26.12.1994

„SOVIEL PSI WAR NIE“

Jeder dritte Deutsche hält die Zukunft für vorhersagbar, jeder siebte glaubt an Magie und Hexerei. Die alte Frage nach dem Sinn des Lebens hat eine neue Subkultur hervorgebracht: Immer mehr Menschen suchen in Seminaren und Workshops, bei Sekten und Gurus eine spirituelle Heimat.
Es möchte kein Hund so länger leben! Drum hab'''' ich mich der Magie ergeben, Ob mir durch Geistes Kraft und Mund Nicht manch Geheimnis würde kund.
Ein Auto schiebt sich durch die Stadt. Der Mann am Steuer ist verabredet. Fährt, ohne das Fahren zu denken. "Das Auto kennt den Weg", sagt er. Rollen, anhalten, rollen. Dichter Verkehr. Menschen in ihren Gefährten - abgekapselt, allein die meisten, unterwegs in einer Gemeinschaft von Bewegten.
Alle Parkplätze sind besetzt. Doch gegenüber dem angesteuerten Restaurant findet der Fahrer die einzige freie Parklücke. Zufall?
Das Restaurant heißt Zorba The Buddha. Der Mann heißt Jürgen Lipp. "Es gibt keine Zufälle", sagt er. Was dann? "Vorsehung." Dieser Parkplatz war für ihn vorgesehen? "Ich glaube, ja." Und warum? "Ich weiß es nicht."
Jürgen Lipp, 45, ist Buchhändler - und zwar einer, der die Bücher in seinem Laden kennt und außerdem weiß, was seine Kunden hören mögen. "Nur die Liebe ist real", sagt er, "Haß ist unwirklich, eine Illusion."
Als eine Art Hybride aus Philosoph, Philister und Filou verbindet er "das Materielle mit dem Spirituellen" und scheut Hybris ebensowenig wie Hymnen auf "das neue Denken".
Und so, wie ihm sein Schicksal Parklücken zuschanzt, so muß es ihn auch in jene Marktlücke gelotst haben, in der er es sich bequem gemacht hat: Lipp ("Ich bin gern Geschäftsmann") betreibt seit 15 Jahren eine der erfolgreichsten esoterischen Buchhandlungen Deutschlands, die "Wrage" im Hamburger Universitätsviertel.
Hatte sich sein Nischendasein anfangs noch als so unergiebig gestaltet, daß er vor zehn Jahren schon ans Aufgeben dachte, erfaßte auch ihn schließlich jene Woge des "neuen Bewußtseins", die das katholische Bischöfliche Jugendamt in Essen als "spirituelle Dauerwelle außerhalb der Kirchen" diagnostiziert hat. Voll Sorge beobachten Kirchenväter und -mütter, daß immer weniger Menschen ihre geistig-geistlichen Bedürfnisse im schützenden Haus Gottes zu erfüllen trachten.
Voll Neid registrieren sie den Zulauf zur Konkurrenz, zu Buddhismus oder Islam, und zu den neuen "Ersatz-" oder "Pseudoreligionen", von spirituellen Gemeinschaften über okkulte und spiritistische Zirkel bis hin zu Sekten und "destruktiven Kulten" (siehe Kasten Seite 94). Nirgendwo ist der "Esoterik-Boom" deutlicher zu spüren als bei den Amtskirchen, denen derzeit mehr Gläubige verlorengehen als je zuvor.
"New Age frißt sich tief in das Knochenmark der christlichen Gemeinden", schreiben die österreichischen Autoren Eduard Gugenberger und Roman Schweidlenka in ihrem Buch "Mißbrauchte Sehnsüchte".
"In den Kirchen", analysiert das evangelische Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, "sehen die meisten keine lohnenden Gesprächspartner mehr."
Der Massenaustritt läßt sich keineswegs, wie manche meinen, allein durch Kirchensteuerflucht erklären: Die oft sündhaft teuren privaten Heilsbringer haben gleichzeitig Dauerkonjunktur. Mit grundsätzlicher Abkehr vom Glauben hängt der Schwund erst recht nicht zusammen. "Glauben, egal woran", glaubt Die Woche herausgefunden zu haben, "ist gefragt wie nie zuvor."
Bei Umfragen bekennen sich heute 50 Prozent der Deutschen dazu, sie glaubten an außerirdische Wesen. Jeder dritte glaubt an Ufos, jeder siebte an Magie und Hexerei, zwei Drittel fürchten den schädlichen Einfluß von Erdstrahlen auf den Schlaf. Rund 20 Prozent sind überzeugt, mit dem Jenseits lasse sich Kontakt aufnehmen, und etwa 35 Prozent halten die Zukunft für vorhersagbar.
In Deutschland sollen rund 50 000 Wahrsager und Hellseher ihre Dienste offerieren - so viele wie katholische und evangelische Geistliche zusammen. Aber weniger als drei Viertel der Westdeutschen und sogar nur ein knappes Drittel der Ostdeutschen erklären, sie glaubten an Gott. Katholische und protestantische Kirchen als Wettbewerber auf dem offenen, milliardenschweren Weltanschauungsmarkt haben zu lange den Trend verschlafen, _(* Von der kalifornischen Künstlerin ) _(Marilyn Churchill. ) als daß sie nun mit den gewieften Konkurrenten mithalten könnten.
"Das Christentum", mutmaßt die konservative Rheinische Post, "kann die Sehnsucht der Menschen nach Sinn nicht mehr stillen." Erst in jüngster Zeit reagieren die Kirchen mit zaghaften Marketing-Versuchen und neuen Angeboten (siehe Kasten).
