21.03.1994

Doping„EINE GROSSE MAFIA“

Anabolikamißbrauch war keineswegs nur ein Sündenfall des Ostens. Internationale Sportführer, die in den letzten Tagen effektivere Dopingkontrollen versprachen, geraten durch jetzt entdeckte Stasi-Akten ins Zwielicht. Aufzeichnungen des IM „Technik“ beweisen, daß ein weltweites Kartell bei der Vertuschung half.
Ausgerechnet mitten in der Olympiavorbereitung gerieten die besten Gewichtheber der DDR in große Not. Zum entscheidenden Ausscheidungswettbewerb in Meißen meldeten sich unerwartet zwei ausländische Dopingkontrolleure an.
Das war fatal, denn die Heber waren gerade mit Anabolika stark gemästet worden; die Menge hätte für einen ganzen Kälberstall ausgereicht. Ein rechtzeitiges Absetzen der Pillen war nicht mehr möglich. Also mußte auf Befehl der obersten Sportführung wieder einmal der listige Doktor ran.
Manfred Höppner, der Chefarzt des Sportmedizinischen Dienstes, diente sich den Dopingfahndern als Transporteur für die Urinproben an. Auf dem Weg zum Labor sollte der auch international bekannte Sportmediziner die Plomben aufbrechen, die positiven Proben vernichten und gegen "reine Urine auswechseln".
Der Plan funktionierte - wie schon ein Jahr zuvor, als die starken Ostdeutschen sauber geblieben waren, dafür aber ein Pole, ein Iraker und ein Sowjetrusse erwischt worden waren. Die einmal begonnene Gaunerei nutzten die DDR-Sportführer zu einem ungewöhnlichen Beweis sozialistischer Solidarität: Den Fahndern wurde der positive Befund des großen Bruders verschwiegen.
Doping und Leistungssport - es wird eine unendliche Geschichte bleiben.
Erst in der letzten Woche versammelten sich im hessischen Heusenstamm Experten aus aller Welt, um schlüssige Rezepte zur Ausrottung der Muskelmast zu finden. Die optimistischen Abschlußerklärungen sind noch druckfrisch, da beweisen nun aufgetauchte alte Akten, was von solchen Formulierungen zu halten ist: In Heusenstamm saßen auch Sportführer mit am Tisch, die über Jahrzehnte das Doping schützten.
Was 1984 zu Gunsten der DDR-Gewichtheber geschah, gehörte nach den Stasi-Aufzeichnungen zum Alltag. Hochrangige Wissenschaftler erstellten gefälschte Gutachten; Funktionäre brachen Siegel, um Dopingproben unbrauchbar zu machen. Und tauchten wirklich einmal positive Ergebnisse auf, so wurden diese gemeinsam unter den Teppich gekehrt.
Ob im Westen oder Osten - am Kartell des Vertuschens waren überall Mediziner, Funktionäre und hochrangige Politiker beteiligt. Der gesamte Weltsport, sagt deshalb der angesehene österreichische Sportmediziner Ludwig Prokop, "ist eine große Mafia".
Da kaum jemand an der Enthüllung der Dopingpraxis wirklich interessiert war, hielt die Allianz des Schweigens auch noch, als erwischte Athleten immer häufiger auf ihre Hintermänner verwiesen. Ausgerechnet Höppner selbst, der wie ein Pate bei vielen Manipulationen die Drähte zog, half nun indirekt, über die wahren Verhältnisse aufzuklären: Der Chefdoper lieferte als IM "Technik" der Staatssicherheit der DDR detaillierte Berichte - und die Stasi schrieb auf, was im internationalen Sport unterderhand geschah.
Die Weltverbände tolerierten mal augenzwinkernd, mal murrend, wenn Höppner, wie bei der Kugelstoßerin Ilona Slupianek, der späteren Sprint-Olympiasiegerin Marlies Göhr, dem Gewichtheber Gunter Ambraß oder dem Turner Ralf-Peter Hemmann, Ausreden und Lügen für positive Befunde auftischte.
