20.04.1992

ErdbebenSchwingende Glocke

Das stärkste Erdbeben seit 1756 erschütterte am Anfang der Woche das Rheinland und die deutschen Gemüter.
Als um 3.20 Uhr die Wände erzitterten, hörte bei Familie Niggemann in Heinsberg die Standuhr auf zu schlagen. Karin Niggemann dachte, "da kommt ein Laster ins Schlafzimmer gefahren".
In Wahrheit waren es die Schockwellen eines Erdbebens, das Montag morgen in zehn Kilometer Tiefe unter dem niederländischen Ort Roermond seinen Ausgang nahm. Wie bei einem Stein, der ins Wasser geworfen wird, breiteten sich die Erschütterungen mit einer Geschwindigkeit von rund fünf Kilometern pro Sekunde in alle Himmelsrichtungen aus und schreckten noch in Niedersachsen, Thüringen und Baden-Württemberg Schlafende aus ihrer Nachtruhe.
Geschossen gleich regneten im gesamten Rheinland Ziegelsteine von den Dächern, Fensterscheiben zerbarsten, Geschirr hüpfte klirrend aus den Regalen. Tausende Menschen zwischen Aachen und Koblenz liefen, nur mit Bademänteln bekleidet, in Panik auf die Straße. Fast 2000 Dortmunder riefen bei Polizei und Feuerwehr an. Die Affen im Kölner Zoo entleerten vor Schreck ihre Därme.
In zahlreichen Gebäuden des Bonner Regierungsviertels fiel der Putz von den Wänden, in der Amtsvilla von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth gab es Risse in allen Etagen. "Wie eine hilflose Fliege, die rücklings auf einem Wackelpudding zappelt", kam sich ein Koblenzer vor.
Am schlimmsten wüteten die 15 Sekunden andauernden Erdstöße in _(* Aufgenommen vom Seismographen des ) _(Taunusobservatoriums auf dem Feldberg ) _(bei Frankfurt. ) Heinsberg bei Aachen, wenige Kilometer vom Epizentrum entfernt: 25 Personen, die ihre Häuser fluchtartig verlassen hatten, wurden von umherfliegenden Gesteinsbrocken zum Teil schwer verletzt. 200 Häuser wurden stark beschädigt, einige sind akut einsturzgefährdet. Ein Heinsberger Architekt urteilte nach Begutachtung der Schäden: "Hätte das Beben weitere 15 Sekunden gedauert, wäre hier nicht mehr viel übriggeblieben."
Das Erdbeben erschütterte zudem erneut den Glauben an die Unverwüstlichkeit von Atomanlagen. Im Block A des (250 Kilometer vom Epizentrum entfernten) Kernreaktors Biblis wurde durch die Erdstöße der zulässige Beschleunigungsgrenzwert von 45 Zentimetern pro Quadratsekunde überschritten; Techniker fuhren den Reaktor daraufhin langsam herunter. Rätselhaft bleibt jedoch, weshalb im direkt daneben gelegenen Block B kein Alarm ausgelöst wurde. Fachleute führen dies vorläufig auf die dort günstigere geologische Struktur des Untergrunds zurück. Das hessische Umweltministerium will nun in einem Gutachten klären lassen, ob Biblis ausreichend gegen Erdbeben gesichert ist.
"Bei einem Erdbeben ist das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich der sicherste Ort, an dem man sich aufhalten kann", beteuerte der Technische Leiter Eike Roth. Den Beweis mußte er jedoch schuldig bleiben: Der rheinland-pfälzische Reaktor wurde schon 1988 aufgrund einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts Berlin abgeschaltet, weil ein Gutachten über die Erdbebensicherheit nicht rechtzeitig vorlag. Das Kraftwerk, erbaut auf einer besonders erdbebengefährdeten Verwerfungszone, ist nur gegen kleinere Beben ausgelegt. Der rheinland-pfälzische Umweltstaatssekretär Roland Härtel (SPD) sieht sich in der Meinung bestätigt, "daß unsere kritische Einschätzung nicht aus der Luft gegriffen ist".
Auch der Hamburger Geograph Eckhard Grimmel hält den Bau von Kernkraftwerken in erdbebengefährdeten Gebieten für ein "Vabanquespiel". So könnten durch mächtige Erdstöße spröde Rohre im Kühlsystem reißen. Grimmel: "Tritt ein Erdbeben ohne Vorwarnung auf, wäre es unter Umständen selbst für eine Schnellabschaltung zu spät."
