11.01.1993

„Ein Volk im Schweinestall“

Die Schamschwellen sinken, die Mordlust sprengt alle Grenzen: Im Kampf um Massenkundschaft setzt die Medienindustrie, vor allem Kino und Privatfernsehen, hemmungslos auf Obszönität und Gewalt. Kulturkritiker beklagen die „unübersehbare Brutalisierung der Gesellschaft“ und rufen den „moralischen Notstand“ aus.
Das moderne Leben ist ein Treibhaus der niederen Instinkte, und die neuen Helden im Medien- und Kulturbetrieb neigen zu ungezügelter Selbstverwirklichung.
Es sind Menschen wie Jim und Abby, amerikanische Singles, die sich für fernmündlichen Lustgewinn begeistern. Über ein einschlägiges Kontaktmagazin haben die beiden zueinandergefunden, nun tauchen die Telefonferkel hinab in einen Dialog über Sex und die Welt.
Sie erzählen einander von Reizwäsche und erotischen Träumen, Körperdüften und Liebhabern, suchen nach Kosewörtern für die weiblichen Brüste ("Nannies") und fürs Masturbieren. Jim nennt es bevorzugt "schrummeln" oder "fiedeln", Abby mag sich gern "einen abrubbeln", nestelt ausdauernd an ihrer "Klit" und meldet schließlich glücklich: "Ich bin feucht!" Er verzehrt sich nach ihren Schenkeln, und nach 187 Seiten haben sie so ergiebig geschrummelt, daß es zu einer bilateralen Entladung kommt.
Höflich spricht der Callboy Jim: "Danke, daß du diese Nummer angerufen hast!" Abby ist auch hoch zufrieden und bringt rasch "eine ganze Ladung Handtücher in die Wäsche". Beim nächsten Long-Distance-Sex, versprechen sie fest, wollen sie wieder "wie die Frettchen wichsen".
Das freudenreiche Keuchduett füllt einen neuen Roman des US-Schriftstellers Nicholson Baker: "Vox", so propagiert der Rowohlt Verlag, sei "ein unverklemmter erotischer Roman" und eine "lebensfrohe Auseinandersetzung mit Sexualität heute", ein Bestseller jedenfalls, der in diese Zeit paßt.
Sex, profitabel verzahnt mit spekulativer Gewalt, findet in den Massenmedien immer stärkere Verbreitung. In den Spielfilmen, vor allem amerikanischer Herkunft, wird nach Kräften kopuliert, gefoltert und gemordet. Neue Maßstäbe mit oralem Sex und Einblicken in den weiblichen Schambereich hat das lesbisch unterfütterte Drama "Basic Instinct" gesetzt, wo eine gefühlsarme Heroine ihre Bettgefährten mit dem Eispickel in die Ewigkeit hackt. Mit 4,5 Millionen Besuchern war die pornophile Totschlagsballade 1992 der erfolgreichste Film in deutschen Kinos.
Gewalt gehört zum Geschäft, in Standardfilmen wie dem US-Schocker "Friedhof der Kuscheltiere II", wo Menschen ihr Leben unterm Schlagbohrer aushauchen, ebenso wie in Hollywoods ambitiösen Werken. Künstler wie David Lynch oder Martin Scorsese zelebrieren nun eine Ästhetik des Grauens, die vor keiner Scheußlichkeit mehr zurückschreckt.
Der physischen Verrohung entspricht die sprachliche Verwilderung. In den Dialogen nistet dreist obszönes Vokabular, das in halbwegs zivilisierten Kreisen noch vor wenigen Jahren unaussprechlich war - "ficken" und "blasen", einst Fanfaren im Konzert der Schmuddelkinder, gehören schon fast zum gutbürgerlichen Sprachschatz.
Die Tendenz zur Barbarei ist deutlich erkennbar auch im ehedem so reinlichen deutschen Fernsehen. Mit dem Einzug der Kommerzbrüder haben sich neue Programmfarben entfaltet. Flächendeckend überziehen die Profiteure ihre Kanäle mit drittklassigen Action-, Kriegs- und Horrorfilmen. Mit den Mordsvergnügen "Killer-Krokodil", "Der Kampfgigant" oder einer "Schwarzen Mamba" sorgten sie vergangene Weihnacht für eine besonders christliche und besinnliche Sendefolge.