Im Gegenzug galt allen der "Pokal der Blauen Schwerter" für Gewichtheber in Meißen als Einladung zur Täuschung, da hier Urin ebenso regelmäßig wie folgenlos untersucht wurde. Davon profitierten nicht nur DDR-Heber. In einem Jahr unterschlugen die Kontrolleure die positiven Befunde von zwei Sowjetrussen, vier Ungarn, zwei Tschechoslowaken und einem Schweden.
Der Kölner Dopinganalytiker Manfred Donike fand nachträglich im Urin von 60 Sportlern, die an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau teilgenommen hatten, Spuren von Anabolika, 12 hatten eindeutig positive Befunde - die offiziellen Untersuchungen während der Spiele hatten angeblich keine Hinweise auf Dopingverstöße ergeben.
Vier Jahre später berichtete Höppner der Stasi, daß sich Donike mit Primo Nebiolo, dem Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes, bei den Spielen in Los Angeles "überworfen habe". Nebiolo habe Donike in sein Hotelzimmer bestellt und ihn aufgefordert, für "weniger positive Dopingfälle" zu sorgen. Donike, der als Mitglied der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Laborwissenschaftler überwachte, weigerte sich.
Der allmächtige Nebiolo erreichte dennoch sein Ziel. Die Namen von acht Sportlern, die am Schlußwochenende der Spiele positiv getestet worden waren, gestand Laborleiter Craig Kammerer, seien nie veröffentlicht worden.
Die neuen Fakten beweisen, daß auch Dopinglabors mittricksten, die die offizielle Akkreditierung des IOC als vermeintliches Gütezeichen im Briefkopf führten. Besonders die Chemiker im sächsischen Kreischa waren mehr den vaterländischen Interessen als ihrem internationalen Auftrag verpflichtet.
Die Forscher haben viele Sportler erwischt, wie den Magdeburger Speerwerfer Volker Hadwich, den Leipziger Judoka Axel Lobenstein, die erst 16jährige Junioren-Europameisterin im Speerwerfen Anja Reiter aus Halle sowie - einen Tag vor der Abreise zur Europameisterschaft 1989 in Bonn - die Schwimmerin Kristin Otto mit einem anomal hohen Testosteronquotient von 17 (erlaubt ist äußerstenfalls 6). Danach trat die sechsmalige Olympiasiegerin von 1988, die heute beim ZDF arbeitet, zurück. Bisher hat sie stets jegliche Dopingeinnahme abgestritten.
Die neuen Dopingfakten haben nicht nur historischen Wert, sie helfen auch, Ereignisse der jüngeren Vergangenheit zu werten. So bekam die Schwimmerin Dagmar Hase nach ihrem Olympiasieg 1992 in Barcelona noch im Fernsehstudio einen Weinkrampf, als sie auf die Situation ihrer Schwimmerkollegin Astrid Strauß aufmerksam machte.
Strauß war kurz vor den Spielen wegen eines zu hohen Testosteronwertes gesperrt worden, den sie allerdings auf den übermäßigen Genuß von Erdbeerbowle zurückführte. Jetzt scheint sicher, daß weniger ein alkoholisches Getränk als ein spezielles Magdeburger Dopingrezept für den Anstieg des Hormonspiegels verantwortlich sein muß: Bei einer Überprüfung am 7. August 1989 hatte Dagmar Hase fast den gleichen Wert wie drei Jahre später Astrid Strauß.
Oft schalteten sich sogar die Politiker ein. Dopingfälle bei der Gewichtheber-WM 1980 wurden in der sowjetischen Botschaft verhandelt. Als 1979 die Bulgarin Totka Petrowa als gedopt gemeldet werden mußte, weil Kreischa um seine IOC-Akkreditierung fürchtete, forderten die Bulgaren "eine Eliminierung" der Probe. Höppner mußte für Parteichef Erich Honecker, der wenig später zum Staatsbesuch nach Bulgarien reiste, ein Diskussionspapier schreiben - Gastgeber Todor Schiwkoff galt als besonderer Fan der Weltklasseathletin.
