18.05.1992

JudenSchwebend oder bodennah

Der Hamburger Friedhofsstreit ist typisch für die Geschichte des Umgangs mit jüdischen Gedenkstätten.
Ein Jerusalemer Oberrabbiner, mit malerisch weißem Bart und schwarzem Hut in eine Bauzeichnung vertieft, ein Talmud-Student im Haltegriff der Polizei, Pelzmützenträger der ultraorthodoxen Organisation "Athra Kadisha" zwischen Bauraupen nach Grabsteinen wühlend - seit Wochen beherrschen Bilder vom Hamburger Gräberkampf die Zeitungen.
Zwar verweisen die dazugehörigen Texte und die betretenen Mienen der Politiker darauf, daß es sich um einen ernsten Konflikt handelt, wenn Religion und Rechtsordnung aufeinanderstoßen, weil orthodoxe Juden Widerstand gegen einen Warenhausneubau auf einem alten jüdischen Friedhof leisten (SPIEGEL 19/1992). Doch längst wird unter Schaulustigen und an Stammtischen auch Schadenfreude geäußert - schließlich hatten ja die Juden ihren Friedhof nach dem Krieg von der Stadtregierung zurückerhalten und ihn 1950 selbst verschachert: Diesmal, so Volkes Stimme, seien die Deutschen fein heraus - Schwamm drüber.
Die so denken, übersehen allerdings, daß 60 Prozent der verbliebenen 950 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Hamburgs (vor der Nazi-Zeit waren es 20 000) noch 1951 nur mit den Zuwendungen der Stadt überleben konnten. Der Friedhofsverkauf war keine leichtfertige Geldschneiderei, sondern eher ein Akt ökonomischer Not.
Das Gefühlsgemisch aus schlechtem Gewissen und Gleichgültigkeit hat Tradition. Mit dem Gedenken an das große Juden-Morden haben es sich Deutsche schon öfter leichtgemacht.
"30 Jahre nach der letzten Beerdigung können Sie die Steine abräumen", beschied 1953 ein Beamter der niedersächsischen Stadt Soltau die Käufer eines Brachstückes, in dem unterm Gestrüpp verborgen neun Grabsteine mit hebräischen Inschriften lagen. Daß der verwunschene Friedhof dennoch erhalten blieb, bewirkte erst die jüdische Gemeinde: Sie wies die Grundstücksbesitzer darauf hin, daß Gräber nach mosaischem Glauben Ewigkeitswert hätten.
An anderen Orten hatte die Ewigkeit keine Chance. Von den 250 jüdischen Friedhöfen, die es in Niedersachsen vor 1933 gab, wurden etliche kleinere nach dem Krieg zweckentfremdet und mit Wohnhäusern bebaut.
Auch prominente Ruhestätten fielen den Nazis und dem ihnen folgenden deutschen Drang zum Vergessen anheim. Wer durch die Grünanlagen an der Großen Hamburger Straße in Berlin spaziert, wird nur noch durch eine kleine Tafel daran erinnert, daß er sich auf einem einst bedeutenden jüdischen Friedhof befindet.
Ein weiterer Stein, der auf den berühmten jüdischen Aufklärer und Kant-Freund Moses Mendelssohn (1728 bis 1786) hinweist, markiert ein Scheingrab: Die Gestapo hatte den Friedhof 1943 abräumen und einen Deckungsgraben ausbaggern lassen, der mit Grabsteinen abgestützt wurde. Bei Kriegsende wurden auf dem Gelände sowjetische Gefangene und zivile Bombenopfer verscharrt, eine Rekonstruktion des Friedhofes unterblieb.
Noch glatter bewältigten deutsche Ämter, Städte und Gemeinden die Vergangenheit, wenn es um Einrichtung und Erhaltung von Gedenkstätten für Konzentrationslager ging. Daß heute im KZ Dachau (mehr als 30 000 Tote) Spuren des Schreckens zu besichtigen sind, trotzten Häftlingsorganisationen deutschen Behörden ab.
Kaum hatten die Amerikaner das Gelände geräumt und dem Land Bayern übergeben, sollte das "ehemalige Interniertenlager", wie das KZ plötzlich hieß, in eine Wohnsiedlung für "asoziale Elemente" umgewandelt werden - mit Gaststätten, Kinos und einem Kindergarten.
Erst der Verweis auf Zusatzabkommen zu den 1954 geschlossenen Pariser Verträgen, in denen die Deutschen sich zur Unantastbarkeit der Grabstätten von Opfern des NS-Regimes verpflichtet hatten, stoppte Pläne des Landrates, "das Krematorium verschwinden" zu lassen und mit der "Diffamierung des Dachauer Landes" endlich Schluß zu machen. Bis 1963 dauerte es, ehe die "Gaststätte zum Krematorium" einer Gedenkstätte wich.
Die Bewältigungskrämpfe dauern an. Nur unter heftigen Beschimpfungen von Einheimischen verhinderte Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe vergangenes Jahr, daß auf dem Gelände des KZ Ravensbrück, wo mehr als 90 000 Frauen und Kinder starben, ein Supermarkt, Imbißbuden und ein Autohaus entstanden. Die Filiale von "Kaisers Kaffee-Geschäft" an der von Häftlingen gepflasterten Zufahrtsstraße stand schon als fertiger Rohbau.
Tiefe Unsicherheit beim Umgang mit der Vergangenheit belegen auch die auf Mahnmalen verewigten Gedenksprüche. Gleich nach der Befreiung war in den Texten die unmittelbare Erinnerung noch lebendig. In dem 1945 von Häftlingen verfaßten "Schwur von Buchenwald" hießen die Täter "sadistische Peiniger", waren die Leiden anschaulich benannt: "51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, ersäuft, verhungert, abgespritzt . . . 51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an."
Doch dann, nach Ausbruch des Kalten Krieges, wich die Genauigkeit aus der Sprache des Erinnerns: Die Täter wurden verschwiegen, die Toten gleichgemacht. "Den Opfern des Stalinismus - den Opfern des Nationalsozialismus" lautete die Standardformel in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Formulierungen wurden grenzenlos großzügig: "Hier ruhen Opfer des Krieges 1939 bis 1945", hieß es, als sei egal, ob da ein Jude vergast oder ein Nazi-Mitläufer von einer Bombe zerrissen wurde.
Schamlos warf sich in einem Gedenkspruch "Die Stadt Ahlen" zur Sprecherin "unserer Opfer von 1933 bis 1945" auf, unverfroren textete man auf dem Vorwerker Friedhof in Lübeck: "Wir sind Opfer - wir sind Saat" und zwang so gefallene deutsche Soldaten und vergaste Juden in eine postume Schicksalsgemeinschaft.
Auch das Gerede von "unseren jüdischen Mitbürgern, die ihren letzten Weg antreten mußten" (eine Tafel in Berlin), klingt so, als seien sie irgendeiner Epidemie zum Opfer gefallen und nicht ihren lieben deutschen Mitbürgern.
Den Gipfel historischer Unachtsamkeit prangerte Ende der achtziger Jahre der Autor Ralph Giordano an, als in der Nähe des Bonner Abgeordnetenhauses ein Ehrenmal geplant war. Unter der christlichen Dornenkrone, "schwebend oder bodennah", wollte man aller Kriegstoten gedenken.
Bitter fragte Giordano, ob da symbolisch neben dem "SD-Henker und KZ-Pistolero" etwa ein "in Dachau erschossener Häftling" liegen solle.

DER SPIEGEL 21/1992
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