Reality-TV, frisch importiert aus den USA, zeigt echte oder nachgestellte Katastrophen und Kriminalfälle. Sex und Magazine für sensationslüsterne Voyeure haben Hochkonjunktur. "Ungewöhnliche Neigungen und Laster" enthüllt der Privatier Sat 1 in seiner Tele-Beichte "Ich bekenne". Zur Premiere begrüßte die Moderatorin einen Hersteller von Kinder-Pornographie. Die Kollegen von RTL überwinden beherzt alle Schamschranken mit der Intimitäten-Parade "Verzeih mir", in der verzankte Mitmenschen tränengetränkte Versöhnungsküsse tauschen.
Die Sat-1-Moderatorin Margarethe Schreinemakers empfängt in ihrem wöchentlichen Spanner-Klub "Schreinemakers live" bevorzugt Gäste wie den "Glücksrad"-Kollegen Peter Bond, der grinsend von seinem Vorleben als Beischläfer im Pornogewerbe berichtet, wo er seine Gespielinnen einst mit dem Stoßgebet "Und jetzt eine Temporunde, daß die Plunze kracht!" in den Höhepunkt peitschte.
Während Frau Schreinemakers sich den "haarsträubenden" Fertigkeiten eines "Schamhaar-Friseurs" widmet, wird im "Einspruch"-Tribunal des Kanalkameraden Ulrich Meyer das männliche Genital vermessen und erörtert, welche Ausdehnung erforderlich ist, um das penetrierte Weib in den vaginalen Vollrausch zu treiben.
Das sind Momente orgiastischer Schwatzhaftigkeit, die sogar der robusten Bild-Zeitung den scheinheiligen Aufschrei "Pfui, TV!" entlockten. Allerdings fühlen sich bei solchen Darbietungen auch gemäßigtere, kulturpessimistisch grundierte Zeitbeobachter in dem Eindruck bestärkt, sie lebten in einem medialen Tollhaus.
In allen Geschäftszweigen der Kulturindustrie, vor allem in den Leitmedien Fernsehen und Film, diagnostizieren und beklagen Sozialwissenschaftler, Psychologen und Politiker den Verfall zivilisierter Verkehrsformen. Eine "Spirale von Zynismus, Gewalt und Obszönität" entdeckt nicht nur der liberale, kirchliche Mediendienst "epd".
Bayerische Landfrauen sammeln Unterschriften für ein gesetzliches Verbot von Sex und Gewalt. Feuilletonisten und Sozialforscher debattieren leidenschaftlich über "Gewalt in der Kunst" oder die neue "Lust am Grauen". Die FAZ verflucht die "unübersehbare Brutalisierung der Gesellschaft" und findet es "an der Zeit, den moralischen Notstand" auszurufen.
Sogar dem kulturkritisch erwachten Bundeskanzler haben die "Grausamkeiten in den Medien die Sprache verschlagen". Die CDU verlangt deshalb für ihr neues Grundsatzprogramm "eine umfassende Medienethik". Die Landesmedien-Anstalten melden unterdessen erbost, private TV-Betreiber versuchten "unter dem Diktat der Einschaltquoten" immer häufiger, "die Grenzen des noch Erlaubten auszutesten".
Günther Rühle, Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, hat kürzlich von einem solchen Grenzübertritt berichtet, als er "nach Mitternacht auf Nachrichtensuche ging" und jäh "in die Ritzen eines bewegten Damenhinterns sah". Der Schock inspirierte den Akademiker zu dem sehnsüchtigen Essay "Erinnerung an den Kulturauftrag des Fernsehens". Solche nostalgischen Gefühle beschleichen auch weite Teile des deutschen Fernsehpublikums. In einer repräsentativen SPIEGEL-Umfrage beklagten 41 Prozent der Befragten, das Niveau der Programme habe sich seit Einführung der Privatkanäle und ihrer nudistisch umtriebigen "Männermagazine" deutlich verschlechtert.