Die Abkehr von sinnstiftenden christlichen Gemeinschaften führt jedoch, anders als früher, nicht zu Existentialismus oder philosophisch formuliertem Materialismus - Denkmodellen, die jeweils auf ihre Weise Fragen nach einem übergeordneten Lebenssinn verneinen.
Im Gegenteil: Die alte Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt die Menschen des postindustriellen Zeitalters so sehr wie kaum eine andere. Allein: Sie suchen neue Antworten.
Diese Antworten sind beinahe so vielfältig wie die Charaktere der Fragenden: Gesucht wird Orientierung, Gemeinschaft, "mein Platz in der Natur", "mein wahres Ich", "meine verschüttete Seele" oder nur "Teta" ("totale Entspannung, totale Aktion"). Die einen erhoffen sich mehr Körpergefühl oder Kreativität, andere "einen Weg" oder "die Weisheit", und für manche scheint die Suche selbst das Ziel zu sein.
An der Sinnfindung sind längst nicht nur akademische Kreise beteiligt. Das Spektrum umfaßt alle Schichten und Gruppierungen der Gesellschaft - Modeschöpfer und Managerinnen ebenso wie Buchhalter, Hausfrauen oder Handwerker; Sportler und Schauspielerinnen genauso wie den Bäcker von nebenan.
Buddhist Richard Gere hebt ab und verbringt seine Flitterwochen in Tibet. Shirley MacLaine, zur erfolgreichen Esoterik-Autorin aufgestiegen, tanzt inzwischen mit den Toten: "Wir sind ein Teil des Ganzen, die Verstorbenen gehören dazu." Meister Franz Beckenbauer glaubt die Kraft hinter seinem Erfolg zu kennen: "Jeder hat sein Karma."
Das Nachrichtenmagazin Newsweek lokalisiert die derzeitige "spirituelle Suche" vor allem in der "Babyboomer"-Generation. Die neue Glaubenswelle - eine religiöse Reaktion der einst atheistischen 68er auf die Midlife-crisis?
Eine Erklärung für den Sinneswandel glaubt Charles Nuckolls, Anthropologe an der Emory University in Atlanta, zu haben: "Was unsere Vorfahren als wesentlich ansahen, haben wir abgestreift: die Bedeutung von Religion und Familie." Die Leute, glaubt Nuckolss, haben das Gefühl, etwas verloren zu haben.
Und so begeben sie sich auf die Suche, und zwar vermittelt durch Körper, Geist und Seele, vornehmlich abends, am Wochenende und im Urlaub. Sie suchen - eine Gratwanderung zwischen Sich-Einlassen und Sich-Ausliefern - in Seminaren, Kursen und Workshops, bei Sekten und Gurus, Lehrern und Meistern oder auch allein bei sich selbst. Sie suchen durch Schweigen und Schreien, durch Bewegung und Ruhe, Tanz und Musik, übersinnlich und sinnlich - und vor allem durch Lesen.
Die Sparte Esoterik ist mittlerweile diejenige mit den größten Zuwachsraten auf dem deutschen Buchmarkt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels schätzt, daß fast jede dritte Publikation in der Bundesrepublik inzwischen aus diesem Bereich stammt.
"Soviel Psi war nie", sagt Friedrich Kirner, 68, Verleger beim größten rein esoterischen Buchproduzenten der Republik, dem Verlag Hermann Bauer in Freiburg, und nach eigenen Worten "kein eingefleischter Esoteriker".
Seit 1975 habe sich, sagt Kirner, die Zahl seiner Angestellten beinahe verdreifacht, während der christlich-fromme Herder-Verlag Mitarbeiter entlassen mußte. Nach wie vor verkaufe sich "Lebenshilfe" gut, und beim "geheimen Wissen der Kelten", da "klingelt die Kasse".
Die Hamburger Buchhandlung Wrage konnte ihren Umsatz innerhalb von vier Jahren auf nunmehr zwei Millionen Mark jährlich verdoppeln. Von einer ständig wachsenden Titelflut ("Schwarten gehen gut") überschwemmt, drohe der 80 Quadratmeter kleine Souterrainladen "bald aus den Nähten zu platzen", fürchtet Inhaber Lipp. In der Vorweihnachtszeit gab es regelmäßig "Zehn-Mann-Schlangen" an der Kasse. Da wurde bisweilen im Sekundentakt per "Eso"-Taste gebongt.
Das Publikum ist, typisch für die gesamte Szene, zu etwa zwei Dritteln weiblich und mehrheitlich jenseits der 30. Eingeweihte heben sich klar von Novizen ab, deutlich unterscheidet sich der wissende vom suchenden Blick. Manche tragen verschüchtert ihren Fund zur Kasse und belauern die Umstehenden mit der gleichen Mischung aus Scham und Argwohn, die bei Gelegenheitskunden in Sex-Shops manchmal zu beobachten ist. Andere wirken geradezu geschockt ob der Vielfalt im Eso-Dschungel.
"Ich suche was über die fünf Elemente", sagt eine Studentin mit zusammengekniffenen Zähnen, "so im Zusammenhang mit den Organen." Die Verkäuferin hilft ihr ebenso fachgerecht und diskret wie dem Herrn im Trench, Typ Einzelhandelskaufmann, der sich für "holotropes Atmen" interessiert, und der kurzgeschorenen Oma, Strickpullover, Pluderhosen, die wissen möchte, "welches Tarot das beste ist". Der Rat: "Du mußt probieren, was sich für dich am besten anfühlt."
