10.01.1994

USA„Fast immer Hilflose“

Schwangere, Sterbenskranke, Sträflinge - vor den Menschenversuchen amerikanischer Atomforscher war niemand sicher. Die Bevölkerung ganzer Landstriche diente als unfreiwilliges Versuchsobjekt. Im Rüstungswettlauf des Kalten Kriegs erloschen die Skrupel der Wissenschaft.
Schienbein, Wadenbein, Oberschenkelknochen, Knöchel, Schulterblatt, Rippen und Brustbein - alles kam unter das Mikroskop." Auch der Schädel des weiblichen Leichnams, der am 24. September 1973 exhumiert worden war, wurde "buchstäblich skalpiert", so ein beteiligter Pathologe, das Haar samt Kopfhaut sorgsam gewaschen und bei 37,7 Grad luftgetrocknet.
Mit kriminalistischer Akribie fahndeten die Wissenschaftler im Regierungsauftrag nach Spuren eines der gefährlichsten Stoffe - Plutonium. Sie fanden das tödliche Gift.
Es waren Reste von 0,3 Mikrocurie Plutonium 239. Sie waren fast drei Jahrzehnte zuvor einer damals 18jährigen Patientin mit der Codebezeichnung HP-4 im Strong Memorial Hospital der Universität von Rochester (New York) eingespritzt worden. 1070 rem betrug die Strahlendosis, mit der HP-4 am 17. November 1945 verseucht wurde - das war über 40mal mehr, als ein Mensch während seines ganzen Lebens aufnehmen kann, ohne gefährdet zu sein. Die Versuchsperson überlebte nicht lange.
Das Ergebnis der Obduktion verschwand unbeachtet in den Akten. Zum zweitenmal wurde der Fall HP-4 jetzt von der amerikanischen Journalistin Eileen Welsome ausgegraben - aus geheimen Unterlagen des Washingtoner Energieministeriums. Ihr Bericht für die Albuquerque Tribune über HP-4 und andere Strahlenopfer erschütterte die Nation und versetzte die Regierung in Krisenstimmung.
Wie 17 andere schwerkranke Patienten, denen Ärzte Überlebenschancen von "allenfalls zehn Jahren" eingeräumt hatten, war HP-4 Opfer einer bedenkenlosen medizinischen Versuchsserie geworden.
Mit Schaudern erkennen die Amerikaner nun, daß nicht nur die kommunistischen Diktatoren in Moskau, sondern auch die eigene, demokratisch gewählte Regierung ihre Bürger skrupellos nuklearen Risiken aussetzte, wenn sie sich davon Vorteile im atomaren Rüstungswettlauf versprach.
Den aufrüttelnden Report der Lokalzeitung aus dem Südwesten nutzte in Washington Energieministerin Hazel O'Leary für eine Flucht nach vorn. Empörten Bürgern versprach sie die schonungslose Aufklärung eines Skandals, der von höchsten Regierungsstellen systematisch vertuscht worden war. "Wir wurden in einer Atmosphäre der Geheimhaltung irregeführt", meinte die Ministerin über den US-Atomstaat, "ich würde sogar noch weitergehen: Es war eine Atmosphäre der Repression."
Präsident Bill Clinton setzte vorige Woche eine Arbeitsgruppe ein, die allen Hinweisen auf radioaktive Experimente nachgehen soll. Vertreter der Ministerien für Energie, Verteidigung, Justiz sowie des Amtes für Veteranen, der Weltraumbehörde Nasa und des Haushaltsbüros im Weißen Haus sollen die Einzelheiten einer staatlichen Forschungspolitik aufdecken, die im Wahn des Wettrüstens nicht nur die Grenzen ärztlicher Ethik überschritt, sondern vermutlich auch gegen Strafgesetze verstieß.
Mehrere Monate wird es nach Meinung von Beamten dauern, bis die beteiligten Bürokratien absehen können, in welchem Umfang im Namen der nationalen Sicherheit Bürger- und Menschenrechte verletzt wurden.
