14.02.1994

Kriminalität

Der Fall sprengt die Grenzen

Staatsanwälte ermitteln wegen eines scheußlichen Verbrechens an Kindern: Mindestens 15 Jungen und Mädchen, das jüngste sechs Monate alt, sollen in ihren beiden Großfamilien gequält und vergewaltigt worden sein. 24 Erwachsene sitzen in Haft. Die Untaten seien, sagen die Ermittler, "ungewöhnlich gut belegt".

Die Vorhänge vor den Fenstern sind geschlossen, in dem dunklen Raum verkriecht sich ein kleiner Junge unter dem Tisch. Mit den beiden Staatsanwältinnen, die in die Wohnung gekommen sind, will das Kind im Vorschulalter nicht direkt sprechen - es läßt seinen Plüschhasen erzählen.

Eine schauderhafte Geschichte von unheimlichen und gewalttätigen Erwachsenen. Sie sollen an ihm herumgefummelt haben, berichtet der Junge, seine eigene Mutter habe sich mit einer Zange zwischen seinen Beinen zu schaffen gemacht. Und dann hätten sie ihn zum Schweigen verdammt.

Die Staatsanwältinnen glauben, einem der bisher größten und widerlichsten Fälle von Kindesmißbrauch auf der Spur zu sein. Bereits seit November vorigen Jahres gehen sie in der Domstadt Worms (80 000 Einwohner) Berichten über sexuelle Gewalttaten von Mitgliedern zweier Großfamilien nach.

Mindestens 15 Jungen und Mädchen sollen, so der Verdacht der Ermittler, mißbraucht und gequält worden sein, viele hätten für die Herstellung pornographischer Videos herhalten müssen. In einem Fall sollen vier Geschwister von verschiedenen Partnern der Mutter, teilweise den leiblichen Vätern, mißbraucht worden sein.

"Der Fall", so Hans Seeliger, 59, Chef der Mainzer Staatsanwaltschaft, "sprengt die Grenzen des Vorstellbaren." Nach den Erkenntnissen der Fahnder waren Mütter, Väter, Stiefväter, Onkel, Tanten und Großeltern am jahrelangen Mißbrauch der Kinder beteiligt.

Um den Überblick über die verwandtschaftlichen Beziehungen in beiden Großfamilien bewahren zu können, hat sich der Mainzer Chefermittler Seeliger ein buntes Kästchen-Diagramm gezeichnet.

Das jüngste der Opfer, die inzwischen meist in Heimen oder bei Verwandten untergebracht wurden, ist sechs Monate, das älteste neun Jahre alt. Bislang wurden zwölf Männer und zwölf Frauen zwischen 23 und 71 Jahren in Untersuchungshaft genommen.

Die Verdächtigen bestreiten, mit den Greueln etwas zu tun zu haben, oder behaupten, die Kinder erzählten nichts als Phantasiegeschichten. Ihre Haftbeschwerden allerdings wurden, vom Landgericht Mainz und in einem Fall bereits in zweiter Instanz vom Oberlandesgericht Koblenz, als unbegründet verworfen.

Die Ermittler glauben, selten beim Delikt Kindesmißbrauch, hieb- und stichfeste Beweise zu haben. Der Fall sei "ungewöhnlich gut belegt", sagen die Mainzer Staatsanwältinnen Martina Fischl, 32, und Heike Finke, 29, übereinstimmend.

Unabhängig voneinander sollen jeweils mehrere Kinder über sexuelle Ausschreitungen berichtet haben - auch über sadistische Quälereien mit einer Art chirurgischen Klemme und über Mißbrauch bei Familientreffen im Keller der Gaststätte "Steven''s Corner" in Worms-Pfeddersheim. Der Wirt wurde, wegen des Verdachts auf Beihilfe zum sexuellen Kindesmißbrauch, ebenfalls festgenommen.

In der Kneipe, so die Ermittler, hätten sich jeweils einige der Jungen und Mädchen bis zu elf Peinigern aus der Verwandtschaft gegenübergesehen. Oberstaatsanwalt Seeliger: "Es besteht kein Zweifel, daß die Aussagen der Kinder glaubwürdig sind."

Ärztliche Gutachter bestätigen nach Angaben der Staatsanwälte die Schilderungen der Kinder. Bei einigen seien "massive Spuren von Mißbrauch im Anal- und Genitalbereich" festgestellt worden. Es habe, so Oberstaatsanwalt Seeliger, "mit einem Teil der Kinder Oral-, Vaginal- oder Analverkehr stattgefunden".

