20.06.1994

Affären„Es waren harmlose Berichte“

SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, waren Sie Ende der vierziger Jahre hauptamtlicher Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes?
Reich-Ranicki: Jawohl, ich war in den Jahren 1948/49 Konsul der Republik Polen in London und gleichzeitig ständiger Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes.
SPIEGEL: Was heißt "Mitarbeiter" - Sie waren doch, laut Akte, "Hauptmann", polnisch "Kapitan".
Reich-Ranicki: Das mit dem Hauptmann hatte einen eher humoristischen Anstrich. Es war nur ein Aktenvermerk. Denn eine Uniform trug ich natürlich nicht.
SPIEGEL: Haben Sie dem SPIEGEL die Unwahrheit gesagt, als Sie vor zwei Wochen behaupteten, es sei "kompletter Quatsch", daß Sie Chefagent in London waren?
Reich-Ranicki: Ich fürchte, Sie wissen nicht, was das Wort Agent bedeutet. Ein Agent wäre ich vielleicht, wenn ich als polnischer Konsul in London für den Geheimdienst von Paraguay oder Albanien gearbeitet hätte.
SPIEGEL: Sie haben also mehr als nur Kontakte mit dem Geheimdienst gepflegt. Warum haben Sie das bisher verschwiegen?
Reich-Ranicki: Ich hatte gute Gründe. Im Herbst 1949 wurde ich auf eigenen Wunsch von den Posten in London abberufen und dann sowohl aus dem Auswärtigen Amt als auch aus dem Geheimdienst entlassen. Im Januar 1950 mußte ich eine Erklärung unterzeichnen - das war so üblich -, derzufolge ich mich verpflichtete, niemals ein Wort über Dinge zu sagen, die mit dem Geheimdienst zusammenhängen. Ich habe diese Erklärung sehr ernst genommen, was ich nicht bedauere: Ich hielt es für ein Gebot der Loyalität, für eine Anstandspflicht, nichts über diese Angelegenheiten zu sagen. Vergessen Sie nicht: Wir, meine Frau und ich, haben im Unterschied zu allen unseren Angehörigen den Holocaust in Polen überlebt - gerettet wurden wir von Polen, die ihr Leben riskierten, befreit von der Roten Armee.
SPIEGEL: Hatten Sie Angst vor eventuellen Sanktionen, wollten Sie sich mit Ihrem Schweigen schützen?
Reich-Ranicki: Nein, das war nicht das Entscheidende. Was ich über den polnischen Geheimdienst nach meiner Rückkehr nach Deutschland 1958 hätte erzählen können, war belanglos und wahrscheinlich schon vollkommen überholt, da ich mit diesem Dienst nur bis Januar 1950 zu tun hatte.
SPIEGEL: Wenn es so belanglos war, warum haben Sie es dann nicht erzählt?
Reich-Ranicki: Ich wollte auf keinen Fall in einen Konflikt mit dem polnischen Staat geraten, ich wollte loyal sein. Daher habe ich, in Frankfurt angelangt, zwar sofort zu publizieren begonnen - denn ich mußte Geld verdienen, ich besaß alles in allem fünf Dollar -, doch war ich nicht bereit zu liefern, was die Redakteure von mir wollten: Man hoffte, daß ich "auspacken", daß ich also Enthüllungsstorys über das kommunistische Polen schreiben werde. Ich aber habe nichts anderes geschrieben als Literaturkritik. Und bis heute gibt es nichts von mir gegen Polen - keinen Artikel, geschweige denn ein Buch.
SPIEGEL: Hatten Sie für Ihr Schweigen noch andere Motive?
Reich-Ranicki: Ja. Ich dachte mir nämlich: Bin ich als Jude, der ich 1938 von Deutschen nach Polen deportiert wurde und jahrelang im Warschauer Ghetto und später außerhalb des Ghettos unter deutscher Bestialität gelitten habe, bin ich denn ausgerechnet der deutschen Öffentlichkeit Auskunft und Rechenschaft schuldig darüber, was ich noch während des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren als polnischer Staatsbürger in der polnischen Armee und in polnischen Behörden getan habe?
SPIEGEL: Warum fühlen Sie sich jetzt an Ihre Unterschrift nicht mehr gebunden?