Die neue Suche nach dem Sinn hat eine diffuse Subkultur entstehen lassen, die im Ausmaß und in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen alle bisherigen in den Schatten stellt - und die mit dem Begriff Esoterik mehr schlecht als recht beschrieben ist.
Was der Duden mit "Geheimlehre" übersetzt, bezeichnet ein Bündel zum Teil uralter Geistes- und Seelenschulen und -traditionen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie sich aus (geheimem, esoterischem) Wissen speisen. Dieses wird durch "Einweihung" erlangt, und nicht durch Information, also Wissenschaft.
Die aus vielen antiken Strömungen, vor allem aus Gnosis und alter Astrologie hervorgegangene "Religion des Übersinnlichen" organisierte sich im letzten Jahrhundert unter anderem in der theosophischen Bewegung. Die Theosophie, die "Gottesweisheit", wurde der - christlichen - Theologie, der angeblich wissenschaftlich begründeten "Gotteslehre", entgegengesetzt. Sie war "synkretistisch", bediente sich freimütig bei allen Religionen - typisch für Esoterik bis heute.
Als Treuhänder des "Wahrheitskerns aller Religionen" in elitären Zirkeln organisiert, wollten die Theosophen Gott durch Beschauen des eigenen Inneren erkennen und dadurch zu höherem Bewußtsein gelangen. Aus rassistischem Elitebewußtsein begründete faschistoide Tendenzen bei manchen Theosophen haben sich bis in gewisse esoterische Kreise heutiger Tage erhalten.
Rudolf Steiner trennte sich 1913 von der Theosophischen Gesellschaft - und mit ihm rund 90 Prozent der Mitglieder. Er gründete die Anthroposophie und machte die hermetisch abgeriegelten esoterischen Gedankenwelten erstmals einer größeren Öffentlichkeit zugänglich - allerdings erst nach Neuformulierung der Grundidee. Nicht mehr Gott, sondern der Mensch sollte im Mittelpunkt des Erkennens stehen: "Der Körper", schrieb er, "ist nur die Offenbarung des Verlangens nach dem Geist."
Da Steiner seine Lehre als Esoterik für den Alltag verstand, wollte er sie in möglichst vielen kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen etablieren: Waldorf-Schulen und anthroposophische Kliniken gehören heute zu den angesehensten Einrichtungen in Pädagogik und Medizin - vermutlich auch, weil sie sich relativ weltoffen geben und jeglicher ideologischen Aufdringlichkeit enthalten.
Der in den sechziger Jahren in den USA aufgekommenen New-Age-Bewegung gebührt das Verdienst, der esoterischen Geheimniskrämerei endgültig ein Ende gemacht zu haben: Was esoterisch war, sollte fortan exoterisch sein. Nur so könne die Menschheit an der großen Bewußtseinsveränderung teilhaben, ohne die sie dem Untergang geweiht sei.
Good old New Age! Gut ein Jahrzehnt liegt es erst zurück, daß die Amerikanerin Marilyn Ferguson "Die sanfte Verschwörung" ausrief und der in Österreich geborene Atomphysiker Fritjof Capra die "Wendezeit" beschwor. Ihre als Kultbücher des Neuen Zeitalters gefeierten Schriften markierten den letzten Höhepunkt der New-Age-Bewegung. Deren Botschaft vom kommenden Wassermannzeitalter im Zeichen des Regenbogens hatte das Musical "Hair" bereits im historischen Jahr 1968 vom Broadway in die Welt getragen.
Die Revolte blieb aus, den Regenbogen trägt heute Greenpeace im Banner, der "neue Mensch" kommt langsam in die Jahre. Die meisten Protagonisten haben sich zurückgezogen, Fergusons Bücher liegen wie Blei, und Capra hat sich vom Begriff New Age distanziert.
Der Bewegung, die sich noch immer auf ihn beruft, warf er vor, es mangle ihr an sozialem, feministischem und ökologischem Bewußtsein. Der Geist dessen, was Theodore Roszak "Gegenkultur" nannte, lebt modellhaft weiter in Gemeinschaften wie der Findhorn Community in Nordschottland.
Die heutige ausufernde Subkultur der Sinnsucher, eher eine Strömung als eine Bewegung, ist offen und integrativ: Ihren Anhängern reichen der Wunsch nach neuen Erfahrungen und die Sehnsucht nach anderem Sein als Motive meistens schon aus. Sie wollen nicht mehr die Gesellschaft verändern, sondern nur noch sich selbst.
Apokalyptische Ängste und Verschwörungstheorien haben im Zeitalter nach dem Kalten Krieg deutlich an Überzeugungskraft eingebüßt. Statt marxistischer Dialektik treten Polaritäten a la Yin und Yang in den Vordergrund, die wie Licht und Dunkel, Mann und Frau zugleich einander entgegengesetzt sind und sich ergänzen. Statt Astral- haben eher Charterreisen eine weltweit reichende Mobilität geschaffen. Und die Medien verwirklichen den Gedanken einer globalen Kommunikationsgesellschaft mit erdumspannender Technik - Hardware der erhofften sanften Weltgemeinschaft?
Die im New Age noch eher spirituell verstandene Vernetzung des Bewußtseins findet nun materiell in Form von Datennetzen und -autobahnen statt. Die neue Geheimlehre der Computerei entführt ihre Anhänger in virtuelle Realitäten. Im Internet finden sie Meditationsregeln, Bibelkreise und die Online-Religion einer "Doctress Neutopia" aus Amherst in Massachusetts. "Wie der Buddhismus", schreibt Psychology Today, "bietet Cyberspace eine spirituelle Dimension: die Befreiung aus dem Gefängnis des eigenen Geistes."
