03.05.1993

Aids - ein Kontinent vor dem Abgrund

Alarm in Asien: Auf dem bevölkerungsreichsten Kontinent der Welt breitet sich die Immunschwächekrankheit Aids explosionsartig aus. Schon bald wird Asien mehr Verseuchte haben als Afrika. Experten rechnen mit Millionen Toten und mehr Opfern als irgendwo sonst, wenn nicht schnell etwas geschieht.

Von Kali, der schwarzen, furchterregenden Göttin im Hindu-Pantheon, heißt es in einer Schrift:

"Die Häupter deiner Söhne, an jedem Tage neu getötet, hängen als Blumengewinde um deinen Hals. Wie ist deine Hüfte geschmückt mit Menschenhänden! Kleine Kinder sind deine Ohrringe. Schrecklich ist dein Lächeln."

Die Welt lebt derzeit im Zeitalter der Göttin mit der blutlechzenden Zunge. Aber das vernichtende Wirken der Herrin über alle Seuchen droht bald den ganzen asiatischen Kontinent, auf dem ihr Mythos geboren wurde, mit einer apokalyptischen Plage in den Bann zu schlagen - mit Aids.

Die nach wie vor rätselhafte Krankheit kam spät nach Asien, etwa ein Jahrzehnt, nachdem Afrika befallen worden war. Sie kam, so der thailändische Seuchenbekämpfer Mitschai Wirawaidja, wie eine unheimliche "Flut in der Nacht".

Verwirrt suchten beispielsweise die Chinesen nach einer passenden Bezeichnung für das neue Leiden, das unter dem fremdartigen Kunstwort Aids zu ihnen gekommen war. Sie gaben ihm die Schriftzeichen ai für lieben, zi für zeugen und bing für Krankheit.

"Aizibing" ist zu einem Buschfeuer in Asien geworden. Derzeit breitet sich die Immunschwächekrankheit so rasend schnell aus, daß Wissenschaftler überzeugt sind, auf diesem Kontinent, dem bevölkerungsreichsten der Welt, würden künftig mehr Menschen an Aids sterben als irgendwo sonst.

Die Schätzungen klaffen weit auseinander. Nach Meinung von Michael Merson, Leiter des Aids-Programms der Weltgesundheitsorganisation WHO, waren 1992 weltweit mehr als zwei Millionen Menschen erkrankt und weit über elf Millionen infiziert - über sieben Millionen in Afrika, 1,4 Millionen in Lateinamerika, etwa 1,3 Millionen in Asien, eine Million in Nordamerika.

Aber die Neuinfektionsrate ist in Asien inzwischen so hoch wie in Zentralafrika; und sie wächst weiter mit beängstigendem Tempo. Bald wird Asien mehr Verseuchte haben als der Schwarze Kontinent (siehe Grafik).

Vorsichtige Schätzungen rechneten für das Jahr 2000 mit weltweit 40 Millionen Infizierten. Eine neue Studie der Harvard-Universität spricht nun schon von 120 Millionen, davon über 80 Prozent in den Ländern der Dritten Welt.

"Jede Zahl ist von vorgestern", stöhnte im November vorigen Jahres ein Teilnehmer der Aids-Konferenz in Neu-Delhi. Der indische Aids-Experte I. S. Gilada prophezeit allein für Indien in naher Zukunft 20 bis 50 Millionen HIV-Positive. Gilada: "Das Land wird verwüstet."

Ähnlich düster äußert sich der thailändische Ex-Minister Mitschai, der sich mit seinem Programm für Bevölkerungsplanung den Namen "Mister Kondom" erworben hat: "Aids ist die größte Bedrohung der Sicherheit unserer Region, nicht im militärischen, sondern - viel schlimmer - im ökonomischen Sinn."

Die Seuche könnte die spektakulären Wirtschaftswunder einiger asiatischer Staaten gefährden und die Krisen der ärmsten verschärfen. Astronomische Kosten kämen auf die Volkswirtschaften zu, etwa durch die Patientenpflege oder den Ausfall von Arbeitskraft.

