11.01.1993

SyphilisBöse Plattern

Haben die Matrosen des Columbus die Syphilis aus Amerika eingeschleppt? Oder war die Lustseuche doch schon vorher in Europa heimisch?
Ganz vorsichtig, mit dem Pinsel in der Hand, haben drei Archäologen am Meerbusen von Tarent ein altes Geheimnis gelüftet. Beschattet von 15 dorischen Säulen, holten sie auf dem historischen Friedhof des ehemals griechischen Städtchens Metaponto aus staubtrockener Erde einige hundert Knochen ans Licht, die dort vor zweieinhalbtausend Jahren zur ewigen Ruhe gebettet worden waren.
Jetzt zeigt sich: Die alten Griechen starben jung. Jeder zehnte erlag der Lustseuche Syphilis.
Bisher galt die Geschlechtskrankheit, wie der Tabak, die Kartoffel und der Truthahn, als ein Geschenk der Neuen Welt, 1493 importiert durch die Matrosen des Amerika-Entdeckers Christoph Columbus. Die typischen Veränderungen der exhumierten Knochen, so verlautbarten die Forscher nun in der vorsichtigen Sprache der Wissenschaft, ließen sich am ehesten durch eine "Treponema"-Infektion erklären.
Diese korkenzieherförmigen Mikroben, auch "Spirochäten", "Schrauben-Bakterien" oder "Drehfäden" genannt, wurden 1905 erstmals unter dem Mikroskop gesichtet. Ihr Vertreter "Treponema pallidum", die blasse Schraubenmikrobe, ist der Erreger der Syphilis.
Diese Krankheit hat im Mittelalter ganze Regionen entvölkert, die lustvolle Kultur der öffentlichen Badehäuser zerstört, Kriege entschieden, Millionen Namenlose und viele Prominente weit vor der Zeit das Leben gekostet. An der Syphilis starb 1523, nur 35 Jahre alt, der Reichsritter Ulrich von Hutten, Mitverfasser der "Dunkelmännerbriefe".
Die Seuche tötete 1568 auch Maria d''Aragona, die vielen Verehrern als schönste Italienerin der Zeit galt. Bei beiden ist die Todesursache inzwischen zweifelsfrei belegt. Andere Prominente - darunter Friedrich Nietzsche, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, Franz Schubert und König Ludwig II. von Bayern - sind höchstwahrscheinlich der Seuche erlegen.
Bei Maria d''Aragona wurde die Infektion vor drei Jahren - 421 Jahre nach ihrem Tod - sowohl durch einen modernen Gewebetest ("Immunfluoreszenztechnik") als auch durch Elektronenmikroskopie bewiesen. Das Skelett des Reichsritters und Humanisten Hutten, auf der Insel Ufenau im Schweizer Zürichsee entdeckt, zeigt die für Syphilis typischen Knochenveränderungen: Verdickungen an den Enden von Elle, Speiche, Schienbein und den großen Röhrenknochen des Oberschenkels.
Diese Strukturänderungen sind charakteristisch für das dritte und letzte Stadium der Geschlechtskrankheit. In Metaponto wurden sie an 32 ausgegrabenen Knochen nachgewiesen. Außer durch die Syphilis-Spirochäten können die Verformungen auch durch andere chronische Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Lepra und Pilzbesiedlung entstehen. Für diese Leiden, teilte Joseph C. Carter, Archäologe der Universität von Texas in Austin und Leiter der italienischen Exhumierung im Fachblatt National Geographic mit, fand sich jedoch "kein Hinweis". Ganz im Gegenteil: Auch an 16 Schädeln entdeckten die Wissenschaftler die für Syphilis typischen Deformierungen; bei etlichen Toten waren Gebiß und Gaumen durch die Infektion in charakteristischer Weise zerstört.
Denn die Syphilis - deutscher Name: "harter Schanker" - straft den Menschen nicht nur, wie das Papst Leo XII. noch im vorigen Jahrhundert hoffte, an dem "Glied, mit dem gesündigt wurde".
Die Spirochäten, auf dem Blutweg fortgetragen, können alle Gewebe akut oder chronisch entzünden. Entsprechend vielgestaltig ist das Krankheitsbild. Im ersten Stadium bildet sich ein erbsgroßer, harter Entzündungsherd ("Primäraffekt") am Genitale, der von allein vergeht.
Die zweite Leidensperiode, zwei bis drei Monate später einsetzend, zieht vor allem Haut und Schleimhäute in Mitleidenschaft. Stadium drei, die "Spätsyphilis", verschont, wenn sie auftritt, kein Organ. Neben den Knochenveränderungen sind die Entzündungen der Nervenzellen und der Blutgefäße besonders gefürchtet.