Es hat ein herber Klimawechsel stattgefunden in der bürgerlichen Öffentlichkeit. Obszönität und extreme Brutalität, bislang streng geächtet, sind herangewachsen zu salonfähiger Unterhaltung - während doch gleichzeitig die verunsicherte, verstörte Menschheit die explosive Zunahme realer Gewalt gegen Ausländer, in Schulen, auf der Straße, in Fußballstadien und öffentlichen Verkehrsmitteln verdammt. Durch viele kulturkritische Köpfe geistert schon der _(* Im Frankfurter Schauspiel. ) apokalyptische Freudsche Lehrsatz: "Der Verlust des Schamgefühls ist ein Zeichen von Schwachsinn."
Unübersehbar ist ja, daß der aufgeklärte Mainstream-Deutsche mehrheitlich libertine Lebensart bevorzugt. Sittliche Regelverstöße und Provokationen werden eher cool und amüsiert zur Kenntnis genommen. Die Mittelstandsgesellschaft hat sich zu einer Interessengemeinschaft Nahrung und Genuß entwickelt. Sogar das schöngeistig entrückte Bürgertum, vordem eine Arbeitsgruppe verkarsteter Bildungsmimosen, hat permissives Wohlverhalten gelernt.
So muß es als Symptom für tiefgreifenden Sittenwandel gelten, wenn im Hamburger Schauspielhaus, bei einer Fellatio-Szene im Turrini-Skandalon "Tod und Teufel", die Premierengäste teilnahmslos im Gestühl verharren. Vor kurzem noch wären hypertonische Elbvorort-Matronen leichenblaß und würgend aus dem Parkett getaumelt.
Bundesweit erfreut sich der österreichische "Autor des Jahres", Werner Schwab, großer Beliebtheit, der in bösen, sprachwüsten Stücken Bühnenfiguren wie die Exhibitionistin Fotzi erfindet und ein Pandämonium aus Mord, Perversion, Kannibalismus und allen erdenklichen Scheußlichkeiten beschreibt.
Für zarter besaitete Kunstfreunde singt im St.-Pauli-Volkstheater "Schmidt" das possierliche Gesangsduo "Herrchens Frauchen" die umjubelte Hormon-Motette "Sperma ist ekelhaft und sieht auch nicht gut aus. Und wenn es auf den Teppich tropft, kriegt man''s nicht wieder raus".
Von minderem Frohsinn sind die Töne, mit der die harte Popmusik über ihre jugendlichen Fans herfällt. Rabiate Buben wie die "Böhsen Onkelz", eine Gruppe im Dunstkreis der Neonazis, hämmern Heavy Metal und brüllen dazu: "Wir zerspritzen dein Gesicht, wenn du auf die Fresse kriegst." Wie ein perlendes Erfrischungsgetränk wirkt dagegen die Tonkunst der Osnabrücker Spielgemeinschaft "Die angefahrenen Schulkinder", die zwar einmal einen führenden deutschen Safthersteller mit dem Schlachtruf "Tötet Onkel Dittmeyer!" erschrak, aber sonst ihre Fans mit philantropischem Liedgut wie "Gekackt" ergötzt: "Deine Mummel riecht nach Fisch, ich kack'' dir auf den Tisch."
Ein Streifzug durch die gedruckten Medien führt auch immer häufiger zu bemerkenswerten Fundstücken. Hamburgs Stadtzeitschrift Szene, ein durchaus anerkanntes Organ der Kulturpflege, überraschte ihre Leser mit der Überschrift "Arschficken ist nicht drin". Im Anzeigenteil sucht ein sexueller Freibeuter dringend eine "Freundin, für die Analverkehr einen Hochgenuß bedeutet". Ein "Masturbationsworkshop" ("mit Hausaufgaben") bittet um Zulauf zum Grundkurs "Ich befriedige mich selbst" - Handarbeit also, die der einsam erregte Mensch doch seit Jahrtausenden autodidaktisch bewältigt.
