23.03.1992

„Wir werden euch ausrotten“

Seit zwei Jahren herrscht Krieg um Karabach, einem mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnten Bergland im moslemischen Aserbaidschan. In blindwütigem Haß stehen sich an dieser Nahtstelle zwischen Orient und Okzident die Völker gegenüber. Der SPIEGEL schildert in einer neuen Serie die Geschichte des Konfliktes.
Pogrom. Eine moslemische Meute stürmt durch die Straßen, plündert Läden und Wohnungen der Mitbürger christlichen Glaubens, erschlägt Männer, vergewaltigt Frauen, verstümmelt noch Leichen. Religiöser Fanatismus und nationale Überheblichkeit mischen sich mit der Frustration der sozialen Unterschicht, dem Neid der Ärmsten auf die erfolgreicheren, wohlhabenderen Armenier: Sie sind es, die büßen müssen, wann immer im Kaukasus, an der Grenze zwischen Asien und Europa, der Völkerhaß ausbricht - und, wenn die Opfer sich wehren, der Krieg.
So geschah es Ende Februar 1988, als der aufgehetzte Pöbel im aserbaidschanischen Sumgait die Armenier am Ort lynchte. Den Deklassierten ging es um Beute und Wohnraum, die von den Drahtziehern ausgegebene Parole aber lautete: "Karabach". Das ist jene überwiegend armenisch besiedelte Enklave in Aserbaidschan, die nun wieder als Streitobjekt zwischen zwei inzwischen der Nato assoziierten Staaten einen Kriegsgrund liefert. Und wieder schont die Mordlust nicht die Kinder und die Greisinnen, unschuldige Zivilisten insgesamt.
Die durch neue Greuel geweckte Erinnerung an den ersten Völkermord des Jahrhunderts, die Ausrottung der türkischen Armenier 1915, treibt das erste christliche Volk der Geschichte in die Furcht vor einem neuen Genozid.
"Meine Schülerin machte ihr Kleid auf", berichtete die armenische Fremdsprachenlehrerin Raissa Dallakjan nach dem Pogrom von Sumgait, "und zeigte mir ihren Körper, auf den mit Messern Kreuzzeichen eingeschnitten waren. 17 Männer waren in ihre Wohnung eingedrungen und hatten sie vergewaltigt." Auch über ihre jüngste Schwester waren "die Türken" hergefallen, und alles vor den Augen ihrer Eltern.
Als "Türken" oder "Osttürken" bezeichnen die Armenier ihre islamischen Nachbarn in Aserbaidschan, wo bis kurz vor dem Pogrom auch eine halbe Million Armenier wohnten. Die Täter seien zum Teil sehr jung gewesen und waren "wie schwarze Raben gekleidet und mit Eisenstangen und Beilen bewaffnet", sagte eine Zeugin.
"Armenier, wenn ihr nicht binnen drei Tagen die Stadt verlaßt, werden wir euch wie Hunde abschlachten", stand auf Flugblättern. Sogar in eine Entbindungsstation drangen die Aserbaidschaner ein und massakrierten armenische Wöchnerinnen und die Neugeborenen. Sie hätten geschrien: "Tod den Armeniern! Wir werden euch ausrotten."
Samwel Schamuradjan meldete im Organ des armenischen Schriftstellerverbands die Tötung eines Ehepaars, die Tochter sei "von ihren Mördern entkleidet, an einen Mast gefesselt und in Brand gesetzt worden".
Von seinem Balkon aus sah der Armenier Karlen Sarkissjan Tausende von Menschen auf der Straße:
"Sie hatten zwei armenische Mädchen ausgezogen und trieben sie vor sich her in Richtung unserer Wohnung. Ich holte meine Beile heraus und sagte meiner Familie: ,Wenn sie die Tür stürmen, dann werden wir einige von ihnen umbringen, bevor wir draufgehen.'' Aber unsere türkischen Nachbarn warteten vor unserem Haus und ließen sie nicht hinein."
Auch die armenische Familie Schirwanjan wurde von ihren aserbaidschanischen Nachbarn unter den Ehebetten versteckt und gerettet. "Sie warfen die Armenier ins Feuer", berichtete ein Landsmann, "und schrien: ,Da haben wir armenischen Schaschlik.''" "Wo bleibt das Gesetz?" fragte er. "Wo bleibt die Staatsmacht?" Ja, wo blieb sie?
