09.03.1992

StasiNeugier aneinander

Stasi-Täter und Stasi-Opfer versuchen in gemeinsamen Gesprächen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Oft bleibt nur Frust.
Steffen Heitmann, 47, Justizminister in Sachsen, war "schwer enttäuscht". Bei Durchsicht seiner Stasi-Akte, einer "Operativen Personenkontrolle", erkannte Heitmann eine "Person aus meiner unmittelbaren Umgebung" als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
Sofort nach Lektüre wandte sich Christdemokrat Heitmann an den Ex-Spitzel, lud ihn ein "zu einem Gespräch unter vier Augen" und zeigte sich versöhnungsbereit. "Wir gingen", so Heitmann, "im guten auseinander."
Vielerorts in der Ex-DDR suchen Stasi-Opfer, die ihre Akten seit Jahresanfang einsehen dürfen, Kontakt zu früheren Spitzeln und MfS-Offizieren, um ihre Vergangenheit aufzuklären. Nicht immer enden die Begegnungen so freundlich wie bei Heitmann.
"Opfer und Täter", so der sächsische Innenminister Heinz Eggert (CDU), müßten gemeinsam in diesem Land leben und sollten daher "aufeinander zugehen". Doch das erweist sich als schwierig. Viele SED- und Stasi-Täter führen sich inzwischen als Opfer auf; viele wirkliche Opfer wollen nicht einfach vergeben, was ihnen einst angetan wurde.
So halten die Gespräche zwischen Opfern und Tätern, die der von der Stasi schikanierte einstige Protest-Pfarrer Eggert fordert, oft nicht, was sich die Kontrahenten davon versprechen.
Da hoffte etwa das ehemalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, 63, vorige Woche bei einer Veranstaltung der Jungen Union in Berlin auf Verständnis, als er während eines Täter-Opfer-Gesprächs versicherte, er habe der sozialistischen Idee endgültig abgeschworen.
Doch viele nahmen dem Altfunktionär die Reue nicht so leicht ab. Ein ehemaliger DDR-Bürger, der schon als 18jähriger in politischer Haft gesessen hatte, meinte, eigentlich gehöre Schabowski eingesperrt - schließlich habe er als damaliger Chef der Ost-Berliner SED-Bezirksleitung gewußt, daß Flüchtlinge an der Grenze erschossen wurden. "Aus juristischer Sicht", konterte Schabowski den Angriff, habe er sich nichts vorzuwerfen.
Eine regelrechte Flucht vor der Vergangenheit versuchte Anfang Februar Frank Rudolph, 50, bis vor kurzem Mitarbeiter der Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes in Frankfurt am Main. Als er den Theologen und _(* Am Tisch: Rainer Hildebrandt, Wolfgang ) _(Templin, Günter Schachtschneider (4. v. ) _(l.). ) ehemaligen DDR-Bürgern Annette Buche, 38, und Mathias Storck in Frankfurt über den Weg lief, floh Rudolph in eine Tiefgarage.
Erst eine Stunde später verließ Rudolph sein Versteck: Er hatte, als IM "Klaus", die alten Freunde in der DDR jahrelang bespitzelt.
Außer den IM "Klaus", der "nur noch Angst und Scham" empfindet, hat Annette Buche auch den Spitzelchef und Leiter der Stasi-Kirchenabteilung XX/4 Joachim Wiegand, 59, zur Rede gestellt. Doch der zeigte kaum Einsicht in seine Schuld. Der einstige Oberst, der früher 41 hauptamtliche Mitarbeiter befehligt hatte, schilderte seine Abteilung nach Buches Erinnerung als "verkannten Perestroika-Fanklub" und einen "liberalen Flügel" des MfS (siehe Interview Seite 46).
Über ähnliche Gefolgsleute des alten SED-Regimes hat die Filmemacherin Sibylle Schönemann, 39, schon kurz nach der Wende, im Sommer 1990, den Dokumentarstreifen "Verriegelte Zeit" gedreht. Darin zeigt die Regisseurin, die 1985 in der DDR wegen "Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit" zu zwölf Monaten Haft verurteilt worden war, Ausflüchte, Selbstrechtfertigungen und Gesprächsverweigerungen von SED- und Stasi-Tätern.
Schönemann, die im Juli 1985 aus der Haft in die Bundesrepublik abgeschoben wurde, hat nach dem Zusammenbruch der DDR-Diktatur ihre einstigen Vernehmer von der Stasi, ihre früheren Vorgesetzten, ihren Richter und ihre Gefängniswärterin zu Gesprächen aufgesucht. Bei den Begegnungen erlebte die Stasi-Verfolgte, "daß diese Typen scheinbar problemlos mit der neuen Zeit umgehen können" und "keinerlei Schuldgefühle" zeigten.
Häufig entstehen Konfrontationen "mit vertauschten Rollen", so Annette Buche, wenn Drangsalierte ihre Bedränger über die Vergangenheit befragen. "Täter zeigen Opferverhalten", weiß der Leipziger Pfarrer Michael Turek, 42, der Täter und Opfer zu Gesprächen in einer kirchlichen Arbeitsgruppe "Recht und Versöhnung" einlädt.