"Der Begriff New Age ist in der Versenkung verschwunden", erklärt Gert Geisler, seit 1973 Chefredakteur der Szenezeitschrift Esotera und nach eigenem Bekunden "teilnehmender Beobachter" der Entwicklungen.
Kenner der Szene favorisieren neuerdings den Terminus "Light Age". Die neue "Lichtzeit" zeichnet sich durch Leichtigkeit (im Sinne von Coca-Cola light) ebenso aus wie durch ihr postmodernes Gemisch aus positiv klingender Positionslosigkeit, flachgründiger Vielfalt und nett verpackter Beliebigkeit. Als eine Art Steinbruch-Ethnologie plündert die Subkultur zudem eklektisch alle verfügbaren Kulturen nach Verwertbarem aus.
Als Ursache für die Suche nach dem richtigen Leben im falschen werden in der Regel Sinnkrise und Orientierungsverlust in der Ego- und Ellenbogengesellschaft genannt. In den Tretmühlen ihrer hochspezialisierten Arbeit erkennen sich viele Menschen nicht mehr als Teil eines Ganzen wieder. Die Kälte des Kapitalismus hat zu einem generellen Unbehagen an der Kultur geführt und speziell am Zynismus der Moderne.
"Wo aber Gefahr ist", schrieb Hölderlin, "wächst / Das Rettende auch." In einer Welt, die trotz explodierenden Wissens immer unverständlicher und bedrohlicher erscheint, wächst die Faszination einfacher Antworten: Schlüssige Wirklichkeitsmodelle scheinen dem einzelnen seinen Platz zuzuweisen.
Da Menschen ohne Sinnerkenntnis sonderbare Tiere sind, die unter anderem auch zu Ungehorsam neigen, kehren sie ihrem angestammten Platz den Rücken und suchen Inseln des Trostes im trostlosen Dasein.
Normalverbraucher reizt plötzlich der Kitzel des Paranormalen, des besteckverbiegenden Psi. Bodenständige suchen den Himmel nach Ufos ab und gründen Tonbandstimmen-Vereine: Nur nicht allein sein im dunklen Universum! Vormals nüchterne Naturen schwärmen auf einmal von Liebe und Licht und interessieren sich für ihre Aura mehr als für ihr Auto. Andere finden Spaß an Indianerkultur - Schwitzhütten gegen soziale Kälte?
Die Bedürfnisse haben Bedarf geschaffen, und wirtschaftlicher Logik zufolge reagieren Märkte auf Nachfragen mit Angeboten: Was jemals an Ideen und Symbolen geschaffen oder an Hilfsmitteln für Andacht und Meditation erfunden wurde - es wird wiederentdeckt, mythisch oder mystisch aufgeladen und auf den "spirituellen Supermarkt" geworfen.
Vom kleinen Plastik-Buddha für ein paar Groschen über das große Meditationsklangspiel "Wu Wei" zu 540 Mark bis zum "Space Shuttle", einem "Deprivations-Tank" für 44 950 Mark - jedes Mittel ist recht, das Bewußtsein zu "vertiefen", die Sinnsuche zu vereinfachen und die Gewinne zu steigern.
Wünschelruten, Pendel und Pyramiden runden die okkult-obskure Produktpalette ab. Grob geschätzt bis 18 Milliarden Mark werden in Deutschland pro Jahr mit entsprechenden Waren und Dienstleistungen umgesetzt.
Jeder Bürger des euro-amerikanischen Kulturkreises kann heute über schriftliche Zeugnisse aus allen Gesellschaften und Epochen der Menschheitsgeschichte verfügen. Das hat einen nie dagewesenen Pluralismus an Weisheiten und Weltanschauungen zur Folge. Der Einfluß kulturfremden Ideenguts und trivialisierter Traditionen könnte auf Dauer ein neues (multi-)kulturelles, multireligiöses Gesamtbild schaffen. Der evangelische Theologe Paul Schwarzenau spricht von einer sich anbahnenden "planetarischen Religion".
Der Glaube an Wiedergeburt, an die Reinkarnation, ist eine der tragenden Säulen der Esoterik. Die Seele wird als eine vom Körper unabhängige "Wesenheit" angesehen, die den physischen Tod überlebt und nacheinander in verschiedenen Körpern wiederkehren kann. Durch "Rebirthing-" und "Rückführungstherapien", Dauerbrenner auf dem alternativen "Psychomarkt", läßt sich "transpersonal an Material aus früheren Inkarnationen herankommen" (Szene-Jargon).
Wissenschaftliche Beweise für frühere Inkarnationen sind zwar keineswegs erbracht. Doch wie keine andere Vorstellung treibt der Glaube an Wiedergeburt Menschen dazu, sich mit ihrem Schicksal zu versöhnen. Indem er ihnen hilft, sich als Teil eines Ganzen, Größeren zu verstehen, kann er ihnen ein wenig von der empörenden Einsamkeit zwischen erstem und letztem Atemzug nehmen.
Viele Menschen sehen in den immer wieder berichteten "Nahtod-Erfahrungen" einen Beweis für das Überleben der Seele über das Sterben des Körpers hinaus. In ihrem Buch "Embraced by The Light" (deutsch: "Licht am Ende des Lebens") beschreibt die indianische Autorin Betty J. Eadie eindringlich ihre früheren Sterbeerlebnisse. Ihre Botschaft von tiefer, beglückender Glaubenserkenntnis kommt an: Der Titel ist derzeit Nummer eins der Sachbuch-Bestsellerliste in den USA.
