31.01.1994

AlgerienLETZTE KUGEL AUFSPAREN

Nach der gescheiterten Versöhnungskonferenz steht der größte Staat Nordafrikas an der Schwelle zum Bürgerkrieg. Die Fundamentalisten drohen mit einer neuen Gewaltoffensive, das Militär ist zum Putsch bereit, und Proteste der Berber gefährden die Einheit des Landes.
General Chalid Nisar, der starke Mann in Algeriens Hohem Staatsrat, erwartete ungewöhnlichen Besuch: vier aus einem geheimen Straflager in der Sahara entlassene Häftlinge. Auf Befehl des früheren Verteidigungsministers hatte eine Sondermaschine des Militärs die Freigelassenen in die 700 Kilometer entfernte Hauptstadt geflogen.
Die Gäste, die Nisar in einem Seitenflügel des Regierungspalastes empfing, waren einflußreiche Aktivisten einer Organisation, die das vom Militär gestützte Regime landesweit mit Terroranschlägen und Überfällen bedrängt und Algerien an den Rand des Bürgerkriegs gebracht hat: der Islamischen Heilsfront (FIS).
Mehr als zwei Stunden versuchte der General, die Vertreter der extremistischen Moslemorganisation zur Teilnahme an einer von der Regierung einberufenen "Nationalen Versöhnungskonferenz" zu bewegen - vergebens. "Bei diesem Scheingefecht", beharrten die Besucher, "macht die Heilsfront nicht mit." Statt dessen drohten sie Nisar, wie sie hinterher berichteten, daß für Militär und Regierung die Zeit ablaufe: "Der Vorhang ist für euch gefallen."
Die zweitägige Versammlung in der Hauptstadt, auf der ein nationaler Konsens gefunden und über die künftige Führung des zerrissenen Landes entschieden werden sollte, geriet zum Fiasko. Die Konferenz setzte vorige Woche keinen "Schlußstrich unter zwei Jahre Unruhe und Wahnsinn", wie das Staatsfernsehen voreilig verkündete.
Die von allen wichtigen Parteien des Landes boykottierte Veranstaltung offenbarte vielmehr, so die Pariser Tageszeitung Le Monde, "den selbstmörderischen Zustand einer Klasse, die am Ende ist". Und Le Figaro sah für die einstige französische Kolonie im Norden Afrikas nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln: "Armee oder Islamisten".
Droht dem 27-Millionen-Volk am Südrand des Mittelmeeres nun eine Militärdiktatur, die das Land mit brutaler Gewalt auf laizistischem Kurs hält? Oder werden religiöse Fanatiker nach iranischem Vorbild einen blutigen Gottesstaat errichten - vor den Toren der Europäischen Union?
Ein Kompromiß scheint nach dem Scheitern der Versöhnungskonferenz kaum möglich, Militärs wie Fundamentalisten greifen gleichermaßen nach der ganzen Macht. Die Armee, drohte Verteidigungsminister El-Amin Sirwal, werde "nicht tatenlos zusehen", wenn die "Interessen des Landes" bedroht seien.
Die religiösen Fanatiker wiederum wollen mit einer Großoffensive das abgewirtschaftete Regime endlich in die Knie zwingen. "Der Prozeß der nationalen Befreiung ist im Gang", verkündete die FIS-Führung aus dem Untergrund.
Eine andere fundamentalistische Kampforganisation warnte ausländische Regierungen davor, der "Militärjunta" zu helfen: Dann würden Botschaften und Firmenvertretungen "Ziele unserer Mudschahidin".
Schon in einem Jahr, prophezeien Führer der "Gotteskämpfer", könne das "Banner des Islam über dem Präsidentenpalast flattern" - mit fatalen Folgen für ganz Nordafrika, aber auch für Europa. Wenn die Heilsfront erst mal an der Macht sei, befürchtet Ait Ahmed, der Chef der wichtigsten Oppositionspartei, der Front Sozialistischer Kräfte (FFS), "wird der ganze Maghreb in die Hände der Islamisten fallen" (siehe Interview Seite 120).
Vor der Zerreißprobe steht ein Staat, der nach seiner Unabhängigkeit 1962 zu einem sozialistischen Musterland der Dritten Welt aufgebaut werden sollte. Doch die Einheitspartei FLN (Front de liberation nationale), hervorgegangen aus dem erbitterten Befreiungskrieg gegen die Franzosen, trieb Algerien trotz seiner großen Öl- und Gasvorkommen in den Ruin.
Die Staatsbetriebe, von einer weitgehend korrupten und verfilzten Führungsclique alter Kämpfer als persönliche Pfründen betrachtet, machen chronisch Verluste. Offiziell ist jeder vierte, tatsächlich wohl jeder zweite Algerier arbeitslos. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre - und ohne berufliche Chancen.
Aus diesem revolutionären Potential schöpft die Heilsfront. "Der Islam", beschwor FIS-Führer Abbassi el-Madani die Massen, "ist eure Erlösung. Nur er weiß eine Antwort auf eure Nöte."