Einen ersten Verdacht gegen einen Teil der Familien, die generell als unauffällig beschrieben werden, gab es schon vor mehr als zweieinhalb Jahren. Im Sommer 1991 erfuhr Staatsanwältin Martina Fischl erstmals Auffälliges.

Der Vater der damals dreieinhalb Jahre alten Jenny B. hatte am 22. Juni Strafanzeige gegen seine frühere Ehefrau Marion erstattet. Wenn Jenny von Besuchen bei ihrer Mutter zurückkam, bemerkte Kurt B. bei seinem Kind öfter blaue Flecken an Stellen, wo man sie "sonst nicht hat".

Wenige Tage bevor Jennys Vater bei der Wormser Polizei seinen Verdacht zu Protokoll gab, war seine Tochter von ihrer Tante Sandra H. in die Praxis der Kinderärzte Christoph Sievers und Stephan Veit gebracht worden. Dort wurde sie eingehend untersucht.

Mediziner Sievers bot sich, so geht aus einem Gutachten hervor, ein grausamer Anblick: Jennys Körper war übersät mit schweren Blutergüssen, Kratzern und Narben. Nach Einschätzung des Arztes "sehr eindeutige Hinweise" auf "körperliche Mißhandlung". Außerdem hegte Sievers den "dringenden Verdacht" auf "wiederholten sexuellen Mißbrauch".

Beim Besuch in der Wormser Kinderarztpraxis stieß Jenny auf eine weitere Tante: Judith W. Die arbeitete dort bis vor kurzem als Arzthelferin. Judith W. assistierte bei der Untersuchung ihrer Nichte.

Was die Ärzte damals nicht ahnen konnten: Ausgerechnet diese Tante soll an den Mißhandlungen und am Mißbrauch von Jenny und anderen Kindern aus den befreundeten Familien aktiv beteiligt gewesen sein. Eine makabre Konstellation.

Das Ermittlungsverfahren wurde damals eingestellt. Die Beschuldigten, Jennys Mutter und deren neuer Ehemann, ein 30 Jahre alter Bauarbeiter, bestritten jeden Vorwurf. Im Mai 1992 schloß Staatsanwältin Fischl die Akte, weil ihr ausreichende Beweise für eine Anklage fehlten. Jenny und ihr Bruder Robert blieben bei der Großmutter, die mit Zustimmung der Mutter seit Juni 1991 das Sorgerecht hatte. Aufgrund der gravierenden ärztlichen Befunde ordnete das Wormser Jugendamt, so der zuständige Beigeordnete Gunter Heiland, die regelmäßige ärztliche Untersuchung der Kinder an. Außerdem sollten die Eltern Kontakt zur Hilfsorganisation "Wildwasser" halten, die sich für mißbrauchte Kinder einsetzt.

Außer Gefahr waren die Kinder damit aber offenbar nicht, denn sie sollen nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft weiter mißbraucht worden sein - auch von der Großmutter. Einige der Opfer sollen zudem von ihren Peinigern psychisch massiv unter Druck gesetzt worden sein. Einem Mädchen sollen die mutmaßlichen Täter gedroht haben, es werde in eine Puppe verwandelt, wenn es etwas erzähle.

Im Sommer vergangenen Jahres verdichtete sich bei "Wildwasser"-Mitarbeiterinnen erneut der Verdacht auf sexuellen Mißbrauch, die Geschwister kamen ins Heim. Erst in dieser "geschützten Umgebung" (Heiland) konnten sich die Kinder schließlich offenbaren.

Heiland verteidigt Behörden und Justiz: "Gericht und Jugendamt waren der festen Überzeugung, daß die Kinder gut aufgehoben seien." Heiland: "Was dann passierte, lag so fern, daß ich glaube, meine Mitarbeiter haben damals sehr verständlich gehandelt."

Inzwischen sind 13 der Kinder in verschiedenen Heimen, 2 bei Verwandten untergebracht. Dabei blieben alle Geschwister zusammen. "Das wichtigste ist jetzt", meint Heiland, "daß die Kinder Ruhe haben und darauf vertrauen können, nicht mehr mißbraucht zu werden." Schrittweise will sich die Stadt bemühen, geeignete Pflegeeltern für die Opfer zu finden und therapeutische Hilfe zu ermöglichen.