In manchen Behörden ist eine lückenlose Aufklärung wohl gar nicht mehr möglich. Der Geheimdienst CIA beispielsweise soll 1973 Dokumente über die Nuklearversuche an Menschen vernichtet haben. William Colby, der bis 1975 Chef der Agency gewesen war, dementierte cool: Ihm sei von radioaktiven Experimenten an Amerikanern nichts bekannt gewesen.
Allein im Energieministerium, das für den Atomwaffenbau verantwortlich ist, müssen nun mehrere Millionen Akten durchgesehen werden, um die brutalen Tests aufzudecken.
Hazel O'Leary erwartet "weitere Enthüllungen". Auf dem "Heißen Draht für Menschenversuche", einer kostenfreien Telefonverbindung des Energieministeriums, gehen täglich bis zu 10 000 Anfragen ein. "Wir werden überflutet", klagt eine Sprecherin.
Für den O'Leary-Mitarbeiter Robert Alvarez steht bereits fest, daß die "Regierung der Vereinigten Staaten die amerikanische Bevölkerung mutwillig hinters Licht geführt hat". Sicher ist, daß Tausende Amerikaner - meist unwissentlich - während des Kalten Kriegs als Versuchskaninchen herhalten mußten.
Die Zahl der Opfer medizinischer Nuklearexperimente wird auf über 1000 geschätzt. Zu ihnen zählen *___Dutzende angeblich Sterbenskranker, von denen einige ____allen Prognosen (und radioaktiver Verseuchung) zum ____Trotz noch heute leben; *___751 Schwangere, denen radioaktive Pillen verordnet ____wurden; Nachfolgeuntersuchungen stellten eine hohe ____Krebsrate bei den Kindern fest; *___über 200 Kleinkinder, denen radioaktives Jod gespritzt ____wurde, um Auswirkungen auf die Schilddrüse zu ____untersuchen; *___geistig zurückgebliebene Kinder, deren Schulfrühstück ____radioaktiv angereichert wurde, um den Durchgang der ____Strahlengifte im menschlichen Körper studieren zu ____können; *___131 kerngesunde Strafgefangene, deren Hoden extrem ____hohen Strahlendosen ausgesetzt wurden, ohne daß man ____sie zuvor auf das Krebsrisiko hingewiesen hatte; sowie *___fast 200 Krebspatienten im Endstadium, darunter ein ____sechsjähriger Junge, die noch bis Mitte der siebziger ____Jahre vorsätzlich mit extrem starker Nuklearstrahlung ____beschossen wurden.
In vielen Fällen wurden die Opfer nur unzureichend oder auch gar nicht über die Risiken dieser medizinisch nicht angezeigten Behandlungsmethoden aufgeklärt. Eine Betreuung nach Ablauf der Tests galt weitgehend als überflüssig. Über das Schicksal der Betroffenen ist deswegen nahezu nichts bekannt.
Manche Wissenschaftler äußern auch heute noch Verständnis für die Zauberlehrlinge der nuklearen Rüstung - die Gefahren atomarer Strahlung seien damals noch weithin unbekannt gewesen; die Ärzte hätten weniger Gefühl als heute für die verantwortliche Mitsprache des Patienten bei seiner Behandlung gehabt.
Dem halten Kritiker entgegen, daß seit 1947 der "Nürnberger Ärztekodex" der klinischen Forschung an Menschen klare Grenzen setzte.
Zudem verbietet der hippokratische Eid seit über 2000 Jahren den Medizinern, ihren Patienten wissentlich Schaden zuzufügen, wie Jack Geiger von der Organisation "Ärzte für soziale Verantwortung" betont. Besonders bedrückt den Mediziner die Auswahl der Opfer: "Schwarze, Gefangene, Schwangere, geistig Zurückgebliebene - fast immer waren es Hilflose." Einige der an den Versuchen beteiligten Wissenschaftler ließen anfangs Skrupel erkennen. Einer mochte die Programme nur noch "mit dem Treiben der Nazis" vergleichen. Ein anderer warnte seine Vorgesetzten bereits 1950 vor strafrechtlichen Folgen und dem "Hauch von Buchenwald", der den Menschenversuchen anhaftete - vergeblich.
