22.03.1993

PopGegacker vom Band

Eine Landkommune aus Atlanta erobert die Hip-Hop-Szene: „Arrested Development“.
Sie leben in einer Landkommune, und so treten sie auch auf. Konzerte geht die Rap-Gruppe "Arrested Development" so gelassen an, als verbrächte sie einen Abend auf der Veranda ihrer Farm bei Atlanta (Georgia). Die Mädchen üben afrikanische Tanzschritte und summen Gospelmelodien, die Männer rappen und machen sich an den Instrumenten zu schaffen, Baba Oje, ein Greis mit dem Titel "Spiritueller Ratgeber", wippt im Schaukelstuhl dazu.
Auf der Bühne liegen Strohballen und Wagenräder herum. Es scheint, als hätten die Pop-Bauern, die in dieser Woche nach Deutschland kommen, nur ihre Hühner zu Hause gelassen. Deren Gegacker hören sich die sechs Schwarzen manchmal im Hotel vom Band an.
Im Hip Hop, dem Musikgenre, wo sonst die Stars gern mit Maschinenpistolen spielen, zum Polizistenmord aufrufen und Mädchen in Bikinis hinter Gitterstäben tanzen lassen, gelten "Arrested Development" als Landeier. Aber weder die Schmähungen militanter Großstadt-Rapper noch die eigene versponnene Friedfertigkeit haben den Erfolg der Hippies des Hip Hop verhindert.
Drei Jahre, fünf Monate und zwei Tage wartete die Band auf einen Plattenvertrag. Als sie ihn endlich hatte und ihr Werk (Titel: "Three years, five months and two days") auf den Markt kam, überschlugen sich die Kritiker. Die englische Zeitschrift The Face glaubte "die Musik der Zukunft" zu hören, das US-Fachblatt Spin titelte "Amerikas heißeste neue Gruppe", und eine Kritikerumfrage der New Yorker Zeitung Village Voice kürte die Scheibe zur Platte des Jahres 1992.
Die Landkommunarden heimsten den diesjährigen Grammy als beste Neuentdeckung ein und vom Musiksender MTV den Preis für das beste Video. Auch Filmregisseur Spike Lee fing vor Begeisterung an zu taumeln und gab den Titelsong "Revolution" zu seinem Film "Malcolm X" bei der Band in Auftrag.
Die allgemeine Begeisterung gründet sich vor allem auf die rustikale Designer-Natürlichkeit der Gruppe. Unter der Führung des 24jährigen Todd Thomas, genannt Speech, verschmelzen die sechs Schwarzen Blues, Soul, Reggae und Gospel zu melodiösem Hip Hop, der zugleich verspielt, schillernd und kraftvoll daherkommt. Ihre Songs klingen nach Ferien auf einem voll digitalisierten, mit afrikanischer Kultur vollgestopften Party-Bauernhof, auf dem schon zum Vollwertfrühstück der richtige Spirit verordnet wird.
In ihren Texten fordert die Fundamentalisten-Band, daß Kinder draußen im Dreck spielen sollen statt drinnen mit dem Gameboy. Sie tritt für Obdachlose ein und bekämpft korrupte Prediger.
"Materialismus, Vereinzelung, mangelnder Respekt vor dem Alter sind die Plagen unserer Zeit", sagt Speech. Jede Woche schreibt er in einer Kolumne ("20th Century African") in der Zeitung seiner Eltern, dem Milwaukee Community Journal, dagegen an.
Die naiven Weltverbesserer passen gut in Bill Clintons Amerika der wiedererwachten Ideale. Ihren Katalog der modischen "political correctness" kennen sie nicht nur auswendig, sie leben ihn auch. Ökologisches Bewußtsein und Gruppengefühl sind ebenso selbstverständlich wie die Gleichberechtigung der Geschlechter innerhalb der Band. Fleisch, Zigaretten und Alkohol gelten als hinderlich auf dem Weg zu Gott und gutem Leben.
Ihre moraline Süße beschert der Band nicht nur Bekehrte, sondern auch Spötter. "Sie beten vor jeder Mahlzeit", schrieb der Rolling Stone, "sie beten vor jeder Flugreise. Und sie sind wahrscheinlich die einzige Erfolgsgruppe, die andauernd über Nirvana spricht, ohne überhaupt zu wissen, daß es inzwischen eine weltberühmte Band mit genau diesem Namen gibt."

DER SPIEGEL 12/1993
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