeriet, kehrte er 1979 "im Zorn" zur Uni Kiel zurück. Dort lehrt er, inzwischen 62, noch heute.
Vor allem die jüngeren Mitarbeiter im Wiesbadener Bundesinstitut atmeten auf, als Jürgens endlich ging. Seine Nachfolger Karl Schwarz und Wilfried Linke waren farblose, aber solide Demographen, die zuvor im Statistischen Bundesamt gearbeitet hatten: "ergebene Diener des Innenministers", wie Jürgens sie tituliert.
Auch Charlotte Höhn, die 1988 zur Direktorin des BiB berufen wurde, hatte "bislang im In- und Ausland einen guten _(* Mit der von ihm entwickelten "Kieler ) _(Puppe", deren Körpermaße dem ) _(Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen, ) _(weshalb sie der Konstruktion von ) _(Autositzen zugrunde gelegt wurden. ) Namen", wie etwa der Bevölkerungsforscher Reiner Dinkel von der Uni Bamberg bestätigt. Die Volkswirtin ist stellvertretende Vorsitzende der Bevölkerungskommission des Europarats. In letzter Zeit machte sie sich, so berichtet ein Kollege, sogar Hoffnungen auf einen Posten bei den Vereinten Nationen.
Rassistische Formulierungen finden sich in ihren rund 100 Fachveröffentlichungen nicht. Ihre Lieblingsthemen lauteten "Kinderzahl ausgewählter Ehejahrgänge" oder "Die Schlüsselposition der Frau in Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungspolitik". 1990 setzte sie sich kritisch mit "Abtreibung und Eugenik im nationalsozialistischen Deutschland" auseinander.
Sie selbst glaubt nicht, "daß Schwarze dümmer sind als Weiße", sagt Charlotte Höhn. Wissenschaftlich klären lasse sich diese Frage ohnehin nicht, "weil man keine homogenen Gruppen findet". Höhn: "Ich bin keine Rassistin. Ich bin nur dagegen, nach Art der katholischen Kirche bestimmte Fragen zu verbieten."
Eine von der taz letzte Woche nachgeschobene längere Interview-Fassung hatte bereits deutlicher gemacht, daß es Höhn offenbar um die Freizügigkeit wissenschaftlicher Fragestellungen gegangen war und nicht um ein Werturteil über Rassen.
Ihrem Vorgänger Jürgens hingegen wirft die unter Druck geratene BiB-Chefin vor, er stehe tatsächlich in der "Kontinuität der Ideologie des Nationalsozialismus": "Ich lehne diesen Mann entschieden ab." Y
"Asoziale Mädchen mischen sich mit vollwertigen Jungen"
* Kopfvermessung bei einer Zigeunerin in der "Rassenhygienischen Forschungsstelle" in Stein/Pfalz. * Mit der von ihm entwickelten "Kieler Puppe", deren Körpermaße dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen, weshalb sie der Konstruktion von Autositzen zugrunde gelegt wurden.

DER SPIEGEL 38/1994
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