27.07.1992

„Eine Million auf dem Sprung“

Massenexodus vor dem Völkermord auf dem Balkan, Massenansturm auf die Wohlstandsfeste Westeuropa. Wohin mit Hunderttausenden bosnischer Moslems? Nur schnelle Absprachen über Aufnahmekontingente könnten die Flüchtlingstragödie lindern. Doch die EG kneift; jeder schiebt die Unerwünschten dem anderen zu.
Wir kommen geradewegs aus der Hölle", sagt Jela Bajusic. Sie weint, aber in dem Heim am Rand von Wien ist sie wenigstens in Sicherheit. "Wir können noch gar nicht begreifen, daß hier nicht geschossen und gemordet wird."
Die Bäuerin, 55, ist verstört und müde. Sie kommt aus einem Dorf im heftig umkämpften Norden Bosniens. Dort hatten Einheiten des serbischen "Banjalucki Korpus" seit Wochen die umliegenden Weiler von Hügeln herab mit Maschinengewehren und Mörsern beschossen. Niemand zählte mehr die Toten.
Die Einheiten des Freischärler-Korps sind wegen ihrer Grausamkeit gefürchtet. Als es hieß, sie seien im Anmarsch, packte Jela Bajusic ein paar Habseligkeiten, um sich mit anderen Frauen, Kindern und alten Männern einem Treck von 3000 Menschen anzuschließen. Die Flüchtlinge hatten Glück: Sie erreichten den Bahnhof von Slavonski Brod, wurden in einen Zug gepfercht und kamen nach einer 36 Stunden langen Irrfahrt in Wien an.
Europa im Hitzesommer 1992: Bilder, wie es sie inmitten des Kontinents noch nie gegeben hat. Hunderttausende quälen sich von Engpaß zu Engpaß, den Strömen gewaltiger Völkerwanderungen gleich.
Die einen, Urlauber aus dem reichen Nord- und Mitteleuropa, stöhnen im Stau der Autobahnen. Die anderen, Massen-Strandgut des Balkankriegs, stecken in plombierten Zügen. Der Völkermord in ihrer Heimat, dem einstigen Jugoslawien, hat sie zur Flucht getrieben. Auf der Suche nach Rettung gilt für die Kolonnen des Elends nur eine Devise: "Überall hin, aber bloß nicht zurück."
Doch die Wohlstandsfeste Westeuropa sucht sich abzuschotten gegen den Ansturm der Entwurzelten drunten vom Balkan. Mit Visasperren, Grenzblockaden, bürokratischen Schikanen und Schachern um Aufnahmekontingente bieten viele Begüterte des gemeinsamen europäischen Hauses ein beschämendes Beispiel von zynischer Humanität im größten Flüchtlingsdrama seit Ende des Zweiten Weltkriegs.
Zwar nahmen Deutschland, Österreich und die Schweiz unterdessen ein paar tausend Vertriebene auf, die in den ersten Sonderzügen aus Zagreb und Karlovac geholt wurden. Doch Hunderttausende, die am Rande des Kriegsgebiets kampieren, drängen nach.
Auf Westeuropa, das dem Balkan keinen Frieden bringen konnte und den Bürgerkrieg im früheren Jugoslawien viel zu lange ignorierte, branden weitere Flüchtlingsströme zu.
Deren Wucht wird mit Auffanglagern und eilends errichteten Zeltstädten "vor Ort", wie es die Resteuropäer am liebsten hätten, kaum aufzufangen sein. Auch die Bonner Regierung, mit der Aufnahme von 5000 Flüchtlingen schon sichtlich strapaziert, wird sich demnächst womöglich auf das 20fache einstellen müssen.
Hart ging es zu in den ersten beiden Flüchtlingszügen, vollgestopft mit 2000 oder 3000 Menschen. Kinder schliefen unter Sitzbänken, Greise und alte Frauen kauerten auf Korridoren. Andere lagen, zusammengerollt wie menschliche Larven, in Gepäcknetzen.
"Verzweifelte Mütter schrien, weil sie nicht wußten, wo es hingeht", beobachtete Samir Basta, Europa-Chef des Kinderhilfswerks Unicef, "dann heulten auch alle Kinder - herzzerreißende Szenen."
Die Flüchtlinge, überwiegend Moslems, waren wie die Bäurin Bajusic von Serbiens Kriegsmaschine aus den Dörfern und Städten der Republik Bosnien-Herzegowina vertrieben worden. Nach einer Odyssee durch das zerschundene Land hatten die Okkupanten diese Elendszüge nach Kroatien verschoben.