Reich-Ranicki: Eine polnische Instanz hat vor einigen Tagen angeblich unzugängliche, "entliehene" Materialien über den polnischen Geheimdienst veröffentlicht, unter anderem meinen "Dienstverlauf". Nachdem die polnischen Behörden das zugelassen oder ermöglicht haben, ist meine Verpflichtungserklärung von Januar 1950 null und nichtig.
SPIEGEL: Wie fing alles an?
Reich-Ranicki: Nach unserer Flucht aus dem Warschauer Ghetto. Im September 1944 befand sich das Haus, in dem meine Frau und ich verborgen waren, eines Vormittags zwischen den beiden Frontlinien: Von der einen Seite des Hauses sah man noch die deutschen Soldaten, von der anderen schon die Rotarmisten. Das dauerte nur ganz kurz, höchstens eine halbe Stunde. Dann pochte jemand kräftig an die Haustür. Es war ein ziemlich elender russischer Soldat. Er rief: "Nemzow njet?" Also: "Keine Deutschen hier?" Dies dort, wo wir 15 Monate lang die Frage "Keine Juden hier?" befürchteten.
SPIEGEL: Was geschah dann?
Reich-Ranicki: Wir waren frei, aber hilflos und in größter Not. Wir hatten buchstäblich nichts: weder Kleidung noch Schuhe und natürlich keinen Pfennig. Wir waren in dreckige Lumpen gehüllt. Und daß wir schauderhaft abgemagert waren und in furchtbarem gesundheitlichen Zustand, versteht sich von selbst. Das polnische Ehepaar, das uns gerettet hatte, sagte sehr zu Recht, daß sie uns jetzt nicht mehr helfen können und brauchen, jetzt könnten wir uns doch selbst durchschlagen. Wir gingen in Richtung Lublin, der vorläufigen Hauptstadt des befreiten Teils des Landes.
SPIEGEL: Was taten die Befreier - die sowjetischen Soldaten?
Reich-Ranicki: Polen war vollkommen verwüstet. Die siegreiche Rote Armee befand sich in einem beklagenswerten Zustand. Die Soldaten waren übermüdet und ungenügend versorgt, sie hatten nicht einmal Zigaretten, die reichten bloß für die Offiziere. Sie waren schon zufrieden, wenn sie Fleischkonserven erhielten, die aus Kanada gekommen waren. Auf den Dosen war in englischer Sprache zu lesen, daß es Nahrung ausschließlich für Tiere sei. Niemand konnte oder wollte sich um die wenigen überlebenden Juden kümmern. Vergessen Sie nicht: Noch wurde an allen Fronten gekämpft, die deutsche Armee war noch sehr stark, Auschwitz war noch nicht befreit. So schwach wir auch waren, wir wollten uns doch irgendwie am Krieg gegen Deutschland beteiligen. Wir waren noch sehr jung, 24 Jahre alt, und taten etwas, was von heute her geradezu naiv scheint: Wir meldeten uns freiwillig zur polnischen Armee.
SPIEGEL: Zum Militär?
Reich-Ranicki: Das war kein Heldentum, vielmehr das Bedürfnis, zum Sieg beizutragen. Und daß man in der Armee zu essen bekam und eine Uniform - das hat auch eine Rolle gespielt.
SPIEGEL: Welche Aufgabe haben Sie in der Armee übernommen?
Reich-Ranicki: Ich erkundigte mich, ob es eine Einheit gäbe, die deutsche Soldaten mit Mitteln der Propaganda, also beispielsweise mit Flugblättern in deutscher Sprache, zur Kapitulation aufrief. Da wollte ich tätig sein. Das leuchtete _(* Mit Sohn Andrzej. ) ein, nur war eine solche Einheit noch gar nicht vorhanden: Sie sei erst im Aufbau. Alles war erst im Aufbau, überall wurde improvisiert. Wir wurden in ein kleines, elendes Dorf in Ostpolen geschickt. Die Primitivität dort war erschreckend, ich hatte nicht gewußt, daß es knapp 200 Kilometer östlich von Warschau solche Zustände noch gab. Die meisten Bauern hatten weder Schränke noch Betten, sie schliefen auf Bänken oder auf dem Fußboden. Dort meldete ich mich bei dem Ortskommandanten, der mich zu einem Oberleutnant Lec schickte.
SPIEGEL: Dem bekannten Satiriker Stanislaw Jerzy Lec?