Stück für Stück sind so in der medial vernetzten, entmystifizierten Welt jene Gewalt- und Sexualtabus gefallen, die Gesellschafts- und Völkerkundler für Voraussetzungen des Zusammenlebens halten. Ohne "die Muster der zivilisatorischen Trieb- oder Lustbewältigung" könne keine Gesellschaft überleben, lehrte etwa der Soziologe Norbert Elias. Freud hielt moralische Restriktionen für unentbehrlich, "um die stärksten Gelüste der Menschen" im Zaum zu halten. Er pries ihre "sozialpsychologische Funktion" als "wirksame Einschränkung der Triebbefriedigung", die "ein geregeltes Leben" erst möglich mache.
Auch der Ethnologe und Kulturhistoriker Hans Peter Duerr sieht in einer "enttabuisierten Gesellschaft" eine lebensfeindliche Katastrophenlandschaft. "Die Frage ist allerdings", so Duerr in einem SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 170), "welche Formen der Repression notwendig sind und welche nicht."
Individuelle Verstöße gegen Verhaltensrichtlinien sind dem Ethnologen auch von archaischen Völkern geläufig. Von nordamerikanischen Prärie-Indianern wurden grob sittenwidrige Ausfälle enthemmter Rothäute überliefert, die bei nächtlichen Zeltüberfällen den Stammestöchtern an die Genitalien griffen. Ertappte Squaw-Schänder mußten allerdings damit rechnen, daß wachsame Mütter ihnen die Bäuche aufschlitzten. Freud beschreibt skurrile Tabus etwa bei den "Zulu-Kaffern", die Ehemännern den Umgang mit ihren Schwiegermüttern untersagten. Sobald ein manierlicher Zulu der Dame begegnete, mußte er "so schnell er kann davonlaufen". Restwirkungen dieser panischen "Schwiegermuttervermeidung" sind durchaus noch in der Neuzeit zu beobachten.
Doch während der vorindustrielle Tabuknacker danach trachtete, nicht erwischt zu werden, gilt in der medialen Massenkultur die Tabuverletzung als begehrte Trophäe: Sie stiftet Sensationen, ködert ein Multimillionen-Publikum und befriedigt damit die schönsten Umsatzerwartungen.
So sind in der modernen Gesellschaft die kapitalistisch organisierten Medien stilbildend für das Sozialverhalten geworden. Sie prägen Sprache, Konsum- und Partnerschaftsregeln. Sie sind die wahren Volkserzieher und Erben jener kulturellen Richtlinienkompetenz, die einst Kirche und Religion beanspruchten. Weltweit verändert die Kulturindustrie die Normen nationaler Geselligkeit. In Japan und Südkorea etwa, wo öffentlicher Zärtlichkeitsabtausch streng verpönt ist, knutscht die unorthodoxe Jugend neuerdings ostentativ auf offener Straße - Erosionen, die einheimische Soziologen eindeutig dem Einfluß westlicher Bildmedien zuschreiben.
Im fernen Abendland begann die Zerrüttung der herrschenden Sexualmoral schon in den fünfziger Jahren, etwa mit Hildegard Knefs nackter "Sünderin". 1963 kam Ingmar Bergmans skandalöses "Schweigen" in die Kinos. Der Bann, Gewalt im realistischen Detail zu zeigen, fiel mit Filmen wie Sam Peckinpahs Abschlachtfest "The Wild Bunch" (1969) - vielleicht einer der folgenreichsten und fatalsten Tabubrüche in der Menschheitsgeschichte.
Im Fernsehen, das bis dahin kaum mal einen entblößten Busen zu präsentieren wagte, erregte 1972 ein kopulativ ergiebiger ARD-Report über die "Sex-Rebellion der Neuen Linken" den Zorn des Bayernkurier: "Millionen Fernsehzuschauer wurden in ihren Heimen ahnungslos von diesem Schmutz überfallen." In Protestbriefen an die Intendanten geiferten Senioren: "Das deutsche Volk landet im Schweinestall!"
Davon waren auch deutsche Theater-Abonnenten überzeugt, denen 1976 der rebellische Peter Zadek einen "Othello" als blutiges Gemetzel zumutete, mit einer grellgeilen Desdemona, die im Bikini über die Bretter raste. Für landesweite Empörung sorgte sogar eine Stuttgarter Aufführung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", in der hinter der Bühne eine Toilettenspülung rauschte.