Kroatien aber ist seit seiner Unabhängigkeit im Juni letzten Jahres selbst zum Armenhaus geworden. Es ließ die Sonderzüge nur zu gern bis zur slowenischen Grenze passieren, weil ihm die wahnwitzige Logik des Schlachtens und Fliehens auf dem Balkan kaum eine Alternative bietet: 700 000 Vertriebene müssen in dem kleinen Land versorgt werden, das durch den Krieg ausgezehrt und völlig verschuldet ist. Vier Millionen Mark täglich kosten Kroatien die Flüchtlinge auf seinem Boden.
Der nördliche Nachbar Slowenien, voll mit 63 000 Flüchtlingen, ist nicht viel besser dran. Die Republik versucht wie Kroatien, die Züge zu den besser betuchten Nachbarn, Österreich und Italien, weiterzuleiten.
Jene Insassen der Züge, die im Karst-Bahnhof Opicina bei Triest und in Wien-Nord wie Zombies ins Freie wankten, hatten noch Glück, vom Krieg nicht eingeholt worden zu sein. Denn kroatische Militärpolizei hatte zuvor alle Männer im wehrfähigen Alter aus den Waggons gezerrt. Sie wurden nach Bosnien zurückgeschickt, zum Kampf gegen die vorrückenden Serben.
Der Exodus auf Schienen schafft in Europa eine neue Flüchtlingsklasse: "bag people" statt "boat people", Menschen, die nicht mehr besitzen als den Inhalt einer Plastiktüte, und oft nicht einmal das. In einem Notquartier der Wiener Messehallen zeigt Munib Lisinovic auf die zerschlissenen Sachen, die er trägt: "Die Serben haben mir bis auf die alte Armeehose alles genommen. Nun muß ich hier betteln gehen."
47 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es in Europa wieder Kinder, die sich auf der Flucht befinden - Waisen, die dem Hagel der Schrapnell-Mörser entgangen sind, die an Vernichtungsängsten leiden und nach Monaten in Schutzkellern die Identität verloren haben. Von einem Mädchen, das in Wien ankam, war nicht einmal der Name bekannt; das Kind konnte sich nicht an ihn erinnern.
"Sie werden für immer Narben auf der Seele zurückbehalten", befürchtet der Kinderpsychologe Ejub Cehic, der von entsetzlichen Alpträumen der Kinder weiß - mit Szenen von durchschnittenen Kehlen, Folterungen, Gedanken an den Tod und an das Töten.
Seit das Gemetzel vor vier Monaten in Bosnien begann, sind Tausende Kinder getötet oder schwer verletzt worden, berichtet Ljubomir Berberovic vom bosnischen Hilfswerk "Botschaft der Kinder". Berberovic versucht, vor allem die Waisen aus Sarajevo ins Ausland zu bringen - vorletztes Wochenende erstmals erfolgreich, aber wie.
80 Kinder verließen Bosniens umkämpfte Hauptstadt in Bussen, begleitet von einem weißen Uno-Schützenpanzer. 17 Straßensperren, errichtet von serbischen Freischärlern, mußten auf dem Weg zur Küste nach Split überwunden werden. Dort warteten zwei C-130-"Hercules"-Transporter der italienischen Luftwaffe und flogen die Kleinen nach Mailand aus, wo sie von Gastfamilien so lange aufgenommen werden, bis der Krieg um Bosnien zu Ende ist.
Das aber kann - Waffenstillstände hin, diplomatische Manöver her - noch lange dauern.
Sie habe "schreckliche Geschichten der Unmenschlichkeit" gehört, sagte die japanische Uno-Hochkommissarin für Flüchtlingsfragen, Sadako Ogata, nachdem sie das Kernland des alten Jugoslawien bereist hatte. "Ich habe ein Ausmaß der Zerstörung und Entwurzelung gesehen, wie es das seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa nicht gegeben hat."
Mehr als 2,4 Millionen Menschen, so die jüngste Bilanz der Uno, sind im einstigen Vielvölkerstaat der Südslawen auf der Flucht, darunter eine Viertelmillion Kinder. Hunderttausende, die nicht bei Verwandten unterkriechen konnten oder in Notquartieren Aufnahme fanden, irren durch die Trümmer des zerborstenen Tito-Reichs. Eine Million werden im Kessel Nordbosniens herumgestoßen.
So verheerend sind die Verwerfungen auf dem Balkan geworden, daß sich auch im kriegführenden Serbien die Not der 382 000 amtlich registrierten Flüchtlinge immer mehr verschlimmert. In den Parks und auf den Boulevards von Belgrad betteln Serben, die aus Kroatien und Bosnien geflohen sind.
