06.04.1992

Kampf um Berg-Karabach und der Völkermord an den Armeniern (III)

Niemals sah die Zukunft so schön aus wie in diesen traumähnlichen Tagen der Hoffnung und der Gefühle", jubelte im Frühjahr 1917 die Zeitschrift Horizont, das Blatt der armenischen Daschnakenpartei: Der Zar in Petrograd (St. Petersburg) war zur Abdankung gezwungen worden, eine bürgerliche Regierung verhieß endlich Freiheit für die Völker Rußlands, und die Bolschewiken mit Lenin und Stalin waren noch fern.
Doch der Krieg ging weiter, im Westen gegen Deutschland und Österreich, im Süden gegen das mit den Deutschen verbündete Osmanische Reich. "Eine Revolution mitten im Krieg", prophezeite denn auch Stepan Sorian, genannt Rostom, der Mitbegründer der Daschnakenpartei, "das ist der Tod für das armenische Volk." Noch standen die Russen mehrere hundert Kilometer tief auf osmanischem Territorium, aber bereits im April funkte der russische Oberbefehlshaber der 5. kaukasischen Armee, General Dragomirow: "Die Soldaten haben nicht mehr die geringste Lust, den Feind anzugreifen." Als im November die Bolschewiken in Petrograd und Moskau die Macht übernahmen, waren bereits ein Drittel der russischen Soldaten getürmt.
"Nur die armenischen Einheiten", meldete der stellvertretende russische Kriegsminister Boris Sawinkow seiner Regierung, "erweisen sich weiterhin als kampfstark und entschlossen."
Im Waffenstillstandsvertrag vom 15. Dezember 1917 verpflichteten sich die Bolschewiken, auf die Vorkriegsgrenze zurückzugehen (siehe Karte Seite 164). Die armenischen Soldaten in russischen Diensten standen praktisch allein gegen eine osmanische Armee, die alle kampfstarken Truppen von der arabischen an die kaukasische Front geschickt hatte. Als die Armenier ihre alten Hochburgen Ersindschan (Erzincan) und Erzurum vertragsgemäß räumen mußten, schlug für sie die Stunde der Rache. Wie grausam sie dabei mit der türkischen Zivilbevölkerung umsprangen, das versuchen die Armenier bis heute zu verdrängen.
"Überall, wo die Armenier einen Türken trafen", so ein Zeuge in einer holländischen Zeitung, "machten sie ihn unbarmherzig nieder." Erwachsene seien zum Wegebau fortgeschleppt worden, berichtete der türkische Kommandant der 3. Armee nach der Einnahme Ersindschans und Erzurums, die übrigen wurden "in Häusern verbrannt, durch Bajonette verstümmelt, Frauen an ihren Haaren aufgehängt, nachdem alle möglichen Grausamkeiten an ihnen begangen worden sind". In einer Moschee sei der Boden etwa eineinhalb Meter hoch mit Leichen bedeckt gewesen, berichtete der russische Oberst Grjasnow, in den Genitalien der Mädchen hätten Patronen gesteckt.
Als ein armenischer Offizier einem mordenden armenischen Soldaten androhte, er werde für sein Verbrechen gehenkt, habe der ihn - so berichtete der russische Oberst Twerdochlebow - angegrinst: "Sie wagen es doch wohl nicht, einen Armenier aufzuhängen, weil er einen Türken getötet hat?"
Ersindschan biete "das Bild einer Tragödie", klagte der türkische Hauptmann Ahmet Refik, "abgeschlagene Hände, Beine und Köpfe liegen in den Gärten der Häuser". Mehr als 800 unbewaffnete Moslems seien getötet worden, meldete der russische Befehlshaber an der Kaukasusfront, Ilja Odischelidse.
Der frühere deutsche Vizekonsul von Erzurum, Edgar Anders, berichtete nach einem Besuch in Ostanatolien nach Berlin: "Die Armenier sollen nach dem Waffenstillstand ein Schreckensregime geführt haben. 600 Muselmanen im Alter von 3 bis 70 Jahren sollen ermordet worden sein, Hunderte werden vermißt." _(* Der osmanische Delegierte bei der ) _(Unterzeichnung. )
In Erzurum hätten armenische Soldaten nach "einwandfreien Augenzeugen" (Anders) türkische Frauen und Kinder unter dem Vorwand, nach Waffen zu suchen, vergewaltigt und geschändet. Ein belgischer Journalist habe berichtet, daß armenische Freiwillige "hinter der neuen russischen Front gelegene Dörfer niedergemetzelt haben".
