26.09.1994

USA„Hundert Prozent unschuldig“

Am Montag, dem 26. September, beginnt in Los Angeles eines der größten Fernsehereignisse der Weltgeschichte. Es könnte so lange dauern wie kein anderes vor ihm (nämlich fünf bis sechs Monate). Und es wird die Bildschirme der ganzen Erde überfluten.
Thema des Ereignisses ist ein Strafprozeß. In dem geht es nicht um Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder ethnische Säuberung.
Nein, es geht in Los Angeles allein um den gewaltsamen Tod einer 35jährigen Frau, die Mutter von zwei Kindern war, und den eines Mannes von 25 Jahren, dessen Leiche am gleichen Tatort gefunden wurde.
Wenn der Mann, der nun in Los Angeles vor Gericht steht, der Täter sein sollte, dann wäre seine Tat ein leider nur zu alltägliches, ein für die Kriminalstatistik banales Verbrechen. Sie würde in der Rubrik "Tötung des Intimpartners" notiert werden.
Denn die getötete Frau wäre dann die geschiedene Ehefrau des Angeklagten, der nicht verwinden konnte, daß sie sich von ihm scheiden ließ. Und der getötete Mann wäre nur ein Zufallsopfer, weil er das Unglück hatte, zur falschen Zeit am falschen Platz zu sein, ein Augenzeuge, der nicht überleben durfte.
Daß der Angeklagte Orenthal James Simpson heißt und ein Held des American Football ist, erklärt das Weltereignis auf den Bildschirmen nicht, denn diese Sportart ist außerhalb der Staaten kaum populär. Auch befindet sich Simpson, 47, längst im Ruhestand.
Das Weltereignis erklärt allein der Umstand, daß das höchste Gericht der USA, der Supreme Court, 1981 Fernsehsendungen aus dem Gerichtssaal für grundsätzlich zulässig erklärte. In 47 Bundesstaaten ist es heute erlaubt. Die Großmacht Fernsehen hat den ungeheuren Unterhaltungswert der Justiz begriffen. Sie beutet die Justiz aus.
Sie witterte die Sternstunde: Die Einschaltquoten im Vorverfahren gegen Simpson überstiegen die Quoten während des Kriegs um Kuweit. Ein schwarzer Sport- und Frauenheld, seine geschiedene, weiße Frau, eine Schönheit: Sind Beweise gegen den Angeklagten von rassistischen Polizeibeamten "gelegt" worden? Müssen sich nicht alle Farbigen in Simpson angegriffen fühlen? Er sei "100 Prozent unschuldig", sagte Simpson im Vorverfahren. Ein extrem teures Team, angeführt von dem Starverteidiger Robert Shapiro, 51, "Master of Disaster" genannt, kämpft für diese Unschuld.
Der Anwalt und Clinton-Berater Lloyd Cutler (siehe Seite 166) ist einer jener Amerikaner, die, auf den Spuren der Pioniere, unaufhaltsam scheinenden Entwicklungen einen positiven Sinn zu geben suchen. Doch in der vergangenen Woche beschloß ein Gremium unter dem Präsidenten des Supreme Court, TV-Sendungen aus den Bundesgerichten nicht zuzulassen. Der Fall Simpson hat die Diskussion, ob ein Übermaß an Öffentlichkeit den Angeklagten um einen fairen Prozeß bringen kann, wieder in Gang gesetzt.
Ein weltweites Spektakel steht bevor. Und jeder drängt nach einer Rolle in diesem Prozeß. Nicht nur sehen will man, man will auch gesehen werden. Vielleicht wird man auch den Akita-Hund der toten Nicole Brown Simpson vor Gericht erleben.
Warum hat der Hund am Abend des 12. Juni nur wie rasend gebellt und damit einen Hinweis auf die Tatzeit gegeben: Warum hat er den Täter (die Akitas, eine alte japanische Hunderasse, sind groß und stark) nicht angegriffen? Kannte er ihn? Simpson hat seine geschiedene Frau und seine beiden Kinder oft besucht. Der Akita-Hund, das wäre eine Super-Szene in der Super-Show.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 39/1994
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