Reich-Ranicki: So ist es. Sein Name war mir noch aus der Vorkriegszeit bekannt. Er wollte nur wissen, ob ich Deutsch könne. Als ich bestätigte, stellte er mir sofort und ohne Übergang eine Frage, die mich noch heute verblüfft: "Kennen Sie Brecht?" Und da er mir noch nicht traute, mußte ich einige Titel von Brecht nennen, was mir nicht schwerfiel. Ich sollte mich setzen - nur war in der Hütte keine Sitzgelegenheit -, er gab mir den deutschen Text eines Brecht-Gedichts und las mir seine polnische Übersetzung vor. Ich sollte kontrollieren, ob er alles richtig übersetzt habe. So fing mein Dienst in der polnischen Armee an, Anfang Oktober 1944. Die deutsche Literatur - das war der rote Faden in meinem Leben.
SPIEGEL: Und sonst haben Sie nichts gemacht?
Reich-Ranicki: Nein, denn nach wenigen Tagen kam ein Befehl, daß die polnische Armee auf diese Einheit doch verzichten werde - was ich sehr bedauerte. Man schickte meine Frau und mich, da wir Fremdsprachen konnten, in ein benachbartes Dorf, wo die militärische Postzensur organisiert wurde. Dort war ich Zensor und wurde rasch zum Oberzensor befördert . . .
SPIEGEL: . . . eine Blitzkarriere . . .
Reich-Ranicki: . . . was nun kein Wunder war, denn die anderen Zensoren, meist junge Bauernsöhne, waren von so schlichter Geistesart, daß wir sie zunächst für Wachtposten hielten. Sie dürfen nicht vergessen, daß die deutschen Behörden in Polen alle Schulen verboten hatten. Während der fünf Jahre Besatzungszeit wuchs eine Generation polnischer Analphabeten auf - genau das war von den Deutschen beabsichtigt.
SPIEGEL: Worin bestand die Arbeit der Zensur?
Reich-Ranicki: Es wurde geprüft, ob in den Briefen irgendwelche Militärgeheimnisse bewußt oder unbewußt verraten wurden. Die meisten Briefe stammten von Soldaten, die nach Hause schrieben, aber in der Regel nur dürftig schreiben konnten. Natürlich gab es genaue Vorschriften, was aus den Briefen ausgemerzt werden mußte - beispielsweise alle antideutschen Äußerungen. Denn es galt Stalins Losung, daß die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleiben werde.
SPIEGEL: Was steckte dahinter?
Reich-Ranicki: Schon damals plante man in Moskau eine deutsche kommunistische Regierung, Ulbricht und seine Leute waren noch dort, aber schon in den Startlöchern. Die Konsequenzen für die polnische Kriegszensur waren eher komisch. Es durfte in den Briefen nicht heißen: "Wir jagen die deutschen Banditen", sondern: "Wir jagen die nazistischen Banditen" (im Polnischen ist ähnlich wie im Russischen ein anderes Adjektiv üblich: "die hitlerschen . . ."). Alles in allem war die Arbeit in der Militärzensur stumpfsinnig und für mich doch von großer Bedeutung, denn damals wurde die Weiche für meinen Berufsweg in den nächsten Jahren gestellt.
SPIEGEL: Haben Sie damit schon für den Geheimdienst gearbeitet?
Reich-Ranicki: Nein. Die Militärzensur, die die Post kontrollierte, war natürlich eine Einheit der polnischen Armee, doch unterstand sie der Aufsicht des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit, was ich damals noch nicht wußte. Als ich es erfuhr, machte es auf mich überhaupt keinen Eindruck.
SPIEGEL: Haben Sie sich schriftlich zur Mitarbeit beim Geheimdienst verpflichtet?
Reich-Ranicki: Die Geheimhaltungsverpflichtung, die man mir irgendwann vorlegte, habe ich ohne zu zögern unterschrieben. Natürlich wollte ich von dieser langweiligen Arbeit und diesem elenden Dorf wegkommen. Im Januar 1945 wurde ich endlich in das Hauptamt für Kriegszensur in Lublin versetzt. Später wurde ich dann in der Zentrale der Postzensur beschäftigt, nun nicht mehr in Lublin, sondern in Warschau. Genauer: Ich hatte einen leitenden Posten in der Postzensur - es war ja immer noch Krieg! - für die Stadt Warschau.