Auf nahezu 40 000 Opfer schätzte der türkische Publizist Ahmed Emin die Zahl der Massakrierten. Bis heute benutzen die Türken in spezieller Logik diese Toten von 1918, um ihren Genozid an den Armeniern von 1915 zu rechtfertigen.
Die vorrückenden Türken machten nicht an den vereinbarten Waffenstillstandsgrenzen halt, sie begehrten die alten Grenzen von 1878 und damit die einst armenisch besiedelten russischen Provinzen Kars, Ardahan und Batumi - eine Forderung, die sie im März 1918 im Frieden von Brest-Litowsk, den die Deutschen den Bolschewiken diktierten, auch durchsetzten. Nicht genug: Sie überquerten auch diese Grenzen sofort in Richtung Kaukasus. Damit _(* Von links: die Bolschewiken-Führer ) _(Kirow, Ordschonikidse, Jefremow. ) halsten sie sich freilich einen ganz anderen Gegner als die militärisch schwachen Georgier und Armenier auf: den eigenen Verbündeten an allen übrigen Fronten, das Deutsche Reich.
Denn die noch immer weltmachtlüsternen Deutschen wollten nach der Besetzung der Ukraine auch den Kaukasus mit seiner Erdölmetropole Baku beherrschen. "An das Rohmaterial im Transkaukasus heranzukommen" war für den obersten deutschen Heerführer Erich Ludendorff "von entscheidender Bedeutung". Sein österreichischer Generalstabskollege Arthur Freiherr Arz von Straußenburg sprach offen aus, was die Berliner Militärs gern verheimlichten: "Die Deutschen wollen den sichersten Weg nach Mesopotamien und Arabien, nach Baku und Persien für immer behalten."
Die Armenier, von den Türken immer mehr in die Enge getrieben, boten an, "den Rest armenischen Territoriums unter deutsches Protektorat zu stellen". Ultimativ drohten die Türken mit der Besetzung großer Teile russisch-armenischen Territoriums. Der russischtürkische Krieg, der in Wahrheit nur noch ein armenisch-türkischer war, drohte in einen deutsch-türkischen umzuschlagen.
Am 26. Mai 1918 erklärte sich Georgien für unabhängig - von Rußland - und unterstellte sich deutschen Protektoren. Einen Tag später proklamierte ein "Moslemischer Nationalrat" die erste moslemische Republik der Welt und nannte sie "Aserbaidschan", um schon durch den Namen einen Anspruch auf die Vereinigung mit dem aserbaidschanischen Teil Persiens geltend zu machen.
Auch die Armenier erklärten für ihr Gebiet die Unabhängigkeit. Ein in der georgischen Hauptstadt Tiflis residierender Nationalrat erhielt den bewußt vage gehaltenen Auftrag, "alle Verwaltungs- und Regierungsaufgaben der armenischen Provinzen" zu übernehmen.
Für die Armenier ging es wieder ums schiere Überleben. Türkische Truppen hatten bereits am 22. Mai zur Entscheidungsschlacht um Eriwan angesetzt, doch der kleinen armenischen Streitmacht gelangen unerwartete Siege, und sie warfen die Türken zeitweise bis zu 50 Kilometer zurück.
Mit ihrem Widerstand erreichten die Armenier, daß die Türken zu Friedensverhandlungen bereit waren. Im Vertrag von Batumi wurde Armenien am 4. Juni 1918 erstmals diplomatisch anerkannt, ausgerechnet von den Türken. Allerdings mußten die Armenier den türkischen Truppen Durchmarschrechte gewähren.
