11.01.1993

TransporteBehäbige Philosophie

Deutschlands Paternoster sollen aussterben. Mit einem eigenen Verein wollen die Fans des Umlauflifts das Verbot verhindern.
In der Hamburger Wirtschaftsbehörde steht der Rekord bei 14. Ohne den Paternoster anzuhalten, sprangen die Beamten der Abteilung Wirtschaftspolitik eineinhalb Meter tief in die Kabine, die nächsten schoben nach, Nummer 13 und 14 hangelten sich im letzten Moment in den Fahrkorb. Das ganze geschah - wie sonst? - nach einer feuchtfröhlichen Betriebsfeier im vergangenen Jahr.
Die Gaudi der Staatsdiener, die sich in der für zwei Personen zugelassenen Liftkabine drängelten, wird wohl einmalig bleiben. Schon in wenigen Monaten soll der Hamburger Paternoster seine letzte Runde drehen. Denn bis spätestens Ende 1994, so will es ein Gesetz aus dem Jahre 1988, sollen die Paternoster nach und nach stillgelegt werden.
Erst jetzt, vier Jahre nach dem Erlaß, erkennen Paternoster-Fans, wie nah das _(* In der Hamburger Wirtschaftsbehörde. ) Ende rückt. Mit Protestnoten, Unterschriftenaktionen und einem eigens gegründeten Verein wollen sie für die "Rettung der Paternoster" kämpfen.
In Hamburg haben 425 Mitarbeiter der Wirtschaftsbehörde mit ihrer Unterschrift zum Widerstand gegen die Verordnung aufgerufen. In Stuttgart, Köln und Berlin versuchen Denkmalschützer, die altertümlichen Gefährte als "bauhistorisch wertvoll" zu bewahren.
Eine "leider fehlende Lobby" will die Münchner Stadtbaurätin Christiane Thalgott, 50, dem Paternoster ihrer Behörde verschaffen: Für Anfang Februar plant sie zusammen mit Professoren der Technischen Universität, Bürgermeistern und Stadtpolitikern die Gründung eines "Vereins zur Rettung der letzten Paternoster". Thalgott-Mitarbeiter Cornelius Mager: "Jetzt ist Kampf angesagt. Sonst erlebt das gute Stück nicht mal seinen 100.Geburtstag."
Der wäre, laut Urkunde des Kaiserlichen Patentamts in Berlin, in Deutschland 1996 zu feiern. Schon 20 Jahre vor seiner Einführung im Kaiserreich wurde das "Vertikale Personen-Kabinen-Förderband" 1876 in England erfunden.
Weil das endlose Band der Kabinen sie an Rosenkränze zum Gebet von Ave Maria und Vaterunser erinnerte, nannten die ersten Benutzer das unheimliche Gerät Paternoster. Zu Beginn dieses Jahrhunderts mußten Arbeiter und Angestellte der Berliner Borsigwerke noch in getrennten Aufzügen fahren, erzählt Berlins oberster Denkmalpfleger Helmut Engel. Entsprechend tauften die Arbeiter den einen "Proletenbagger", den anderen "Bonzenheber".
Noch bis Ende der sechziger Jahre galt der Paternoster als ideales Beförderungsmittel in Bürohäusern, ehe er von modernen Aufzügen verdrängt wurde. 1972 beschloß die Bundesregierung, daß keine neuen "Personenumlaufaufzüge" mehr gebaut werden dürften, 1988 erging schließlich das Todesurteil durch Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU). Bundesweit gibt es noch knapp 400 Paternoster gegenüber mehr als 300 000 modernen Fahrstühlen.
Die Gründe für die Stillegung des Umlauflifts scheinen stichhaltig. Experten der Technischen Überwachungs-Vereine (TÜV) und des Deutschen Aufzugsausschusses verzeichneten lebensgefährliche Unfälle in den Paternostern. Häufig versuchten etwa Maler, die Kabinen mit ihren Leitern zu besteigen. Die Leiter verklemmte sich zwischen Fahrkorb und Schacht und sprengte oft ganze Kabinenwände in Stücke.