Schon allein wegen der Bevölkerungsdichte wird die Todesrate höher ausfallen als in Afrika: Dort leben 700 Millionen Menschen, in Asien drei Milliarden. Und keine Expertise vermag das menschliche Leid zu ermessen, das die neue Pest der ohnehin von Hunger und Unterdrückung, Seuchen und Naturkatastrophen geplagten Bevölkerung dieses Kontinents aufbürdet.

Vor wenigen Jahren noch fühlte sich die Masse der Asiaten gefeit; Aids war für sie eine Krankheit der schwulen Amerikaner, der Huren aus der verdorbenen westlichen Welt, der lüsternen Schwarzafrikaner oder der kiffenden Ausländer, die in Scharen die Strände und Gebirge Asiens okkupierten.

Doch wer immer die Pest der neuen Zeit importierte: Zumindest das Gefährdungspotential ist hausgemacht. Noch wird in Asien nicht massenhaft an Aids gestorben - 15 000 Tote waren es vielleicht bisher. Noch gehören die Krankheitsbilder mit ihrem Horror nicht zur täglichen Erfahrung wie beispielsweise in San Francisco.

Aber, so Don L. Douglas, Mitarbeiter einer amerikanischen Aids-Hilfsorganisation in Asien: "In zehn Jahren wird hier niemand mehr von Aids als einer afrikanischen oder Schwulenkrankheit sprechen, es wird die asiatische Krankheit sein."

Prostitution, Drogen und kriminell leichtsinniger Umgang mit Blut und Plasma sind die Hauptursachen der dramatischen Verbreitung von Aids in Asien. Längst nicht mehr beschränkt auf die brodelnden Puffmeilen von Bangkok, Bombay, Manila oder Seoul, hat die Krankheit entlegene Nester selbst in Nepal oder Laos erreicht.

Anders als in Europa ist sie in weit furchterregenderen Ausmaßen aus den klassischen Risikogruppen ausgebrochen und wird mittlerweile überwiegend durch heterosexuelle Kontakte übertragen. Laut WHO gilt das für über drei Viertel aller Infektionen. Für das andere Viertel sorgen Übertragungen mit infizierten Fixer-Spritzen, Bluttransfusionen mit verseuchtem Blut, Blutspenden von HIV-Trägern sowie homosexueller Verkehr. Schon sind Männer und Frauen in gleichem Maße betroffen.

Ganz überwiegend ist es Armut, die den bedrohlichsten Faktoren Prostitution und Drogen zugrunde liegt. Nicht von ungefähr, sagt Jonathan Mann, der 1991 aus Protest zurückgetretene WHO-Direktor für das weltweite Aids-Bekämpfungsprogramm, suche sich Aids "seine Opfer in der Dritten Welt".

Mann, ein international anerkannter Experte auf seinem Gebiet, hat in Boston das Institut "Global Aids Policy Coalition" gegründet und im vorigen Herbst einen "World Aids Report" herausgegeben. Er spricht von der "Vernetztheit dieser Pandemie mit der Gesamtheit der sozioökologischen Probleme des Planeten".

Ihre ausgemergelten Körper zu verkaufen ist für Frauen indischer Slums oft der letztverbleibende Broterwerb. Verarmte Bauern in Thailand schicken ihre Mädchen, häufig im Kindesalter, in die Bordelle der glitzernden Städte. Gekidnappte und gekaufte Mädchen aus den von Aufständen geschüttelten Grenzregionen Burmas kommen zu Zehntausenden ins nordthailändische Tschiang Mai, wo neun von zehn Prostituierten der Billigstklasse bereits angesteckt sind.

Burma, von den herrschenden Militärs in Myanmar umgetauft, war bis vor wenigen Jahren strikt abgeschottet vom Rest der Welt. Berüchtigt war das Land allenfalls für seine Teilhabe am Heroinhandel des Goldenen Dreiecks Laos-Thailand-Burma sowie für die Brutalität seiner Militärs. Wegen der Drogenszene nun auch im eigenen Land und der Prostitution hat Burma mit 100 000 HIV-Infizierten fertig zu werden. Kondome, auf den Märkten der Städte vereinzelt angeboten, sind für Durchschnittsverdiener ein unerschwinglicher Luxus.