"Ich habe von zu Hause mehrmals die Miliz angerufen", berichtete ein anderer Zeuge, "und sie antworteten: ,Wir wissen, was geschieht, aber wir können nicht helfen.''"
"Die Miliz und die Stadtbehörden", schrieb der Russe Andrej Pralnikow, Berichterstatter eines der wenigen Gerichtsverfahren nach dem Pogrom, "sind den Schlägern und Mördern nicht in die Arme gefallen. Das Gefühl der Straflosigkeit peitschte die Menge noch mehr auf." Und: "Vieles läßt darauf schließen, daß die Pogrome organisiert waren. Eine Sekretärin sagte aus, sie sei vor Ausbruch der Gewalttätigkeiten beauftragt worden, Listen von Armeniern zusammenzustellen."
"Warum sitzt hier ein junger Bursche?" fragte die Mutter eines Angeklagten bei einem dieser Prozesse. "Hat etwa er alles organisiert? Hier müssen diejenigen sitzen, die ihn gelenkt, die das alles erlaubt haben!"
Es war beileibe nicht das erste Massaker an Armeniern, aber das erste unter sowjetischer Herrschaft, das erste nach fast einem dreiviertel Jahrhundert relativer Ruhe für ein Volk, das fast in seiner gesamten Geschichte unter der Knute fremder Mächte stand: erst von Skythen, Mongolen und Persien beherrscht, dann seit Anfang des 19. Jahrhunderts der nordöstliche Teil des Landes von Rußland und der weitaus größere westliche Teil vom Osmanischen Reich.
Der Pogrom von Sumgait, bei dem offiziell 26, vermutlich aber mehrere hundert Armenier ums Leben kamen, war nicht der letzte. Zwei Jahre später, 1990, ging es wieder los. Diesmal in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, wo damals noch jeder zehnte der zwei Millionen Einwohner Armenier war.
Den Grund für den Gewaltausbruch in Sumgait (hier war jeder 15. der 230 000 Einwohner Armenier) hatte eine riesige Menschenmenge am 27. Februar 1988 vor dem Gebäude des Stadtparteikomitees skandiert: "Karabach, Karabach". Auf die Frage eines Richters an aserbaidschanische Angeklagte, wofür sie sich eigentlich rächen wollten, sagte einer der Marodeure: "Na, für Karabach."
Die Massaker an den Armeniern waren die Antwort der aserbaidschanischen Nomenklatura auf einen Beschluß der Karabacher Volksvertretung, ihr Gebiet an Armenien anzuschließen. Genauso hatten die Türken des Osmanischen Reichs reagiert, als die Armenier dort Autonomie für die Gebiete forderten, in denen sie die Mehrheit oder die bedeutendste Minderheit stellten.
Karabach - das ist mehr als ein strittiges Gebiet zwischen zwei Völkern in der ethnischen Gemengelage des Kaukasus. Der Name ist türkisch und heißt "Schwarzer Garten". Die Armenier nennen das in Berg- und Flachland geteilte Territorium "Arzach" - 4388 Quadratkilometer mit der explosiven Kraft, den ersten Krieg zwischen zwei Republiken des zerfallenen Sowjetreichs auszulösen.
Die Armenier sehen dort die Wiege ihres Volkes. Hier wurde die armenische Schrift entwickelt, eine der ältesten der Welt, in Karabach standen die ersten Druckmaschinen Armeniens, hier blühte die Kultur, als die heutige Hauptstadt Eriwan und die anderen Städte des heutigen Armeniens noch unbedeutende Orte waren.
Die idyllische Landschaft ist heute für die Bewohner Armeniens unerreichbar, denn ein wenige Kilometer breiter aserbaidschanischer Korridor trennt Berg-Karabach von der Republik Armenien: Als die Türken zum Ende des Ersten Weltkriegs das Land besetzt hatten, eroberten die mit den Türken verbündeten Aserbaidschaner (oder Aseri) die Dörfer von Nieder-Karabach und vertrieben seine armenischen und kurdischen Einwohner, so daß nun ein aserbaidschanisch besiedelter Korridor das Bergland (russisch: Nagorny Karabach) von Armenien trennt und das Verlangen nach Vereinigung weckt.