Ein Viertel der laut New York Times bestverkauften Titel kommt inzwischen aus dem spirituellen Bereich. Auf Platz zwei der amerikanischen Belletristik-Charts steht ein Buch, das unter dem Titel "Die Prophezeiungen von Celestine" kürzlich auch in Deutschland erschienen ist. Autor James Redfield faßt in dem esoterischen Abenteuerroman seine eigene 15jährige spirituelle Suche zusammen. Sein Held erhält neun "Einsichten", unter anderem die, "daß die eigentliche Quelle der Energie in ihm selbst enthalten ist . . ."
Das kann man glauben oder nicht. Da sich der Begriff Energie ebensowenig schützen läßt wie die Wörter Bewußtsein, Zukunft oder Seele und da alle Anbieter (inklusive der Sekten) mit demselben begrenzten Vokabular arbeiten, entsteht in der Vielfalt bisweilen eine absurde Einfalt, an die selbst Waschmittelwerbung nicht heranreicht: Alles heilt und hilft irgendwie, Hauptsache harmonisch, ganzheitlich und im Einklang mit dem Kosmos.
Ob "Der innere Weg" oder "Begegnungen mit der inneren Welt" - zu entdecken gibt es den "inneren Buddha", den "inneren Geliebten" und nicht zuletzt das "innere Kind". Und für dieses dann wahlweise "Die Heilung des inneren Kindes" oder "Die Aussöhnung mit dem inneren Kind".
In einer Welt, in der sich Freiheit im wesentlichen auf die Freiheit des Konsums reduziert hat, wollen Menschen in die innersten Kammern ihrer Seelen auf die gleiche leichte Weise eindringen, wie sie den tiefsten Amazonas-Urwald, die höchsten Gipfel des Himalaja und sogar die entlegensten Polarregionen "erobern".
Mit der Mentalität von Touristen unternehmen Millionen Kurztrips zu exotischen Zielen im seelisch-spirituellen Neuland - das sich nicht selten als Niemandsland erweist. Beim Grenzverkehr mit dem Unendlichen sind oft Schnellverfahren gefragt, Instant-Mystik und religiöser Sofortservice. In zwei Stunden wird ein Psychotrauma "wegtherapiert", nach fünf Workshop-Wochenenden "Ausbildung" versuchen sich "Atemtechniker" bereits an kranken Menschen. Doch in der "Erlebnisgesellschaft", die der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze skizziert hat, scheint die Sehnsucht nach Neuem und Echtem unstillbar zu sein.
"In Glaubensdingen", sagt der von der katholischen Kirche geächtete Wiener Religionswissenschaftler Adolf Holl, entstehe "eine Schnuppermentalität". Das Wandern zwischen den Religionen führt zum Allround-Glauben mit Swatch-Spiritualität - man hat viele, trägt heute die, morgen eine andere.
In diesem Jahr waren Engel der große Hit. Und der neueste Geheimtip im Selbstverwirklichungsmilieu: das 1400-Seiten-Dünndruckopus "Ein Kurs in Wundern" - ein "Lernprogramm für jeden Tag". Die (nicht genannte) amerikanische Autorin soll es "medial empfangen" haben, "durch klassisches Channeling" - durch Kontaktaufnahme mit Geistwesen aus anderen Welten.
Durch das Buch haben jenseits der "Spiritismen der guruzentrisch organisierten ,psychoreligiösen Verblödungsindustrie''" (Die Zeit) sogenannte Wunder-Netzwerker ein neues Ziel entdeckt: "Zuallererst laden wir den ,Heiligen Geist'' ein", erklärt eine Cornelia, und "singen anbetungsvolle Lieder". Auf Dauer soll "die Transformationsarbeit" der ganzen Stadt koordiniert werden. "Praktizierende aller Stadtteile", fordern sie im Szeneblatt, "vernetzt Euch!"
Unter der Oberfläche des Flüchtigen und fern vom schrillen Marktgeschrei der Eso-Welt zeigt der neue Geist ein anderes, sein privates Gesicht: Menschen, die einzeln (aber nicht einsam) oder in kleinen Gemeinschaften wiederzufinden hoffen, was im Prozeß der Zivilisation verlorenging; die ernsthaft und ausdauernd nach Neuem in sich forschen; die ihren Körper besser verstehen wollen, ihre Seele und die Gemeinsamkeit zwischen beiden. Menschen, die dorthin zu schauen versuchen, wo sich für jeden das Bewußtsein der Welt bündelt: ins Selbst.
Für sie ist Selbsterkenntnis Teil des Sinns, vielleicht der Sinn überhaupt, auf dem Wege zu einer Weisheit, die jenen wuchernden Krebs der Seele, die Angst vor dem Tod, am Ende zu überwinden hilft. So machen sie sich auf die stille Suche nach Herkunft und Heimat.
Eine Insel im Atlantik. Der Südwind trägt dumpfes Getrommel aus irgendeiner Ferne herbei. Mit jedem Schritt in Richtung des Rhythmus verliert sich der Widerhall von den felsigen Hängen. Und die Klänge werden klarer. Zwischen den Steinen steht weißgelbes Gras. Weit hinten ein verlassenes Dorf. Nur Mauern, eingefallene Dächer, keine Bäume, keine Menschen.