Alte Regimetreue, vor allem hauptamtliche und Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi, ergehen sich dabei häufig in Selbstrechtfertigungen und "spulen oft etwas ab, was ich von früher kenne - aus dem Staatsbürgerkundeunterricht" (Turek). Dennoch zeigten sich bei Bespitzelten und Spitzeln eine "Neugier aneinander" und "das Bedürfnis, über Erfahrungen zu reden".
Dem Wunsch, miteinander zu sprechen, versucht auch Rainer Hildebrandt, 77, Leiter des Berliner Mauer-Museums "Haus am Checkpoint Charly", mit öffentlichen Opfer-Täter-Gesprächen nachzukommen. Hildebrandt war im Kalten Krieg Mitbegründer der militant antikommunistischen West-Berliner "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" und wurde daraufhin in den sechziger Jahren vom SED-Organ Neues Deutschland als "Terroristenchef" beschimpft.
Alle zwei Wochen finden sich nun bei dem einst Geschmähten entwaffnete Kämpfer aus den Reihen von SED und Stasi ein. Mit schwäbelndem Charme stellt der Wahlberliner und gebürtige Stuttgarter Hildebrandt bei den Gesprächen Männer vor, die er nun "meine Freunde" nennt, "weil sie den Mut haben, hierher zu kommen": ehemalige Offiziere und Inoffizielle Mitarbeiter des MfS.
Zu Hildebrandts Stammgästen zählt etwa Günter Schachtschneider, 38, bis Dezember 1989 Hauptmann der Abteilung XX/1 ("Sicherung des Gesundheitswesens") der Ost-Berliner Stasi-Bezirksverwaltung. Von einem Schuldgefühl spricht Schachtschneider nicht. "Ich bin nicht der typische Täter, ich habe keinen umgebracht", sagt der Ex-Stasi-Hauptmann mit einem verlegenen Lächeln.
Der ehemalige Geheimdienstler plaudert so allgemein über die Methoden, die "man" im MfS anwandte, daß Stasi-Verfolgte im Publikum regelmäßig unruhig werden. Der Berliner Bürgerrechtler Werner Fischer, 41, nach der Wende einer der Stasi-Auflöser, ist oft "frustriert über das Unkonkrete". Er zweifelt daran, ob solche Gesprächsrunden überhaupt Sinn machen, wenn sie vor Publikum stattfinden.
Nur selten kommt im Haus am Checkpoint Charly etwas von den Motiven heraus, die Menschen zu Spitzeln werden ließen. Etwa, wenn der Bürgerrechtler Wolfgang Templin, 43, vom Bündnis 90, der nach einer vierjährigen Tätigkeit als IM 1975 mit der Stasi brach und zur Opposition stieß, berichtet. Er weiß, wie sehr die Mentalität, "ständig über andere zu werten", von der Stasi ausgenutzt wurde.
Mehr als öffentliche Talk-Runden bewirken bisweilen Begegnungen einzelner Täter und Opfer. So lud die Frankfurter Rundschau im Januar den einst in der DDR inhaftierten Schriftsteller Erich Loest, 66, und den Kulturminister der letzten SED-Regierung, den jetzigen PDS-Bundestagsabgeordneten Dietmar Keller, 50, zu einem Gespräch ein.
Keller war von 1977 bis 1984 Sekretär für Kultur der Leipziger SED-Bezirksleitung und hatte behauptet, er habe niemanden ausgegrenzt oder unterdrückt. Von Loest scharf kritisiert, begann Keller einzusehen, daß er "durch die Wahrnehmung einer Funktion mitschuldig geworden" sei.
Bei ehemaligen hauptamtlichen Stasi-Mitarbeitern sind solche öffentlich bekundeten Einsichten noch dünn gesät. Er habe "durch eine Mischung aus Hörigkeit und Vorteilsstreben" der Stasi gedient und das SED-Regime gestützt, "das man hätte stürzen müssen", erkennt ein früherer Hauptmann der Untersuchungsabteilung der Dresdner Stasi-Bezirksverwaltung. Er fühlt sich schuldig und möchte nun mit früheren Opfern sprechen.
Den Anspruch vieler Täter auf rasche Versöhnung wollen viele der einstigen Dissidenten, die in der DDR kujoniert und inhaftiert wurden, nicht erfüllen. "Sollen wir die Täter therapieren?" fragt Stasi-Opfer Annette Buche. Wer nicht freiwillig zum Gespräch bereit sei, sondern erst nach Akteneinsicht der Opfer, könne "nicht auf viel Verständnis treffen".
In seltenen Fällen blockieren nicht Berührungsängste, sondern aktuelle Rücksichten die Gesprächsbereitschaft einstiger Täter. So erklärte in Pfarrer Tureks Leipziger Gruppe "Recht und Versöhnung" ein junger Mann, der früher als IM für die Stasi tätig war, weshalb er über seine Arbeit als Zuträger eines Geheimdienstes "nicht zuviel sagen" wolle. Er sei inzwischen schon wieder als geheimer Informant tätig - für den Verfassungsschutz.
* Am Tisch: Rainer Hildebrandt, Wolfgang Templin, Günter Schachtschneider (4. v. l.).