Ähnlich das Schicksal des bitterarmen Himalaja-Reichs Nepal. Es bereichert das indische Nuttenmileu Bombays um Zehntausende von Mädchen. Der Baby- und Bubi-Strich in der philippinischen Hauptstadt Manila ist ebenfalls ein Elendsproblem.

Viele der aus purer Not vom Land in die Städte Geflüchteten, die sich das Virus holen, kehren in ihre Berg- und Dschungeldörfer zurück, zu Besuch oder für immer, weil sie sich krank fühlen oder ihr Leiden aufgedeckt wurde. Nun sorgen sie für die weitere Ausbreitung der Seuche daheim - wenn sie nicht, wie aus Burma berichtet wurde, beim Grenzübertritt von Soldaten getötet werden.

Auch 5000 Mädchen aus Chinas armer Südwestprovinz Yunnan sind schon in Tschiang Mai. Ihre Heimat ist das Aids-Epizentrum Chinas geworden. Fast 90 Prozent der dort lebenden, ausgepowerten Bauern spritzen sich Heroin aus dem Goldenen Dreieck; acht von zehn gelten als infiziert.

Für einen weiteren Aids-Schub sorgen Millionenscharen von herumziehenden Wanderarbeitern, in China ebenso wie in Indien, welche die Krankheit in die Dörfer schleppen. Und nicht zuletzt die Überland-Trucker: 200 000 sind das allein in Thailand. Sie werden schlecht bezahlt, nehmen Aufputschmittel, um wach zu bleiben. "Für sie ist der Stopp beim Bordell genauso üblich wie das Auftanken ihres Motors", sagt ein Kenner der Straßenritter-Szene.

Südindiens Lastwagenfahrer, die Gelegenheiten in allen Dörfern vorfinden, halten den Quicky am Straßenrand für ein Gebot der Gesundheit: Die beim Fahren angestaute Hitze müsse raus aus dem Unterleib. _(* Burmesische und chinesische ) _(Prostituierte vor ihrer Abschiebung in ) _(die Heimat. )

Angesichts der epidemischen Langzeitkatastrophe, die sich auf ihrem Kontinent ankündigt, tun die Regierungen recht wenig. Offizielle Statistiken vermitteln durchweg mit weit untertriebenen Zahlen ein verharmlosendes Bild der Lage. Das wiederum hat zur Folge, daß die Gesundheitsbürokraten dem Trugschluß unterliegen, alles sei halb so schlimm und es bleibe noch reichlich Zeit, um den Kampf aufzunehmen und ihre Bürger aufzuklären. Die löbliche Ausnahme ist Thailand.

Dort stehen Prostituierte und Soldaten unter ständiger Kontrolle; auch Geschlechtskrankheiten werden registriert und behandelt, da sie das Infektionsrisiko vervielfachen. Alle halbe Jahr werden an je sechs Bevölkerungsgruppen Reihenuntersuchungen durchgeführt. Aufklärungskampagnen laufen im Fernsehen, Radio und in Schulen.

Ziel des Aids-Aktionschefs Mitschai ist eine "100-Prozent-Kondomgesellschaft". Binnen drei Jahren stieg in Thailand der Konsum der Gummis - nach ihrem Promoter landläufig "Mitschais" genannt - von 30 Millionen auf das Vierfache pro Jahr. Die Hälfte davon spendet die Regierung gratis. In den Bordellen benutzen inzwischen 90 Prozent der Besucher Kondome.

Sie prangen auf den Weihnachtskarten von Mitschais Behörde, er ließ sie an Tankstellen und auf Partys verteilen, Bars geben sie statt Wechselgeld aus. Aids-Infos werden in Kürze Nudelpackungen wie Windelpaketen, Seifenstücken wie Bankauszügen beiliegen. Die großen Unternehmer des Landes hätten begriffen, so Mitschai, "daß Tote nichts mehr kaufen können".

Bis zum Jahr 2000 wird die Zahl der HIV-Positiven aber auch in Thailand nach verschiedenen Hochrechnungen zwischen zwei und vier Millionen erreichen; bei 650 000 Patienten wird die tödliche Krankheit offen ausgebrochen sein. Sechs Prozent der Thais wären dann befallen.