SPIEGEL: Was hieß das genau: Zensur?
Reich-Ranicki: Es ging hier immer bloß um die Post, nicht etwa um die Zensur von Zeitungen oder Büchern. Übrigens: Wir hatten damals in Warschau keine Wohnung. Wir, meine Frau und ich, übernachteten auf einem Feldbett, das für die Nacht in meinem Bürozimmer aufgestellt wurde.
SPIEGEL: Wie lange waren Sie Zensor?
Reich-Ranicki: Im Herbst 1945 bot sich eine Chance, die mich geradezu elektrisierte - ich konnte nach Berlin versetzt werden. Ich hatte die Möglichkeit, die Stadt wiederzusehen, in der ich aufgewachsen war und von der ich geprägt wurde. Ich konnte in Berlin wieder ins Theater gehen, in die Oper. Hätte man mir damals Paris, Rom, New York oder eben Berlin zur Wahl gestellt, ich hätte mich, kein Zweifel, sofort für Berlin entschieden.
Um Berlin wiederzusehen, hätte ich einen Pakt auch mit dem Teufel geschlossen. Aber statt des Teufels nahte mir abermals der polnische Geheimdienst, der meine Hilfe in Berlin brauchte. Ich hatte nicht die geringsten Bedenken. Im Gegenteil: Das machte mich neugierig, ich fand die Sache interessant - und war ziemlich sicher, daß es sich vor allem um Nazis handeln werde. Zunächst sollte ich mich in Berlin umsehen, und dann würde ich Weisungen erhalten. Ich sah mich gründlich um: im Theater, in der Oper, im Konzertsaal, wo die Berliner Philharmoniker unter Celibidache spielten. Das Kulturleben war faszinierend. Denn die vier Besatzungsmächte wetteiferten miteinander und boten das Beste an, was sie im Bereich der Kultur zu bieten hatten.
SPIEGEL: Haben Sie in Berlin Aufträge für den Geheimdienst erledigt?
Reich-Ranicki: Nichts, buchstäblich nichts. Die Weisungen, die ich erhalten sollte, kamen nie, was mich keineswegs betrübte. Warum das so war, weiß ich nicht. Vielleicht haben die Russen verhindert, daß die Polen irgendwelche Informationen in Berlin sammelten. Jedenfalls wurde ich im April 1946 wieder nach Warschau kommandiert. Inzwischen war ich Mitglied der Partei geworden, die sich nun für meine weitere Verwendung interessierte.
Man sah meine Zukunft im Auswärtigen Dienst. Ich wollte nach London, unter anderem deshalb, weil dort meine Schwester lebte, die kurz vor Ausbruch des Krieges nach England emigrieren konnte und als einzige Person aus meiner Familie überlebt hatte - meine Eltern und mein Bruder wurden ermordet. Offen gesagt: Ich war glücklich, daß ich in London würde leben können.
SPIEGEL: Mußten Sie vorher eine Geheimdienst-Schulung absolvieren?
Reich-Ranicki: Ja, ich wurde entsprechend vorbereitet - im Sicherheitsministerium auf den Geheimdienst, im Auswärtigen Amt auf den Konsulardienst. Das sollte etwa ein Jahr dauern. Im Sicherheitsministerium . . .
SPIEGEL: . . . der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski sagt, das sei schon damals "eine kriminelle Organisation" gewesen . . .
Reich-Ranicki: Diese Bezeichnung trifft alles in allem zu. Ob auch die Arbeit des Departements, das sich mit dem Ausland beschäftigte, kriminell war, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß aber bestimmt, daß in England in der Zeit, in der ich dort war, vom Geheimdienst des Sicherheitsministeriums nichts getan wurde, das sich dem Kriminellen auch nur nähern würde. Also in diesem Ministerium machte man mich zum Sektionsleiter, zum stellvertretenden Abteilungsleiter; im Außenministerium, wo ich vor allem in den letzten Monaten vor der Abreise nach London tätig war, zum Ministerialrat oder so ähnlich.
SPIEGEL: Sie kamen im Februar 1948 nach London und waren dort als Vizekonsul und später als Konsul tätig und zugleich als Hauptmann des Geheimdienstes. Von wem wurden Sie bezahlt?