Mindestens ebenso arglos wie die Patienten, die meist nicht einmal ahnten, was mit ihnen geschah, waren viele zehntausend Amerikaner, die absichtlich radioaktivem Fallout ausgesetzt wurden - in Massenversuchen, deren wahres Ausmaß erst jetzt enthüllt wird.
So zündeten am 24. März 1950 Wissenschaftler des Atomlabors in Los Alamos eine konventionelle Bombe, der hochradioaktives Material beigemischt worden war. Für den Bau einer Strahlenbombe wollten sie die Verbreitung des atomaren Fallouts untersuchen. Der Versuch war ein Erfolg - noch in der über 100 Kilometer entfernten Gemeinde Watrous konnten die Forscher radioaktiven Niederschlag feststellen. Arbeiten an einer Fallout-Waffe fanden am Oak Ridge National Laboratory in Tennessee und auf dem Versuchsgelände der Armee westlich von Salt Lake City statt.
Insgesamt setzten amerikanische Nuklearwissenschaftler zwischen 1944 und 1961 über 250mal absichtlich nukleare Strahlung frei.
Jahrzehntelang versuchten die Menschen, die in der Nähe amerikanischer Atomfabriken lebten, die Bombenbauer für ungewöhnlich hohe Krebsraten und andere Gesundheitsschäden zur Verantwortung zu ziehen - ohne Erfolg. Jetzt zeigt sich, wie berechtigt ihre Klagen waren:
Im Wettlauf um die wirksamste Bombe hatten etwa die Betreiber der Atomfabrik von Hanford wiederholt Staubwolken mit extrem hoher Radioaktivität abgeblasen. Sorgsam maßen die Techniker nach der Aktion "Green Run" die Ausbreitung der Giftschwaden im fruchtbaren Tal des Columbia-Flusses im Nordwesten der USA.
Die betroffene Bevölkerung, darunter etwa 20 000 Kinder, erfuhr viele Jahre nichts von der unfreiwilligen Bestrahlung weit jenseits zulässiger Grenzen.
Besonders erbost die Amerikaner, daß sich das Treiben ihrer Nuklearforscher unter dem Deckmantel militärischer Geheimhaltung nahezu unkontrolliert entfalten durfte. Erst im vorigen Monat mußte Energieministerin O'Leary zugeben, daß die USA 204 Atomversuche mehr unternahmen, als sie bislang öffentlich eingeräumt hatten. "Die Russen haben sie damit bestimmt nicht getäuscht, wohl aber unsere eigene Bevölkerung", glaubt ein Rüstungsexperte.
Der Regierung Clinton kam die Aufdeckung staatlichen Machtmißbrauchs nicht einmal ungelegen. "Zwei Regierungen haben versagt", verurteilte Mark Gearan, Sprecher des Weißen Hauses, das Schweigen der republikanischen Vorgänger Reagan und Bush zu früheren Fragen nach den Atomversuchen.
Doch der Stolz auf die neue Ehrlichkeit wird vermutlich nicht lange anhalten. Anders als Ministerin O'Leary drückte Gearan sich um eine ausdrückliche Anerkennung staatlicher Schuld. Auch die Frage nach Wiedergutmachung hielt der Clinton-Sprecher für "verfrüht".
Wie ein Mühlstein belastet die Regierung bereits eine andere Hinterlassenschaft des Kalten Krieges: Hunderte von Milliarden Dollar müssen für die Beseitigung nuklearer Umweltschäden aufgebracht werden, die zu Zeiten der hemmungslosen Aufrüstung in weiten Teilen der USA angerichtet wurden.
So wird auch Präsident Clinton wohl versuchen, die künftige Belastung für den Haushalt möglichst klein zu halten. Wie das gehen kann, hat Vorgänger Bush bereits erprobt. Fast 50 Millionen Dollar, so wurde vorige Woche bekannt, gab damals das Energieministerium für juristischen Beistand aus. Das Geld diente dazu, Schadensersatzklagen strahlengeschädigter Bürger abzuwehren. Y

DER SPIEGEL 2/1994
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