In der enttabuisierten Gegenwart hingegen erregen nur noch extreme Ärgernisse öffentliche Aufmerksamkeit, etwa der vermeintlich kinderschänderische "Babyficker"-Text des Schweizer Autors Urs Allemann, der sich freilich neben manchem neuen US-Roman wie windelweiche Laufstall-Poesie ausnimmt.
"American Psycho" von Bret Easton Ellis zum Beispiel liest sich wie die literarische Vorlage zum rüdesten Schlitzer-Video. Ellis beschreibt einen infernalischen New Yorker Börsenmakler, der in seiner Freizeit, nach obszönsten Sex-Orgien, die beteiligten Frauen häutet, grillt, bis ihre Brüste "explodieren", oder ihnen mit einem "Bolzenschußgerät einen Dildo tief in ihren Arsch nagelt". Danach öffnet der Broker ejakulativ entlastet die Fenster, "um den Raum durchzulüften".
Der gräßliche "Psycho"-Trip sorgte, trotz unverkennbar parodistischer Überspitzungen, selbst im hartgesottenen Amerika für pures Entsetzen. Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch vertreibt ihn als "bedeutendes Werk der Gegenwartsliteratur", als Anklage gegen die "epidemisch sich ausweitende alltägliche Gewalt und Pornographie". Das Verfahren erinnert an einen Feuerwehrmann, der seinen Brandherd energisch mit Benzin bekämpft.
Stärker noch als Kino, Pop oder gar Literatur durchdringt die allgegenwärtige Television das öffentliche Bewußtsein. Die Obszönität aus der Bildröhre freilich ist schon lange kein wütender Befreiungsschlag mehr, keine zornige Protestgebärde, sondern dient allein kommerziellem Ziel. Die Zote ist Handelsware, nur pubertärer Lachkrampf und Nervenkitzel im gewinnbringenden Vergnügungsfeldzug der Privatfernseher. Im Sat-1-Importsex "Mädchen - jung und lüstern" stellte sich die Frage: "Wer fickt die 60jährige mit den Hängetitten?" Studio-Zuschauerinnen mit kindlicher Freude am Herrenwitz kreischen ungestüm, wenn im vollidiotischen Männerstrip-Magazin "Ladies Club" die Moderatorin schelmt: "Schaut, wie schön die Banane vom Helmut steht!"
Anstandslos ist die Gossenprosa in die Häkeldecken-Reinlichkeit der kleinbürgerlichen Wohnstube eingedrungen. Und so mancher aufgeputschte Zuschauer verirrt sich dann offenbar in den Trugschluß, seine Gefährtin sei allzeit greifbares sexuelles Freiwild, wie etwa die Damen im Unterleibsjodler "Jagdrevier der scharfen Gemsen". Jedenfalls klagen, in Leserbriefen an die Programm-Presse, überlastete Ehefrauen, ihre Männer mutierten nach Sexfilmgenuß "zu Tieren auf zwei Beinen".
Schon zum Morgenkaffee wird der Frühaufsteher mit Sinnfragen erfüllter Geschlechtlichkeit, mit flammenden Bekenntnissen zu uneingeschränktem Hedonismus traktiert. Im Fernsehstudio verlangen sittlich so aufrechte Grüne wie Waltraud Schoppe nach schöner Pornographie und rufen angstfrei: "Ich bin geil!" - ein erfreulich verkehrsgünstiges Zeichen, das aber die Zone häuslicher Triebarbeit nicht verlassen sollte.
Kaum jemanden verwundert es noch, wenn die Sexual-Domina Erika Berger mit einem Exhibitionisten in Schweinemaske nützliche Tips zu effektiver Freilicht-Entblößung erörtert - obwohl doch die Ausbildung zum approbierten Frauenschreck nicht unbedingt im öffentlichen Interesse liegt.
Im unstillbaren Hunger nach Quoten und Moneten forschen die libertinistischen Medien fieberhaft nach brauchbaren Vertretern sexueller Kleingruppen, die zum wohligen Entsetzen der TV-Klientel über ihr bizarres Liebesleben plaudern. Beim Fernsehen, schreibt der Kritiker Uwe Kammann, "wächst auffällig das Bemühen, die Scham- und Intimitätsgrenzen so weit hinauszuschieben, daß immer neue Reizgruppen in den Vermarktungsprozeß einbezogen werden können".
