03.01.1994

FischfangKRIEG DER NETZE

Auf den Weltmeeren ist ein ruinöser Wettbewerb entbrannt. Rasch wachsende Fischereiflotten holen immer weniger Fisch aus dem Wasser. Meeresbiologen melden einen rapiden Kabeljauschwund im Atlantik. In der Deutschen Bucht sind Scholle und Seezunge nahezu „wirtschaftlich ausgerottet“.
Mit sich aufbäumendem Bug kreuzte die "Walther Herwig" vor der grönländischen Küste. 137mal senkte sich das Schleppnetz in vorherbestimmte Planquadrate. Dann wurde die zappelnde Beute gezählt, vermessen und wieder über Bord geworfen.
Sieben Wochen dauerte die Seefahrt, lustig war sie nicht. Als der 77 Meter lange Stahlpott der Bundesforschungsanstalt für Fischerei Ende Oktober letzten Jahres wieder in Bremerhaven einlief, stiegen zehn bedripste Meeresbiologen von Bord. Fahrtenleiter Hans-Joachim Rätz, 37: "Es war praktisch kein Fisch da."
Die Fluten vor Grönland, bislang ein Eldorado für Kabeljau und Rotbarsch, sind verwaist. Nur 400 Kabeljaus holten die Wissenschaftler bei ihren Testfängen aus dem Wasser, 40 000 waren es noch vor sechs Jahren gewesen.
Noch trüber sieht es in den deutschen Küstengewässern aus. Seit Jahrhunderten stellen niedersächsische Kutter Plattfischen nach. Bei Nacht pflügen sie mit schweren Grundschleppnetzen ("Baumkurren") über den Meeresboden der Deutschen Bucht. Im letzten Jahr wirbelten sie fast nur Modder auf. Ausbeute: 101 Tonnen Scholle, 309 Tonnen Seezunge - weniger als je zuvor.
Leere Netze auch an Mecklenburgs Gestaden. Die Ostseefischer kämpfen um die Existenz. Ihr Brotfisch ist verschwunden. "Der Dorschbestand in der Ostsee", sagt Wolfgang Hagena vom Fischereiamt Bremerhaven, "ist total kaputtgefahren worden."
Ob Sprotte oder Rotbarsch, Seehecht oder Lachs, an allen Fronten meldet das Grätengewerbe empfindliche Ertragsrückgänge. Vor allem die nordeuropäischen Gewässer zwischen Island, Grönland und den Britischen Inseln sind stark überfischt.
Selbst die schier unerschöpflich scheinenden "Grand Banks" sind verödet. Noch vor vier Jahren warf das riesige Flachwassergebiet vor der Küste Neufundlands Hekatomben an Kabeljau ab. Dann kam der Zusammenbruch. Seit Juli 1992 herrscht Fangverbot. Die kanadische Fischindustrie mußte 30 000 Arbeiter entlassen.
Auf einer Fläche von 360 Millionen Quadratkilometer Ozean ist ein ruinöser Wettbewerb entbrannt, ein Weltkrieg der Netze. Drei Millionen Fangschiffe operieren mittlerweile auf den Ozeanen. "Das Resultat", sagt der kanadische Fischereiminister Ross Reid, "ist vorhersehbar und desaströs".
Im Sommer letzten Jahres trommelte die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft in New York zu einer Krisensitzung, um das ganze Ausmaß der maritimen Plünderung anzuzeigen. In 9 der 17 weltgrößten Fanggründe gehen die Bestände "ernsthaft zurück", 4 sind "wirtschaftlich erschöpft", die restlichen "voll ausgebeutet".
Mit Echolotverfahren wird den Schwärmen nachgestellt, Satelliten verfolgen ihre Wanderungen und versuchen, neue Fischgründe ausfindig zu machen. Japanische Supertrawler marodieren vor Gambias Küste, die Russen ziehen mit ihren Flotten bis nach Südgeorgien, einer Insel im Südpolgebiet.
81 Millionen Tonnen Meerestiere wurden 1991 weltweit angelandet - weniger als in den Vorjahren. Obwohl sich immer mehr Nationen an der Hatz beteiligen, sinken die Erträge. Die Reproduktionskraft des Riesenbiotops Weltmeer scheint erschöpft.
Ein Ende der Raubzüge ist nicht abzusehen. Neun der zehn größten Weltstädte liegen am Meer. Die halbe Menschheit lebt an der Küste. Die Fischindustrie rechnet für die nahe Zukunft mit einem globalen Bedarf von 200 Millionen Tonnen Fisch.
Vor allem die Entwicklungsländer träumen vom billigen Eiweiß aus dem Meer. Traditionell große Fischfangnationen wie Frankreich und Großbritannien tauchen unter den 20 weltführenden Anlandern nicht mehr auf. Fernöstliche Fahnen wehen auf den Supertrawlern.