Reich-Ranicki: Das ist eine sonderbare Frage. Natürlich vom polnischen Staat, und zwar vom Auswärtigen Amt.
SPIEGEL: Und nicht vom Sicherheitsministerium?
Reich-Ranicki: Sie glauben wohl, ich hätte zwei Gehälter bekommen? Nein, so gut war es leider nicht.
SPIEGEL: Alle festen Geheimdienstmitarbeiter hatten Decknamen. Sie nicht?
Reich-Ranicki: Wo denken Sie hin? Ein erst im Entstehen begriffener Geheimdienst liebt natürlich das konspirative Spiel mit den Decknamen. Ich hatte mehrere in zwei Gruppen: Adam, Albert und Albin sowie Lessing, Büchner und Heine. Und Fontane.
SPIEGEL: Was waren Sie nun primär - Konsul oder Geheimdienstmann?
Reich-Ranicki: Der überwiegende Teil meiner Tätigkeit in London war Konsulararbeit - etwa 80 bis 90 Prozent. Übrigens: keine sehr spannende Arbeit.
SPIEGEL: Wie sah sie aus?
Reich-Ranicki: Wie die eines jeden Konsuls.
SPIEGEL: Sie haben Berichte für das Außenministerium geschrieben. In diesem Amt in Warschau hat man rund 80 Seiten gefunden.
Reich-Ranicki: Nur 80 Seiten? Solche periodischen Berichte gehören zu den ganz normalen Pflichten eines Konsuls.
SPIEGEL: Sind Sie in London dem polnischen Doppelagenten Krzysztof Starzynski begegnet, der heute in Neuseeland lebt?
Reich-Ranicki: Ich erinnere mich dunkel an ihn. Daß er aber ein Doppelagent war, das habe ich erst jetzt in einer polnischen Zeitung gelesen.
SPIEGEL: Die wichtigste Aufgabe des Konsulats, sagen er und andere Zeugen, sei das Ausspionieren und notfalls das Kompromittieren polnischer Emigranten gewesen. Sie sollen der "Top-Agent" des politischen Geheimdienstes in London und der Boß von rund 50 polnischen Agenten gewesen sein.
Reich-Ranicki: Die wichtigste Aufgabe des Konsulats war die normale Konsulararbeit. Von den rund 40 Angestellten des Konsulats waren höchstens 4 für den Geheimdienst tätig. Die 50 polnischen Agenten sind ein Produkt der Phantasie. Wie viele Leute dem Militärattache Informationen lieferten, weiß ich allerdings nicht. Ich bekam Informationsmaterial von höchstens 10 oder 12 Leuten. Sie informierten über die politischen Strömungen innerhalb der polnischen Emigration in England.
SPIEGEL: Auch über "gefährliche" Personen?
Reich-Ranicki: Über politisch interessante Personen. Übrigens stammte das meiste aus der polnischen Exilpresse. Ich selber habe solche Informationen nie gesammelt, meine Aufgabe bestand darin, die erhaltenen Berichte zu begutachten und nach Warschau weiterzuleiten. Und was den "Top-Agenten" betrifft - der Mann schmeichelt mir. Ich hatte nie Talent für diesen Geheimdienst, da war ich nun doch zu sehr an der Literatur und dem Theater interessiert. Das hatte man auch in der Warschauer Zentrale gemerkt - und auch deshalb hat man sich von mir schon Anfang 1950 ein für allemal getrennt.
SPIEGEL: Hatten Sie Kontakte mit der polnischen Exilregierung?
Reich-Ranicki: Nicht die geringsten. Ich kannte keinen einzigen Exilpolitiker. An Kontakten mit Politikern war ich nie in meinem Leben sonderlich interessiert.
SPIEGEL: Aber als Konsul gehörte es doch zu Ihren Aufgaben, Exilpolen zu beobachten.
Reich-Ranicki: Schon wahr, aber wir hatten niemanden in der Exilregierung, nicht einmal eine Sekretärin oder einen Portier. Dem mögen Sie entnehmen, was für ein doller Geheimdienstmann ich war. Übrigens hatte ich nie den Auftrag erhalten, dort Kontakte zu suchen.
SPIEGEL: Das betrifft die Exilregierung. Aber was war mit den übrigen Exilpolen? Gab es da Kontakte?