Folgenlos verpufft die Mahnung des ZDF-Intendanten Dieter Stolte, "die Wirkungskraft der Medien" dürfe "nicht kritiklos den Marktgesetzen preisgegeben werden". Gerade das aber hält der Ethnologe Duerr für undurchsetzbar. Er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem galoppierenden "Schwund der Scham- und Peinlichkeitsstandards" in den westlichen Gesellschaftsformen und der herrschenden Konsum-Ideologie, die nur geschäftsförderndes "hemmungsloses Genießen" propagiert.
Die privaten TV-Scharfmacher freilich verweisen treuherzig auf menschenfreundliche Motive ihrer Programmgestaltung und fühlen sich für die "Debilisierung" (taz) des Endverbrauchers unzuständig. Sat-1-Chef Werner Klatten will "Freiräume für die Phantasie" seiner geistig verkümmerten Klientel schaffen. Sex, meint RTL-Boß Helmut Thoma, Erster Posaunist im Blasorchester der neuen Afterkünste, gehöre zur unverzichtbaren "Grundversorgung" des Triebwesens Mensch. Die tölpelhaften Öffentlich-Rechtlichen, höhnt er, "bevorzugen das Liebesleben der Seeanemonen".
Günter Struve, Programmdirektor der ARD, beteuert tatsächlich sympathisch altfränkisch, sein Anstaltsverbund bleibe traditionellem Anstand verbunden, mit "zarter Erotik" und der konstanten Weigerung, das verehrte, leider stetig schrumpfende Publikum "absichtlich zu verblöden". Der private Ansturm trifft die Öffentlich-Rechtlichen jedoch existentiell. Als "Tagesschau"-Chef hatte sich Gerhard Fuchs schon verzweifelt mit der artistischen Frage beschäftigt: "Sollen meine Sprecher die Nachrichten im Handstand verlesen?" und damit alle TV-Kunden beunruhigt, denen das Schicksal von Dagmar Berghoff und Werner Veigel nicht gleichgültig ist.
Vor dem elektronischen Wildwuchs hatten sich, vor Zeiten, bereits Legionen von Skeptikern gefürchtet, die vom Privatfernsehen gar nichts hielten - mit Blick aufs entfesselte Amerika, wo Kundschafter neben uferloser TV-Gewalt auch Kandidatinnen in Game Shows gesichtet hatten, die über die Beschaffenheit ihrer Busen ("Birne, Kürbis, Pfannkuchen?") Auskunft geben sollten.
"50 Morde pro Woche auf der Mattscheibe sind kein Ausdruck zusätzlicher Freiheit!" rief 1979 verängstigt der Sozialdemokrat Egon Bahr - eine wahrhaft anrührende Vision angesichts der Leichenberge, die sich nun tagtäglich auf dem deutschen Bildschirm türmen. 4000 Tote und rund 600 Gewaltverbrechen haben Medienforscher in einer normalen Fernsehwoche gezählt, aneinandergereiht ergäbe dies ein filmisches Blutbad von 25 Stunden.
Spitzenreiter mit täglich 20 Mordopfern ist bislang der Münchner Spielfilm-Kanal Pro 7, der sich aber auf seine "Grundverantwortung" besinnen und künftig verstärkt lebensbejahende Unterhaltungen ausstrahlen will. RTL-Frivolissimus Thoma, Programmpfleger zahlloser Killer und Messerstecher, bekundet freilich hartleibig: "Menschen sind doch keine Ratten, die auf einen Reiz mit einem Gegenreiz antworten."
Die Mediennutzer hingegen haben sich längst ein eigenes Urteil gebildet. 73 Prozent der Bundesbürger sind laut Umfragen fest davon überzeugt, daß die Enttabuisierung des Tötens in den Bildmedien nachteilige Wirkungen vor allem auf Kinder und Jugendliche hat.