Als das FLN-Regime, das sich ausweglos verrannt hatte, Ende 1991 erstmals freie Wahlen zuließ, erhielten die Islamisten im ersten Durchgang gleich 47 Prozent der Stimmen. In Panik stoppten die Machthaber den Urnengang und brachten den FIS um seinen sicheren Sieg. Die Heilsfront wurde verboten, ihre wichtigsten Führer, Ali Belhadsch und Abbassi el-Madani, kamen ins Gefängnis.
Seitdem bekämpfen die Islamisten die Staatsmacht aus dem Untergrund heraus mit Terroranschlägen und Kommandoaktionen. Um das Regime von westlicher Hilfe abzuschneiden, legten sie auch auf Ausländer an. Bilanz des Machtkampfs: etwa 3000 Tote in knapp zwei Jahren.
Allein in der dritten Januarwoche kamen 300 Soldaten und FIS-Kämpfer, aber auch unbeteiligte Zivilisten ums Leben. Bei einem einzigen Angriff eines islamischen Kommandos in der Nähe von Sidi-Bel-Abbes fielen 60 Soldaten - selbst während des achtjährigen Unabhängigkeitskriegs hatte die französische Armee solch einen Schlag nicht einstecken müssen.
Im unwegsamen Berggelände außerhalb der Städte liefert sich das Militär inzwischen regelrechte Schlachten mit den Aufständischen - dabei sollen auch Napalmbomben gefallen sein.
Statt mit demokratischen und wirtschaftlichen Reformen Vertrauen zurückzugewinnen, setzt der Hohe Staatsrat, der Algerien provisorisch regiert, vor allem auf Repression - und treibt den Islamisten mit Massenverhaftungen und Folter nur weitere Verbitterte zu. Todesschwadronen jagen vermeintliche FIS-Aktivisten, Gefangene werden häufig an Ort und Stelle niedergemacht. Schätzungsweise 8000 Soldaten sind schon zu den vermutlich 15 000 Gotteskämpfern übergelaufen.
Der nun großspurig vom Staatsrat angekündigte "politische Neuanfang" entpuppte sich als Sackgasse: Zwar ließ die Staatsführung 901 internierte Heilsfront-Aktivisten frei. Da aber das Verbot der Islam-Partei nicht aufgehoben wurde und maßgebliche Führer wie Madani weiter in Haft blieben, mochte nicht einmal die frühere Einheitspartei FLN an der Versöhnungskonferenz teilnehmen.
Auch die Nominierung eines Präsidentschaftskandidaten, der den Hohen Staatsrat ablösen sollte, mißlang. Der für das Amt von den Militärs ausersehene Abd el-Asis Buteflika, von 1963 bis 1979 Außenminister, zuckte zurück - wohl weil er sich zu sehr als Marionette des Militärs fühlte.
Von Buteflika hatten sich zumindest gemäßigte FIS-Führer ein Ende der Hatz erhofft. Immerhin hatte er "totale Pressefreiheit" und eine "Entlassung aller politischen Gefangenen" gefordert.
Für zusätzlichen Sprengstoff sorgt neuerdings auch die lange vernachlässigte Bevölkerungsgruppe der Berber. Offiziell stellen die aus der Bergregion Kabylei stammenden Ureinwohner des Maghreblandes, die im 7. Jahrhundert von den anstürmenden Arabern islamisiert wurden, knapp ein Fünftel, tatsächlich jedoch wohl eher die Hälfte der Algerier.
Berbervertreter wie der FFS-Führer Ait Ahmed beteuern zwar, daß "niemand von uns die Einheit der algerischen Nation in Frage stellt". Doch unter den traditionell rebellischen Berbern, die sich schon den Arabisierungsprogrammen des FLN-Regimes erfolgreich widersetzt hatten und außer Französisch vor allem ihre eigene Sprache pflegen, wachsen separatistische Tendenzen.
Viele Berber fürchten, wie der Lokalsender der Kabylei vermeldete, eine "Festschreibung der arabischen Unterdrückung", wenn das Regime Forderungen der Islamisten nachgibt. Unlängst erst gingen in der 200 Kilometer östlich von Algier gelegenen größten Berberstadt Tisi Usu über 100 000 Demonstranten für mehr Eigenständigkeit auf die Straße. Motto: "Wir sind keine Araber."
Daß eine offene Machtergreifung der Generale bislang ausblieb, schreiben westliche Diplomaten in Algier der Besonnenheit General Nisars zu; der heimliche Herrscher Algeriens konnte den hitzköpfigen Verteidigungsminister Sirwal von Umsturzversuchen abhalten.
Nasir weiß, daß Algier durch einen Putsch auch seinen letzten internationalen _(* In Algier. ) Kredit verspielen würde - und die Islamisten nur noch mehr Auftrieb erhielten. Vorerst will der General deshalb weiter auf Dialog setzen, um gemäßigte Islamisten aus der Heilsfront herauszubrechen.
"Einen Putsch", belehrte Nasir vergangene Woche ungeduldige Kameraden, "müssen wir uns als letzte Kugel aufsparen." Y
* In Algier.

DER SPIEGEL 5/1994
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