Der fulminanteste Aufstieg gelang den Chinesen. Nachdem das Land sein Hausmeer, das 1,2 Millionen Quadratkilometer große Ostchinesische Meer fast leergefegt hatte, stieg es 1985 in die Hochseefischerei ein. Heute verfügt China über 300 Großtrawler und zahllose Kutter. Mit 13,1 Millionen Tonnen Eigenanlandungen hat die gelbe Armada die Fischfangweltmeister Japan (9,3 Mio. Tonnen) und die ehemalige Sowjetunion (9,2 Mio. Tonnen) auf die hinteren Plätze verwiesen.
Andere Drittweltländer wollen dem Beispiel folgen. Unterstützt von Entwicklungsfonds, wechselt Indonesien seine Fischerboote derzeit gegen eine moderne High-Tech-Flotte aus. Indien läßt 20 neue Fangschiffe bauen. Der Iran, bislang ein Nobody im Fischereigewerbe, will in Zukunft jährlich zwei Millionen Tonnen Leuchtsardinen aus dem Arabischen Meer holen. Derzeit sind 43 Fangschiffe im Bau.
Mit Quoten und Reglementierungen versuchen supranationale Organisationen wie die Uno zwar Höchstfangmengen, Maschenweiten und Schiffsgrößen vorzuschreiben. Doch mindestens 50 Prozent aller gefangenen Fische werden nie in einer Statistik erfaßt. Auf rauher See herrschen andere Gesetze.
Beispiel: Die Treibnetzfischerei. Weil sich in den "Mauern des Todes", die wie gigantische Gardinen durchs Wasser schweben, Seevögel und Delphine verheddern, beschloß die Uno, die Treibnetzfischerei zu verbieten. Beachtet wird das Januar 1993 in Kraft getretene Moratorium kaum: *___Nach wie vor fangen rund 800 italienische Fischdampfer, ____zumeist Sizilianer, mit Treibnetzen Thun- und ____Schwertfisch. *___Im Mai letzten Jahres sichtete das Greenpeace-Schiff ____"Rainbow Warrior" 55 Taiwan-Schiffe, die mit ____Todesvorhängen im Schlepp durch die Arafura See ____(zwischen Neuguinea und Australien) stachen. *___Besonders keck gab sich ein koreanischer Korsar, der ____mit einem 90 Kilometer langen Treibnetz im Mittelmeer ____auftauchte, ein Gebaren, das den Meeresforscher Mike ____Ridell an "mittelalterliche Piraterie" erinnert.
"Letztlich sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen", sagt der CDU-Abgeordnete und Fischereiexperte Peter Carstensen. Doch von einem "vernünftigen Fischereimanagement", wie es Meeresbiologen seit langem fordern, ist nichts zu sehen.
Jedes Jahr treffen sich Dutzende von Biologen des "Internationalen Rats für Meeresforschung" in Kopenhagen und schlagen für jede Fischart in EU-Gewässern - meist zu üppig angesetzte - Höchstfangmengen vor. In Brüssel werden die Quoten noch einmal nach oben korrigiert und dann nach einem bestimmten Schlüssel auf die Mitgliedsländer verteilt.
In Wahrheit ist die komplizierte Bestandschutz-Bürokratie ein aufgeblähter Popanz. Die deutschen Fischer hätten im letzten Jahr nach EU-Vorgaben 2285 Tonnen Seelachs fangen dürfen. Angelandet wurden aber nur knapp 1000 Tonnen - mehr gab das Meer nicht her. "Die deutsche Hochseefischerei", sagt der Fischereiexperte Hagena, "läuft mit Riesenschritten ins Chaos."
Außerhalb der Gewässer der Europäischen Union geht es noch wüster zu. Die internationale Hochseefischerei funktioniert nach dem Prinzip verbrannte Erde. Wo Beute winkt, wird so lange gekascht, bis die Fluten entvölkert sind. Erschöpfen sich die Fischbestände (Fachwort: "Wirtschaftliche Ausrottung"), dampfen die Trawler zu neuen Ufern.
Letztes Opfer der Fangflotten ist der Pollack im Ochotskischen Meer. Unter der Gier der Fischstäbchenindustrie trieben die Russen einen hemmungslosen Raubbau an diesem Speisefisch. Außerhalb der 200-Seemeilen-Zone bedienten sich zudem Polen, Japaner, Vietnamesen, Nord- und Südkoreaner am Pollack.
Im letzten Jahr kam der rapide Knick. Die Russen zogen die Notbremse und riefen alle Beteiligten zur Krisensitzung nach Wladiwostok, um ein Fangverbot durchzudrücken.