Der Verlauf des Leidens ist nicht vorauszusehen. Syphilis kann rasch fortschreiten oder (bei immerhin 70 Prozent der Infizierten) von allein ausheilen. Seit es Penicillin gibt, ist die Krankheit ohnehin in jedem Stadium heilbar. Doch auch ohne wirksame Therapie hat sie in der Vergangenheit mal mehr, mal weniger schlimm gewütet.
1495, auf dem Reichstag zu Worms, gab Kaiser Maximilian im "Gotteslästeredikt" seinem Schrecken beredt Ausdruck. Das Land werde von solch "bösen plattern" heimgesucht, "die vormals bey menschen gedechtniss nye gewesen noch gehört sein". Gemeint war die Syphilis, die mit den Desperado-Seeleuten des Columbus zwei Jahre zuvor in Spanien und Portugal an Land gekommen war. In Mittelamerika, so beweisen Grabfunde, war das Leiden weit verbreitet. Daß die importierten Spirochäten damals besonders dramatische Krankheitsverläufe bewirkten, ist unbestritten. Zwischen Primäraffekt und Tod lagen oft nur ein, zwei Jahre; heute beträgt diese Frist, falls das Leiden fehldiagnostiziert und deshalb unbehandelt bleibt, 20 bis 30 Jahre.
Die amerikanischen Mikroben, wahrscheinlich eine besonders aggressive Spirochätenvariante, trafen bei den weißen Matrosen offenbar auf ideale Bedingungen - ein gänzlich unvorbereitetes körpereigenes Abwehrsystem, das Syphilis-Spirochäten zuvor nie begegnet war. Umgekehrt waren die zutraulichen Einwohner der Karibik vor Columbus noch nie mit Grippe, Masern _(* Aus einem Grab des antiken Friedhofs ) _(von Metaponto. ) und Pocken in Kontakt gekommen - sie starben an diesen Virusinfektionen, so die Heimkehrer, "wie die Fliegen".
Weil sich das Gleichgewicht zwischen Bakterien und menschlichem Organismus im Lauf von Generationen immer wieder neu einpegelt, wandelt sich auch die Seuchenlage. Im vorchristlichen Metaponto, so bewiesen die Ausgrabungen, war Syphilis nur eine und wahrscheinlich nicht einmal die schlimmste Plage. Die Einwohner - damals Teil der griechischen Hochzivilisation - litten häufiger noch an Malaria, Karies und Mangelernährung. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Erwachsenen betrug 40 Jahre. Nur Pythagoras, Erfinder des Lehrsatzes a2 + b2 = c2, der um 480 v. Christus in Metaponto starb, soll 80 oder gar 90 Jahre alt geworden sein.
Welchen Weg die Syphilis um den Erdball genommen hat und wo sie in grauer Vorzeit entstanden sein mag, ist unter den Experten umstritten. Schwedische Archäologen sind sicher, daß die rauhbeinigen Wikinger die Seuche schon im 11. Jahrhundert, lange vor Columbus, von irgendeiner großen Fahrt mitgebracht haben. Rund 100 Wikinger-Skelette mit den syphilistypischen Knochenveränderungen fand man in einer alten Kirche bei Lund in Schweden. Auch auf der dänischen Insel Fünen sind uralte syphilitische Knochenreste ausgegraben worden.
Für die springflutartige Verbreitung des Leidens zu Columbus'' Zeiten wird die abrupt angestiegene Mobilität verantwortlich gemacht: Söldner und Marketenderinnen zogen durch Europa, immer auf der Suche nach einem kleinen Krieg, großer Beute und schneller Liebe. Außerdem wurden in jener Zeit auf päpstlichen Befehl hin die Asyle der Leprakranken aufgelöst.
Aus den "Leprosorien" auf die Straße gesetzt wurden dabei auch die Syphilitiker, denn Lepra und den harten Schanker konnte man seinerzeit noch nicht auseinanderhalten.
Den "ultimativen Test" wollen die Archäologen von Metaponto demnächst vornehmen. Aus den Knochen der alten Griechen sollen, wie bei der schönen Maria d''Aragona, Antikörper extrahiert werden, die der Mensch zur Abwehr der Syphiliserreger bildet. Erst dann, durch das Zeugnis der Molekularbiologen, wird die späte Diagnose endgültig feststehen.
* Aus einem Grab des antiken Friedhofs von Metaponto.

DER SPIEGEL 2/1993
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