Hunderttausende Prostituierte haben Thailand weltweit den Ruf eines Sex-Paradieses eingetragen, haben die Bums-Bomber aus Europa ebenso herbeigelockt wie die Tripper-Clipper aus den asiatischen Nachbarstaaten. 1991 kamen allein aus Japan 250 000 Mann. Die Branche bleibt Thailands wichtigste Devisenquelle - wenn Mister Kondoms Idee nicht in die Tat umgesetzt wird, alle Puffs und Go-go-Bars, diese "Industrie des Todes", kurzerhand zu schließen.

Offiziellen Schätzungen zufolge ist fast die Hälfte aller Dirnen in Bangkok oder Pattaja infiziert, immerhin weniger als in der Hölle von Tschiang Mai im Norden.

Es sind jedoch nicht vorrangig die sexlüsternen Ausländer, die sich die tödliche Ansteckung holen. Bordell-Besuche sind für Thai-Männer so normal, wie es für den Deutschen sein Bier nach der Arbeit ist. Jede Prostituierte bedient 10 bis 20 Freier täglich. Danach tragen die Thai-Machos das Killer-Virus heim zur Ehefrau, infizieren möglicherweise noch das ungeborene Kind.

Der regelmäßige Seitensprung ist eine gesellschaftlich rundum akzeptierte Form der Entspannung, ein Beweis der Männlichkeit: "Wer hart arbeitet", so ihre Entschuldigung, "hat auch Anspruch auf ein deftiges Vergnügen", sagt der thailändische Arzt Tschanuantong Tanasugarn.

In Thailand, in Indien und anderwärts in Asien liegt der weitverbreiteten Prostitution eine doppelte Moral zugrunde, die der aufgeklärte Westen großenteils überwunden glaubt: Daheim waltet liebend, sorgend, die Domestiken befehlend oder selber kochend die tüchtig-monogame Gattin, warten die keuschen Töchter auf den Tag, da der Vater ihnen den Auserwählten zuführt. Daß Männer sich in Bordellen vergnügen, Knaben dort ihre ersten Sex-Lektionen nehmen, ist normal.

Oder die Gefahr wurde in bestimmten Schichten verdrängt, wie im prüden Indien, wo der Zensor noch Kuß-Szenen aus den Spielfilmen schneidet. Lange Zeit hat etwa die in Madras mit dem Aids-Problem befaßte Mikrobiologin Suniti Solomon geglaubt, die Familientraditionen, die konservative Grundhaltung und angebliche Spiritualität der Inder könnten sie vor der Seuche der verdorbenen anderen Kontinente schützen. "Ich weiß jetzt, daß wir nicht das sind, was wir von uns geglaubt haben."

Indien, das erst vor sieben Jahren seinen ersten Aids-Fall bekanntgab, hat jetzt möglicherweise schon mehr Infizierte als Nordamerika: Offiziell werden 11 406 angegeben, Jonathan Mann hält jedoch 1,5 Millionen Fälle für eine realistische Annahme. Die Regierung habe das Problem bis vor kurzem "total negiert", behauptet Bombays Aids-Bekämpfer Gilada. Vor wenigen Monaten erst setzte Neu-Delhi eine Kampagne in Gang, die zum größten Teil von der Weltbank finanziert wird; sie soll in diesem Jahr 100 Millionen Dollar kosten.

Chef der staatlichen Aids-Kontrollorganisation ist Pronob Ranjan Dasgupta, ein Mann mit einschlägiger Horror-Erfahrung: Zwei Jahre war er im Auftrag der Uno als Gesundheitsberater in Uganda tätig. Für Indien sieht er einen Vorteil: "Wir haben heute weit mehr Informationen über die Krankheit als damals, als es in Afrika anfing."

Eines von Dasguptas Hauptanliegen: Die Inder sollen freiwillig mehr Blut spenden, denn der Mangel an Blut und damit verbundenen Produkten ist ein makabrer Punkt in der Aids-Historie des 864-Millionen-Volkes.

15 Prozent der indischen HIV-Positiven wurden durch Bluttransfusionen infiziert. An Blut herrscht ständige Knappheit, der Bedarf kann nur zur Hälfte gedeckt werden. Von den 1018 Blutbanken sind nur 608 staatlich; sie werden inzwischen regelmäßig kontrolliert. Aber die privaten Stationen scheren sich selten um Tests ihrer Konserven. Der Zustand ihrer oftmals unterernährten, drogen- und alkoholabhängigen, häufig infizierten Spender kümmert sie nicht.