"Karabach wurde zur Zitadelle Armeniens", befand der russische Dichter Sergej Gorodezki 1919: "Wenn Armenien Karabach verlöre, würde zweifellos die Idee der Selbstbestimmung der Nationen eine ernsthafte Schmälerung erfahren. Durch den Besitz Karabachs erhält Armenien einen machtvollen Strom energievoller Kulturkräfte."
Die Enklave mit fruchtbaren Tälern scheint heute noch eine heile Welt in einer ökologisch total zerstörten Region, denn sechs der sieben Städte mit der größten Luftverschmutzung in der umweltverseuchten Ex-Sowjetunion liegen in der Republik Armenien, mit 29 800 Quadratkilometern der kleinste der einstigen Unionsstaaten.
Nur 15 Prozent der Fläche Armeniens ist landwirtschaftlich nutzbar. Die Republik kann ihre inzwischen fast vier Millionen Einwohner kaum ernähren, noch weniger künftige Zuzügler: Fast eine Million Armenier leben in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. "Berg-Karabach aber könnte nicht nur seine eigene Bevölkerung, sondern auch die Armeniens ernähren", behauptet der armenische Schriftsteller Sorij Balajan, "es könnte unsere Existenz für 100 Jahre garantieren."
Im Niedergang der Sowjetunion, unter Michail Gorbatschow, scharte sich die Opposition in der Sowjetrepublik Armenien zunächst um Ökologie-Protestler, dann um Komitees, welche den Anschluß Karabachs ans armenische Mutterland propagierten. Sie spielten für die Zukunft Armeniens eine ähnliche Rolle wie die Solidarnosc in Polen - aber mit einem nationalistischen Programm. Sie schulten die Kader, die heute in Eriwan regieren.
Kurz vor dem Pogrom in Sumgait hatten sich täglich Hunderttausende Armenier in der Millionenstadt Eriwan vor der Oper zu eindrucksvollen Demonstrationen versammelt. Sie forderten die Verwirklichung eines Beschlusses des Obersten Sowjets von Berg-Karabach, die Enklave mit Armenien zu verbinden. 145 000 der einstmals 192 000 Einwohner Berg-Karabachs waren Armenier, die sich unter dem ständigen Druck der Moslems aus dem Umland dorthin zurückgezogen hatten.
Obwohl Karabach formal ein "autonomes Gebiet" im Bestand der Sowjetrepublik Aserbaidschan war, wurden ihm von Baku eigene Bücher und selbstverwaltete Schulen verwehrt. In dem Territorium von fast der doppelten Größe des Saarlands stellten vorwiegend Aserbaidschaner das Verwaltungspersonal und die Polizei. Als sich die Armenier nach langem Kampf in der Hauptstadt Berg-Karabachs, Stepanakert (heute wieder Chankendy, mit etwa 50 000 Armeniern), die Wiedereröffnung eines Theaters erstritten, mußte dafür das armenische Theater in Baku (200 000 Armenier) schließen.
Die Berg-Karabacher produzierten zwar 130 Kilo Fleisch pro Einwohner und Jahr, bekamen davon auf Lebensmittelmarken aber nur 12 Kilo. Das Wasser der Reservoire durfte nur für die Bewässerung aserbaidschanischer Dörfer benutzt werden.
"In Baku wurde jede Anstrengung unternommen", so der persische Exiljournalist Amir Taheri, "um das Leben in Berg-Karabach so schwer wie möglich zu machen, in der Hoffnung, daß die armenische Bevölkerung die Enklave Richtung Sowjet-Armenien verläßt."
Der Staat unterhielt nur 64 der 1600 amtlich registrierten Bau- und Kulturdenkmäler - das seien aber meist die muslimischen gewesen, meint Tessa Hofmann von der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker. Das im 4. Jahrhundert gegründete Kloster Amaras ließen die Aserbaidschaner ebenso verfallen wie die Kirche von Chutawank aus dem 5. Jahrhundert, die sie in einen Viehstall verwandelten, ehe sie diesen frühchristlichen Bau unter dem Vorwand "geologischer Feldarbeiten" sprengten.
"Die Geschichte des Arzachkonflikts", so Tessa Hofmann, "bildet ein Lehrstück an politischer Unmoral, Betrug und Verrat" - und ein Lehrstück für die Standhaftigkeit der Karabacher Armenier.