DER SPIEGEL 11/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 11/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Stasi:
Neugier aneinander

Video 01:51

Einst schwerster Mensch der Welt Von 595 auf 120

  • Video "Überwachungsvideo: Frau steckt auf Gleisen fest" Video 00:52
    Überwachungsvideo: Frau steckt auf Gleisen fest
  • Video "Man kann ihn einfach nicht sehen!: Trumps wirre Huldigung des F-35-Kampfjets" Video 01:47
    "Man kann ihn einfach nicht sehen!": Trumps wirre Huldigung des F-35-Kampfjets
  • Video "Deutschland in der Schwebe: Wie lange darf Merkel noch regieren?" Video 02:08
    Deutschland in der Schwebe: Wie lange darf Merkel noch regieren?
  • Video "Außergewöhnliches Video: Hirsch bedrängt Jäger" Video 01:31
    Außergewöhnliches Video: Hirsch bedrängt Jäger
  • Video "Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen" Video 02:33
    Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen
  • Video "Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: Bisher nur in Lehrbüchern gesehen" Video 01:17
    Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: "Bisher nur in Lehrbüchern gesehen"
  • Video "Wohnort von AfD-Politiker: Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke" Video 02:13
    Wohnort von AfD-Politiker: "Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke"
  • Video "Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis" Video 06:52
    Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis
  • Video "Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen" Video 01:31
    Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen
  • Video "Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt" Video 00:57
    Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt
  • Video "Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea" Video 01:13
    Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea
  • Video "Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen" Video 01:52
    Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen
  • Video "Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen" Video 01:33
    Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen
  • Video "Mordprozess in Freiburg: Verdächtiger gesteht die Tat" Video 00:56
    Mordprozess in Freiburg: Verdächtiger gesteht die Tat
  • Video "Neue SPIEGEL-Ausgabe: Die Lage ist historisch" Video 03:36
    Neue SPIEGEL-Ausgabe: "Die Lage ist historisch"
  • Video "Einst schwerster Mensch der Welt: Von 595 auf 120" Video 01:51
    Einst schwerster Mensch der Welt: Von 595 auf 120