Reich-Ranicki: So gut wie überhaupt nicht. Die wollten mit uns, den Repräsentanten des kommunistischen Regimes, auch gar nichts zu tun haben. Ich hatte in London mehr Kontakte zu Engländern und Deutschen als zu Exilpolen.
SPIEGEL: In die Zeit Ihres Konsulats fiel die Rückkehr des polnischen Generals Stanislaw Tatar von England nach Warschau. Ex-Agenten behaupten, Ihre Aufgabe sei es gewesen, "die Tatar-Mission abzuschließen". Tatar wurde im November 1949 in Polen verhaftet.
Reich-Ranicki: Ich habe nichts mit der Rückkehr irgendwelcher Offiziere oder Generäle zu tun gehabt.
SPIEGEL: Es gibt auch einen Satz in den 80 Seiten, der zeigt, daß Sie von den Rückführaktionen _(* Oben: Konzertprobe in London 1948; ) _(unten: polnische Truppen im Herbst 1944 ) _(beim Überqueren der Weichsel. ) wußten, die unter anderem polnische Exiloffiziere betrafen.
Reich-Ranicki: Ich weiß nicht, welchen Satz Sie meinen. Nur: Die Berichte des Konsulats für das Auswärtige Amt wurden nicht von mir geschrieben, sondern von den einzelnen Abteilungsleitern. Von mir wurden sie bloß unterschrieben.
SPIEGEL: Dem SPIEGEL haben Sie noch vor zwei Wochen gesagt, von Rückführungen "nie etwas gehört" zu haben.
Reich-Ranicki: Nach wie vor kenne ich keinen einzigen Fall, daß jemand zur Rückkehr nach Polen überredet und dann den Russen ausgeliefert wurde. Ob der Militärattache sich mit derartigem beschäftigt hat, weiß ich nicht.
SPIEGEL: Wann genau fanden die Rückführaktionen statt?
Reich-Ranicki: Vielleicht würden Sie endlich aufhören, mich mit Rückführaktionen zu langweilen, von denen ich nichts weiß. Wahrscheinlich haben sie kurz nach dem Krieg stattgefunden, also 1946 oder eventuell 1947.
SPIEGEL: Sie haben doch gewiß auch als Geheimdienstler Post nach Warschau verschickt. Was stand denn da drin?
Reich-Ranicki: Glauben Sie wirklich, daß ich eine solche Frage nach beinahe einem halben Jahrhundert beantworten kann? Ich kann nur sagen: Es waren harmlose Berichte. An einen erinnere ich mich genau: In London dirigierte 1948 Furtwängler die Berliner Philharmoniker. Es gab die Neunte, aber auch Protesterklärungen und Demonstrationen gegen ihn, weil er für einen Nazi gehalten wurde. Darüber habe ich geschrieben, weil das ein für mich wirklich interessantes Thema war.
SPIEGEL: Der Warschauer Historiker Andrzej Paczkowski vermutet, Sie könnten mit dem sowjetischen Geheimdienst kooperiert haben.
Reich-Ranicki: Der Herr überschätzt mich maßlos. Die Russen haben sich niemals für mich interessiert.
SPIEGEL: Nach Ihrer Rückkehr nach Polen im Herbst 1949 waren Sie inhaftiert - wie lange und warum?
Reich-Ranicki: Zwei Wochen. Die wahren Gründe kenne ich bis heute nicht. Möglicherweise wollte man einen Schauprozeß machen, hat aber den Plan dann fallengelassen.
SPIEGEL: Galt die Verhaftung auch dem Geheimdienstler?
Reich-Ranicki: Vielleicht. Ich weiß es nicht.
SPIEGEL: Hatten Sie nach Auflösung Ihres Dienstverhältnisses im Januar 1950 noch irgendwelche Kontakte mit dem Geheimdienst?
Reich-Ranicki: Nein, niemals. Es gab auch keinerlei Versuche seitens des Geheimdienstes.
SPIEGEL: In den Jahren 1953/1954 hat die Partei weitere Veröffentlichungen von Ihnen untersagt. Es wird aber jetzt behauptet, Sie hätten in dieser Zeit doch einige Artikel und eine kleine Broschüre "Fortschrittliche deutsche Literatur in den Tagen nazistischer Finsternis" publiziert.
