10.05.1993

Wächter gegen Korruption

Schmiergeldzahlungen sind in den Geschäftsbeziehungen zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern noch immer die Regel. Die höchsten Bestechungssummen, so fand der Brite George Moody-Stuart nach über 30 Geschäftsjahren in der Dritten Welt heraus, werden für den Verkauf von Flugzeugen, Schiffen, Militärgütern und Fernmeldeanlagen ausgegeben.
Die Preislisten sind zum Teil präzise festgelegt: Um ein Projekt im Wert von 200 000 Dollar genehmigt zu bekommen, müssen fünf Prozent der Auftragssumme für einen hohen Beamten abgezweigt werden. Bei einem Zwei-Millionen-Dollar-Vorhaben wäre der gleiche Prozentsatz auf der Staatssekretärsebene fällig, während fünf Prozent von 200 Millionen Dollar die "ernsthafte Aufmerksamkeit eines Staatsoberhauptes rechtfertigen".
Gegen diese Praktiken gründeten Geschäftsleute, Regierungsbeamte und Entwicklungsfachleute aus zwei Dutzend Ländern des Nordens und des Südens jetzt in Berlin eine gemeinnützige Organisation: Transparency International (TI). So wie Amnesty International weltweit Menschenrechtsverletzungen aufdeckt, will Transparency International die Korruption bekämpfen und in vielen Ländern nationale Gruppen bilden.
"Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die Zeit reif für eine internationale Koalition gegen die Korruption", sagt TI-Vorsitzender Peter Eigen, der als hoher Weltbank-Beamter die Praktiken der Nord-Süd-Geschäfte kennenlernte. Die Dritte Welt sei an einer Organisation gegen die schmutzigen Geschäfte ebenso interessiert wie der Norden. "Eine Chance gibt es vor allem dort, wo autoritäre Regime durch demokratische abgelöst wurden", so der Anwalt Kamal Hossain aus Bangladesch.
Zur TI-Gründung nach Berlin kamen Algeriens Premier Belaid Abd el-Salam, der Außenminister Boliviens sowie der Generalstaatsanwalt von Namibia. Zum Aufsichtsratsvorsitzenden wurde Ecuadors Vizepräsident Alberto Dahik gewählt. Der lud sogleich ein Untersuchungsteam ein: Wer helfe, die Korruption zu überwinden, sei in Ecuador willkommen.
Nach diesem Vorbild möchte Transparency International "Inseln der Integrität" schaffen. Regierungen könnten sich verpflichten, keine Schmiergelder zu nehmen und nur mit Unternehmen zu arbeiten, die freiwillig einen Anti-Korruptionskodex unterzeichnet haben. Positive Beispiele sollen publiziert werden.
Die Ermittler werden sich darauf einstellen müssen, in vielen Staaten behindert oder gar verfolgt zu werden, sagt Nigerias Ex-Präsident Olusegun Obasanjo. Die Korruption habe die Gesellschaften so durchdrungen, daß "die Jugend jene als Vorbilder ansieht, die durch Bestechung reich geworden sind", so der pensionierte General.

DER SPIEGEL 19/1993
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