Überraschend kam das Erdbeben in der Tat: Das Hauptbeben kündigte sich nicht, wie in der Vergangenheit bei größeren Erschütterungen beobachtet, durch einen Trommelwirbel kleinerer Erdstöße an. Urplötzlich registrierten die Geophysiker der Erdbebenwarte Bensberg bei Köln mit ihren seismographischen Meßinstrumenten eine Stärke von 5.8 auf der sogenannten Richter-Skala (die ein Maß für die freigesetzte Energie darstellt).
Der am Ende aus vielen Stationsdaten errechnete Mittelwert dürfte indes noch höher ausfallen: Im Seismologischen Zentralobservatorium in Erlangen maßen die digitalen Aufzeichnungsgeräte sogar Erschütterungen zwischen 6.3 und 6.5.
Über die realen Auswirkungen der Stöße im Erdboden sagt die oft zitierte Richter-Zahl allerdings nur wenig aus: Schon mittelstarke Beben können verheerende Zerstörungen hervorrufen, wenn beispielsweise die Häuser so schwach gebaut sind, daß sie leicht in sich zusammenstürzen.
Der italienische Wissenschaftler Giuseppe Mercalli entwickelte deshalb im Jahre 1902 eine zwölfteilige Intensitätsskala; sie reicht von Erschütterungen, die nur von Seismographen wahrgenommen werden, bis hin zur totalen Zerstörung vieler Bauwerke.
Erdbeben von einer Intensität wie das in der Nähe von Aachen diese Woche hat es in Deutschland in diesem Jahrhundert mehrmals gegeben: *___Kurz vor 11 Uhr am 14. März 1951 erbebte die Erde im ____Raum Euskirchen westlich von Bonn, begleitet von einem ____heftigen Sturm. Schornsteine stürzten ein, Dächer ____wurden abgedeckt. In Köln flüchteten sich damals viele ____in die Luftschutzkeller, ein Justizwachtmeister schrie: ____"Eine Atombombe ist gefallen." *___Schäden in Höhe von 100 Millionen Mark rief im ____September 1978 ein starkes Erdbeben auf der ____Schwäbischen Alb hervor. In Onstmettingen mußten 20 ____Menschen aus den Trümmern ausgegraben werden. *___Schon acht Jahre zuvor, am 22. Januar 1970, hatte in ____Baden-Württemberg die Erde gezittert: Bedenklich ____schwankten in Tübingen die meterdicken Schloßtürme.
Daß die meisten schweren Erdbeben in Deutschland fast durchweg in der Nähe des Rheins auftreten (siehe Grafik), ist kein Zufall: Das Niederrheinische Becken gehört (ebenso wie der Oberrheingraben zwischen Basel und Wiesbaden) zu einer europäischen Bruchzone, die sich vom Mittelmeer bis nach Norwegen erstreckt - an dieser Narbe im Erdreich wäre der Kontinent vor 45 Millionen Jahren beinahe gespalten worden.
Entlang dieser Nahtstelle hat sich die Erdkruste in den letzten Jahrmillionen um rund 4000 Meter gesenkt - der Rhein brauchte seinen Weg zum Meer nicht selbst in den harten Fels zu nagen. Gegenwärtig sinkt die Grabenzone pro Jahr um bis zu einem Millimeter ab.
Verlaufen solche Senkungsvorgänge ungleichmäßig - etwa dadurch, daß sich Schollen ineinander verkeilen -, dann bauen sich gewaltige Spannungen auf, die innerhalb von Sekunden ruckartig in einem Erdbeben entladen werden: Die Erdkruste schwingt gleichsam wie eine riesige Glocke.
Die eigentliche Ursache für die geologischen Verschiebungen sind gewaltige Magmaströme im Innern der Erde. Der Glutbrei zerrt und rüttelt an den Kontinenten und hat die Erdoberfläche in ein unruhiges Mosaik tektonischer Platten zerbrochen, die sich fortwährend gegeneinander verschieben.
Diese Kräfte, die einst die Alpen in die Höhe wachsen ließen, führten jetzt zu den schwersten Erschütterungen im Rheinland seit dem großen Beben von 1756 in Düren, über das die alten Chroniken voller Entsetzen berichteten.
Die Klosterkirche von Düren wurde damals, wie der Stadtschreiber vermerkte, "zerschüttelet, daß der Kalk wie Schneeballen heruntergekugelet". Aus lauter "Forcht" vor dem unterirdischen "Trommelschlagen" flohen die Menschen aus dem Gotteshaus.
[Grafiktext]
_248_ Rheinland: Erdbebenkurve vom 13.04.92 morgens
_249_ Rheinland: Erdbeben von 100 bis 1992 gemäß der makroseismischen
_____ Skala
[GrafiktextEnde]
* Aufgenommen vom Seismographen des Taunusobservatoriums auf dem Feldberg bei Frankfurt.

DER SPIEGEL 17/1992
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