15.02.1993

KrematorienLetzte Mühe

Der Mensch als Sondermüll: Krematorien und Friedhöfe suchen die von Leichnamen herrührenden Umweltlasten zu verringern.
Wenn im Düsseldorfer Krematorium die Särge ankommen, wird erst mal sortiert. Was nach Luxus aussieht, kommt auf die Seite.
Verschnörkelte Griffe, aufplattierte Palmzweige - jeglicher Metallzierat auf dem Totenschrein wird pietätlos abmontiert. Dann heben die Arbeiter den Sargdeckel hoch und nehmen den Innenraum in Augenschein. Sie tasten das Totenbett auf seine Beschaffenheit ab und überzeugen sich, daß das letzte Hemd des Leichnams möglichst aus Baumwolle ist. Manch einem Verblichenen werden die Schuhe abgenommen.
Auf der Reise ins Jenseits ist modischer Schnickschnack unerwünscht: Er schafft nur Probleme im Diesseits. Henning Friege, Dezernent für Umweltschutz, Abfallwirtschaft und Friedhofswesen in Düsseldorf, betrachtet die gutgemeinten Totengaben als leidige Schadstoffquelle. Und auch die sterblichen Überreste, mit Zahnfüllungen, giftigen Knocheneinlagerungen und Medikamentenresten im welken Fleisch, stellen eine Umweltlast dar - der Mensch als gefahrenträchtiger Sondermüll.
Landauf, landab haben Öko-Beamte neuerdings die Krematorien als Luftverschmutzer im Visier. Fachleute diskutieren den Einbau von "modernen Muffelöfen", "Staubabscheidern" und "Nachbrennkammern" in die ehrwürdigen Bestattungshäuser. Umweltgruppen verlangen das Verbot von Chemikalien, die - letzte Salbung im Industriezeitalter - als Totendeodorant in den Sarg gegeben werden. "Fehlt nur noch", sagt ahnungsvoll ein Friedhofsbeamter, "daß Greenpeace auf einen Krematoriumsschlot raufklettert."
Grund genug hätten die Öko-Mahner. An den Schornsteinen der Einäscherungsöfen werden immer wieder hochgefährliche Dioxine und Furane gemessen - bis zu 140mal mehr, als nach der "Technischen Anleitung Luft" zulässig wäre, die für Müllverbrennungsanlagen von 1994 an den Grenzwert auf 0,1 Nanogramm ( = Milliardstel Gramm) festschreibt.
Zudem wirft ein Teil der bundesweit rund 110 Bestattungshäuser, die häufig noch aus der Jahrhundertwende stammen, erhebliche Mengen an Schwermetallen in die Umgebung aus. Ein mittleres Krematorium mit 4000 Einäscherungen jährlich, rechnet ein britischer Wissenschaftler vor, gebe etwa 11 Kilogramm Quecksilber im Jahr ab. Zum Vergleich: Der Chemiegigant Bayer hat den Quecksilberausstoß durch die Abwasserrohre seines Stammbetriebes Leverkusen mittlerweile auf 16 Kilogramm pro Jahr gesenkt.
In Großstädten wie Hamburg und Berlin mußten schon Feuerbestattungsöfen _(* Im Krematorium Potsdam. ) wegen unerträglich hoher Luftverschmutzung stillgelegt werden. Zwar gibt es für die Krematorien in den meisten Bundesländern bislang keine speziellen Öko-Auflagen; dort gilt noch die alte Feuerbestattungsordnung von 1938. Viele Städte wollen die Luftverpestung jedoch nicht länger hinnehmen.
"Nahezu alle Krematoriumsbetreiber", berichtet Karl Klöpping, Direktor des Friedhofsamtes Stuttgart und Vorsitzender eines Arbeitskreises Friedhöfe des Deutschen Städtetages, "sind derzeit bemüht, ihre Anlagen an den Stand der Technik anzugleichen."
Bedingt durch die Umrüstungen, kommt es nun mancherorts "zum Bestattungsstau", wie ein Berliner Beamter formuliert. Einige Kühlhäuser in der Hauptstadt sind schon überfüllt. Die Behörden erwägen, eine Art Leichen-Shuttle nach Hamburg einzurichten, wo ein bereits modernisiertes Krematorium die Berliner Kollegen bei ihrer letzten Mühe unterstützen könnte.
