19.12.1994

KircheSieg des Hinterteils

Ein klerikaler Zukunftsroman ist unter kritischen Katholiken zum Kultbuch geworden.
Wenn der Gottesmann Roland Breitenbach, 59, in den Urlaub geht, nimmt er das meist wörtlich. Auf Fußmärschen, am liebsten wochenlang, erholt er sich von den Mühen des Gemeindealltags und meditiert über die Weisheit des Heiligen Stuhls. So pilgerte der robuste Schweinfurter Pfarrer 1989 über 1500 Kilometer durch Frankreich und Spanien zum Grab des heiligen Jakobus nach Santiago de Compostela.
Auf dem 42tägigen Marathonmarsch über die Pyrenäen kam ihm seine "beste Idee": Er wollte einen verteufelt realistischen "kirchlichen Zukunftsroman" schreiben, um Sprengstoff wider Papst und Klerus zu zünden.
"Der kleine Bischof" war geboren, eine revolutionäre Figur*. Der undankbare Pfarrer Oliver Maß, der im Jahr 2000 überraschend Bischof von Würzburg wird, entwickelt sich zum Stachel im Fleisch des Vatikans: Er verzichtet auf Mitra und Stab und zieht aus dem bischöflichen Palais in eine einfache Wohnung am Stadtrand Würzburgs, er weigert sich, zölibatsbrechende Pfarrer abzuberufen, und entschuldigt sich gar bei Schwulen für die jahrhundertelange Kirchenausgrenzung.
Zuerst tauchte dieser Robin Hood vom Steigerwald häppchenweise im Blättchen der Schweinfurter 1400-Seelen-Gemeinde St. Michael als "aktueller Fortsetzungsroman" auf. Dann gab Breitenbach, von seiner Gemeinde ermutigt, die Serie als Buch heraus. Innerhalb von fünf Tagen war die erste Auflage (5000 Exemplare) vergriffen.
Mittlerweile hat sich "Der kleine Bischof" klammheimlich zum Kultroman der Katholikenszene entwickelt: Über 100 000 Exemplare sind verkauft, obwohl der Verlag keinerlei Werbung betreibt. Den Erlös des kleinen Bestsellers spendet Breitenbach vollständig der von ihm gegründeten Arbeitsloseninitiative "1,5 Prozent", in der eine Gruppe von Kirchenmännern Arbeitsplätze finanziert.
Die Leserschaft besteht laut Breitenbach vorwiegend aus "erbosten Pfarrern und Menschen, die unter der Kirche leiden" - eine offenbar wachsende Gruppe. Auf Lesereisen durch katholische Pfarrsäle und Volkshochschulen erntet der wortgewaltige Priester Beifallsstürme. In einer schlichten Sprache, die auch von einfachen, arglos gläubigen Gemütern verstanden wird, tritt der geistliche Provokateur als Provinzausgabe von Eugen Drewermann auf.
Seine Spezialität sind deftige Attacken auf die Amtskirche: "Die kirchliche Sexualmoral ist unglaubwürdig und menschenfeindlich, die bischöflichen Konferenzen ergeben nicht viel anderes als den Sieg des Hinterteils über den Geist, der Vatikan _(* Roland Breitenbach: "Der kleine ) _(Bischof". Reimund Maier Verlag, ) _(Schweinfurt; 216 Seiten; 26,80 Mark. ) ist zu einem Instrument der Macht entartet, das das Gewissen der Christen und der Seelsorger um jeden Preis zum Schweigen bringen will. Die päpstliche Moraltheologie stammt aus dem letzten Jahrhundert."
Solche Sätze machen Ärger. Schon maulen Schweinfurter Pfarrer über den Gottesdiensttourismus. Ihre Schäfchen strömen lieber zum Kollegen Breitenbach in dessen ungewöhnlich gutbesuchte Sonntagsmessen. 800 bis 1200 Christen kann der Romancier allsonntäglich begrüßen, das weckt den Neid der geistlichen Konkurrenz.
Um anonymen Denunzianten und bischöflichen Disziplinierungen vorzubeugen, greift der clevere Breitenbach zu einer List. All seine Bücher und Artikel schickt der renitente Pfarrer vorsorglich seinem Bischof Paul-Werner Scheele, der den widerborstigen Reformator bislang kommentarlos gewähren läßt.
Dafür melden sich die Fans des kleinen Bischofs mit hymnischen Erklärungen: "Es ist die freie Luft des Evangeliums, die wir endlich atmen dürfen . . . Der kleine Bischof ist für mich wie der kleine Prinz von Saint-Exupery. Von dieser Unschuld und Zartheit geht eine Kraft aus, die mein Leben bestätigt . . . Hätte ich es früher gelesen, wäre ich vielleicht nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten . . . Ich bin gespannt, wann Ihnen der Vatikan die Rübe abhackt."
Noch ist es nicht soweit, noch wiegt sich Breitenbach dank seiner vollen Kirche in Sicherheit: "Mein Bischof ist kein Dyba. Mit dem Herrn aus Fulda würde ich ernsthaft Ärger bekommen."
Er dichtet weiter. 20 Werke, vom Kinderbuch bis zum Eheführer, mit einer Gesamtauflage von 300 000 hat der spätberufene Vielschreiber seit 1984 veröffentlicht. Seine klerikale Phantasie "Eine kleine weiße Feder" beispielsweise handelt von Papst Petrus II., der im Jahr 2011 Rom demonstrativ verläßt und im peruanischen Lima eine Gegenkirche aufbaut, weil der Vatikan zu einem "Museum und schwerwiegenden Hindernis bei der Neuorientierung der Kirche" geworden ist.
Köstliche Zukunftsvisionen für Breitenbach, der sich auf keinen Fall aus seiner Kirche hinausekeln lassen will. "Wenn ich hinwerfen würde, gäbe es einen Skandal, aber nach ein paar Wochen wäre alles wieder vergessen. Den Gefallen tue ich dem Kirchenapparat nicht."
Zumal der Mann noch an Wunder glaubt: "Unsere Kirche St. Michael ist ein grauer Betonwürfel, der jetzt nach 30 Jahren bröckelt. Vielleicht zeigen auch die Betonköpfe in Rom langsam Risse." Y
* Roland Breitenbach: "Der kleine Bischof". Reimund Maier Verlag, Schweinfurt; 216 Seiten; 26,80 Mark.

DER SPIEGEL 51/1994
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