Zwei nackte Kinder erscheinen am Rand der Ruinen. Allmählich werden sie größer, älter. Und aus der Nähe: zwei Erwachsene, beide etwa 40, unbekleidet, offenes dunkles Haar. Der Mann trägt einen langen schwarzen Hut aus verbeultem Filz und schlägt mit leichten Händen die Trommeln zwischen seinen Knien. Die Frau tanzt leise. Ein großer schwarzer Hund bewacht das Bild. Er knurrt.
Ein paar Tage seien sie schon hier oben, ein paar Tage würden sie noch bleiben. "Nimm noch Wasser, bevor du weitergehst." Du nimmst und gehst. Und versuchst, die "positiven Schwingungen" zu begreifen, von denen man dir erzählt hat. Die Insel - von Atlantis ist hier viel die Rede - gilt als magisch, heilig, als spiritueller, kraftvoller Ort. Das kann man glauben oder nicht.
Seit die westliche cartesische Wissenschaft antrat, die Welt allein durch Ratio zu erklären, seit sie Stück für Stück mythisches Bewußtsein durch "aufgeklärtes" ersetzt, braucht sie das gesellschaftliche Guthaben an Spiritualität auf. Im Beisein der Bewirtschafter dieses Vermögens, der Kirchen, vernichtet sie Glauben im Zeichen der Vernunft.
Vor dem Zeitalter der Aufklärung herrschte in der Naturbetrachtung noch ein großer Hang zur Esoterik. Durch Naturwissenschaft, die sogar Leben in Kategorien des Toten zu erklären versucht, ist Kälte in die Weltbilder eingezogen.
Bemüht sich im 17. Jahrhundert der französische Philosoph Rene Descartes noch, das gesamte Universum mechanisch zu erklären, also auf materialistischer Basis, bedeuten schon wenig später die Erkenntnisse Isaac Newtons einen Schock: Die Berechnungen des englischen Mathematikers und Physikers suggerieren, ein sinnlich nicht faßbares Prinzip halte die Welt im Innersten und Äußersten zusammen: Gravitation.
Seither sind Wissenschaft und Esoterik trotz aller Gegensätze durch die Suche nach geistigen Prinzipien unentrinnbar verbunden. Goethes "Faust" ist eine Antwort auf diesen Widerspruch zwischen der Zwietracht der Wege und der Einheit des Ziels: _____" Daß ich erkenne, was die Welt Im Innersten " _____" zusammenhält, Schau alle Wirkenskraft und Samen Und tu " _____" nicht mehr in Worten kramen. "
Guter Goethe! Das Theater mit der Magie als Mittel der Erkenntnis kauft ihm das aufgeklärte deutsche Bürgertum heute nur noch im Abo ab. Rational und skeptisch, wie sie sind, wollen die "Vernünftigen" nicht glauben, was sinnlich nicht erfahrbar ist. Aber mehrheitlich behaupten sie, an Gott zu glauben.
In manchen Kreisen gehört es schlechthin zum guten Ton, sich über alles "Irrationale" zu mokieren. Wer im Lotussitz meditiert, Yogitee trinkt oder frühmorgens im Park zeitlupenlangsam gegen seinen eigenen Schatten "kämpft", kann nicht ganz richtig sein im Kopf.
Als ob die aufgeklärte Welt nicht selber voller Aberglauben und Irrationalitäten steckte! Von der Banalmagie der schwarzen Katzen, Schornsteinfeger und Maskottchen über Daumenhalten und "Toi, toi, toi" bis hin zu Polterabend und Silvestergeböller zwecks Vertreibung der Dämonen: fast alle machen mit. Sicher ist sicher.
Wer denkt nicht bei überraschenden Begegnungen manchmal: "Das kann kein Zufall sein." Und hat Autorität nicht mit Aus"strahlung" und Macht mit Magie zu tun? Die Politik: mehr Intuition als Intelligenz. Die Börse: ein Ort des Glaubens, der Spekulation. Zukunftsentscheidungen von Managern und Konzerninhabern: viel Gefühl und etwas Kalkül - irrational. Aber deshalb noch lange nicht irre. Denn der Glaube an die Macht der Ratio - ist nicht auch er alles andere als rational?
Hatte schon Kopernikus den Menschen aus dem Zentrum seiner Welt hinausbefördert und auf eine Bahn um die Sonne geschickt, fiel der Glaube an die göttliche Erschaffung schließlich der Evolutionslehre Darwins zum Opfer.
Die deistischen "Freidenker" des 17. und 18. Jahrhunderts konnten im Glauben an Aufklärung und Gott noch denken, dieser habe die Welt in der Manier eines Uhrmachers gleichsam aufgezogen, und fortan laufe sie nach seinem Willen. Doch die moderne Physik zerstörte auch diese nette Vorstellung.
Als schließlich die Idee der Schöpfung dem kosmologischen Big Bang weichen mußte, wurde das erhoffte Paradies vor allem angesichts des zweiten thermodynamischen Hauptsatzes (die Welt endet zwangsläufig im Hitzetod) vollends zum Paradox.
Daß wir heute soviel wie nie über unsere Ohnmacht wissen, ist das eigentlich Demütigende zum Ende des Jahrtausends.
Und die Kirchen? Sie haben bis dato, wie der Kirchenrebell Eugen Drewermann feststellt, "einen fundamentalistischen Aberglauben verbreitet, den schon 14jährige durchschauen".