"Meine Freunde und ich haben Armenien konstituiert und damit die armenische Frage entschieden", rechtfertigte sich der türkische Kriegsminister Enver später, "und alles auf russischem Boden. Nur zu diesem Preis haben wir der Republik Armenien zugestimmt" - einem winzigen Staat von 10 000 Quadratkilometern mit weitgehend unfruchtbarem Bergland rund um Eriwan, etwa einem Drittel der heutigen Republik. Alle übrigen noch von den Armeniern besiedelten Gebiete forderten die Türken für ihre aserbaidschanischen Bundesgenossen.
Denn das Ziel der türkischen Eroberer war nach wie vor Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, mit seiner Minorität von 63 000 Armeniern unter den Einwohnern immerhin die drittgrößte Armenierstadt der Welt nach Konstantinopel und Tiflis, aber auch das Tor zum erträumten Groß-Türkenreich in Zentralasien. Als damals größtes Erdölzentrum der Welt geriet Baku auch für die Deutschen nach Meinung Ludendorffs "immer mehr zur Lebensfrage", weil ihnen der Sprit ausging.
Die deutsche Heeresleitung beauftragte ihren Generalmajor Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein, mit 5000 Mann Richtung Baku zu marschieren, doch die Osmanen waren schneller und hatten ihrerseits 15 000 türkische und aserbaidschanische Soldaten gegen die Stadt geschickt.
Nun war es an den Aserbaidschanern, Rache zu nehmen für die Niederwerfung eines moslemischen Aufstands Ende März 1918 durch die damals Baku beherrschenden Bolschewiken und ihre armenischen Helfer, bei der etwa 8000 Menschen ums Leben gekommen waren - zumeist Aseris. Während die Türken am Rande der Stadt ein Festgelage abhielten, ermordeten hauptsächlich die aserischen Soldaten etwa 15 000 Armenier, nachdem mehr als 30 000 geflohen waren. Aber auch "die türkische Soldateska beteiligte sich lebhaft am Plündern und Schänden", berichtete der deutsche Generalstäbler in der türkischen Armee, Oberstleutnant Ernst Paraquin. Erstmals seit 1806 war Baku wieder eine moslemische Stadt.
Für die Osmanen überraschend brach das Deutsche Reich im November 1918 zusammen, und die Türken mußten um Frieden bitten. Siegesgewiß reisten armenische Vertreter nach Konstantinopel. Dort empfing sie der Henker der Armenier von 1915, Talaat Pascha. "In wenigen Stunden werde ich die Macht abtreten", verkündete er den Emissären in ausgesuchter Liebenswürdigkeit, "ich beneide Sie, denn Sie stehen im Lager der Sieger, während wir die großen Verlierer sind. Aber vergessen Sie niemals, daß die Zukunft unsicher ist."
Der für die Waffenstillstandsverhandlungen auserkorene osmanische Vertreter Rauf Bey machte den Armeniern Avancen: Sie könnten die Vorkriegsgrenzen wiederbekommen und sogar noch einen Teil des Alaschkert-Tals in der Türkei, wenn sie dafür einen Vertreter mit zu den Verhandlungen schickten. So könnte den Alliierten demonstriert werden, daß es keine Feindschaft mehr zwischen Türken und Armeniern gebe. Doch die Armenier lehnten ab.
Die Osmanen mußten ihre Armee aus dem Kaukasus abziehen und demobilisieren. Sie stellten aber ihren Offizieren frei, mit allen Rentenansprüchen in die aserbaidschanische Armee einzutreten als Rückgrat dieser neu aufgestellten Truppen.
Bei ihrem Abzug zerstörten die türkischen Truppen 200 armenische Dörfer, ließen 200 000 Rinder mitgehen und nahezu alle Pferde, aber auch schweres Gerät: Auf den für damalige Verhältnisse gut ausgebauten transkaukasischen Eisenbahnstrecken gab es keine Lokomotive und keinen einzigen Güterwagen mehr. Schlimmer waren die Leiden der Menschen. Frauen wurden geschändet, die Männer dienten den abziehenden Soldaten zu Bajonettübungen.
Selten mußte ein Staat unter schwereren Bedingungen starten als die Republik Armenien, wo eine halbe Million Flüchtlinge obdachlos waren. "Eine unbeschreibbar schmutzige und zerlumpte Menge schleppt sich von Ort zu Ort", schrieb die US-Zeitung Saturday Evening Post. Mütter nährten sich mit Organen verstorbener Kinder, zu Skeletten abgemagerte Frauen erbettelten sich alte Schuhe, um sie drei Tage lang zu kochen und dann zu essen. 200 000 Armenier verhungerten oder starben an Typhus, ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.
