10.05.1993

TelefondiensteGestöhnt und geflüstert

Alles über Michael Jackson oder Tratsch aus der „Lindenstraße“ - der Unfug übers Telefon bringt Millionen ein.
In der Diele knarzt mal wieder der Fußboden, im Speiseraum quatscht "Batman" mit "Tooommi", und die "kleine Stine" fahndet im Partykeller verzweifelt nach Gästen: Alltag in der "Villa Kunterbunt".
Das zweistöckige Gebäude mit fast 30 Räumen ist eine Simulation in einem Hamburger Computer, die nur über den Telefonhörer zu erfahren ist: die Welt am Draht, rund um die Uhr.
Wer mit seinem Anruf durchkommt - meistens sind die 150 Leitungen hoffnungslos besetzt -, landet mitten in einem Hörspiel, in das sich der Anrufer einschalten kann. Mit Hilfe der Zifferntasten auf dem Telefon steuert er durch eine Hörkulisse.
Wer zum Beispiel die Zahlen "5" und "2" drückt, wandert mit seinem anderen Ich, das scheinbar am Geschehen teilnimmt, von der Küche in das Gästezimmer der "Villa Kunterbunt". Entsprechende Lauf- und Hintergrundgeräusche schickt der Computer durch die Muschel.
Kopf und Initiator des Projekts "Villa Kunterbunt" ist Steffen Wernery, 31. Der ehemalige Computerhacker ist überzeugt, daß seine Methode, die Zeit totzuschlagen, ein voller Erfolg wird: "Das wird der Marktplatz des 21. Jahrhunderts."
Schon immer war Wernery Trendsurfer neuer Technologien, nun investiert der bleichgesichtige Hamburger seine Energien in das Medium "Audiotex". Die Ansagedienste per Telefon, für die der Anrufer Geld und Zeit opfert, bringen den Betreibern und der Telekom Millionengewinne.
Seit Anfang April können sich in Deutschland (West) Telefon-Junkies sinnlos berieseln lassen. Teenager werden gelockt von den Depeschen aus dem Leben des Popstars Michael Jackson, die jeden Fan in Vorfreude erschaudern lassen: "Brandheiß! Alles was Du über Michael wissen mußt."
TV-Konsumenten können auch nach Sendeschluß dem Tratsch rund um die "Lindenstraße" oder der RTL-Teenieserie "Beverly Hills 90210" lauschen. Und für den Pantoffelfußballer gibt es das "HSV livefon".
Die Sprüchedienste sind alle nur über die Vorwahl 0190 zu erreichen und kosten 1,15 Mark pro Minute - die 30fache Gebühr eines Ortsgesprächs. Für soviel Geld, so vermuten naive Telefonkunden, muß doch Exklusives geboten werden.
Weit gefehlt, meistens verärgern die Anbieter ihre Kunden nur mit abgestandenen Konserven. Exklusiv sind allenfalls die Falschinformationen, ansonsten wird nur Banales oder Altbekanntes geboten, das aus Archiven und Boulevardblättern zusammengekehrt wurde. Die Einnahmen aus dem Geschäft teilen sich die Ansage-Anbieter und die Telekom: 52 Prozent gehen an das Postunternehmen, den Rest verbuchen die Dienste.
In Nordrhein-Westfalen veranstaltete die Telekom im vergangenen Jahr schon einen Feldversuch mit der teuren Nummer: Bis zu 20 000 Menschen hörten pro Tag die 0190-Angebote, die im Grunde nichts anderes sind als eine Variante der alten Post-Ansagedienste rund um Kino, Wetter und Zeitansage. Doch weil bei den 0190-Diensten keine Bänder, sondern Computer die Anrufer bedienen, können verspielte Zeitgenossen jetzt ihr Programm selbst steuern.
Das geht entweder per Tastentelefon wie bei Wernerys "Villa Kunterbunt" oder per Sprecherkennung. Erst wird dem Anrufer erklärt, was er Tolles erfahren kann, dann folgt die Aufforderung: "Wenn Sie mehr zu dem Thema hören wollen, sagen Sie nach dem Pfeifton ,jetzt'." Diese Form des neuen Service ermöglicht auch das populärste Angebot: die Kontaktanzeige per 0190.
Da sucht etwa Susie, die "28jährige Stierfrau mit blauen Augen und häuslicher Seele", nach einem paarungswilligen Pendant. Wer auf das Audioanbandeln abfährt, spricht auch hier jeweils nach dem Piepton seine Antwort in den Telefonhörer. Der 0190-Computer speichert das Geturtel quasi als digitaler Anrufbeantworter, bis Stierfrau Susie die Zeit findet, ihr Postfach per Zahlenkode abzuhören.
Solche hörbaren Kuppeldienste, im Branchenkauderwelsch "Dating Services" genannt, könnten den Kontaktanzeigen der Stadtmagazine und Tageszeitungen ernsthaft Konkurrenz machen. Die "Absahner-Dienste" (ein Telekom-Mitarbeiter) rund um die Vorwahl 0190 würden dadurch in Deutschland erst richtig populär. Mehr als 50 Millionen Mark Umsatz, so schätzen Kenner des absurden Gewerbes, könnten die Anbieter dieses Jahr mit der Nummer schaffen.
Das ist noch wenig im Vergleich zu der einen Milliarde Dollar Umsatz, die Audiotex-Firmen 1991 in den Vereinigten Staaten erzielten. Doch der Wachstumsträger dort war das Geschäft mit dem Geflüster unterhalb der Gürtellinie. Die US-Dienste bieten ihren Kunden hauptsächlich Gestöhne und plumpe Verbalanmache.
Darauf wollten offensichtlich auch viele Deutsche nicht verzichten und wählten in der Vergangenheit Pornodienste in Asien und Australien an. Die Quittung kam prompt: Die Telekom präsentierte verdutzten Kunden Rechnungen in vierstelliger Höhe.
Zum Mißfallen der Anbieter will das Postunternehmen in Deutschland solcherlei Triebabfuhr mit ihrem Service nicht erlauben. Ein Gremium zur freiwilligen Selbstkontrolle, bestehend aus vier Anbietern und einem Telekom-Vertreter, wacht standhaft darüber, daß Pornoproduzenten keine 0190-Nummern bekommen.
Beate Uhse, die clevere Sex-Grossistin aus Flensburg, finanziert deshalb nur als unsichtbare Geldgeberin die Audio-Abenteuer des Steffen Wernery. Denn die "Villa Kunterbunt" ist nur ein Testspielplatz.
Bald schon wollen Wernery und seine erfahrene Partnerin ein digitales Freudenhaus per Telefon einrichten. Erreichbar, so beteuert Wernery, werde das Pornoprogramm "Knusperinsel" allerdings nur über eine "normale Telefonnummer".

DER SPIEGEL 19/1993
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