Im 7. Jahrhundert islamisierten Araber die Bewohner eines großen Teils des Kaukasus, nicht jedoch die von Berg-Karabach. Als turkstämmige Seldschuken im 11. Jahrhundert in den Kaukasus zogen, machten sie sich auch die verstreut siedelnden Armenier untertan, nicht jedoch die von Berg-Karabach: Tausende Armenier waren in das Bergland geflohen, wo sie sich unter den Schutz regionaler Fürsten stellten.
1620 fiel das Land an die persischen Safawiden, welche es durch lokale Maliks, armenische Grundherren, verwalten ließen. Später war es ein Khanat, auch noch unter russischer Herrschaft nach 1805, der Zar bevorzugte armenische Beamte, derweil sich zwei Lokalfürsten mit islamischen Nomaden verbündeten.
Das heutige Armenien wurde nach 1828 als Gouvernement Eriwan von den russischen Besatzern eingerichtet, Karabach aber den russischen Gouvernements Jelisawetpol und Schemacha zugeschlagen, aus denen später die Sowjetrepublik Aserbaidschan entstand.
Das Schwergewicht der armenischen Geschichte lag freilich in der heutigen Türkei, wohin die indogermanischen Armenier, eineinhalb Jahrtausende vor den Türken, eingewandert waren. Einen modernen Staat bildeten sie erst in diesem Jahrhundert, für kurze Zeit - wie jene Moslems, deren Republik sich erst nach der Unabhängigkeitserklärung vom 27. Mai 1918 "Aserbaidschan" nannte. Bis dahin hießen die türkischstämmigen Einwohner des Kaukasus stets "Tataren".
Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte die türkische Armee Baku eingenommen. Doch Karabach hielt sich leidlich gegen die Invasoren. Die siegreichen Türken und ihre aserischen Hilfstruppen konnten dort die Stadt Schuscha nur erobern, weil sich die Engländer auf die Seite der Aseri geschlagen hatten: Sie wollten sich die Erdölreserven Bakus sichern und setzten deshalb (gegen die Amerikaner) durch, daß Karabach an Aserbaidschan fiel. Die Aseri stellten Geschäfte mit Armeniern unter Todesstrafe.
"Einen katastrophalen Fehler" nannte der damalige amerikanische Konsul in der georgischen Hauptstadt Tiflis das Vorgehen der Briten. "Der Frieden im Kaukasus kann nicht hergestellt werden, ohne daß Armeniens legitime Ansprüche auf dieses Gebiet eine Form der Befriedigung finden."
"Die Türken haben die Hälfte der Bevölkerung Karabachs massakriert", rapportierte der Bolschewik Ordschonikidse seinem Kompagnon Lenin, "aber die Bevölkerung leistet erstaunlichen Widerstand." Mitte 1919 stimmten die Karabacher dann schließlich der Herrschaft der Aserbaidschaner zu, bestanden aber auf einer endgültigen Regelung im Friedensvertrag.
Im April 1920 nahm die 11. Rote Armee - an ihrer Spitze der Armenier und spätere Staatschef der Sowjetunion Anastas Mikojan - ohne großen Widerstand die Aseri-Hauptstadt Baku ein. Die Sieger erklärten Aserbaidschan zur Sowjetrepublik, der ersten in Transkaukasien. Wenige Tage später marschierte die Rote Armee auch in Karabach ein. Der Volkskommissar des Äußeren, Georgij Tschitscherin, nannte Karabach ein "uraltes armenisches Gebiet".
Als die Sowjets Ende November 1920 Armenien erobert hatten, faßte am 1. Dezember, zwei Tage nach der Ausrufung der Sowjetrepublik Armenien, der vom Bolschewikenchef Nariman Narimanow geleitete Sowjet Aserbaidschans den Beschluß: "Mit dem heutigen Tage gelten die Grenzstreitigkeiten zwischen Armenien und Aserbaidschan als beigelegt. Berg-Karabach ist Teil der Sowjetrepublik Armenien."
Waren aus Feinden über Nacht Freunde geworden? Hatte der Internationalismus zwischen nunmehr sowjetischen Republiken den Nationalismus alter Prägung völlig verdrängt? Tatsächlich teilte der damalige Nationalitätenkommissar Josef Dschugaschwili, genannt Stalin, am 4. Dezember 1920 seinen Lesern in der Prawda mit, "daß die jahrhundertealten Animositäten zwischen Armeniern und den sie umgebenden Moslems mit einem Schlag gelöst wurden, durch die Errichtung brüderlicher Harmonie."