"Für die Armenier", schreibt der USarmenische Historiker Richard Hovannisian, "vollendete der Winter die Dezimierung, die mit den Massakern 1915 begonnen hatte. Armenien war wirklich ein Land des Todes."
Zwar hatte der neue Staat eine Regierung in Eriwan, aber seine Grenzen waren völlig unklar, kein anderes Volk lebte im Transkaukasus so verstreut wie die Armenier. Selbst mit den traditionell befreundeten Georgiern feilschten die Armenier um mehrere hundert Kilometer Grenze, zwischen Armeniern und Aserbaidschanern war nicht ein einziger Kilometer unumstritten.
Dabei ging es um die Regionen Berg-Karabach, Sangesur und Nachitschewan sowie die von den Türken zurückgegebenen Regionen Kars und Ardahan nebst Teilen von Batumi.
In Sangesur hatte sich nach Kriegsende der armenische General Andranik mit mehreren tausend zumeist türkischarmenischen Soldaten und etwa 30 000 armenischen Flüchtlingen alle befestigten moslemischen Dörfer unterworfen. In Nachitschewan dagegen hatten moslemische Marodeure 45 armenische Dörfer mit etwa 10 000 Einwohnern zerstört.
In die zurückgegebenen Provinzen Kars und Ardahan waren zwar armenische Flüchtlinge zurückgekehrt, stellten aber nur noch eine schwache Minderheit unter den Einwohnern. Allein mit Hilfe britischer Soldaten, die nach Kriegsende den Kaukasus besetzt hatten, konnten sich die Armenier in diesen Provinzen halten.
All ihre Hoffnungen setzten sie auf die Friedenskonferenz in Paris. Schließlich hatten sich die Westmächte den ganzen Krieg über für die Armenier stark gemacht.
"Armenien, ein Land, das durchtränkt ist vom Blut der Unschuldigen, masssakriert von denjenigen, die sie schützen sollten", hatte Großbritanniens Premier David Lloyd George noch im Dezember 1917 im Unterhaus getönt, "dieses Land wird niemals der verderblichen Tyrannei der Türken ausgeliefert."
Und der französische Regierungschef Georges Clemenceau versicherte im Juli 1918, Frankreich habe "niemals aufgehört, die armenische Nation zu jenen Völkern zu zählen, deren Schicksal die Alliierten gemäß den höheren Gesetzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu regeln beabsichtigen".
Die größten Sympathien konnten die Armenier von den Amerikanern erwarten. US-Präsident Woodrow Wilson hatte in einer 14-Punkte-Erklärung zu einer neuen Weltfriedensordnung den unterdrückten Völkern der Türkei "eine absolute und ungestörte Möglichkeit ihrer autonomen Entwicklung" zugesichert.
Doch dann praktizierten die Siegermächte Realpolitik und begannen, das Osmanische Reich unter sich aufzuteilen. Französische Truppen - an ihrer Spitze armenische Freiwillige - rückten im Dezember 1918 ins einstmals stark von Armeniern besiedelte Kilikien ein, im Januar 1919 besetzten die Griechen Teile Thrakiens, und im April 1919 landeten die Italiener in Adalia, der heutigen Stadt Antalya, um den Süden Anatoliens zu besetzen. Daraufhin ermunterte Lloyd George seine griechischen Verbündeten, im türkischen Smyrna zu landen, das mehrheitlich von Griechen bewohnt war.
Die Armenier stritten derweil darum, wer sie auf der Pariser Friedenskonferenz vertreten solle. Schließlich fanden sich 39 armenische Delegierte in der französischen Hauptstadt ein, darunter Vertreter winziger Emigrantenkolonien etwa aus der Schweiz oder aus Italien. Schließlich bildeten die Armenier eine russisch-armenische und eine mehrheitlich türkisch-armenische Delegation, die völlig unterschiedliche Ziele hatten. Während die einen ein großarmenisches Reich forderten, das vom Kaukausus bis ans Mittelmeer reichte, wären die Eriwan-Armenier schon mit einem Staat zufrieden gewesen, der die türkisch-armenischen Provinzen umschloß und einen Zugang zum Schwarzen Meer eröffnete.
