08.03.1993

Viel sinnloser Stoff

Das 13. Schuljahr - ein Fall für Sparkommissare?

Einige Kultusminister würden dem christdemokratischen Stuttgarter Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder, 60, nebenher Präsident des VfB Stuttgart, am liebsten die gelbe Karte zeigen.

Seit sich der Rechtsaußen mit den Landesfinanzen herumschlägt, nimmt er es mit seinen politischen Grundpositionen nicht mehr so genau. Bisher galt der Konservative, bis Januar 1991 Kultusminister, als kompromißloser Verfechter von gründlicher Ausbildung und Vorbereitung zum Abitur. Nun hat der sparsame Schwabe seine Meinung geändert: Das 13. Schuljahr koste zuviel, argumentiert er, es müsse deshalb weg.

Auf der Suche nach Geld für den Aufschwung Ost fordern auch die Finanzminister der anderen Länder, das letzte Schuljahr vor der Universität abzuschaffen. Damit könnten, so die Sparminister, 15 000 Lehrerstellen gestrichen und 1,2 bis 1,5 Milliarden Mark pro Jahr anderweitig verteilt werden.

Die Debatte um die Schulzeit war bereits nach der deutschen Vereinigung neu entbrannt. In den alten Ländern und in Brandenburg müssen die Schüler 13 Jahre büffeln, in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen genügen wie zu DDR-Zeiten 12 Jahre.

In den Ostländern müßte in ein weiteres Schuljahr viel investiert werden. Allein Sachsen würde mehr als 1000 zusätzliche Lehrer brauchen.

Doch gegen eine generelle Verkürzung wettert eine seltsame Koalition aus SPD-Ländern, Bayern und Bildungsverbänden. Hessens Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) warnt vor einer Lawine von "Sitzenbleibern". Und die Hamburger Schulsenatorin Rosemarie Raab (SPD) argwöhnt: "Hinter der Verkürzung steht das Motiv, nur eine kleine Leistungselite zum Abitur zu bringen."

Beifall finden die Sozialdemokraten beim christsozialen bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair: Er warnt "die Herren Finanzminister", in Wahrheit sei die Streichung des 13. Schuljahres eine teure Sache. Neue Lehrpläne und Schulbücher müßten ausgetüftelt werden.

Der Deutsche Philologenverband spricht von "Betrug an zukünftigen Abiturienten- und Studentengenerationen", er fürchtet vor allem um Arbeitsplätze für seine Mitglieder.

In der Bonner Regierungskoalition geht jedoch Wirtschaftlichkeit derzeit vor Pädagogik. Alois Graf von Waldburg-Zeil, bildungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, verlangt "eine Straffung der Lehrpläne, damit die im internationalen Vergleich hohen Ausbildungszeiten in der Schule reduziert werden".

Tatsächlich müssen junge Briten, Franzosen, Spanier, Belgier und Dänen nur 12 Jahre pauken. Der europäische Durchschnitt liegt bei 12,3 Jahren. In Italien drücken Jugendliche 13 Jahre die Schulbank, in den Niederlanden gar 14.

Pädagogische Argumente spielen in der aktuellen Debatte kaum noch eine Rolle. "Das ist eine rein ideologische Auseinandersetzung", sagt Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

Nach Einschätzung des Hamburger Professors wird "unglaublich viel sinnloser Stoff" am Gymnasium vermittelt. Die meisten Gymnasien böten im zweiten Halbjahr der 13. Klasse ohnehin keinen Unterricht mehr, deshalb lasse sich leicht "ein effektiver Bildungsgang" in 12 Klassen organisieren.

Vor Schnellschüssen warnt dagegen Hans-Günter Rolff vom Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Eine Kürzung wäre nur durch eine Reform der Lehrpläne ab Klasse fünf möglich. Rolff: "Wir setzen mit solch einem Versuch unser gutes Schulsystem aufs Spiel."

Die Sozialdemokraten, die gerade an einem neuen bildungspolitischen Programm arbeiten, wollen sich möglicherweise weder für die eine noch für die andere Lösung entscheiden. Die nordrhein-westfälische Ministerin Anke Brunn, Vorsitzende der Kommission Bildung und Wissenschaft beim Parteivorstand der SPD, hält für denkbar, "daß jedes Bundesland seine eigene Regelung hat" - unter einer Bedingung: "Alle Abschlüsse müssen in allen Bundesländern anerkannt werden."


DER SPIEGEL 10/1993
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