Durch die weit verbreitete Akzeptanz der käuflichen Liebe - auch in den Dörfern, wo drei Viertel der indischen Bevölkerung leben - hat die Seuche mittlerweile die neue Mittelschicht erreicht. Dasgupta sieht daher nicht in Massenuntersuchungen seine vorrangige Aufgabe, sondern in Vorbeugung und Aufklärung: "Aids ist passiert. Jetzt ist die Hauptsache, daß nicht nach dem Schneeballsystem aus einer Million vier Millionen werden."

Unwissenheit und Aberglauben herrschen allenthalben in Asien, wo Informationen lebensrettend sein könnten. Marta, 22, Aids-infizierte ehemalige Prostituierte auf den Philippinen: "Mein Boß hat mir gesagt, Aids sei für Frauen kein Problem."

In Japan, dessen Gesundheitsministerium mit offiziell 2400 HIV-Positiven und rund 500 Kranken die wahren Zahlen nach Ansicht von Experten gewaltig untertreibt, glauben laut Umfrage 62 Prozent der Bevölkerung, die Seuche werde durch Moskitos übertragen. In dem reichen Land mit seiner gut ausgebildeten Bevölkerung meinte noch vor kurzem fast jeder zweite, Aids könne man sich durch gemeinsame Benutzung von Trinkgläsern zuziehen.

Ein Doktor aus Japan, Ryoichi Nakao, reiste unlängst ins verseuchte Bangkok, um dort zu verkünden: "Aids-Patienten können ganz einfach gesund werden, wenn sie ihren eigenen Urin trinken." In Taiwan und Singapur dagegen gilt das Blut einer frisch geschlachteten Kobra als vorzügliches Mittel zur Vorbeugung.

Und doch war das Jahr 1992 für den japanischen Medizinprofessor Tsunetsugu Munakata "ein besonderes Jahr: Erstmals wuchs die Einsicht, Aids könne uns etwas angehen". Soeben ist eine Aufklärungsbroschüre für Nippons Oberschüler fertiggestellt worden, in der vor häufigem Partnerwechsel gewarnt und für Kondome geworben wird; der Haushalt 1993 stellt 130 Millionen Mark für Vorsorge, Überwachung und Behandlung bereit.

Selbst im Großreich China wächst die Schar der Warner. "Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, bricht Aids über China wie eine Springflut herein", sagt Chen Bingzhong, Direktor des Instituts für Nationale Gesundheitserziehung in Peking.

Die staatlichen Medien melden zwar offiziell nur 974 HIV-Infizierte unter den 1,17 Milliarden Chinesen. Doch das hält Wan Yanhai, 30, Initiator von Chinas erster Aids-Telefonberatung, für "gefährlichen Unsinn".

Interne Statistiken des chinesischen Gesundheitsministeriums gehen längst von mindestens 10 000 Infizierten aus. Wan, Absolvent der Pekinger Hochschule für Hygieneerziehung - und damit eine Art Barfußarzt für den Unterleib -, schätzt die Zahl der HIV-Träger gar auf 100 000.

"Die Voraussetzungen für eine Aids-Katastrophe wie in Thailand oder Indien sind bei uns längst gegeben", mahnt Chinas führender Virologe und Aids-Forscher Shao Yiming. Denn im Schatten von sozialistischer Prüderie und konfuzianischer Doppelmoral hat die Prostitution von Männern und Frauen dramatisch zugenommen. Allein die Pekinger Polizei rechnet mit 10 000 Frauen, die "ihren Frühling verkaufen". Im ganzen Land wurden 1992 mehr als 240 000 Liebesdienerinnen erwischt und in Arbeitslager verschickt.

Doch weit mehr als um die zwei bis vier Millionen Huren sorgen sich die sozialistischen _(* Tempelskulptur in Khajuraho (11. ) _(Jahrhundert n. Chr.). ) Kontrolleure um die 30 Millionen große Schwulengemeinde, die Staat, Polizei und Mitbürger wohlweislich scheut: Chinas Normalbürger erachtet Homosexualität noch immer als ekelerregende Krankheit und Gefährdung der öffentlichen Ordnung.