Dabei mußten die Türkisch-Armenier gegen das Manko ankämpfen, daß in dem von ihnen geforderten Gebiet kaum noch Armenier lebten. Sie argumentierten deshalb, "daß es unzulässig wäre, wenn die Verbrecher aus ihren Verbrechen Nutzen ziehen würden". Die Stimmen aller Landsleute müßten gehört werden, "die der lebenden wie die der toten".
Doch die Alliierten in Paris hörten weder auf die toten noch auf die lebenden Armenier. Sie hatten ihre Zeit fast ausschließlich mit Deutschlands Zukunft verbracht, die durch die Vertragsunterzeichnung im pompösen Versailler Schloß besiegelt wurde. Als die kleinen Staaten an die Reihe kamen, hatte sich die Lage nicht nur in Anatolien völlig verändert.
Die Engländer mußten ihre Hoffnung aufgeben, den Vormarsch der Bolschewiken zu stoppen, und zogen ihre Truppen vollständig aus dem Kaukasus ab. Die Franzosen interessierten sich nur für Syrien, das einen Teil der heutigen Südtürkei einschloß, die Italiener für überhaupt nichts mehr. "Frankreich tut nichts", schrieb Frankreichs Premier Georges Clemenceau, "Italien tut nichts, England tut nichts, und Amerika tut im Moment nichts. Bleibt abzuwarten, ob als Ergebnis all dieser Dinge irgendein Armenier überlebt."
Tatsächlich schienen einzig die Vereinigten Staaten in der Lage und auch gewillt zu sein, ein Mandat für Armenien zu übernehmen. "Das Herz ganz Amerikas schlägt für Armenien", hatte der amerikanische Präsident Wilson gesagt. Aber der US-Senat lehnte am 1. Juni 1920 ein Mandat für Armenien ab.
Als am 10. August 1920 ein Abgesandter des Sultans im Pariser Vorort Sevres den Friedensvertrag zwischen den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und den osmanischen Verlierern unterzeichnete, war das einzig Dauerhafte an ihm der Füllfederhalter des armenischen Vertreters, den das Pariser Daschnakenmuseum aufbewahrt. Die Verhandlungen glichen einer Operetteninszenierung. Die Armenier erhielten ein Phantom-Reich, das sie nie in Besitz nehmen sollten.
Der wirkliche letzte Akt der armenischen Tragödie spielte im Kaukasus, wo die Armenier am gleichen 10. August der inzwischen überall siegreichen Roten Armee Durchmarschrechte durch ihr Land gewährten und damit praktisch ihre Unabhängigkeit aufgaben. Es blieb ihnen nur die Wahl zwischen den verhaßten Bolschewiken und den noch verhaßteren Türken. Letztere waren wieder im Anmarsch, nachdem Mustafa Kemal, der spätere Staatsgründer der modernen Türkei, Atatürk, in Anatolien praktisch die Macht übernommen hatte. Er schwor den pantürkischen Zielen seiner Vorgänger ab, mit einer Ausnahme: Armenien.
Doch selbst die Anbiederung an die Bolschewiken sollte den Armeniern nicht viel helfen, denn die neuen Machthaber im Kreml sahen in Mustafa Kemal einen Verbündeten im Kampf gegen den Imperialismus. Die Moskauer Regierungszeitung Iswestija hatte Kemals Kampf gegen die noch bestehende osmanische Regierung "die erste sowjetische Revolution in Asien" genannt. Kemal seinerseits bezeichnete Rußland als Vorreiter bei der Befreiung aller kolonisierten Völker.
Was die Rote Armee nicht daran hinderte, gegen die Türkenfreunde in Aserbaidschan vorzurücken. Während sich das Gros der aserischen Truppen im Südwesten noch mit den Armeniern um Berg-Karabach schlug, war vom Norden die Rote Armee in Aserbaidschan einmarschiert, ohne eine Patrone verschossen zu haben. Sogleich forderten die neuen Herrscher die Armenier mit Erfolg auf, ihre Truppen aus Berg-Karabach abzuziehen.
