26.09.1994

KosakenGrausame Rache

Ehemalige sowjetische Kollaborateure der Wehrmacht verlangen ihre Rehabilitierung als Widerstandskämpfer gegen Stalin.
Für 300 Dollar konnte Michail Protopopow, 52, Priester der russisch-orthodoxen Diaspora in Australien, von KGB-Mittelsmännern einen Stoß Aktenkopien kaufen. Der weite Weg von Melbourne nach Moskau hatte sich für den Geistlichen gelohnt: Die noch immer "streng geheim" gestempelten Untersuchungsberichte aus dem Archiv der sowjetischen Staatssicherheit gaben Auskunft über Protopopows trauriges Familienschicksal.
Sein Vater Alexej, ein aus dem Don-Gebiet von Rostow stammender Kosak, hatte die Jahre 1945 bis 1958 im sibirischen Gulag verbracht - von Stalins Richtern wegen besonders schweren Landesverrats verurteilt.
In einem Brief an Boris Jelzin bat Reverend Michail daraufhin, seinen Vater als "Opfer einer internationalen Intrige" zu rehabilitieren. Denn der vermeintliche Verräter habe im Zweiten Weltkrieg ehrenvoll sein Leben "für ein freies Rußland" aufs Spiel gesetzt.
Freilich auf der falschen Seite: Während die von den Deutschen überfallene Sowjetunion zum Großen Vaterländischen Krieg rief, verdingte sich Protopopow senior als Gefolgsmann Adolf Hitlers. Er zog als Oberst einer Kosakenschwadron ins Gefecht - gegen "die Tyrannei Stalins und das bolschewistische System".
Seine Rehabilitierung könnte eine Lawine von Wiedergutmachungsanträgen auslösen. Etwa eine Million sowjetische "Hilfswillige" (Wehrmachtsjargon: Hiwis) und Kriegsgefangene, darunter auch Kosaken, dienten bei der deutschen Osttruppe - viele als überzeugte Stalin-Gegner, andere einfach nur, um zu überleben.
Der Diktator nahm grausame Rache. Die meisten Seitenwechsler, die später von den Siegern gefangengenommen wurden, büßten mit ihrem Leben oder jahrzehntelanger Haft. Zu Recht, wie viele Russen immer noch meinen.
Doch Protopopow ist ein Sonderfall: Da er nie sowjetischer Staatsbürger war, konnte er auch keinen Landesverrat begangen haben. 1896 als Sohn eines Donkosaken und einer aus Potsdam stammenden Deutschen geboren, hatte er schon während des Bürgerkriegs Anfang der zwanziger Jahre Haus und Hof aus Feindschaft zu den Bolschewiki verlassen.
Die Flucht über die Türkei endete in Serbien, wo der Exil-Russe heiratete und 1942 Sohn Michail geboren wurde - noch bevor Protopopows Wehrmachtskarriere begann.
Nicht nur Altemigranten wie er schlüpften nach dem Angriff auf die Sowjetunion ins deutsche Feldgrau, um die alte Heimat zu befreien. Zehntausende Kosaken liefen zu den Deutschen über, nachdem der Krieg im Sommer 1942 ihre Siedlungsgebiete am Don, Kuban und Terek erreicht hatte.
Unter dem Kommando des Hitler-Generals und "Obersten Feldataman" Helmuth von Pannwitz zogen Kosakenverbände 1943 in den Kampf - aber nicht wie erhofft an die Ostfront zur Errettung von Mütterchen Rußland und gegen Todfeind Stalin, sondern auf den Balkan.
Noch kurz vor Kriegsende wurde die berittene Truppe, etwa 35 000 Mann mit besonderen Ärmelabzeichen und Kosakenmütze, zum "XV. SS-Kosaken-Kavallerie-Korps" zusammengefaßt.
Die verhängnisvolle Mission endete in Kärnten und Tirol. Britische Soldaten internierten die exotischen Bundesgenossen der Deutschen im Mai 1945 in St. Veit und Lienz.
Schubweise wurden sie wenige Wochen später in Eisenbahnwaggons verladen; angeblich sollte die Fahrt nach Norditalien gehen. Die Transporte endeten jedoch in Sibirien. Die Engländer hatten sich dem Druck ihres Alliierten gebeugt und lieferten die Kosaken an die Sowjets aus.
So war es zwar in einem geheimen Auslieferungsabkommen in Jalta zwischen den Siegermächten vereinbart worden. Aber die Churchill-Regierung hatte dieses Abkommen schon im März 1945 auf Personen begrenzt, die 1938, vor Beginn der Stalinschen Gebietsexpansion, als Bürger der UdSSR galten. Auf Alexej Protopopow - wie auf manche andere Kosaken - traf das nicht zu.
Dennoch wurde Protopopows "Stan" - eine Art Landsturm mit Frauen, Kindern, Greisen und Haustieren im Troß - von Lienz aus "repatriiert". Noch in letzter Minute versuchten die Verzweifelten, ihrem Schicksal durch Flucht über die reißende Drau zu entkommen; mehrere hundert ertranken.
Protopopow ließ seine zwei Söhne, die Mutter und seine Frau in Salzburg zurück; sie konnten 1949 nach Australien ausreisen. "Ein Schandfleck für die Briten", klagt Protopopow junior über die Kumpanei mit den Sowjets vor knapp 50 Jahren.
