29.03.1993

Kriminalistik

Schwarze Blüten

Gibt es ein Rezept gegen Falschgeld aus Farbkopierern? Eine neue Geräte-Generation soll Abhilfe schaffen.

Wer im Hamburger Gloria-Kino an die Kasse kommt, muß Kleingeld parat haben. "Aus gegebenem Anlaß" weist die Firmenleitung die "lieben Gäste" in einem Anschlag darauf hin, "daß wir derzeit keine neuen DM 200.-, DM 500.- und DM 1000.- Banknoten akzeptieren".

Die Scheu vor großen Scheinen wächst bundesweit - nicht nur an den Kinokassen. Deutschlands Städte, vor allem Berlin und Hamburg, versinken zur Zeit in einem Blütenmeer.

Noch nie hatten Bäckerei-Verkäuferinnen, McDonald''s-Kassierer und Imbißbuden-Wirte abends so oft falsches Geld in der Kasse wie in diesem März: 2500 Fälle wurden der Polizei seit Monatsbeginn bekannt - nach Schätzungen des Wiesbadener Bundeskriminalamts (BKA) machen sie nur etwa ein Drittel der Falschgelddelikte aus, die tatsächlich verübt wurden.

Die Schwemme an Falsifikaten, überwiegend blaue Hunderter und rote Zweihunderter, seltener die 500- und 1000-Mark-Noten, stammt aus einer zunehmenden Zahl von derzeit 6000 bis 8000 Farbkopierern, die in Großraumbüros, Grafikstudios und Kopierzentren stehen.

Marktführer Canon, dessen Typen CLC und Bubblejet bei der Polizei als gängigste Tatwerkzeuge gelten, will "dieser Anwendungspraxis" jetzt freilich "ein Ende" bereiten, so Marketingleiter Wilfried Ott. Er stellte vorige Woche auf der hannoverschen Computermesse Cebit neue Farblasersysteme (CLC 350 und CLC 550) vor, bei denen "eine Anti-Fälschungs-Technologie integriert ist".

Canon reagierte damit auf eine Entschließung von Kriminalexperten, die im vergangenen Jahr auf der Internationalen Falschgeldkonferenz in Ottawa befürchteten, daß von den Produkten einschlägiger Kopiergeräte-Hersteller eine "allgemeine Beunruhigung in der Welt" ausgehen werde.

Die Branche wurde damals "zur umgehenden Entwicklung von Techniken" aufgefordert, die "das Fotokopieren bestimmter _(* Gezeigt wird ein neuer elektronischer ) _(Baustein, in dem die Abbilder von ) _(Banknoten gespeichert sind. ) Papiere von Wert unmöglich bzw. die Erkennung von Reproduktionen leichtmachen". Doch die Schleusen gegen die Falschgeldschwemme lassen sich erst in fünf bis sechs Jahren wirklich schließen, wenn die bisherigen Modelle der Digitaltechnik komplett ausgemustert sind. Bis dahin müssen BKA-Experten wie Kriminaloberrat Winfried Preuss wohl weiter jene "explosionsartige Entwicklung" in den Kriminalstatistiken fortschreiben, die in Deutschland mit der Einführung neuer Scheine 1989 begonnen hat (SPIEGEL 7 und 43/1991).

Waren 1989 bundesweit nur 243 und 1990 noch 511 Fälle von Mark-Kopierfälschungen zu registrieren, so stieg die Zahl 1991 um 900 Prozent auf 4651. Im Jahr darauf hatten die Kripo-Fahnder schon mehr als das Dreifache, nämlich 14 213 Fälle, zu bearbeiten. Die monatliche Zunahme seit Januar kündigt für dieses Jahr bis zu 35 000 Ermittlungsfälle an.

Aktionen organisierter Banden aus Osteuropa, so erklären Wiesbadener Kriminalisten, seien für den Fälschungsboom verantwortlich. Mit dem rapiden Verfall des Rubel und des Zloty wird der deutsche Hunderter in Belorußland, in der Ukraine und in Polen immer mehr zur Ersatzwährung.