Die Verdächtigen sitzen unterdessen in verschiedenen Haftanstalten in Rheinland-Pfalz. Einige haben schon offene Morddrohungen erhalten. Kinderschänder gelten selbst unter Schwerverbrechern als Parias. Der Stiefvater von Jenny geht aus Angst vor Übergriffen nicht mehr allein zum Duschen. Und den Hofgang absolviert er erst, wenn kein anderer Häftling mehr draußen ist.

Eine der verdächtigten Großmütter beruft sich nach Angaben ihres Mainzer Rechtsanwalts Bernhard Kahl darauf, die Kinder hätten sie offenbar mit einer "anderen Oma" verwechselt. Die 60 Jahre alte Frau soll sich laut Haftbefehl an vier Kindern, darunter drei Enkeln, vergangen haben.

Seit dem 13. Dezember sitzt auch Arzthelferin Judith W. in Untersuchungshaft. Jennys Tante und etlichen ihrer Verwandten werden zum Teil besonders grauenhafte Foltermethoden angelastet.

Einer der schlimmsten Fälle ist im Haftbefehl gegen die Arzthelferin beschrieben. Nach dem bisherigen Ermittlungsergebnis der Staatsanwaltschaft wurden mehrere Kinder in der Wohnung von Jennys Mutter nacheinander an einen beheizten Backofen gefesselt und dann, vor den Augen der anderen, mit chirurgischen Klemmen traktiert.

Als eines der gefolterten Mädchen schrie und sich vor Schmerzen wand, wurde es, so die Anschuldigung der Ermittler, von einem der Männer aus dem Clan festgehalten. Die Taten wurden zudem nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Kinder von den Vergewaltigern mit Videokameras gefilmt.

Einschlägige Kassetten wurden bei den Durchsuchungen in den letzten Wochen jedoch nicht gefunden. Das ist aber kaum erstaunlich, waren die Beschuldigten doch durch das erste Ermittlungsverfahren 1991 gründlich gewarnt.

Die Staatsanwaltschaft geht noch einem weiteren schweren Verdacht nach. In ihren Aussagen schilderten mehrere _(* Mit den beiden anatomisch korrekten ) _(Puppen können Kinder ) _(Mißbrauchsituationen nachstellen. ) Kinder, daß sie häufiger auch von Fremden vergewaltigt wurden, die dafür zahlten. So soll beispielsweise einer der Jungen von einer Angehörigen ins Wormser Hallenbad gebracht worden sein, wo er in einer Umkleidekabine mißbraucht wurde. Die Verwandte des Jungen soll dafür von dem Täter Geld kassiert haben.

Die Anwälte der Beschuldigten haben eine schwere Aufgabe vor sich. Ein Großteil der medizinischen Befunde und die weitgehend übereinstimmenden Aussagen der Kinder lassen kaum Zweifel an vielen der Vorwürfe zu.

Die Strategie der Verteidiger wird denn auch im wesentlichen darauf hinauslaufen, die Verdächtigten nicht pauschal zu verdammen.

Der Mainzer Rechtsanwalt Georg Schumacher etwa hat "erhebliche Bedenken" hinsichtlich der "Personenabgrenzung durch die Kleinkinder". Die könnten zwar oft schon erstaunlich genau Handlungsabläufe schildern, hätten aber "häufig Schwierigkeiten, genauer zu sagen, welche Personen wann wo waren".

Weil Kinder meist die einzigen Zeugen des Mißbrauchs sind, haben Ermittler denn auch selten Erfolg, wenn sie die Täter überführen wollen. Schätzungen gehen von jährlich bis zu 300 000 Opfern bundesweit aus. Die Kriminalstatistik hat für 1992 allerdings nur 16 442 Fälle erfaßt, 2000 mehr als im Vorjahr. Lediglich 7649 Tatverdächtige konnten namhaft gemacht werden.

Ein Kinderarzt, glaubt der Wormser Mediziner Veit, müsse unter 1000 Patienten mit 40 bis 100 mißbrauchten Kindern rechnen - "weit mehr als Masern- und Mumpskranke zusammen". Y

* Mit den beiden anatomisch korrekten Puppen können Kinder Mißbrauchsituationen nachstellen.

DER SPIEGEL 7/1994
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