Es war ein Trick. Die Bolschewiki hatten den Armeniern Karabach nur zugesprochen, damit die ihre Republik der Roten Armee übergaben.
Von da an blieb den Aseri nur die konspirative Methode. "Arbeitet Tag und Nacht daran, daß alle wichtigen armenischen Persönlichkeiten verhaftet werden", hatte der aserische Revolutionsführer Karajew seine Genossen angewiesen: "Laßt menschliche Gefühle beiseite. Um die Armenier in den Orten zu schwächen, wo ihre Militäreinheiten stehen, tötet russische Soldaten und macht die Armenier dafür verantwortlich. Ihr wißt genau, was die Russen dann tun. Auf daß diese verfluchte Rasse niemals wieder aufsteht."
Im Sommer 1921 beschloß das Büro des Transkaukasischen Komitees unter dem Georgier Stalin denn auch, Berg-Karabach solle "wegen der Notwendigkeit der nationalen Einheit zwischen Muslimen und Armeniern sowie der wirtschaftlichen Verbindung von Bergmit Nieder-Karabach weiterhin innerhalb der Grenzen der Sowjetischen Sozialistischen Republik Aserbaidschan bleiben." Die Hauptstadt Chankendy erhielt 1923 nach dem Vornamen eines roten Kommissars den Namen Stepanakert. Berg-Karabach verschwand aus dem Bewußtsein der westlichen Welt.
Selbst in der kosmopolitischen New York Times kam es in den folgenden 50 Jahren nur ein einziges Mal vor. Und wer es in der Sowjetunion wagte, über das Karabach-Problem auch nur intern zu sprechen wie 1936 der armenische KP-Chef Agassi Chandschjan, wurde kurzerhand erschossen. Ein Vierteljahrhundert später mußte sein Nachfolger Towmassjan nur noch zurücktreten, weil er - ebenfalls intern - Karabach erwähnt hatte.
Doch unter der Oberfläche brodelte es immer mehr zwischen Armeniern und Aseri, schaukelte sich der Konflikt langsam hoch. 1965 erschoß ein Aseri einen Armenier ("Ich habe auf einen Vogel gezielt, meine Kugel traf ihn") und protzte: "Egal, wie hoch meine Strafe ist, ich kann sie bezahlen."
"Keine Angst, Arschad", riefen Verwandte zwei Jahre später einem aserischen Angeklagten zu, "wir wiegen dich in Gold auf und werden dich retten." Er sollte zugelassen haben, daß dem zehnjährigen Sohn eines von seinen Leuten ermordeten Armeniers Nägel in den Kopf geschlagen wurden.
Unter Gorbatschow, der die traditionelle Zuneigung der Russen zu den Armeniern wohl zunächst teilte, wagte 1988 der Gebietssowjet von Berg-Karabach mit den Stimmen der 111 armenischen Abgeordneten - die 39 aserbaidschanischen hatten den Saal verlassen - die Forderung nach Anschluß an die Sowjetrepublik Armenien. Es zeigte sich, daß die alte Zitadelle nichts von ihren Konturen verloren hatte und nichts von ihrer Explosivität.
In Armeniens Hauptstadt Eriwan schwenkten die Demonstranten, die ursprünglich nur gegen eine Chemiefabrik protestiert hatten, auf das Nationalsymbol Karabach um und verlangten ihrerseits den Anschluß ans Mutterland. Dabei trugen sie Gorbatschows Konterfei durch die Straßen, während die Aseri stets Gorbatschows konservativen Konkurrenten Ligatschow hochhielten.
Am 12. Juli 1988 sagten sich die Karabacher einseitig von Aserbaidschan los und benannten ihr Gebiet in "Autonome Region Arzach der Sowjetrepublik Armenien" um. Das war ein so ungewöhnlicher Präzedenzfall in der Geschichte der Sowjetunion, daß selbst der oppositionelle Historiker Roy Medwedew ihn als "nicht rechtmäßig" bezeichnete.