Die gegenseitigen Absprachen machten die Welt hinter dem Eisernen Vorgang lange _(* Foto von Ludwig Rauch. ) Zeit zum Doping-Eldorado. Aus Angst vor Schlagzeilen der Weltpresse, "daß die kleine DDR der großen Sowjetunion einen internationalen Skandal bereitet" (Höppner), wurden besonders sowjetische Praktiken gedeckt.
Doch als Manfred Ewald, der Präsident des Turn- und Sportbundes der DDR, begriff, daß "sich auch unter Freunden der Klassenkampf abspielt", begann er systematisch Material über den großen Bruder zu sammeln, um "in ähnlichen Situationen ein Entgegenkommen" erpressen zu können. Der Sportchef wollte speziell bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau "eine Art Narrenfreiheit genießen" (Höppner).
Während sich die DDR zuletzt mit den sozialistischen Ländern sogar, wie ein Funktionär sagte, in einem "regelrechten Krieg" wähnte, weil die Bruderstaaten das ostdeutsche Doping-Knowhow begehrten, gestaltete sich das Auskommen mit den westlichen Kollegen durchaus ersprießlich. Obwohl sich die beiden Sportsysteme in der Öffentlichkeit befeindeten, waren sich die höchsten Vertreter intern in Dopingfragen auffällig einig.
Höppner pflegte mit dem karrierebewußten Sportmediziner Joseph Keul aus Freiburg eine Duzfreundschaft. In internationalen Beratungen vertrat der Westdeutsche bisweilen sogar die Argumente der DDR (siehe Kasten Seite 192).
Nur Donike fürchtete Ost-Berlin, nachdem anfängliche Kontakte abgekühlt waren. Zunächst hatte Höppner geglaubt, den nach seiner Ansicht profilsüchtigen und geldgierigen Dopingfahnder einbinden zu können. Donike verlangte für seinen Sohn die Trainingspläne der ostdeutschen Radfahrer - und bekam sie auf konspirative Weise. Endgültig wähnte Höppner den Westdeutschen nach einem Besuch am 9. September 1985 in Köln auf seiner Seite. Der IM "Technik" notierte: _____" Der IMB konnte sich ungehindert in den " _____" Institutsräumen bewegen und stellte in einem Nebenraum " _____" eine große Anzahl von Urinproben fest. Auf den Flaschen " _____" waren die Klarnamen von BRD-Sportlern, Angaben über die " _____" Vergabe von u.M.* sowie zur Trainingsbelastung. Diese " _____" Feststellung ist der Beweis dafür, daß DONIKE entgegen " _____" den vielen Presseveröffentlichungen nicht ausschließlich " _____" Dopingkontrollen durchführt, sondern auch individuelle " _____" Absetz-Termine " _(* u.M: Abkürzung für unterstützende ) _(Mittel, in der DDR gebrauchtes Synonym ) _(für Dopingpräparate. ) bestimmt und damit das Doping ebenfalls unterstützt.
Donike bestreitet diesen festgestellten Sachverhalt nicht, wohl aber die Interpretation. Der Urin sei nicht für Dopingtests, sondern für "harmlose wissenschaftliche Tests" gebraucht worden.
Zweifel an dieser Erklärung kontert Donike mit dem Hinweis auf Höppners Bewegungsfreiheit in seinem Institut. Die hätte er nie zugelassen, wenn es etwas zu verbergen gegeben hätte. Schließlich habe er von dem aus der DDR geflüchteten Sportarzt Alois Mader erfahren, daß "dieser schlimme Pillendreher" auch ein Mann der Stasi sei. Y
* Foto von Ludwig Rauch. * u.M: Abkürzung für unterstützende Mittel, in der DDR gebrauchtes Synonym für Dopingpräparate.

DER SPIEGEL 12/1994
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