Zudem empfiehlt der Berliner Senat den Hauptstädtern seit kurzem "eine neue, kostengünstige Form" der Beisetzung: die "anonyme Erdbestattung", über- oder untereinander in Mehrfachgräbern. Denn nicht nur in den Krematorien gibt es Engpässe beim letzten Geleit, auch auf vielen Friedhöfen werden - bei explodierenden Grundstückspreisen - die Liegeplätze knapp. Umwelttechnisch sind bei den städtischen Gottesäckern vor allem die Leibessäfte der Verstorbenen ein Problem. Etwa 40 Liter Flüssigkeit speichert der Mensch in seinem Körper. Bei rund 800 000 Erdbestattungen fallen in der Bundesrepublik mithin jedes Jahr etwa 32 Millionen Liter Leichenwasser an, die in den Untergrund versickern.
Mit dieser "Ahnenbrühe", wie Friedhofsbeamte sie respektlos nennen, wird so mancher Schadstoff aus der sterblichen Hülle mobilisiert. Da wandern tonnenweise Medikamentenreste ins Grundwasser - zu Lebzeiten wären sie bei der Sondermüllsammlung abgegeben worden. Und mit den Jahren der Grabesruhe werden sogar Schwermetalle flüchtig, beispielsweise Quecksilber aus den Amalgamfüllungen der Zähne.
Die Kalamitäten der Friedhofsämter ließen einen findigen Kohlenpott-Unternehmer jetzt einen in Deutschland bislang kaum vertretenen Geschäftszweig gründen: die Herstellung und Lieferung sogenannter Kolumbarien, einer Art von Grabkammern, die aus robustem Aluminium zusammengeschweißt sind und unbedenklich übereinandergestapelt werden können.
Ein erster Kolumbarien-Friedhof soll im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim errichtet werden. Ziehen andere Gemeinden nach, könnten nach italienischem und spanischem Vorbild Friedhofsanlagen mit Schubkastengräbern in Deutschland üblich werden. "Nach Ablauf der Liegezeit und Herausnahme der Gebeine", verspricht der Hersteller, sei eine "mindestens dreimalige Belegung" möglich.
Auf neuartige Filtersysteme setzen die Techniker, wenn sie die altgedienten Krematorien zu sanieren trachten. Um auszutesten, wie das Quecksilber am sinnvollsten zurückzuhalten ist, will das Umweltbundesamt (UBA) den Bau eines Aktiv-Kohle-Reaktors fördern. Darin wird das giftige Schwermetall aufgefangen. Nach Gebrauch gehört der Filter in den Sondermüll.
Zuvor hatten die Beamten, wie UBA-Mitarbeiter Michael Bade berichtet, "primärseitige Maßnahmen" beim Quecksilber erwogen - und sogleich verworfen. Zwar würden Herzschrittmacher mit Lithiumbatterien, metallhaltige Prothesen und Hörgeräte nach Eintritt des Todes von den Amtsärzten entfernt. Doch "den Toten die Zähne herauszubrechen", so Bade, "das bleibt tabu".
Da läßt sich bei den Dioxinen schon mehr ausrichten. Eine gewisse Verminderung der Emissionen bringt bereits der Verzicht auf kunststoffhaltige Sargauskleidungen mit sich. Mehr ins Gewicht fallen technische Veränderungen am Ofen. Denn in den alten Krematorien brennt das Feuer zu unregelmäßig. Bade: "Der Sarg zündet gut, aber der Leichnam hat häufig noch einen hohen Flüssigkeitsgehalt." So komme es "zu einer Verpuffung, wenn der Sargdeckel einfällt". Dabei entstehen Dioxine.
In den modernen Anlagen dagegen werden die Brandtemperaturen auf hohem Niveau ausgeglichen und auf diese Weise die gefährlichen Dioxine chemisch geknackt.
Die so verbesserten Krematorien sind auch energietechnisch auf dem neuesten Stand - durch eine Art transzendierenden Wärmeverbund. "Die Abwärme des Leichnams", berichtet Friedhofschef Klöpping, wird genutzt, um die Feierhalle nebenan zu heizen.
* Im Krematorium Potsdam.

DER SPIEGEL 7/1993
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