Ausgerechnet die Physik nähert sich esoterischem Gedankengut nun auf ihre Weise an. Dem Schock auf die "übersinnliche" Gravitation folgte das Ende des wissenschaftlichen Materialismus: Materie nach klassischer Vorstellung gibt es nicht, sondern nur Felder und Energie im leeren Raum. Das kann man glauben oder nicht.
Mit ihrer Idee, daß bei Entstehung des Universums weder Zeit noch Raum noch Materie existierten, wohl aber die heute noch gültigen Gesetze der Physik, nach denen alles entstand, nähern sich Kosmologen auf ihre Weise der Genesis an: "Am Anfang war das Wort", heißt es da. Stephen Hawking beendet sein Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit" mit der Hoffnung, mittels Wissenschaft könnten wir eines Tages vielleicht "Gottes Plan kennen".
Physiker diskutieren die spirituelle Bedeutung ihrer Erkenntnisse in der Quantenmechanik: Wer den Spin, die Eigendrehung, eines subatomaren Partikels mißt, zwingt nach ihren heutigen Vorstellungen dessen Zwillingspartikel den umgekehrten Spin auf, und sei dieses Kilometer weit entfernt. Der Beobachter erschafft Realität nach Prinzipien, die auf gespenstische Weise geisterhaft erscheinen.
Ob Kosmologie, Chaosforschung oder Evolutionstheorie: Schritt für Schritt nähern sich Wissenschaft und Esoterik einander an. Nach der "Gaia-Hypothese" des britischen "Geophysiologen" James Lovelock kann die Erde in ihrer Gesamtheit tatsächlich als eine Art sich selbst regulierender Überorganismus angesehen werden - wie in ganzheitlich-ökologischen Ideen vorweggedacht.
Die Trennung von Körper und Geist, mit der Descartes der Menschheit das Leib-Seele-Problem aufhalste, läßt sich nach neueren Ergebnissen der "Psychoneuroimmunologie" nicht mehr aufrechterhalten. Nerven-, Immun- und Hormonsystem sind zu einem engen Netzwerk miteinander verknüpft, wobei jeder Teil jeden anderen beeinflußt (SPIEGEL-Titel 45/1994).
Und nicht die spirituell motivierte, sondern die naturwissenschaftliche Bewußtseinsforschung könnte im "Jahrzehnt des Gehirns" an eine Grenze stoßen: Wo ist das Verfahren, das inneres Erleben in den Ausschlag eines Meßgerätes verwandelt? Oder sind etwa tibetanische Meditationen am Ende doch der bessere Weg zur Selbsterkenntnis?
In jüngster Zeit setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, daß der wichtigste Teil unserer Wirklichkeit - unsere Gefühle, Träume, aber auch unsere Wertvorstellungen und unser religiöses Empfinden - durch Logik und Ratio allein nicht zu fassen ist. Kürzlich hat Antonio Damasio, Hirnforscher an der University of Iowa, unter anderem diese Gedanken in einem Buch zusammengefaßt. Es trägt den Titel: "Descartes'' Error".
Nimmt es da wunder, daß die neue Esoterik als "Synthese von Naturwissenschaft und Religion" sich mit Vorliebe wissenschaftlich gibt? Selbst der dümmste Wunderheiler weiß sich jener merkwürdigen spirituell-technizistischen Sprache zu bedienen, die mit New Age ("Das Tao der Physik") aufkam.
Wie von Chakra und Karma redet heute jeder von Energie und Impuls. Okkulte Praktiken werden zur wissenschaftlich erprobten "Gehirntechnologie". Ein Vertreter für Pyramiden, in denen man sitzt, um sein Energiezentrum zu spüren, erklärt dem staunenden Publikum ohne weiteres: "Diese Schwingung entspricht der Magnetfeldfrequenz Ihrer körpereigenen DNS."
Die Subkultur der Sinnsüchtigen und Bewußtseinswanderer steht vor dem Dilemma, daß im Spannungsfeld zwischen Sinn, Flachsinn und Unsinn alles erlaubt ist, was irgendeinem einfällt. So reicht das Spektrum vom bescheidenen Asketen, der selbstlos seine Weisheit teilt, bis hin zu den skrupellosen Propheten des Profits, deren Spiritualität nicht weiter reicht als die Spritausdünstungen von altem Wein in neuen Schläuchen.
Letztere bestimmen jedoch wesentlich das Bild von der Eso-Szene in der Öffentlichkeit. Sie bevölkern vor allem den Wanderzirkus der Esoterik-Messen, an dem sich die Mehrheit der seriösen Anbieter nicht beteiligt. Diese farb-, duft-, klang- und gewinnintensiven Jahrmärkte für Spielzeugspirituelle und Bewußtseinsbeamte - "Wer hier denkt, der hat schon verloren" (Süddeutsche Zeitung) - haben ein festes Repertoire an Referenten und Rettern.
Zu ihnen gehört Paul Esch, der "singende Zahnarzt" aus den USA, mit seiner großen schwarzen Taschenlampe. Die braucht er zum Nachweis seiner dentistisch-alchimistischen Gabe: Durch gemeinsam gesungene Lieder vom Typ "Love I am, love are you" mit Gitarrenbegleitung (drei Griffe) behauptet er, das Amalgam in Volkes Maul zu purem Go ld verwandeln zu können. Das kann man glauben oder nicht.
Begeistert stehen die Menschen, mehrheitlich ältere Damen, von ihren Stühlen auf, klatschen und singen voll Ernst und Inbrunst mit und lassen sich später die Zähne "untersuchen" - und tatsächlich! "Hier ist ein erster Goldschimmer zu sehen!" ruft Eschs deutscher Assistent.