Während einschlägige Kosakenbücher im Exil das Drama von 1945 schwülstig verklären ("Sie ritten für die Freiheit und starben durch die Westalliierten"), versucht der australische Kirchenmann, sein Familientrauma zu bewältigen. Vor fünf Jahren stand er in London dem Historiker Graf Nikolai Tolstoy als Zeuge bei.
Der Engländer russischer Herkunft aus der Familie Leo Tolstois hatte bereits 1986 in seinem Buch "Die Minister und die Massaker" einen Schuldigen ausgemacht: Lord Aldington, Stabschef des V. Britischen Korps in Österreich und später Vizechef der Konservativen Partei, habe die Auslieferungsbefehle erteilt.
Vor dem obersten Zivilgericht Großbritanniens konnte sich der Ex-General erfolgreich gegen die Vorwürfe wehren. Wegen "Verleumdung" mußten die Beklagten 1,5 Millionen Pfund Sterling Schadensersatz bezahlen. Tolstoy appellierte daraufhin an die Europäische Menschenrechtskommission. Die brachte den Fall vor den Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, weil die Höhe des Schadensersatzes Graf Tolstoys Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt habe.
Seit einiger Zeit versuchen Tolstoy und Protopopow in London erneut die historische Wahrheit durchzusetzen. Neue Dokumente sollen beweisen, Lord Aldington habe seinerzeit in den Auslieferungsbefehlen das Wort "sowjetisch" gegen "russisch" ausgetauscht und mit diesem Federstrich den Unterschied zwischen Überläufern und Altemigranten verwischt.
Den zweiten Teil der Tragödie konnte Protopopow mit Hilfe der jetzt aufgetauchten KGB-Papiere rekonstruieren: Gleich dreimal hatte ein sowjetisches Militärtribunal den von seinen Angehörigen Totgeglaubten verurteilt - weil er seine Schuld vor dem Vaterland nicht eingestand.
Der Donkosak überlebte die Jahre beim Eisenbahnbau in Sibirien. Mit 20 Leidensgenossen durfte er 1958 nach Deutschland ausreisen; eine Intervention Adenauers und der Roosevelt-Witwe Eleanor, so Protopopow, rettete die letzten Überlebenden von 2000 Offizieren der Kosaken-Stan. Er starb 1988 in München.
Die hartnäckige Spurensuche des Sohnes hat eine Art Historikerstreit in Rußland ausgelöst. Forscher gründeten eine "unabhängige" Gesellschaft; Vereinsziel: "objektives" Material über jene Landsleute zu sammeln, die bislang zwischen St. Petersburg und Wladiwostok als Kollaborateure geächtet sind.
Dieses Verdikt gilt nicht nur für Kosaken, sondern mehr noch für Überläufer der "Russischen Befreiungsarmee", den aus Kriegsgefangenen zusammengesetzten Divisionen des ehemaligen Sowjetgenerals Andrej Wlassow.
Schon 1990 versuchte ein vom Perestroika-Wind entfachter Disput über die Wlassow-Armee die heikle Frage zu klären, ob die Kriegsgefangenen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als frühe Befreiungskrieger in die Geschichtsbücher aufzunehmen oder weiterhin als Verbrecher einzustufen seien.
Der Filmemacher Lew Danilow ("Das Dossier General Wlassows") weigerte sich, den ehemaligen Chef der 2. Stoßarmee schlichtweg als "Verräter" zu sehen, und brach damit als einer der ersten das Tabu: Die Überläufer seien das zwangsläufige Produkt sowjetischer Geschichte.
Der General und seine Kosakenkollegen seien keine "Ideen-Kämpfer" gewesen, sie hätten nicht mehr Überzeugung als ein Wetterhahn gehabt, giften dagegen sowjetische Veteranen. Die historischen Aufklärer erhalten in ihrem Büro an der Moskauer Twerstraße zahlreiche Drohanrufe. Wlassow-Leute und Kosaken-Überläufer seien für neun von zehn Russen immer noch Verräter, hat Archivchef Stanislaw Kompanez festgestellt.
Offizielle Aufklärung ist kaum zu erhoffen: Die Arbeiten an einer neuen zehnbändigen Enzyklopädie, die zum 50. Jahrestag des Sieges 1995 "alle Lügengebilde über den Großen Vaterländischen Krieg" (Iswestija) beseitigen sollte, sind vorerst eingestellt.
Es dauere "noch Generationen", bis man den Russen erklären könne, warum sich nach Hitlers Überfall ganze Truppenteile mit Musik auf die Seite des Gegners schlugen, glaubt der Moskauer Historiker Alexander Kolesnik. Resigniert hat der Autor mehrerer Wlassow-Bücher seinen Job am Militärhistorischen Institut aufgegeben.
Wie zu Sowjetzeiten säßen in seinem ehemaligen Institut "alle wie gelähmt an den Schreibtischen", Geschichtsinterpretation erfolge wieder ausschließlich "auf Weisung von oben".
Von der Obrigkeit wurde dem Popen Protopopow inzwischen die vollständige Rehabilitierung seines Vaters mitgeteilt: Die Verurteilung sei "illegal gewesen". Y
Hunderte ertranken beim Versuch, ihrem Schicksal zu entkommen
Für neun von zehn Russen sind die Überläufer Verräter

DER SPIEGEL 39/1994
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