Bestürzend wächst ja, vor aller Augen, die alltägliche Gewalt, die Rücksichtslosigkeit und Gefühlskälte in der Gesellschaft. Mörderische Neonazis machen Jagd auf Asylbewerber, Lehrer beklagen lebensgefährliche Aggressivität auf den Schulhöfen. Tierschützer berichten rat- und hilflos von hemmungslosen jugendlichen Folterern wie zwei hessischen Schülern, die Katzen die Ohren abrasierten und per Post an verhaßte Klassenkameradinnen schickten. Im Bordell verlangen prügelversessene Freier immer selbstverständlicher nach sadistischen Praktiken.
Beklommen fragen sich Soziologen, ob Medien wirklich nur unschuldige Spiegel realer gesellschaftlicher Grausamkeit sind - wie es Produzenten und Anbieter beschwören - oder ob sie selbst zu brutaler Praxis anstiften. Im Fall der Neonazis vermuten Beobachter wie die FAZ, daß die Totschläger erst mit ihren von der Television verbreiteten Gewalttaten "eine Identität, ein neues und gesteigertes Selbstwertgefühl" gewinnen. So erzeuge "das Fernsehen jene Wirklichkeit, über die es zu berichten vorgibt".
Die Wirkung fiktiver Gewaltdarstellung ist schwierig auszuloten. Verläßliche empirische Daten gibt es nicht, obwohl doch der Horror besonders in den siebziger Jahren Objekt großangelegter Feld-, Langzeit- oder Fallstudien war. Zwei Lehrmeinungen beherrschten die Debatte. Die Befürworter der Katharsis-Theorie, einerseits, vermuteten, Mordbuben aller Art sorgten beim Zuschauer für seelenhygienische Aggressionsabfuhr. Die Propagandisten der Stimulationsthese, andererseits, waren sicher, daß massive Brutalität die Gewaltbereitschaft schürt.
Ein engagierter Stimulant ist beispielsweise der Augsburger Pädagoge Werner Glogauer, der unverdrossen predigt, "mindestens jedes zehnte Gewaltverbrechen, das jugendlichen Tätern angelastet" werde, gehe "eigentlich aufs Konto der Medien". Bildschirm und Leinwand liefern "Impulse, Motive und Modelle", sagt Glogauer und nennt den Fall eines 20jährigen Kleinstadtbayern, der nach einem Kung-Fu-Film ein Mädchen vergewaltigte und erstach.
Doch mit solchen engstirnigen, monokausalen Erklärungen steht der aufrechte Lehrkörper wissenschaftlich allein. Die Sozialforscher betrachten das Übel differenzierter und neigen zu vorsichtigen Formulierungen. Sie sind mit dem Hamburger Medienkundler Will Teichert mehrheitlich der Ansicht, daß "permanente, trivialisierte Präsenz von Gewalt individuelle und gesellschaftliche Gewöhnungseffekte haben könnte". Wirkungen, die, vergleichbar mit dem Abbau der Ozonschicht, erst mit Verzögerung ihre bedrückenden Folgen zeigen.
Diese Abstumpfungskraft der Medienbrutalität fürchten auch die Experten des Bonner Jugendministeriums. Gewalt, so das Resümee einer Untersuchung über "Jugendschutz und Medien", werde als "soziale Selbstverständlichkeit" in der modernen Kultur verankert. Der epidemische Totschlag in den Medien nähre den "Glauben an die Angemessenheit aggressiver Problemlösung". Das Kommerz-TV zeigt überdies jugendgefährdende Spielfilme wie den Sex-Gewalt-Schocker "Katharina, die nackte Zarin" zu einer Zeit, in der Kinder noch massenhaft vor dem Fernseher sitzen - nach 23 Uhr bis zu einer halben Million 6- bis 13jährige.
Bisweilen präsentieren die Kommerzkanäle schon am frühen Abend blutspritzende Kostproben aus dem Nachtprogramm. Bei solchen Trailern geraten auch toleranteste TV-Kunden in Rage, die pazifistisch jeden "Laß jucken, Kumpel" über sich ergehen lassen, aber kompromißlos für die gewaltarme Sozialisation ihrer Nachkommen kämpfen. Die behördlichen Jugendschützer reagieren aber lediglich mit kraft- und folgenlosen "förmlichen Beanstandungen" und der flehentlichen Bitte um mehr "Sensibilität der Veranstalter".