So kann es als kleine Revolution gelten, was kürzlich in der Pekinger Karaoke-Bar "Zum Seepferdchen", beim ersten öffentlichen Treffen der Schwulenszene in der Hauptstadt des marktorientierten Kommunismus, geschah: Dort verteilten Freiwillige der vor einem Jahr eingerichteten "Aids-Hotline" mit spitzen Fingern jeweils zwei Kondome aus Staatsproduktion an die Versammelten.

Benachbarte asiatische Länder scheuen solche Aktionen häufig noch, meist aus religiös-moralischen Gründen. In Malaysia, ironischerweise der Welt größter Kondomhersteller, wo 5140 Fälle von HIV-Infektionen und 42 Aids-Tote offiziell eingeräumt werden - Experten halten die Zahlen für zehnfach untertrieben -, haben sich Schulleiter geweigert, ein Aids-Vorbeugungsvideo vorzuführen, weil sich darin ein Paar küßt. Die Regierung versuchte zwar, mit Fernsehspots behutsam über die Gefahren aufzuklären, "sie sagt aber nie, wie man sich vor Aids schützen kann", klagt ein Sozialhelfer.

Die strenge katholische Amtskirche der Philippinen verteufelt Empfängnisverhütung und somit auch die schützenden Gummis - und das angesichts schätzungsweise 35 000 Aids-Infizierter. Immerhin hatte der neue Präsident Fidel Ramos den Mut, einen Nationalen Aids-Rat einzusetzen. Seither prangt im Zentrum Manilas ein Plakat, das in einfachen Worten aufklärt; sogar das verpönte Wort Kondom kommt vor. Angehörige der Armee müssen sich seit März testen lassen.

In Indiens islamischem Nachbarland Pakistan - offiziell 1000 HIV-Positive, 180 offen Erkrankte - versammelten sich im vorigen Jahr Mitglieder der Nationalversammlung und Vertreter der Moslem-Geistlichkeit zu einem Aids-Seminar. Das "Land der Reinen", wie Pakistan heißt, ist von der WHO als Gefahrenzone eingestuft - wegen der Vielzahl der Drogensüchtigen, einer tabuisierten Schwulenszene und Scharen liebesdürstender Männer, die allmonatlich nach Bangkok jetten.

Aber die frommen Experten konnten sich trotz der bedrohlichen Lage nicht zur Absegnung von Safer Sex durchringen: "Wenn die Leute erst wissen, wie man ein Kondom benutzt", monierte Amir Amza, Abgeordneter der fundamentalistischen Partei Jamaat-i-Islami, "werden sie auch regen und freien Gebrauch davon machen."

Ähnlich groß sind die Ängste im überwiegend von Moslems bewohnten Indonesien. Das Inselreich gibt nur 80 Fälle von HIV-Positiven an, bei einer Bevölkerung von 180 Millionen. Gandung Hartono, Leiter des Aids-Programms in diesem Inselstaat, bedauert, daß die Regierung Hemmungen hat, den Gebrauch von Präservativen öffentlich zu propagieren (obwohl sie Gummis in Bordellen kostenlos verteilen läßt). "Geistliche Moslemführer denken, ich mache mich für Prostitution stark, wenn ich über Kondome spreche", klagt Hartono.

Wie viele seiner Landsleute wiegt er sich in der schönen Hoffnung, daß der Islam eine Wunderwaffe gegen die Krankheit sei, predige er doch eheliche Treue und Drogenabstinenz.

Doch die Vielzahl der Bordelle in Jakarta oder Surabaya, wo schon Bert Brecht seinen Johnny vor Anker gehen ließ, lassen anderes befürchten, ebenso wie der Stand der Aufklärung einer 19jährigen Liebesdienerin mit Namen "Cat" im dortigen Etablissement "Paradise": "Wir haben nichts zu befürchten, die meisten unserer Kunden sind Asiaten, und Aids ist eine Krankheit von Ausländern."

