26.09.1994

HochschulenWebers Liste

Ein Tübinger Professor schikaniert seit einem Jahrzehnt seine Studenten mit zotigen Sprüchen.
Der Delinquent hatte genau 13 Minuten Zeit - dann war das Urteil gefällt: durchgefallen. Wenn sich Johannes Gallus, 49, an seine Prüfung an der Tübinger Eberhard-Karls-Universität anno 1986 erinnert, dann übermannt den Zahnarzt jetzt noch der Zorn: "Erniedrigend. So etwas habe ich noch nie erlebt."
Gallus wurde gemeinsam mit zwei Kommilitonen examiniert. Waren zwei an einer Frage gescheitert, sollte der dritte sie beantworten. "Ich bekam keine einzige eigene Frage", sagt der Mediziner, "nur das, was schon die anderen nicht wußten."
Der Assistent des Professors habe währenddessen die Füße auf dem Tisch gehabt und gegrinst.
Gallus klagte gegen seinen Prüfer und bekam recht: Das Verwaltungsgericht Sigmaringen hob das Zeugnis 1987 auf. An der Universität Mainz bestand der Zahnmediziner glatt. Heute arbeitet er in einer Praxis nahe Heilbronn.
Das Urteil von Sigmaringen irritierte die Universität Tübingen offenbar nicht. Der Mann, der Gallus prüfte, ist bis heute Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Propädeutik: Professor Heiner Weber, 44, sei "ein exzellenter Wissenschaftler", rühmt Tübingens Uni-Präsident Adolf Theis. "Weit, weit über dem Durchschnitt. Einer, der sich rührend um Mitarbeiter und Studenten kümmert, mit dem besten Unterrichtsprogramm und einer erstaunlich niedrigen Durchfallquote."
Nur - vor kurzem hat die Fakultät den Professor wegen seines rüden Umgangstons scharf gerügt.
Eine Aktion von mehr als 70 Weber-Schülern könnte den Dentisten nicht nur um seinen Ruf, sondern auch um seinen Job bringen: Die Kommilitonen haben allesamt eidesstattliche Versicherungen unterschrieben, in denen sie dem Professor vorwerfen, er führe im Hörsaal ein "Schreckensregiment" und traktiere seine Studenten mit "Psychoterror". Die Kritiker des Professors fordern seinen Rausschmiß.
Die Studenten säßen "derart eingeschüchtert in den Veranstaltungen von Herrn Professor Weber, daß, egal welche Äußerungen, Drohungen und verletzenden Worte fallen, keine Reaktion mehr erfolgt", schrieben zudem sieben ehemalige Weber-Studenten in einem Brief an die Universität. Seit zwölf Jahren, so die Autoren, würden Prüflinge mit den fiesesten Mitteln eingeschüchtert und bedroht, würden in Webers Vorlesungen Frauen beleidigt und Ausländer lächerlich gemacht.
In den eidesstattlichen Versicherungen, die bei einem Stuttgarter Anwalt hinterlegt sind, berichten die Weber-Kritiker von zahllosen peinlichen und ehrverletzenden Entgleisungen des Professors. Kostproben:
Einem Studenten habe Weber vor versammeltem Auditorium zugerufen: "Wir begrüßen nun auch Herrn . . . er kommt sicher von Frau . . . und hat die ganze Nacht mit ihr gependelt, whatever that means."
Einer Studentin, die eine Frage zu stellen wagte, habe er geantwortet: "Warum müssen Sie unbedingt Zahnmedizin studieren, in Tübingen sind noch genügend Friseusen-Stellen frei." Als sich die Frau wehren wollte, habe er sie angezischt: "Sie brauchen sich jetzt gar nicht unnötig aufzuregen, das bringt Ihnen nur noch mehr Nachteile. Passen Sie auf, was Sie jetzt sagen, und seien Sie lieber still. Ich habe ein gutes Gedächtnis."
Eine Zahnmedizinerin hat - laut eidesstattlicher Versicherung - bei der Durchsicht ihrer Kursunterlagen folgenden Dialog über sich ergehen lassen müssen: _____" "Oh, im September geboren, dann sind Sie Jungfrau?" " _____" Studentin: "Ja." Weber: "Sind Sie sich sicher?" " _____" Studentin: "Ganz sicher." Weber: "Wissen Sie, was einmal " _____" auf Ihrem Grabstein stehen wird?" Studentin: "Nein." " _____" Weber: "Ungeöffnet zurück." "
Noch barschere Vorwürfe erhebt eine ehemalige Weber-Studentin, die zweimal im Examen durchgefallen ist. Sie habe danach, behauptet die Frau, ein Jahr wegen einer schweren Angstneurose in einer Psychiatrischen Klinik zubringen müssen.
"Wenn ich einen Feind hätte, ich würde ihm das nicht wünschen", sagt die heute 35jährige, die jetzt als Kauffrau arbeitet. Sie habe weder vor noch nach ihrer Zeit bei Weber Leistungsprobleme gehabt. Doch bei dem Professor sei sie sich "wie das Kaninchen vor der Schlange vorgekommen, der hat mich buchstäblich kirre gemacht".
Der Professor kann sich den Wirbel um seine Person gar nicht erklären. Zwar hat er sich bei den Studenten inzwischen entschuldigt, aber zugleich beteuert er, die Hochschüler hätten ihn einfach mißverstanden - zum Beispiel, als er beim Abhaken der Anwesenheitsliste gesagt habe: "Es gibt Schindlers Liste, und das ist meine Liste." Dabei habe er über den Film berichtet und ihn sogar empfohlen, so Webers Erklärung. "Ich mache gern lockere Sprüche, die sind offenbar in den falschen Hals geraten."
Wohl auch bei den Weber-Kollegen: Die Uni-Kommission hat Weber für zwei Jahre unter besondere Beobachtung gestellt. Alle zwei Wochen treffen sich Hochschüler und Professoren, um sich über Webers Verhalten auszutauschen.
Uni-Präsident Theis will alle Studenten, die bei Weber durchgefallen sind, zu einem persönlichen Gespräch vorladen. Theis: "Sollten sich daraus Anhaltspunkte ergeben, dann wird der Wissenschaftsminister damit konfrontiert."
Der sieht bislang noch keinen Grund einzugreifen. Klaus von Trotha (CDU) will dem Professor erst "auf die Finger klopfen, wenn sich sein Verhalten im Wintersemester nicht grundlegend ändert". Y

DER SPIEGEL 39/1994
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