In Eriwan sahen radikale Daschnaken nur noch eine Chance, Armenien zu retten: durch die gewaltsame Vertreibung der Moslems aus den noch beherrschten Gebieten.
Der Chauvinist Ruben Ter-Minassjan, der den Osmanen schon in der Türkei als Freischärler zugesetzt hatte, verkündete, "das Vaterland mit Feuer und Schwert zu armenisieren" und bis zu 700 000 Moslems zu vertreiben. Seine radikalen Freunde setzten Dörfer in Brand und massakrierten die Bevölkerung. Insgesamt 100 000 Moslems flohen oder kamen ums Leben.
Mustafa Kemal gab seinen Truppen Befehl, die Grenze nach Armenien zu überschreiten. Die Armenier konnten in aller Hast 20 000 Mann mobilisieren, aber die jungen Rekruten waren den Türken unterlegen. In Kars nahm sich der armenische Oberst Masmanjan vor seinen Truppen das Leben, weil die Soldaten seine Befehle für einen Gegenangriff verweigerten. Kars fiel so schnell in die Hände der Türken, daß die armenische Zivilbevölkerung nicht mehr fliehen konnte und weitgehend vernichtet wurde.
Am 7. November 1920 marschierten die Türken in Alexandropol (dem späteren Leninakan und heutigen Kumairi) ein, am 6. Dezember die Truppen der Roten Armee in Eriwan. Die Bolschewiken schickten 2500 armenische Politiker und Intellektuelle sowie 1500 Offiziere in die Verbannung, aus der kaum einer zurückkehrte.
Im Bezirk Alexandropol zerstörten die Türken 63 Dörfer und brachten rund 30 000 Armenier um. Als armenische Kommunisten bei Lenin um Unterstützung nachsuchten, antwortete der ihnen: "Wir führen wegen Armenien mit niemandem Krieg, schon gar nicht mit Kemal."
Die Bolschewiki verhandelten mit den Türken, dabei soll Stalin zu den türkischen Unterhändlern gesagt haben: "Die armenische Frage haben Sie ja schon selbst gelöst." Beide Parteien schlossen am 16. März 1921 in Moskau einen "Freundschaftsvertrag", in dem die Russen die kaukasisch-armenischen Provinzen Kars und Ardahan und einen Teil der Provinz Batumi endgültig an die Türkei abtraten, dazu den von Armeniern bewohnten Bezirk Surmalu, der niemals zuvor zum Osmanischen Reich gehört hatte.
Nur die Hafenstadt Batumi sollte an die Sowjetrepublik Georgien fallen. Nachitschewan wurde als "Protektorat" der Republik Aserbaidschan - ohne eine Landverbindung - zugeschlagen. "Im Interesse des Kommunismus", so Stalin in einem Artikel, müßten die Armenier "diese wichtigen nationalen Opfer bringen".
Auch gegenüber den Westmächten setzte sich Mustafa Kemal schließlich beim endgültigen Friedensvertrag im Sommer 1923 in Lausanne durch. "Die gesamte zivilisierte Welt schaut auf euch", bettelte der britische Verhandlungsführer Lord Curzon die Türken an, "und erwartet von euch, daß ihr den Armeniern Genugtuung verschafft." Das sei ein starkes Stück, entgegnete der türkische Verhandlungsführer und spätere Staatschef Ismet Inönü: "Die zivilisierte Welt blickt gerade auf Sie, denn Sie haben den Armeniern das Blaue vom Himmel versprochen. Wir hingegen haben den Armeniern nie etwas zugesagt."
In dem Vertrag kam Armenien nicht mehr vor. "Die meistgeprüfte aller kriegführenden Nationen", verkündeten die gar nicht mehr zugelassenen Armenier hinterher, "welche im Vertrauen auf die von den Alliierten proklamierten Grundsätze ein Drittel ihrer Gesamtbevölkerung geopfert hat, sieht sich heute umgeben von Schweigen."