Das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR lehnte den Antrag ab, und Gorbatschow erklärte Berg-Karabach zum "wichtigsten und kompliziertesten Problem" der Sowjetunion. "Die sowjetische Führung", schrieb der deutsche Armenien-Beobachter Uwe Halbach vom Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, "sah Karabach als die gefährlichste Herausforderung aus dem Problemfeld der Nationalitätenbeziehungen an" - gefährlicher als das Baltikum.
Moskau unterstellte Karabach Anfang 1989 seiner direkten "Sonderverwaltung". Doch die Moskauer Zentrale konnte den steigenden Haß zwischen Aseri und Armeniern, die lange Zeit, unter der Knute des Sowjetsystems, friedlich miteinander gelebt hatten, nicht verhindern. "Die Linie der Entfremdung", schrieb die Moskauer Neue Zeit, "hat die traditionellen Bindungen zwischen ihnen durchschnitten. Die Entfremdung hat sie taub gemacht für _(* Bei einer Rede des Politbüromitglieds ) _(Sinowjew. ) die Schmerzen des anderen Volkes, und der Haß hat sie blind gemacht."
Die Aseri sperrten Straßen und Schienenwege nach Armenien, und Moskau steckte zurück. Ende November 1989 übergab die Zentrale die Verwaltung von Berg-Karabach wieder an Aserbaidschan. Doch die Karabacher waren nicht mehr bereit, die Herrschaft der Aseri anzuerkennen, und die Aserbaidschaner weigerten sich, den Armeniern mehr Eigenständigkeit zu gewähren.
Nach dem Muster des Pogroms von Sumgait drangen im Januar 1990 aserbaidschanische Jugendliche in Armenier-Viertel Bakus ein und veranstalteten erneut ein Pogrom. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass sprach von 52 Toten. Danach begann der größte Flüchtlingsstrom der Neuzeit im Kaukasus. Etwa 300 000 Armenier flohen aus Aserbaidschan zunächst in andere Sowjetrepubliken, weil der direkte Weg nach Armenien versperrt war; etwa 200 000 Aseri flohen aus Armenien nach Aserbaidschan.
Beide Seiten berichteten über Ausschreitungen; während besonders die aserbaidschanischen Jugendlichen vor Mord und Vergewaltigungen nicht zurückschreckten, vertrieben die Armenier ihre aserischen Mitbewohner mehr durch Psychoterror: Die Aseri wurden in Geschäften nicht mehr bedient, aus den Betrieben entlassen, auf der Straße bespuckt und auch angegriffen.
Zwar fanden die Flüchtlinge Wohnungen und Häuser der vertriebenen Armenier vor, doch dieser Lastenausgleich gestaltete sich schwierig: Die aserischen Flüchtlinge waren fast ausschließlich Landbewohner und Bauern, die armenischen zumeist Städter und Arbeiter. Noch heute hausen in Armenien die meisten Flüchtlinge unter erbärmlichen Bedingungen, fast eine halbe Million Opfer der Erdbebenkatastrophe von 1988 teilen ihr Los.
Der Krieg konzentriert sich nicht nur auf Karabach. Aseri griffen armenische Dörfer besonders auf aserbaidschanischem Gebiet, nördlich der Enklave, an, wo es noch große armenische Dörfer mit kampfentschlossenen Einwohnern gab. Aus einem stammte der sowjetische Marschall Howanes ("Iwan") Bagramjan, der 1945 Königsberg mit erobert hatte.
Die Angreifer gehörten den Omon-Truppen des Moskauer Innenministeriums an, die ursprünglich zum Schutz der Armenier beordert worden waren. "Mit Panzern, Hubschraubern und Mannschaftswagen umstellten die Truppen des Innenministeriums die Dörfer", meldete eine Beobachtergruppe unter der Leitung der stellvertretenden Sprecherin des britischen Oberhauses Baroness Cox, "drangen dann gemeinsam mit aserbaidschanischen Omon-Einheiten in die Dörfer ein und nahmen Bewohner fest."
Tausende von Armeniern wurden gezwungen, ein Revers zu unterschreiben, sie hätten aus freien Stücken ihr Dorf verlassen. Wie freiwillig diese Deportationen waren, berichteten Überlebende der Eriwaner Generalstaatsanwaltschaft (siehe Kasten Seite 146).