Schon suchen sich die Sex-Touristenschwärme neue Ziele aus. Neben Manila, dem klassischen Päderasten-Paradies, wenden sie sich Vietnam und Laos zu. In diesen bis vor kurzem noch streng abgeschotteten kommunistischen Staatsenklaven umwerben Bordelle ihre Kunden mit Versprechungen wie "Aidsfrei" und "garantiert Jungfrauen": oft genug Betrug - den Status der Virgo intacta verdanken die Mädchen nähkundigen Medizinern.

Wahrscheinlich gibt es in Laos und Vietnam unterdessen ebenfalls Fälle von Aids, ebenso in Kambodscha, dessen Nachtleben seit der Ankunft der Uno-Friedenstruppen boomt. Selbst aus Vietnam, das allein in Saigon 300 000 Prostituierte zählt, kommen die Schönen der Nacht nach Phnom Penh, um das Untac-Personal zu zerstreuen. Kambodschas 15 000 Freudenmädchen gelten bereits zu 13 Prozent vom Aids-Virus befallen.

Ein Aids-Forscher dort äußerte schon die düstere Ahnung, das Grauen dieser Krankheit könne das der Roten Khmer - weit über eine Million Tote - eines fernen Tages übertreffen. Der Thai Mitschai: "Aids wird für das Land eine andere Art von Pol Pot."

Wie in Kambodscha droht Aids die meisten Regierungen in Asien zu "überwältigen, der wirtschaftliche Druck wird unglaublich werden", sagt WHO-Direktor Merson. Die Gesundheitssysteme sind für die zu erwartende Zahl der Kranken nicht gerüstet. Wissenschaftler wie der Inder Chandra Mouli befürchten einen "sozialen und ökonomischen Einbruch, weil mit der sexuell aktiven zugleich auch die produktive Altersgruppe erkranken und für den Aufbau der Länder fehlen wird".

Das nächste Problem sei dann das der Überlebenden - Millionen von Waisen und Alten, die auf Hilfe angewiesen wären. Mouli: "Wenn Sie einen alten Großvater und zwölf Waisenkinder haben, dann gibt es keine Selbsthilfe mehr." Deshalb fordert Mouli "eine enthusiastische Kampagne", verlangt Jonathan Mann "eine globale Vision", um der Killerkrankheit beizukommen. Ohne das Geld der reichen Staaten wird indes nichts zu gewinnen sein.

Bis heute ist Thailand das einzige asiatische Land, das errechnet hat, wie schwer seine Wirtschaft durch Aids geschädigt werden könnte: Neun Milliarden Dollar, ein Siebtel des Bruttosozialprodukts, drohen bis zum Ende des Jahrhunderts der Ökonomie verlorenzugehen. Allein für die Behandlung von Aids-Kranken müßten pro Jahr und Patient bis zu 1500 Mark - ein Drittel des statistischen Durchschnittseinkommens einer Thaifamilie - aufgewendet werden. Lebensverlängernde Behandlungen wären dabei nicht eingeschlossen.

Frühzeitige Gegenmaßnahmen können Millionen von Leben retten und Milliarden Dollar sparen. In einer Untersuchung des Londoner Panos-Instituts wird vorgerechnet, daß die 100 Millionen Dollar, die Thailand 1991/92 zur Bekämpfung der Seuche investierte, die Infektion von 3,5 Millionen Menschen verhindert und mehr als 5 Milliarden Dollar eingespart haben.

Der Wissenschaftler John Sullivan von der Universität von Massachussetts verglich den Kampf gegen Aids in der Dritten Welt mit einem Krieg auf Leben und Tod: "Wenn die Millionen Menschen, die heute Aids zum Opfer fallen, von einem faschistischen Diktator getötet würden, würden wir nicht zögern, viele Milliarden Dollar für einen Angriff gegen ihn aufzuwenden."

[Grafiktext]

_172_ Unterschiedliches Tempo der HIV-Infektionen:


/ Ausbreitung bis zum Jahr 2000 im weltweiten Vergleich

_173_ Unterschiedliches Tempo der HIV-Infektionen:


/ Ausbreitung bis zum Jahr 2000 im weltweiten Vergleich

[GrafiktextEnde]

* Burmesische und chinesische Prostituierte vor ihrer Abschiebung in die Heimat. * Tempelskulptur in Khajuraho (11. Jahrhundert n. Chr.).

DER SPIEGEL 18/1993
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