13.07.1992

Feuerwehr

Lücken am Sprungtuch

Deutschlands Feuerwehren leiden unter Personalmangel. Jetzt sollen mehr Frauen und Ausländer an die Spritze.

Die Bewohner von Jüterbog, Lehnitz und Summt, eine ganze Woche lang von wieder aufflammenden Waldbränden bedroht, erfuhren doppelte Hilfe: erst aus dem Westen, dann von oben.

Bevor Anfang voriger Woche ergiebige Regenfälle die ausgedörrte Landschaft rund um die brandenburgischen Orte durchnäßten, mußte das Potsdamer Innenministerium aus Nordrhein-Westfalen Unterstützung herbeiholen: Die eigenen Kräfte, verstärkt durch Bundeswehrsoldaten, waren den extremen Anforderungen bei der Brandbekämpfung nicht gewachsen.

Die Horrorvision, solcher Großbrände aus Personalmangel nicht mehr Herr zu werden, ist fast schon Wirklichkeit: Dem Heer der rund 1,3 Millionen Mitglieder freiwilliger Feuerwehren fehlt allerorten der Nachwuchs. In der neudeutschen Ellenbogengesellschaft, klagt Niedersachsens Innenminister Gerhard Glogowski, sei "bürgerschaftliche Mitwirkung bei Brand- und Katastrophenschutz keine Selbstverständlichkeit mehr".

In den neuen Bundesländern ist die Lage der freiwilligen Wehren schon heute prekär - und zwar vor allem durch "so eine Art von vorauseilendem Gehorsam", wie Jan Gaede, Chefredakteur des Feuerwehr-Magazins, analysiert: Weil ihre Arbeitgeber über Einsätze während der Arbeitszeit murren, treten immer mehr ehrenamtliche Brandbekämpfer aus den Wehren aus. Obendrein schwächen die Folgen des Pillenknicks republikweit die Einsatzbereitschaft der Feuerwehren.

Bei den Berufsfeuerwehren ist die Lage nicht weniger dramatisch. In Frankfurt etwa sind zur Zeit 50 Stellen nicht besetzt und "leere Plätze auf den Einsatzfahrzeugen längst die Regel", wie Feuerwehrchef Günther Burbaum beklagt. In München kommen die Männer der Berufsfeuerwehr denn auch zum Teil aus Dörfern und Kleinstädten angefahren, die bis zu 100 Kilometer von München entfernt sind.

Trotz erweitertem Einzugsbereich bleibt der Zustrom neuer Leute zu gering: Das Durchschnittsalter der bundesweit rund 22 500 verbeamteten Brandbekämpfer ist mittlerweile auf 40 Jahre gestiegen, zugleich schnellt die Zahl gesundheitlich bedingter Frühpensionierungen empor.

Überall müssen die Einsatzgruppen verkleinert werden. In Ballungszentren sind Löschzüge mit nur noch 8 oder 10 Mann keine Seltenheit mehr - da klaffen gefährliche Lücken. Allein zum Halten des Sprungtuchs wären "16 Mann die Idealstärke", berichtet Münchens Feuerwehrchef Günther Hölzl, 47.

Die Verantwortlichen in den Großstädten vertrauen darauf, daß im Notfall ein zweiter Löschzug schnell Verstärkung an den Brandort bringen kann. Und in der Tat kommen Großstädte mit schlagkräftigen Berufswehren in einem internen Leistungsvergleich des Verbandes der Sachversicherer noch gut weg.

Für Berlin könnte sich das bald ändern. Dort brauchen die Feuerwehren seit der Wiedervereinigung mehr als doppelt so lang bis zum Brandort wie früher. Dauerte es einst im Westteil der Stadt durchschnittlich 5 bis 7 Minuten, bis die ersten Brandbekämpfer vor Ort waren, seien jetzt Wartezeiten von 15 Minuten "keine Seltenheit", berichtet Dieter Hoffmann, Feuerwehrspezialist bei der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr.

Im Ostteil Berlins ist das einstige System von freiwilligen sowie Werksfeuerwehren zusammengebrochen. Aus der kleinen Berufsfeuerwehr, früher der Deutschen Volkspolizei angegliedert, schieden zudem viele Mitarbeiter vor der angekündigten Stasi-Überprüfung aus.

Im Westen wiederum quittieren viele Feuerwehrleute den Dienst, weil sie mit ihrem Gehalt nicht zufrieden sind. "Die schlechte Bezahlung ist unser Hauptproblem", sagt Hannovers Feuerwehrchef Rolf-Dieter Bräunig. Immer wieder wechseln Angehörige der 68 Berufsfeuerwehren in andere Berufe.

Brandstrategen fordern deshalb massive Gehaltsverbesserungen. Außerdem sollen in den teuren Ballungszentren Bewerbern künftig häufiger Dienstwohnungen gestellt werden; Hamburg etwa baut für Berufsanfänger 50 Wohnungen und 12 Apartments.

Politiker wollen der Feuerwehr überdies neue Personalreserven erschließen. So sollen
* die beamtenrechtlichen Vorschriften so geändert werden,
daß auch in Deutschland lebende Ausländer zur Feuerwehr
kommen können;
* Brandbekämpfer, ebenso wie ihre Beamtenkollegen von der
Polizei, vom Grundwehrdienst befreit werden;
* Frauen verstärkt für die Männerbastion Feuerwehr
geworben werden.

Frauen im Löschdienst sind für viele Feuerwehrkommandanten jedoch noch immer unvorstellbar. Münchens Feuerwehrchef Hölzl argumentiert zum Beispiel, er könne "zweitklassige Löschzüge nicht brauchen". Deshalb müßten Frauen bei der sportlichen Einstellungsprüfung die gleiche Leistung bringen wie ihre männlichen Mitbewerber.

Die 35 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Frauen in der Berufsfeuerwehr sind da ganz anderer Meinung. "Heike Drechsler", empört sich Sprecherin Susanne Kaphammel, 28, "muß bei der Olympiade schließlich auch nicht gegen Carl Lewis laufen."


DER SPIEGEL 29/1992
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