Da solche omnipräsenten Meister fast alle Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen, erscheint das Bild von der Subkultur mitunter in einem Maße verzerrt, als würde der Formel-1-Zirkus stellvertretend für Straßenverkehr gezeigt. Spiegelt indes der Umfang des Unsinns, den Leute zu akzeptieren bereit sind, nicht auch das Ausmaß der Sehnsucht nach Sinn und Dabeisein wider?
Noch vor einem Jahr war Esotera-Chef Geisler der Platz in seinem Monatsblatt "für Verrisse zu schade"; nun, im Editorial der aktuellen Dezemberausgabe, eröffnet er seinen Lesern: "Eine kritische Berichterstattung ist unerläßlich und hat mit ,Nestbeschmutzung'' nichts zu tun." Angesichts eines Marktes, der durchsetzt ist von Betrügern, Scharlatanen und gefährlichen Gurus, beschäftigt sich der Beitrag "Die Schein-Heiligen" mit, so Geisler hintergründig, dem "spirituellen Materialismus".
Die Zeitschrift Psychologie heute, esoterischem Gedankengut eher freundlich zugewandt, hatte ihren Lesern schon im Sommer eine vernichtende Bestandsaufnahme der "abenteuerlichen Heiler-Szene" auf dem Psychomarkt dargeboten. Fazit: "Therapeutisch bewirken sie neben einem möglichen Placebo-Effekt rein gar nichts."
Allmählich scheinen jene Esoterik-Kritiker, die als "Skeptiker" eine "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" mit eigenem Vereinsblatt gegründet haben, an Gewicht zu gewinnen.
Die aufkeimende (Selbst-)Kritik markiert aber auch den Eintritt der Subkultur in eine neue Phase: Konnte sich bislang jeder, ungeachtet von Seriosität und Qualität, fast beliebig auf dem expandierenden Markt umtun, wird es jetzt eng. Die Nischen sind besetzt, der Kampf ums Überleben hat begonnen. Eine Art Stiftung Warentest für Esoterik ist überfällig, die pseudospirituelle Spreu vom Weizen der Weisheit zu trennen.
Gleichzeitig hat die Absorption der Strömung in den mächtigen Mainstream der Kultur begonnen, der bislang noch jede Subkultur geschluckt und verdaut hat: Schon lange tragen Manager dank der ganzheitlichen Dienste des New-Age-Beraters Gerd Gerken dessen "Trendwende" bis in die Chefetagen und versuchen das teuer erworbene Wissen in steigende Profite umzumünzen. Der neue Duft von Karl Lagerfeld heißt "Sun Moon Stars" und der von Calvin Klein "Eternity".
Nachdem Rita Süssmuth ihren Dalai-Lama-Text ausgelesen, Hans-Dietrich Genscher die Kraftsteine "in seiner linken Hosentasche" (Bild) bald rundgegriffen und Krista Sager in Bonn ihre ersten Yoga-Übungen hinter sich gebracht haben dürfte, gibt es inzwischen sogar einen "Ring ganzheitlicher Makler", "Musica Mystica" bei Sony-CD - und statt "Ehepaar sucht gleichgesinntes" kann es nun heißen: "Wir suchen noch nettes Paar für tantrische Freundschaft (keine Esoterik)."
Selbst die ehemals wegen Sex und Geschäften - also Dingen, die der Spießer nicht macht - verschrienen Bhagwan-Schüler sind heute mit ihren Feriensiedlungen, Seminarzentren und Restaurants (Zorba The Buddha) ein selbstverständlicher und akzeptierter Bestandteil gesellschaftlichen Lebens.
Auf der anderen Seite drängt weiterhin ständig Neues oder neu verpacktes Altes auf den Markt, der den Gesetzen des Wachstums unterliegt wie alle anderen Märkte - sei es die "Aurasskopie" (eine "holistische Blutdiagnose mittels Mikroskop") oder, brandneu, "Higher Self Integration" und "Onlife-Prozeß".
"Manchmal denke ich, da kommt nichts mehr", beschreibt Wrage-Chef Lipp, der "esoterische Großmeister der Hansestadt" (Szene Hamburg), seinen ganz persönlichen Horror vacui, "aber schon ist wieder was Neues da."
Zum immensen Verbrauch an Ideen und Idealen hat er eine einleuchtende, wenn auch etwas esoterische Theorie: "Wenn die Sachen erst entdeckt sind, verlieren sie an Strahlkraft."
Lipp, der neben seiner Buchhandlung mit angeschlossener Versandabteilung eine Veranstaltungsorganisation, einen Astro- und einen Ticketservice betreibt sowie ein Anzeigenblatt herausgibt, träumt von Wachstum und Expansion.
Wenn er erst die Etage über seinem Souterrain dazubekäme, würde er sein Geschäft aufteilen "in fünf Läden, die im Franchise-System arbeiten". Abteilungen für Bücher, Steine, Musik, Flaschen - in seinem Kopf ist das Eso-Kaufhaus schon entstanden.
Fehlen nur die Räume, wo bislang noch ein Copy-Service residiert. "Die werde ich kriegen", sagt Lipp. Reicht denn einfacher Glaube wie in der Parkplatzparabel dafür aus? "Man muß schon", sagt er, "an den Glauben glauben." Y _(* Auf der Esoterik-Messe im April in ) _(Köln. )
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* Von der kalifornischen Künstlerin Marilyn Churchill. * Auf der Esoterik-Messe im April in Köln.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 52/1994
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