17.02.1992

Ozonloch

Dunst aus den Rippen

Wie schnell gelingt der Ausstieg aus den FCKW? Die Versprechen der Politiker werden sich nicht halten lassen.

Mehr als 20 Millionen Tonnen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) hat der Mensch seit ihrer Entdeckung vor 60 Jahren in die Atmosphäre geblasen. Jahrzehntelang irren sie durch die irdische Lufthülle, bis sie in der Stratosphäre anlangen.

Dort fräsen sie, in 26 Kilometer Höhe, Löcher in die schützende Ozonschicht der Erde. Durch den löchrigen Schild strahlt krebserregendes UV-Licht ungefiltert auf die Erde.

Ein Ozonloch über Amerika und Europa - diese Schreckensvision der US-Raumfahrtbehörde Nasa war vorletzte Woche mitten in den gerade begonnenen amerikanischen Wahlkampf hineingeplatzt (SPIEGEL-Titel 7/1992).

US-Präsident George Bush, bisher hartnäckiger Bremser auf allen internationalen Ozonkonferenzen, präsentierte sich daraufhin als Vorreiter im Kampf um die Ozonschicht: Schon 1995, so versprach er, werde die amerikanische Industrie aus der FCKW-Produktion aussteigen, fünf Jahre früher als im Montrealer Protokoll von 1990 vereinbart.

Ebenso prompt reagierten die Politiker in Deutschland. In einer Aktuellen Stunde des Bundestages am Mittwoch letzter Woche forderte die SPD das Sofortverbot aller FCKW. Schon am Montag hatte Umweltminister Klaus Töpfer Vertreter der drei deutschen FCKW-Produzenten nach Bonn eingeladen: Hoechst (Jahresproduktion: 35 000 Tonnen), Deutsche Solvay (30 600 Tonnen) und das Chemiewerk Nünchritz (6000 Tonnen). Nach dem Gespräch verkündete der Minister, schon 1993, zwei Jahre früher als bisher geplant, werde die Bundesrepublik "weltweit das erste FCKW-freie Land sein".

Von diesem Traum jedoch wäre Deutschland selbst dann noch weit entfernt, wenn Töpfer sein Versprechen, bis 1993 aus der FCKW-Produktion auszusteigen, halten könnte.

Schrottplätze etwa werden noch jahrelang den FCKW F11 aus dem Schaum von Sitzen, Lenkrädern, Schaltknüppeln und Heckspoilern ausschwitzen; auch aus den Poren von Kühlschrankwänden, Dämmplatten und Rohrisolierungen dunstet das ozonkillende Gas. Aus den Rohren der Klimaanlagen und den Kühlrippen von Kühlschränken sickert, durch Lecks und erst recht beim Verschrotten, das Ozongift mit der Kurzbezeichnung F12.

Besonders bedrohlich sind die 11 000 Tonnen Halone, die in deutschen Feuerlöschern in Autos, Betrieben und bei der Bundeswehr lagern. Noch gibt es in ganz Europa keine Entsorgungsmöglichkeit für diese bromhaltigen Substanzen, die bis zu zehnmal mehr Ozon zerstören als die sogenannten harten FCKW F11 und F12.

Zwar gibt es erste Erfolge auf dem Weg zur FCKW-freien Welt. Aus den Spraydosen - ehedem Inbegriff der Gefahr für die Ozonschicht - sind die ozonschädigenden Treibgase fast vollständig verschwunden. Auch der Einsatz von FCKW in der chemischen Reinigung und in der Elektronikindustrie ist stark rückläufig.

Trotz dieser Fortschritte ist es unwahrscheinlich, daß Bush und Töpfer ihre Versprechen werden halten können. Gleichzeitig mit Bushs Erklärung veröffentlichten kalifornische Umweltorganisationen eine Studie, die nachweist, daß allein Armee und Rüstungsindustrie zwei Drittel der amerikanischen FCKW-Produktion verschlingen, unter anderem als Reinigungsmittel für die Elektronik. Solange es keinen gleichwertigen Ersatz dafür gibt, werden sich die Militärs, so ein Sprecher des Pentagon, allenfalls auf das Jahr 2000 als Ausstiegstermin einlassen.

Auch in Deutschland wird wohl nichts aus dem vorgezogenen Ausstieg werden. Der Töpfer-Plan sei "nur heiße Luft", wirft der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Müller dem Minister vor. Denn noch immer werden Jahr für Jahr mehr als 20 000 Tonnen des Ozongifts F11 zum Aufschäumen von Kunststoffen verbraucht. Der Einsatz von F12 als Kühlmittel hat sich sogar von 4000 Tonnen im Jahr 1986 auf 8500 Tonnen im letzten Jahr gesteigert - und bis heute ist kein Ersatzstoff auf dem Markt.

Dementsprechend hält die Chemie-Industrie den Ausstieg bis zum nächsten Jahr für fast unmöglich. "Über einen Zeitpunkt", erklärte ein Sprecher von Hoechst, sei mit Töpfer "auch gar nicht gesprochen worden".

Die FCKW-Produzenten schieben die Verantwortung auf ihre Kunden: Erst wenn die Hersteller von Kühlschränken und Dämmplatten auf Ersatzstoffe umsteigen, werde die FCKW-Produktion eingestellt. Zur Zeit aber sind die meisten der Ersatzstoffe noch in der toxikologischen Überprüfung. F123 zum Beispiel, eine Substanz, die F11 in Dämmstoffen ersetzen soll, erwies sich bei Ratten als krebserzeugend.

Viele der gegenwärtig erprobten Ersatzstoffe würden zudem weiterhin der Ozonschicht schaden: Auch die sogenannten teilhalogenierten weichen FCKW (für die es bisher keinerlei international verbindliche Ausstiegsregelung gibt) enthalten Chlor. Da sie sich weniger lange in der Atmosphäre halten als die "harten" FCKW, ist ihr Zerstörungspotential allerdings geringer.

Schließlich ist offen, ob sich auch die Entwicklungsländer dem sich anbahnenden Sinneswandel der Industrienationen anschließen werden. Für sie sieht das Montrealer Protokoll den Ausstieg bisher erst für das Jahr 2010 vor.

Gerade in der Dritten Welt jedoch liegt noch ein Zukunftsmarkt für die FCKW-Produzenten: So gehört bislang nur zu jedem zehnten chinesischen Haushalt ein Kühlschrank. Bis zur Jahrtausendwende, hat die chinesische Regierung versprochen, soll in jedem Haushalt ein Kühlschrank stehen.


DER SPIEGEL 8/1992
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