Besondere Wasserzeichen, Sicherheitsfäden und raffinierte Aufdrucke, die laut Bundesbank den "bestmöglichen Schutz vor Fälschungen" bieten, werden nicht einmal von den Deutschen beachtet. Um so weniger funktioniert die Sicht- und Fühlkontrolle in Osteuropa, wo deutsche Geldscheine neu und fremd sind. Ganze Landstriche zwischen Oder und Ural, berichtete BKA-Experte Preuss der Bundesbank, seien zum "Dorado für Geldfälscher geworden".

Die verbessern ständig ihre Technik. So wird beispielsweise ein Sicherheitsmerkmal, die Mikroschrift ("100 DM") auf dem Silberstreifen des Hunderters, neuerdings von einer polnischen Bande recht simpel neutralisiert: Canon-Farbkopien laufen noch einmal durch eine Druckerei, die Mikroschriften im Magazin hat und die Zeichen in einen aufgeklebten Silberstreifen prägt. Variante dazu: Das Wasserzeichen, mit dem der Kopierer leichte Schwierigkeiten hat, wird durch Aufdruck nachgeahmt.

Der so produzierte Schein-Hunderter ist in Polen im Großvertrieb für 20 bis 30 echte Mark zu haben. Ausgestattet mit dicken Blütenbündeln, machen sich Kuriere "in einer Art Ameisenverkehr" (Preuss) nach Westen auf.

Ihre Ware konkurriert dort nun mit neuen Druckfälschungen der neapolitanischen Camorra, die seit Beginn des Fälschungsbooms vom US-Dollar auf die Mark umsteigt und solche Blüten voriges Jahr im Neuwert von 13 Millionen Mark auf den Markt warf.

Erfahrene Auswerter finden es immerhin tröstlich, daß bei der amtlichen Herstellung der neuen, im August 1991 ausgegebenen, 500er- und 1000er-Scheine ein brandneues Verfahren eingesetzt wurde: Die Druckmethode "Optical variable ink" (Ovi) sorgt dafür, daß sich die Farbe der Wertziffern, werden die Geldscheine von einem Prüfer gekippt oder schräggehalten, beim Betrachten deutlich verändert.

Auch modernste Farbkopierer können diesen Effekt beispielsweise nicht wiedergeben. "Hätte die Bundesbank die Geldreform um zwei Jahre verzögert, bis das Ovi-Verfahren serienreif war", sinnieren Interpol-Experten im BKA, "hätten wir jetzt die Probleme nicht."

Mit zwei Effekten will Canon künftig die Fälscher abschrecken: Jede Kopie, ob Geldschein oder Dokument, erhält unsichtbar eine codierte Seriennummer. So läßt sich der Weg zum Herstellergerät zurückverfolgen, die Kripo kann den Täter leichter finden.

Eine Variante des neuen Kopierapparats erkennt Geldscheine jeglicher Art durch den Vergleich mit Abbildungen, die im Gerät elektronisch gespeichert wurden. Sind Vorlage und Abbild identisch, produziert der Kopierer eine Schwarzkopie statt eines Falsifikats.

Probleme allerdings haben die Techniker, weil sich die Banknoten der Welt ständig ändern. So seien die Geräte wohl, räumt Canon-Mann Ott ein, "nie up to date".

Da helfen dann doch wieder handgestrickte Methoden, um Falsifikate zu erkennen - zum Beispiel gefälschte Hunderter. Ott rät zur Reibprobe, etwa mit einem Papiertaschentuch: Färbt es sich blau, ist der Schein echt, bleibt es weiß, ist er falsch.

* Gezeigt wird ein neuer elektronischer Baustein, in dem die Abbilder von Banknoten gespeichert sind.

DER SPIEGEL 13/1993
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