Solche "Abenteuer" lassen auch Deutschlands führenden Lift-Experten, Klaus Gareis von der TÜV-Bundesvereinigung, erschauern: "Durch menschliches Fehlverhalten" sei das Gefährt "viermal gefährlicher als jeder normale Aufzug", behauptet Gareis. Dank seines Gutachtens kamen Spezialisten des Deutschen Aufzugsausschusses zu dem Schluß, der Paternoster sei "wegen seiner besonderen Gefährlichkeit" durch moderne Anlagen zu ersetzen.
Dem 23 Mitglieder zählenden Ausschuß, in dem die Hersteller und Betreiber moderner Aufzugsanlagen immerhin 9 Vertreter stellen dürfen, entging bei seinem Lift-Urteil offenbar, daß die Unfallstatistik des TÜV-Experten Gareis in den Jahren 1977 bis 1986 in den damals noch 500 Paternostern lediglich 23 Unfälle mit Verletzten registriert, 3 Menschen starben dabei. Statistisch verletzt sich demnach in jedem Paternoster alle 250 Jahre ein Mensch.
Doch solche Zahlenspiele läßt Gareis nicht gelten. Der Paternoster müsse weg, schließlich habe man die Sicherheitsexperten sonst "als erste am Kanthaken, wenn dann doch was passiert".
Ausnahmen von dem Verbot sieht die deutsche Aufzugsverordnung zwar vor, aber nur, falls Aufsichtspersonal an den Einstiegen bereitsteht, ein Ersatzlift für Rollstuhlfahrer eingerichtet wird und sofern am Paternoster "ausreichende Sicherheitsstandards gewährleistet sind".
Diese Standards versucht der Prokurist Holger Kahl, 35, seit Monaten vergeblich von den Aufsichtsbehörden zu erfahren, um den Paternoster seiner Hamburger Reederei zu retten. Statt eindeutige Bedingungen mitzuteilen, ließ die Behörde Kahl wissen: _____" Leider sind weder das Amt noch der Deutsche " _____" Aufzugsausschuß in der Lage, Auflagen für einen " _____" gefahrlosen Betrieb zu nennen, da solche Auflagen für " _____" einen Aufzug, dessen Kabinen sich mit einer vorgegebenen " _____" Geschwindigkeit an den Zugangsstellen vorbeibewegen, " _____" nicht gemacht werden können. "
Ergo: Der Paternoster darf zwar unter bestimmten Bedingungen überleben. Aber die Bedingungen gibt es nicht.
Gegen derlei "Idiotie und Sicherheitsfanatismus" wollen die Initiatoren des Münchner Paternoster-Vereins Front machen. "Schließlich", so Mager, "kann man auch im Auto oder auf der Straße verletzt werden. Aber wer will Autos oder Fußgänger verbieten?"
Statt der "Normsucht" der Techniker wünscht sich die Hamburger Architektin Almut Blume-Gleim, 37, eine "Philosophie der Behäbigkeit": Das Rumpeln des Paternosters, der mit etwa einem Stundenkilometer seine Runden dreht, gebe den Menschen "Ruhe und eine positive Raumerfahrung". Auch der Berliner Engel will "mit dem Paternoster ein Stück Gemütspflege" erhalten. Schließlich könne man während der Fahrt "in aller Ruhe ein Vaterunser sprechen" und "über das Auf und Ab des Lebens" sinnieren.
Ähnlichen Müßiggang muß auch der Industrielle Berthold Beitz befürchtet haben, als er 1968 den Krupp-Konzern übernahm. Als erste Amtstat, so wird berichtet, ließ er den Paternoster der Firmenzentrale schneller stellen. Ein so gemächliches Tempo, urteilte Beitz, passe nicht in moderne Zeiten.
* In der Hamburger Wirtschaftsbehörde.

DER SPIEGEL 2/1993
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