Maßstäbe für die verstörenden Greueltaten setzt seit je die Kinowirtschaft, wichtigste Einkaufsquelle der Fernsehindustrie. Stetig ist auf der Leinwand die Erträglichkeitsgrenze für den ästhetisierten Blutrausch weiter hinausgeschoben worden.
Pionierarbeit leistete 1960 der Suspense-Guru Alfred Hitchcock mit seinem Motel-Thriller "Psycho", der den Beginn des modernen Horrorfilms markiert. Hitchcock freilich verabscheute den vulgären Schock und verzichtete noch darauf, den legendären Mord unter der Dusche en detail zu zeigen. Das Blut strömte gurgelnd in den Abfluß, die Messerstiche blieben unsichtbar. Hitchcock schätzte auch den kleinen, filigranen Tabubruch und brachte, erstmals im Hollywood-Kino, ein geräuschvolles Wasserklosett ins Bild.
Als die US-Filmindustrie 1968 ihre Selbstzensur, den sittenstrengen "Production Code", lockerte, kam eine neue, einfallsreiche Garde junger Regisseure zum Zuge, die sich von subtiler Spannung a la Hitchcock rasch entfernte. Drastisch wurde nun die brutale amerikanische Realität gezeigt, auf der Leinwand explodierte die Gewalt. Immer grausamer, immer direkter inszenierten die begabtesten Filmartisten ihre Horrorvisionen. Hollywood-Filme glichen nun mehr und mehr schauerlichen Zeitlupen-Orgien, in denen Menschen durchbohrt und zerhackt, erschlagen, erdrosselt und erschossen wurden.
Nach so vergleichsweise harmlosen Vorspielen wie den MP-Hinrichtungen in Arthur Penns "Bonnie und Clyde" schockte Martin Scorsese das Publikum 1976 mit dem psychopathischen "Taxi Driver", der das Lustpersonal eines New Yorker Bordells zur Hölle schießt. In "Kap der Angst", auch ein Opus mit erhöhten Blutwerten, zeigt Scorsese einen Sex-Unhold, der einer jungen Frau erst Fleisch aus der Wange reißt und sie dann bestialisch vergewaltigt.
Im fünffach Oscar-prämierten Irrendrama "Das Schweigen der Lämmer" von Jonathan Demme tobt ein kannibalistischer Massenkiller; der zweite Handlungsträger näht sich als modebewußter Lustmörder seine Bekleidung aus Frauenhaut. Ein weiterer Spezialist für exzessive Tötungsdelikte ist der Amerikaner David Lynch ("Twin Peaks"), der mit seiner gewaltdurchzogenen Love-Story "Wild at Heart" in Cannes die Goldene Palme holte. Als Rächerinnen greifen neuerdings auch eiskalte Frauen wie "Thelma und Louise" (Regie: Ridley Scott) zur Kanone, um einen Vergewaltiger zu entleiben.
Schon in nächster Zukunft wird diese künstlerisch hochwertige, aber moralisch fragwürdige Gewalt-Avantgarde auf dem normalen Dienstweg ins Fernsehen einziehen; zwar erst nach 23 Uhr, im Jugendverbot, doch via Videorecorder natürlich für jedes aufgeweckte Kind zugänglich. "Die permissiven Gesellschaften der westlichen Demokratien sind an eine Grenze geraten", resümiert in einem Gewalt-Essay die Süddeutsche Zeitung, "nun müssen sie herausfinden, welche Freiheiten sie sich noch nehmen können."
Melancholiker wie der junge Schweizer Schriftsteller Dante Andrea Franzetti sehen bereits verzagt die letzten Tage des Abendlandes heraufdämmern. Die kalt kalkulierten Tabubrüche, die "Brutalisierung des Lebens", die Gewalt als "letzte Fluchtmöglichkeit aus einer Hölle der emotionalen Entfremdung" werden "die europäischen Gesellschaften in den Abgrund" stürzen. So verheißt es der Poet in einem Essay der Zürcher Weltwoche.
"Der Mensch", schreibt er düster, "hat den Respekt vor sich selber verloren."
* Im Frankfurter Schauspiel.

DER SPIEGEL 2/1993
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