Ein Schweigen, das in Deutschland schon wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zum puren Vergessen wurde. Bis heute hat nicht ein einziger deutscher Student über den Völkermord an den Armeniern promoviert, kein einziger deutscher Historiker hat es für müßig befunden, einem der grauenhaftesten Verbrechen, bei dem die verantwortlichen Deutschen vielleicht sogar mitgeplant, mit Sicherheit aber beharrlich weggeguckt haben, ein Buch zu widmen.
"Die armenische Frage existiert nicht mehr", hatte der Verantwortliche für den Völkermord, Innenminister Talaat Pascha, Ende August 1915 dem deutschen Botschafter Wangenheim gesagt und später eingeschränkt: "für die nächsten 50 Jahre". Genau 50 Jahre später gedachten mehr als 100 000 Armenier vor der Eriwaner Oper des inzwischen offiziellen Trauertags vom 24. April, dem Beginn der Deportationen in Konstantinopel.
Es war zur kältesten Zeit des Kalten Kriegs, drei Jahre nach der Kubakrise und drei Jahre vor dem Einmarsch der Sowjets in Prag. Die Rote Armee hatte die Menge umstellt, schoß aber nicht, auch nicht, als die Demonstranten "Gerechtigkeit" forderten und "unser Land".
Die im Untergrund arbeitenden armenischen Oppositionellen konzentrierten sich fortan auf wenige Themen: Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch internationale Gremien, Kampf gegen die Russifizierung und immer häufiger: Berg-Karabach.
Doch bis das wiedererwachte armenische Problem die Gestalt Karabachs annehmen sollte, verging ein weiteres Vierteljahrhundert. In dieser Zeit versuchten armenische Terroristen aus dem Libanon, die Erinnerung an den Völkermord ins Gedächtnis der Welt zu bomben. 58 Türken kamen bei Attentaten in aller Welt ums Leben, darunter 41 Diplomaten.
Die Terroristen bewirkten wenig im Vergleich zu den friedlichen Propagandisten. US-Präsident Jimmy Carter sprach 1976 erstmals wieder von den Armeniern, nannte später den Völkermord "eine der größten Tragödien" und verpflichtete sich "als Präsident, dafür zu sorgen, daß sie niemals vergessen wird". Nachfolger Ronald Reagan verlangte, daß die Stimmen der "Amerikaner armenischer Abstammung von der Regierung gehört" werden müßten. Reagan fühlte sich jenen rund 600 000 Amerikanisch-Armeniern verpflichtet, die besonders in seinem Heimatstaat Kalifornien Wahlen mitentscheiden können und sogar einen Gouverneur stellten.
1984 war die Reihe dann an Frankreichs Staatschef Francois Mitterrand, der als erster französischer Politiker von Rang nach Clemenceau wieder der Armenier gedachte und verhindern wollte, "die Spuren des Völkermords zu verwischen. Sie müssen sich in das Gedächtnis der Menschheit eingraben". Mitterrand mag an seine rund 300 000 Französisch-Armenier gedacht haben, deren prominentesten Vertreter, Charles Aznavour(jan), die Große Nation inzwischen als Sonderbotschafter in die klitzekleine von Eriwan schickte.
Am 29. August 1985 stimmte schließlich der Uno-Unterausschuß für den Schutz von Minderheiten einer Entschließung zu, in der - freilich in einem Sammelsurium von Massakern an Hereros, Bahutu und Ache-Indianern - auch "das Massaker an den Armeniern durch die Osmanen 1915/1916" erwähnt wurde.
Am stärksten blieb die Erinnerung in der Sowjetrepublik Armenien wach, heute mit über 96 Prozent Armeniern der homogenste der UdSSR-Nachfolgestaaten. Die Unabhängigkeitserklärung von 1990 belebte die alten Träume von armenischer Größe neu, aber auch Rachegefühle zeigten sich, zumindest Sehnsucht nach Genugtuung - und vor allem der Wunsch nach Vereinigung mit der Exklave Karabach.
Im Namen Karabachs hat sich die Opposition formiert, heute sind ausschließlich Leute in Eriwan an der Macht, die der Kampf um die Exklave zusammengeführt hat. Eine echte und überwachte Autonomie in Berg-Karabach, Anschluß an Armenien oder Einverleibung in Aserbaidschan - darum geht es im Kaukasus, wenn die Diplomaten nicht einen tragfähigen Kompromiß finden.