Reich-Ranicki: Das Publikationsverbot wurde im März 1953 verhängt und im Oktober 1954 wieder aufgehoben. So konnten tatsächlich einige Artikel erscheinen - in den ersten Wochen des Jahres 1953 und in den letzten Wochen 1954. Die erwähnte Broschüre durfte lange Zeit nicht veröffentlicht werden und konnte erst nach vielfachen Bemühungen des Verlages erscheinen, aber ohne meinen Namen. Auf dem Umschlag und auf der Titelseite finden sich statt des Namens des Autors lediglich die Initialen "M. R.".
SPIEGEL: In der vergangenen Woche behauptete der Schriftsteller Szczypiorski in der Zeitung Die Woche, Sie hätten Polen 1956 verlassen und seien damals nach England gegangen. Er fragt: "Wußten die Briten etwa nicht, wen sie da aufnehmen?" Und: "Wer damals Asylrecht in England erhalten wollte, mußte sich zuvor peinlich genaue Ermittlungen gefallen lassen. Das Aufenthaltsrecht erhielt nur einer, über den die Engländer alles oder doch sehr viel wußten."
Reich-Ranicki: Szczypiorski ist ein Romancier mit Phantasie - und wieder einmal ist mit ihm die Phantasie durchgegangen. Ich habe Polen nicht 1956 verlassen, sondern am 20. Juli 1958. Ich bin nicht nach England gegangen, sondern mit dem Zug von Warschau nach Frankfurt am Main gefahren. Ich habe nie in meinem Leben in England - oder sonstwo - Asylrecht beantragt oder erhalten. Ich bin niemals von Engländern verhört oder vernommen worden.
SPIEGEL: Als Sie dann in der Bundesrepublik waren - meldete sich da irgendein Nachrichtendienst bei Ihnen?
Reich-Ranicki: Im Herbst 1960, als ich schon in Hamburg lebte, kamen zu mir zwei Herren vom Verfassungsschutz - einer aus Bonn und einer aus Hamburg. Sie wollten meine Identität überprüfen und stellten mir einige harmlose Fragen. Aber von irgendwelchen Geheimnissen wollten sie zu meiner Zufriedenheit nichts wissen. Sie nahmen den polnischen Geheimdienst in den ersten Nachkriegsjahren überhaupt nicht ernst, es sei alles - gaben sie zu verstehen - eher läppisch und lächerlich. Dann hat sich niemand mehr gemeldet.
SPIEGEL: Im Artikel von Sczcypiorski heißt es noch, Sie hätten sicher viel gesündigt.
Reich-Ranicki: Das ist doch, mit Verlaub, etwas unverschämt. Ebenso könnte ich sagen, Szczypiorski habe viel gesündigt, vielleicht noch mehr als ich. Nein, ich bedauere nichts, was ich getan habe. Meine ganze Tätigkeit hat niemandem geschadet, wahrscheinlich aber auch niemandem genutzt. Ich habe in der Zeit bis 1950 so und nicht anders gehandelt, weil ich damals an den Kommunismus geglaubt habe.
SPIEGEL: Wäre es nicht an der Zeit, einzuräumen, was oft behauptet worden ist: daß die Wut Ihrer Attacken gegen einige ehemalige DDR-Schriftsteller zum Teil stellvertretend für die eigene verschwiegene Vergangenheit war?
Reich-Ranicki: Der Vorwurf geht von einer falschen Voraussetzung aus. Ich habe, wenn es nur möglich war, DDR-Autoren gelobt und gerühmt, unterstützt und gefördert - sogar Hermann Kant habe ich für seinen Roman "Der Aufenthalt" nachdrücklich gelobt.
SPIEGEL: Es bleibt der Eindruck, daß Sie erst dann etwas einräumen, wenn es bekannt geworden ist. Haben wir noch andere Enthüllungen zu erwarten?
Reich-Ranicki: Das müssen Sie jene fragen, die manisch Material gegen mich suchen und zu diesem Zweck sogar um die Erde fliegen. Y
Dann pochte jemand kräftig an die Haustür
Die Russen haben sich niemals für mich interessiert
Die Bauern hatten weder Schränke noch Betten
Ich hatte nie Talent für diesen Geheimdienst
* Mit Sohn Andrzej. * Oben: Konzertprobe in London 1948; unten: polnische Truppen im Herbst 1944 beim Überqueren der Weichsel.

DER SPIEGEL 25/1994
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