24.01.1994

Uno-Einsatz„Ja, Menschlichkeit“

Die deutschen Soldaten brechen ihre Zelte ab und verlassen Somalia. Der Einsatz am Horn von Afrika hat unangemessen viel Geld gekostet. Dem Land hat er wenig dauerhaften Nutzen gebracht.
Eine gewaltige Staubwolke steht über der somalischen Wüste. Sie verheißt Unglück: Die Deutschen ziehen ab. Musa Mumin, 47, Staub im Gesicht, sieht dem ersten von 60 Fahrzeugkonvois hinterher, der nach Südosten in Richtung Mogadischu verschwindet. Er ist verbittert: "Die Deutschen sind der größte Arbeitgeber hier. Wenn sie weggehen, steht die Stadt vor dem Kollaps."
Der Dolmetscher und Advokat Mumin ist seinen Job bei den Deutschen los, die ihm für seine Dienste einen Monatslohn von 350 Dollar zahlten. Und wie Mumin werden nun viele arbeitslos.
Fristgerecht zum 15. März löst die Bundeswehr die Verträge mit 69 Somalis auf, die als Müllmänner, Lagerarbeiter, Dolmetscher und Helfer bei der Kraftfahrzeuginstandsetzung fünf bis zehn Dollar pro Tag verdienten. Mitte März soll sich der letzte der 1320 deutschen Blauhelme aus dem Wüstenstaub gemacht haben.
Monatelang haben die Deutschen, die ursprünglich andere Uno-Truppen logistisch unterstützen sollten, Brunnen gebohrt, Schulen gebaut und Kranke behandelt. Das ist bald vorbei.
Am Sonntag voriger Woche hat die "MS Germania" von Mogadischu aus Kurs auf Deutschland genommen, beladen mit den ersten von mehreren hundert Kraftfahrzeugen und Containern; mindestens fünf weitere Transportschiffe sollen folgen.
350 Millionen Mark ist das Material wert, das möglichst unbeschädigt in die kalte Heimat gebracht werden soll. Der Rückzug ist penibel organisiert. So gibt es, wie es sich für Deutsche gehört, ein Merkblatt dazu.
Im steifen Militärdeutsch werden die deutschen Soldaten der Uno-Mission für Somalia (Unosom) in dem "Merkblatt Konvoi" angehalten, "dauerhaften Einsatzwillen und verantwortungsbewußtes Handeln" zu zeigen; zur Vorbereitung werden "Fitness durch gesunde Lebensweise und Sport" sowie "ausreichend Schlaf" empfohlen.
383 Kilometer müssen die Konvois von Belet Huen nach Mogadischu auf der "strada imperiale" zurücklegen, die noch die frühere Kolonialmacht Italien baute. Mehr als Marschtempo 25 ist wegen der schlechten Straßen kaum möglich; nach mehr als siebenstündiger Fahrt sollen die Soldaten bei Kilometer 182 im italienischen Stützpunkt Gialalassi für eine Nacht pausieren.
Die Sicherheit der Soldaten beim Abzug, sagt ein ranghoher Militär, sei "in vollem Umfang gewährleistet". Wer einen Konvoi angreife, sei "lebensmüde".
Mit jedem Konvoi fahren 350 Soldaten unter Waffen. Die Marschstrecke wird laufend überwacht und zudem durch Hubschrauber der Heeresflieger geschützt, die ständig über den weißlackierten Lastwagen mit dem Uno-Emblem schweben.
In der vergangenen Woche gab es für die Deutschen erstmals einen Anlaß, zu zeigen, daß sie von ihren Waffen auch Gebrauch machen. Wächter erschossen in der Nacht zum Freitag einen somalischen Eindringling im Lager. Die tödlichen Schüsse so kurz vor dem Abschied schrecken nicht nur ab - sie vergiften auch die Atmosphäre.
Unwägbar sind, immer noch, die Risiken in Mogadischu. Der Aufenthalt der Bundeswehr-Blauhelme dort soll nach einem internen Befehl so kurz wie möglich sein. Wenn weder schwere See noch Maschinenschäden, wie beim Anmarsch, den Zeitplan durcheinanderbringen, sollen die Schiffe in Mogadischu vom 10. Februar an alle fünf bis acht Tage in See stechen. Das letzte Schiff, so lautet der Befehl, soll Somalia spätestens am 26. März verlassen haben.
Die ersten 200 Soldaten können den Heimflug von Mogadischu nach Köln am 19. Februar antreten, die übrigen Blauhelme sollen mit drei Flugzeugen zwischen dem 3. und dem 19. März in die Bundesrepublik gebracht werden.