Nichts mehr bezeugen konnte Aramais Saakjan, 13, der einen Kopfschuß erhalten hatte, und auch nicht Papik Seiranjan, 85, den sie in seinem Haus umgebracht hatten, und Dutzende, denen Terrorismus und bewaffneter Widerstand zur Last gelegt worden waren. Nachdem die Großdörfer Getaschen und Martunaschen sowie weitere kleinere Ortschaften geräumt waren, zerstörten die Truppen die Häuser oder quartierten aserische Flüchtlinge ein.
Die Regierungen beider Länder heizten den Konflikt weiter an. Erst hatten die Armenier in ihrer Unabhängigkeitserklärung (im August 1990) den Anspruch auf Berg-Karabach festgeschrieben, dann hob das aserbaidschanische Parlament (im November 1991) den Autonomiestatus Karabachs auf. Im Januar 1992 unterstellte sich der aserbaidschanische Präsident die Enklave.
Seit Anfang dieses Jahres herrscht Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, der mit einer Härte geführt wird wie kaum ein Krieg sonst. Der Haß, der hier aufbricht, hat seine Wurzeln in einem der grausamsten Verbrechen dieses Jahrhunderts: dem Völkermord der Osmanen an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, den die Türken bis heute zu vertuschen suchen.
"Dieses Ereignis ist als zentrales Erinnerungsthema im heutigen armenischen Bewußtsein verankert", schreibt Armenien-Beobachter Uwe Halbach, "und bildet im Karabachkonflikt den emotionalen Hintergrund." Tessa Hofmann behauptet: "Die Moskauer Behandlung der Arzach-Frage klammert engstirnig und einseitig die größeren politischen und psychologischen Hintergründe aus - den Genozid." *HINWEIS: Im nächsten Heft Der organisierte Völkermord in der Türkei - "Sie schneiden uns die Hälse ab" - Die panturanischen Expansionsträume
[Grafiktext]
_140_ Armenien/Aserbaidschan: Berg Karabach
[GrafiktextEnde]
* Bei einer Rede des Politbüromitglieds Sinowjew.

DER SPIEGEL 13/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wir werden euch ausrotten“

Video 01:24

Fahrrad fährt 144 km/h Auf dem Highway ist die Hülle los

  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Schlange zu Selfie-Fotografen: Bitte keine Bilder" Video 00:29
    Schlange zu Selfie-Fotografen: Bitte keine Bilder
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste
  • Video "Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: Wie eine tickende Zeitbombe!" Video 02:38
    Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: "Wie eine tickende Zeitbombe!"
  • Video "Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern" Video 08:02
    Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern
  • Video "Razzia in Polen: Polizei hebt Potenzpillen-Großlabor aus" Video 00:49
    Razzia in Polen: Polizei hebt Potenzpillen-Großlabor aus
  • Video "Brennpunkt Calais: Polizei setzt Tränengas gegen Flüchtlinge ein" Video 01:42
    Brennpunkt Calais: Polizei setzt Tränengas gegen Flüchtlinge ein
  • Video "North Carolina: Protest gegen Polizeigewalt eskaliert" Video 01:14
    North Carolina: Protest gegen Polizeigewalt eskaliert
  • Video "Python frisst Antilope: Den Mund zu voll genommen" Video 00:40
    Python frisst Antilope: Den Mund zu voll genommen
  • Video "Glück gehabt: Flugzeugcrash am Boden" Video 01:41
    Glück gehabt: Flugzeugcrash am Boden
  • Video "Neuer Ausfall des philippinischen Präsidenten: Fuck you, EU!" Video 01:02
    Neuer Ausfall des philippinischen Präsidenten: "Fuck you, EU!"
  • Video "Videoumfrage nach der Berlin-Wahl: Ich habe die AfD nicht aus Überzeugung gewählt!" Video 02:12
    Videoumfrage nach der Berlin-Wahl: "Ich habe die AfD nicht aus Überzeugung gewählt!"
  • Video "Nach tödlichem Einsatz: Mehrere Polizisten bei Protesten in North Carolina verletzt" Video 01:17
    Nach tödlichem Einsatz: Mehrere Polizisten bei Protesten in North Carolina verletzt
  • Video "Polizeivideo aus Oklahoma: Polizistin erschießt unbewaffneten Schwarzen" Video 01:36
    Polizeivideo aus Oklahoma: Polizistin erschießt unbewaffneten Schwarzen