07.02.1994

UkraineGelüste allerorten

Auf der Krim dominieren russische Nationalisten. Sie drängen heim ins Moskowiter-Reich.
Die Jalousien der Spelunke "Bagram" sind auch tagsüber heruntergelassen. Im Kampfanzug und mit Kalaschnikows im Anschlag kontrollieren ehemalige Afghanistan-Soldaten jeden, der sich dem Lokal nähert. Nur Auserwählten wird Eintritt gewährt.
Die Russen auf der Krim wollen unter sich bleiben, und Jurij Meschkow, 48, schmiedet in Simferopol an großen Plänen. Der Führer der russisch-nationalistischen Republikanischen Partei steuert von hier aus seine politischen Aktionen - mit Erfolg. Bei der Stichwahl am vorvergangenen Sonntag wurde der ehemalige KGB-Mitarbeiter und Anwalt zum Präsidenten der ukrainischen Krimrepublik gekürt; auf seinen Gegenkandidaten Nikolai Bagrow entfielen lediglich 23,3 Prozent der Stimmen.
Ein Fiasko droht der Regierung in Kiew: Denn Hasardeur Meschkow fordert den sofortigen Anschluß an die russische Rubelzone und langfristig den Bruderbund mit Rußland. Er weiß die Mehrheit der Bevölkerung, zwei Drittel sind Russen, hinter sich und schert sich nicht um die Proteste der ukrainischen und tatarischen Minderheit auf der Halbinsel im Schwarzen Meer.
Im fernen Kiew versucht Präsident Leonid Krawtschuk, 60, die Ereignisse herunterzuspielen. Gelassen gratulierte er dem russischen Separatisten und empfing ihn zur Audienz. Doch beim kühlen Gespräch kam zwischen beiden keine Annäherung zustande.
Zwei Jahre nach dem Ausscheiden aus der Sowjetunion fehlt dem Vielvölkerstaat Ukraine noch immer eine nationale Identität. Die russische Minderheit, ein Fünftel der 52 Millionen Einwohner, fühlt sich zusehends als Fremdkörper. Über 70 Jahre Sowjetherrschaft hinterließen vielerorts Spannungen, die sich nun in Konflikten entladen.
So riefen westukrainische Nationalisten im vorigen Jahr nach dem Militär, als im überwiegend russischen Donezbecken die Bergarbeiter streikten. Sie forderten, die vermeintlichen Saboteure zu bestrafen. Nach dem Sieg Meschkows sehen sie nun die staatliche Einheit in Gefahr und fordern die Ausweisung aller zwölf Millionen Russen - ein Spiel mit dem Feuer.
Separatismus-Gelüste allerorten. Meist kommen dabei drei Faktoren zusammen: Die Lokalpolitiker setzen darauf, ihren Handlungsspielraum gegenüber der Zentralregierung zu erweitern; die Bevölkerung hofft, sich von der allgemeinen Wirtschaftsmisere abkoppeln zu können. Und nationale Volksgruppen bauen auf engere Bindungen zu ihren Mutterstaaten jenseits der Grenze.
Da der Lebensstandard in der Ukraine unter dem der Nachbarländer liegt, fällt vielen Bürgern die Identifizierung mit dem jungen Staat schwer. Einem CIA-Bericht zufolge, der unlängst in amerikanischen Zeitungen zitiert wurde und angeblich Präsident Clinton bei seinem jüngsten Moskau-Besuch auch zu einem Abstecher nach Kiew veranlaßte, droht der Atommacht Ukraine die Zweiteilung in eine unabhängige Westukraine und einen von Russen beherrschten Osten.
Nationalisten wie Meschkow rüsten schon jetzt zur Machtprobe: Wenn am 27. März in Kiew ein neues Parlament gewählt wird, will der Regent der Krim die Bande zur Ukrainischen Republik zerreißen lassen und seine Landsleute unter der russischen Trikolore vereinen: Ein Referendum soll über den politischen Status der Krim entscheiden.
Bei den Offizieren der Schwarzmeerflotte kommen die Heim-ins-Reich-Parolen an. Aus Dankbarkeit für seine patriotischen Dienste wollten sie dem frisch gewählten Präsidenten eine Militärmaschine zur Verfügung stellen; der flog zum Antrittsbesuch nach Kiew dann doch lieber mit einer Linienmaschine.
Meschkow pflegt zudem enge Kontakte mit der Staatsduma in Rußland und setzt auf die nationalen Kräfte um den Rechtsextremisten Wladimir Schirinowski. Der will den Status der Krim erneut zur Debatte stellen.
In einem sind sich Krim-Separatisten und Moskaus Rechte einig: "Es gibt kein Dokument, das die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine begründen würde", sagt Meschkow selbstbewußt. Für ihn besitzt die 1954 von Chruschtschow verfügte Übergabe der Schwarzmeerinsel an Kiew zur Bekräftigung des 300jährigen Bruderbundes zwischen Rußland und der Ukraine keine Rechtskraft.
Mit der gleichen Argumentation hatte bereits im vergangenen Jahr Rußlands Sowjetparlament Sewastopol zur russischen Stadt erklärt. Doch dann löste Präsident Jelzin das kommunistisch dominierte Parlament auf, das spannungsgeladene Verhältnis zwischen den beiden Atommächten normalisierte sich.
Im Januar unterzeichnete Krawtschuk eine Vereinbarung mit Jelzin und Clinton, die eigenen 176 Interkontinentalraketen und rund 1800 Sprengköpfe Rußland zu übergeben. Dafür erhielt die Ukraine von den großen Zwei eine Bestätigung über die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen.
Am vorigen Donnerstag stimmte das Kiewer Parlament dem Raketenabkommen zwar generell zu, lehnte jedoch den Beitritt der Ukraine zum Atomwaffensperrvertrag zunächst einmal ab. Erst nach den Wahlen soll das Verhältnis zum mächtigen Nachbarn neu bestimmt werden.
Die Krim-Russen hoffen nach dem unerwarteten Wahlerfolg Schirinowskis auf eine neue Pax sovietica. Präsident Krawtschuk warnt, daß diese Achse "einen großen Zusammenstoß nicht nur in Europa, sondern für die ganze Welt auslösen könnte". Y
[Grafiktext]
_122b Landkarte Ukraine u. Rußland - Kartenausschnitt von d. Krim
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 6/1994
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