04.05.1992

Ärzte

Wer schreibt, der bleibt

Wer ist der bedeutendste deutsche Frauenarzt? Einer der ihren hat sich eine Bewertungsskala ausgedacht.

Die Entscheidung, Frauenarzt zu werden, fällt vor dem Spiegel. Über Ruhm und Reichtum der Erwählten bestimmen hingegen, bisher zumindest, die Patientinnen. Das soll nun anders werden: Der weltweit bekannteste deutsche Frauenarzt, der Berliner Geburtshelfer Erich Saling, präsentierte jetzt seinen Fachkollegen eine neue, wie er meint objektive Rangfolge mit 146 Gelehrten.

Saling, 66, ist immer gut für Überraschungen. In den sechziger Jahren schuf der in Polen geborene Dynamiker, damals noch Assistenzarzt, ein neues Fachgebiet der Medizin, die "Perinatologie". Sie befaßt sich mit dem vorgeburtlichen Leben des Babys im Mutterleib und den ersten sieben Lebenstagen. Saling entwickelte ein gutes Dutzend diagnostische und therapeutische Verfahren zur Versorgung der Ungeborenen, darunter ein Reanimationsgerät, genannt "das Auferstehungsköfferchen". Nebenbei gründete er zwei medizinische Fachgesellschaften, deren eine am vergangenen Wochenende im Berliner Kongreßzentrum zu verschiedenen Themen der "Vorgeburtlichen Diagnostik" tagte.

Anwesend waren rund 600 Mediziner. Saling nutzte die Gelegenheit, den Kollegen seinen "S.I.I. - Science Impact Index" für Geburtshilfe und Gynäkologie nahezubringen, wobei "Impact" als "Einwirkung" auf die Wissenschaft, nicht als "Schlag" oder "Stoß" verstanden werden soll. "S.I.I." entspricht "der Anzahl von Autoren, die einen Wissenschaftler im Bezugszeitraum zitieren".

Wer Bedeutendes zu Papier gebracht hat, wirklich Neues und Wegweisendes, auf den verweisen die publizierenden Kollegen in ihren eigenen Veröffentlichungen. So entsteht eine Rangfolge: Wer am häufigsten zitiert wird, auch von Ausländern, der signalisiert Arbeitsqualität und Durchsetzungsfähigkeit in der wissenschaftlichen Forschung. S.I.I. macht, rühmen seine Fürsprecher, "Wissenschaftler nach ihrer Produktivität und Qualität vergleichbar".

Die Computer des "Institute for Scientific Information" in Philadelphia (US-Staat Pennsylvania) speichern alle einschlägigen Daten, das Netzwerk der Zitate wird sichtbar. Bisher reüssierte in der Medizin meist der fleißige Skribent, getreu der alten Akademikerregel: "Wer schreibt, der bleibt." Vor allem die Zahl der Publikationen, nicht ihre Qualität, zählte bei Beförderungen und der Berufung zum Professor.

Salings Liste, auf eigene Kosten zusammengestellt, ist die erste S.I.I.-Rangfolge für deutsche Heilkundige. Voraussichtlich wird sie ihrem Schöpfer wenig neue Freunde machen, denn mit dem S.I.I.-Renommee der deutschen Gynäkologen ist es nicht weit her. Die meisten verdienen bestenfalls das Prädikat "durchschnittlich", viele gelten als "unterdurchschnittlich".

Als den gegenwärtig bedeutendsten deutschen Frauenarzt ermittelte Saling den Münsteraner Professor Wolfgang Holzgreve, der vor allem auf dem Gebiet der Chromosomendiagnostik forscht. Dicht auf den Fersen ist ihm Kurt Semm, 65, aus Kiel, wie Saling ein talentierter Bastler und Pionier der endoskopischen Chirurgie. Platz 3 belegt mit anderen der Direktor der Städtischen Kliniken in Darmstadt, Gerhard Leyendecker. Saling selbst hält auf seine alten Tage immer noch Platz 9.

Besonders schlecht schneiden in Salings Bewertungsskala jene Frauenärzte ab, die sich in der Öffentlichkeit laut zu Wort melden, sei es als Standespolitiker oder "einflußreicher Repräsentant unseres Faches" (Saling), also die Herren über Forschungsgelder und Universitätskarrieren. Auch die ordentlichen Professoren (Fachkürzel: C4), die sich in vielen Universitätskliniken noch immer als "Halbgötter in Weiß" inszenieren, sind nach dem Saling-Maßstab oft nur graue Mäuse. Von den 35 gynäkologischen C4-Professoren der alten Bundesländer wurden 6 nur ein einziges Mal von irgendeinem anderen Arzt zitiert.

Drei Gelehrten schließlich - den Professoren Paul August König aus Tübingen, Werner Lichtenegger aus Berlin und Klaus Quakernack von der Ruhr-Universität Bochum - widerfuhr das größte denkbare S.I.I.-Unglück: Niemand auf der ganzen Welt fand 1990 auch nur eine Zeile aus dem Gesamtwerk dieser Frauenärzte erwähnenswert.


DER SPIEGEL 19/1992
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