Sowohl die Uno wie auch die KSZE versuchen sich als Vermittler, doch ein Erfolg der beiden Organisationen ist mehr als fraglich.
Wie bei allen gegenwärtigen Konflikten werden die Mächtigen entscheiden, ob es zwischen den beiden Staaten Armenien und Aserbaidschan - über den Kampf um Berg-Karabach hinaus - zu einem regelrechten Krieg kommt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Paralysierung Rußlands auf absehbare Zeit können wohl nur zwei Nationen eine Katastrophe in Karabach und Armenien verhindern: die stärkste Macht der Welt, Amerika, und die nach Saddams Niederlage im Golfkrieg stärkste Macht in der Region, die Türkei.
Beide sind Partner in der Nato, aber Konkurrenten um die Gunst der türkischsprachigen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Derzeit werden 90 des Türkischen mächtige US-Diplomaten in Intensivkursen auf ihre Aufgabe in den zentralasiatischen Republiken ausgebildet.
Noch vor einem Jahr waren die Türken wichtige Verbündete gegen Saddam, eine Allianz, an die Regierungschef Demirel erinnerte, als er im Februar dieses Jahres US-Präsident Bush aufsuchte. Doch nicht der Feind an der Südgrenze bekümmerte den türkischen Premier, sondern der im Nordosten: Armenien. Die Vereinigten Staaten, so seine Botschaft an Bush, dürften "keine zweite arabisch-israelische Angelegenheit" zulassen.
Was Demirel fürchtet, machte das liberale Massenblatt Milliyet Ende Februar klar: "An unserer Nordostgrenze entsteht ein neues Israel", schrieb die Zeitung. So wie "der westliche Imperialismus" (sprich die USA) Israel benutze, um die "Araber zu teilen und zu beherrschen", würde er nun Armenien einsetzen. Den Gelüsten, Armenien zu einem Israel im Kaukasus zu machen, müsse ein Ende gesetzt werden, riet Milliyet und zeigte auch gleich einen Weg auf, das zu erzwingen: Tausende Tonnen von Hilfsgütern aus den Vereinigten Staaten würden im Mittelmeerhafen Mersin entladen und über Land nach Armenien transportiert. "Warum beginnen die Hafenarbeiter keinen Streik?" fragt Milliyet.
Armenien als Geisel - so wiederholt sich die Geschichte. Ohne Zugang zum Meer, umringt von Ost- oder Westtürken, mit einer nur 30 Kilometer langen Grenze zum moslemischen Iran und einer gebirgigen und oft unpassierbaren zum georgischen Nachbarn hat Armenien kaum eine Überlebenschance. Schon heute hungern und vegetieren nicht nur die 800 000 Erdbebenopfer und Flüchtlinge.
"Armenien", forderte der türkische Ex-Premier Bülent Ecevit, "muß einen Teil seines Territoriums im Süden Aserbaidschan überlassen." Im Gegenzug könne über die Möglichkeit einer Landverbindung zwischen Armenien und Berg-Karabach gesprochen werden. Einen solchen Korridor ausschließlich für humanitäre Zwecke lehnten die Türken bei den KSZE-Verhandlungen freilich strikt ab.
Ein Landkorridor zu den turksprachigen Republiken Mittelasiens wäre die Voraussetzung für "das neue Osmanische Reich", von dem Paris-Match bereits sprach - ein Artikel, der in der türkischen Presse ein großes Echo fand.
Die Verwirklichung des großtürkischen Traums werden Russen, Amerikaner und Europäer zu verhindern versuchen. Und viel spricht dafür, daß Armenien seinem Schicksal nicht entgehen wird: das ewige Bauernopfer im Schachspiel der Großen zu sein. *HINWEIS: Ende
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_164_ Armenien: Grenzen vor dem 1. Weltkrieg; Osmanisches Reich
[GrafiktextEnde]
* Der osmanische Delegierte bei der Unterzeichnung. * Von links: die Bolschewiken-Führer Kirow, Ordschonikidse, Jefremow.

DER SPIEGEL 15/1992
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