Sauberkeit ist des Soldaten Zier. Den Heimkehrern wird aufgetragen, ihre Schuhe mit zweiprozentiger Natronlauge zu desinfizieren. Damit Fahrzeuge und Container anständig aussehen, wenn sie in Deutschland ankommen, sollen sie im Hafen von Mogadischu vor dem Beladen noch schnell mit einem Dampfstrahlreiniger bearbeitet werden.
Manche Soldaten werden sentimental, wenn sie über Belet Huen sprechen. "Das hier ist der Höhepunkt meines Soldatenlebens", sagt der Hamburger Stabsfeldwebel Berno Heinrichs, 49. Oberst Holger Kammerhoff, 48, der Kommandeur des deutschen Unosom-Kontingents, pflichtet ihm bei: "Die Männer können sehr stolz sein auf das, was sie hier aufgebaut haben."
Fragt sich nur, wie lange es hält. Der unter größten Anstrengungen gebaute neue Flugplatz werde schon in wenigen Wochen unbrauchbar sein, weil es niemanden gebe, der ihn warte, sagt ein Pionier.
Kommandeur Kammerhoff hat den Somalis versprochen, das größte Bauprojekt der Bundeswehr, den Dammbau in Nuurfanax, noch zu vollenden, ehe die Soldaten abziehen. 70 Kilometer südlich von Belet Huen haben sie den Brunnen des Dorfes vor dem Einbruch geschützt. Zudem haben sie den Verlauf des breiten Wadis verändert, der sich mit Beginn der Monsunzeit in einen reißenden Strom verwandelt, und einen mächtigen Damm aufgeschüttet. 5000 Hektar Ödland können mit Beginn der Regenzeit fruchtbar gemacht werden.
Ahmed Shamsudeen-Cool, 45, in Belet Huen ziviler Repräsentant der Uno-Mission für Somalia, gibt eine düstere Prognose für die Zukunft der Region ab. Er hat "überhaupt keinen Zweifel, daß der Bürgerkrieg wieder ausbricht". Es gebe "keine Hoffnung mehr für Somalia".
Buschan Hadsch Scheid, 52, der Leiter des "World Food Program" der Uno in Belet Huen, stört sich an dem gewaltigen Aufwand, den die Bundeswehr in Somalia betrieb. Mit ihrem Material und Gerät hätten die deutschen Blauhelme "die ganze Stadt Belet Huen" und mit den Kosten ihres Einsatzes "die ganze Region aufbauen können".
So nützlich sich die Wehr zu machen versuchte: Die Kosten des Einsatzes und die erbrachten Hilfeleistungen stehen in krassem Mißverhältnis.
Stolz hat der deutsche Verband jüngst seine "humanitäre Leistungsbilanz" vorgelegt. Darin wird vorgerechnet, daß den Somalis "humanitäre Aktivitäten" und "medizinische Leistungen" im Wert von 2,34 Millionen Mark zugute gekommen seien, berechnet "nach Satz für den Katastrophenfall". Hinzu kommen noch 146 000 Mark aus dem Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit für Kleinstprojekte im Raum Belet Huen. Dagegen stehen die auf 331 Millionen Mark geschätzten Kosten, die allein bis Ende 1993 für die Uno-Mission der Bundeswehr angefallen sind.
Soviel Geld hätten zivile Hilfsorganisationen auch gern zur Verfügung. Das Büro des World Food Program in Belet Huen beispielsweise kann monatlich nur rund 180 000 Mark ausgeben, um 400 Tonnen Nahrungsmittel an Lehrer, Ärzte und Kriegsopfer in den Regionen Hiran und Galgaduud zu verteilen.
Doch der Aufwand der Militärs entsprang ja zunächst dem weltpolitischen Kalkül der Bundesregierung: Die Verwirklichung des schönen Traums vom Sitz im Uno-Sicherheitsrat und von der Rückkehr in die erste Reihe der Weltpolitik "kostet nun mal soviel Geld", kommentiert ein hochrangiger Offizier die Zahlen. Der Bundesrechnungshof werde den Preis dafür "kaum beanstanden".
Koste es, was es wolle, das Verteidigungsministerium feiert den Einsatz in großformatigen Zeitungsanzeigen. Schlagzeile: "Ja, Menschlichkeit".
Feierlich ist auch der Abschied vor Ort. Kommandeur Kammerhoff hat sich in einem Grußwort zum Jahreswechsel an die Somalis altvertrauter Wendungen staatstragender Reden zu Zeiten der deutschen Teilung bedient: "Wir blicken auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Brüdern und Schwestern in der Region Hiran zurück."
Ein Volk von Deutschen, mitten in der Wüste? Y
"Unsere Brüder und Schwestern in der Region Hiran"

DER SPIEGEL 4/1994
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