12.04.1993

GriechenlandRiesige Halde

Mit Milliardenhilfe aus Brüssel soll der längste Fluß des Landes umgeleitet werden - ein ökonomisch wie ökologisch unsinniges Vorhaben.
Für den Staatssekretär im Athener Wirtschaftsministerium, Aristidis Tsiplakos, ist es "das größte Projekt der Nachkriegszeit in Griechenland", für die Wochenzeitung To Vima dagegen "ein klassisches Beispiel für die Vergeudung von Mitteln".
Der Streit geht um ein gigantisches Unternehmen: Mit einem Aufwand von über 3,8 Milliarden Mark will die Regierung den längsten und wasserreichsten Fluß des Landes, den Acheloos, umleiten, um fünf Kraftwerke betreiben und 1,6 Milliarden Quadratmeter Ackerland in der Region Thessalien bewässern zu können. Drei Viertel der Kosten, so wünscht es Athen, soll die Europäische Gemeinschaft übernehmen.
Umweltschützer wehren sich gegen das Mammutunternehmen. Sie befürchten, daß die Feuchtgebiete im Mündungsgebiet des Acheloos nach der Umleitung austrocknen werden. In der Lagune von Mesolongion, einem der wichtigsten Feuchtbiotope Europas, würde die Salzkonzentration ansteigen und viele seltene Pflanzen- und Tierarten bedrohen.
Weitere Folgen: Die vorgesehenen sechs großen Wasserspeicher würden die Flußökosysteme von derzeit 220 auf 60 Kilometer verkürzen und den Fischbestand gefährden. Die angestrebte Intensivierung der Landwirtschaft könnte zudem die chemische Belastung der thessalischen Ebene durch Dünge- und Pflanzenschutzmittel erhöhen.
Vergebens mahnte die EG-Generaldirektion Regionalpolitik in Athen eine Studie über die Umweltverträglichkeit an. Die Regierung versuchte vielmehr, vollendete Tatsachen zu schaffen, indem sie mit den Arbeiten an Teilprojekten begann. 380 Millionen Mark wurden dafür bereitgestellt, auch aus den Mittelmeerprogrammen der Gemeinschaft.
Am 23. März schließlich unterzeichneten die Griechen ein Abkommen mit dem britisch geführten Konsortium Tayeuro, das zum Preis von etwa 630 Millionen Mark einen Staudamm, zwei Wasserkraftwerke und einen Wasserumleitungstunnel von 18,5 Kilometer Länge bauen soll.
Die EG-Kommission, die bisher keine endgültige Entscheidung über das Projekt getroffen hat, will ihren Beschluß auf die Prüfung der "ökologischen und wirtschaftlichen Parameter stützen". Doch das ist schwer möglich, solange die Folgekosten für die Landwirtschaft nicht abzusehen sind. Nach Schätzungen der Tayeuro müßten allein für Bodenverbesserung 2,6 Milliarden Mark aufgewendet werden. Auch dafür möchte Athen die Gemeinschaft um Hilfe angehen.
Die Kritiker hoffen, daß Brüssel letztlich auf die Einwände der eigenen Haushaltsexperten hört. Denn die von den Griechen gewünschte Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in Thessalien, der traditionellen Kornkammer des Landes, kann gar nicht im Interesse der Gemeinschaft sein.
Alles, was dort produziert wird - Mais, Tabak, Baumwolle, Zuckerrüben, Kartoffeln, Gemüse sowie Milch und Fleisch -, gibt es in der EG bereits im Überfluß. Schon heute werden 90 Prozent der griechischen Agrarerzeugung aus EG-Fonds subventioniert.
Ob sich die EG angesichts schrumpfender Finanzen weitere Überschüsse heranzüchten wird, erscheint deshalb fraglich. Die Athener Wirtschaftszeitschrift Oikonomikos Tachydromos warnt: "Aus Thessalien könnte eine Riesenhalde werden, mit dem Unterschied, daß die Gemeinschaft für die Produkte, die dort angehäuft werden, keine Unterstützung mehr gewährt."
[Grafiktext]
_155b Griechenland: Wasserumleitungstunnel
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 15/1993
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