Schuld an solchen Ausrottungsaktionen ist die Schlagkraft der modernen High-Tech-Fischerei. Die Zeiten, als windgegerbte Knotenpuhler singend ihre Netze ins Frischnaß senkten oder - wie von Hemingway beschrieben - sich mythische Kämpfe mit der niedrigsten Klasse der Wirbeltiere lieferten, sind vorbei.
Heute durchpflügen PS-Monstren die See und ziehen riesige Grund- und Ringwadennetze hinter sich her. Kaum an Bord, plumpsen die Tiere auf Fließbänder, werden ausgenommen und eingefroren. Jungfische und Nebenfänge verschwinden in Mahlschnecken und enden als Fischmehl. Das größte Schleppnetz, konstruiert von den Isländern, hat eine Öffnung, in die zwölf Jumbo-Jets passen.
Weil die Erträge trotz Fischortungssystemen und Meganetzen sinken, steigen die Meeresjäger zunehmend auf exotische Grätentiere um. Einige EU-Fischer stellen dem häßlichen Grenadierfisch, genannt Rattenschwanz, nach, andere dem antarktischen Bändereisfisch und dem Blauen Wittling, Fischarten, die vor 20 Jahren noch verschmäht wurden.
Die Amerikaner haben den Verzehr von Hai seit 1980 verfünfzigfacht. Meist wird die Ware als Filet, Steak oder, wie in Deutschland, als sogenannte Schillerlocke angeboten, um dem Konsumenten nicht den Appetit zu verderben. "Was häßlich aussieht", sagt ein Fachmann, "wird filetiert."
Mittelfristig - darin sind sich die Experten einig - wird die Kiemenatmer jenes Schicksal ereilen, das die Landtiere schon vor Jahrtausenden erlitten: Domestikation, Mast und kontrollierte Aufzucht. Bereits 1990 lagen die Erträge der Aquafarmen bei weltweit 15 Millionen Tonnen.
Immer mehr Arten werden in die marinen Zuchtprogramme integriert. Spanien schafft derzeit mit EU-Zuschüssen große Anlagen für Steinbutt, Wolfsbarsche und Meerbarben. Die indonesischen Inseln Java und Sulawesi sind mit über 20 000 Garnelenteichfarmen überzogen. Selbst der bis zu 85 Kilogramm schwere Rote Thunfisch läßt sich in Seekäfigen päppeln. Entsprechende Versuchsprogramme sind in Neuseeland angelaufen.
Zugleich weicht die Fischindustrie auf glitschiges und ekliges Meeresgetier aus. Die russische Firma Wega lud deutsche Fischmanager jüngst zu einem Testessen nach Murmansk. Fritierte Pilgermuscheln (genießbar ist nur der Schließmuskel), Seegurken und Wellhornschnecken wurden den Gästen vorgesetzt, dazu gesalzene Rogen vom Seeigel.
Die größte Hoffnung, die leeren Netze wieder zu füllen, bündelt sich unter dem Stichwort Tiefseefischerei. Hinab soll es gehen in jene lichtlosen marinen Abgründe, wo, bislang verschont, allerlei merkwürdiges Kiemengetier lebt.
Im antarktischen Raum wird mit über 1000 Meter messenden Langleinennetzen dem Schwarzen Seehecht nachgestellt. Auch der Kohlenfisch im Golf von Alaska wird mit kilometertief reichenden Fallen erbeutet.
Besonders im Visier haben die Experten den Kaiserbarsch (Orange Roughy), einen großmäuligen Räuber aus der Familie der Schleimköpfe. Dieser Fisch lebt in bis zu 1700 Meter Tiefe und wurde von den Neuseeländern vor wenigen Jahren als wirtschaftlich interessantes Fangobjekt entdeckt.
Auch vor Island wurden jetzt Orange-Roughy-Schwärme geortet. Wie groß die Gesamtbestände sind, läßt sich nicht ermitteln. Doch die nimmersatte Fischindustrie lockt bereits mit guten Preisen. Der Kaiserbarsch, heißt es, habe ein "delikates Muskelfleisch, perlweiß und grobstückig".
Trotz der miserablen Gesamtsituation auf den Ozeanen bleiben die Meeresbiologen gelassen. Ein Artentod, wie ihn viele Landtiere erlitten, drohe den maritimen Lebewesen nicht. "Durch Überfischung können sie kein Tier ausrotten", sagt Gerd Hubold, Leiter des Instituts für Seefischerei in Hamburg, "da geht vorher der Fischer pleite."
Selbst radikal geplünderte Bestände, das zeigen Erfahrungen, können sich schnell erholen. Fische sind enorm fruchtbar. Ein Kabeljauweibchen legt - wenn es ein Alter von 30 Jahren erreicht und nicht vorher als Fischstäbchen endet - rund 200 Millionen Eier. Y
[Grafiktext]
_139_ Verwaiste Fischgründe u. Fangquoten v. 1980 - 1991
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 1/1994
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