Nur gelegentlich gibt es für sie Pakete mit Lebensmitteln, zu ausgepowert ist das Rumpfstück Jugoslawiens. Die finanzielle Unterstützung ist auf 2,50 Mark pro Monat bemessen - der Preis für eine Schachtel Billig-Zigaretten.
140 000 Serben, die der Krieg aus Kroatien vertrieb, sitzen in Banja Luka fest. "Die haben seit zwei Monaten kein Fleisch gesehen, viele werden verhungern", heißt es beim Uno-Flüchtlingskommissariat. Aber Belgrad verweigert die Weiterreise. Es gibt in Serbien keine Aufnahmemöglichkeiten mehr.
Die von den großserbischen Strategen in den eroberten Gebieten Bosniens und Kroatiens forcierten Terroraktionen der "ethnischen Säuberung" lassen die Flüchtlingsströme weiter anschwellen.
In Österreich angelangte Flüchtlinge berichteten von Konzentrationslagern ("Koncentracioni logor") in der Krajina und im bosnischen Brcko, in denen 3000 Menschen ermordet worden seien. In den Kühlhallen einer ehemaligen Fleischfabrik hätten sich die Leichen gestapelt, da die Toten von den Serben nicht rasch genug verscharrt werden konnten.
Der Führer der Islamischen Gemeinde Jugoslawiens, Hadschi Jakub Selimoski, hat in einer Dokumentation die serbischen Greuel an den Moslems zusammengefaßt. Sein Fazit: Anderthalb Millionen wurden vertrieben, 40 000 ermordet, das Schicksal von weiteren 20 000 ist unbekannt.
In einem Appell an die Islamische Weltkonferenz, an Uno und EG zählt Selimoski serbische Konzentrationslager auf:
3000 Moslems wurden durch das KP-Hauptquartier von Sarajevo geschleust, viele von ihnen geprügelt, gefoltert und getötet. In einem benachbarten Sammellager der Kaserne Lukovica war auch Bosnien-Präsident Izetbegovic samt Tochter vorübergehend festgesetzt.
Von 27 000 Moslems, die durch das Studentenheim von Vracama gingen, wurden 539 ermordet. 100 starben im Restaurant "Bei Sonja" in Vogosca - einigen wurden die Augen ausgestochen.
6000 Moslems wurden im Fußballstadion von Bratunac zusammengetrieben. Ältere Leute, Frauen und Kinder wurden nach Sekovici transportiert, junge Männer in der örtlichen Kaserne gefoltert, 2000 getötet, ihre Körper verbrannt und in die Drina geworfen. 10 000 gingen durch das Lager im KP-Haus von Foca, etwa 1000 wurden erschossen.
Bosniens vertriebene Moslems, so fürchtet der slowenische Außenminister Dimitrij Rupel, werden die "Palästinenser Europas, Menschen, die nirgendwo zu Hause sind". Niemand will sie; jeder versucht, sie dem anderen zuzuschieben.
"Gleichgültig, feige, geizig" nannte die Süddeutsche Zeitung in einem Leitartikel das Verhalten der Überflußgesellschaften Westeuropas, die mit interesselosem Mißfallen die Katastrophe passiv vor dem Fernsehschirm verfolgen.
Österreich, das bisher 50 000 Flüchtlinge betreut, ist hilf- und ratlos wie der Rest Europas. Wien hat für die gepeinigten Bosnier die Visumpflicht eingeführt. Und Bundeskanzler Franz Vranitzky hofft, mit Zeltlagern für 100 000 Flüchtlinge die Woge auf kroatischem Gebiet zu brechen.
"Es ist besser, sie in Kroatien zu belassen. Die Kroaten können uns ja dann die Rechnung schicken", meint der Flüchtlingssektionsleiter Manfred Matzka. Der Kärntner Beauftragte Gernot Steiner sorgt sich mehr um das Wohl der deutschen Urlauber, so wie er es versteht. Die würden es als unangenehm empfinden, wenn sie Flüchtlingen begegnen. Statt an die Seen Kärntens sollten die Bosnier deshalb besser in die Berggebiete gebracht werden.
Wie die Alpenfestung Österreich reagierte Deutschland, das Flüchtlinge aus Bosnien nur mit einem Visumstempel im Paß akzeptiert. Bonn war nur bereit, mit Sonderzügen 5000 bosnische Flüchtlinge ins Land zu holen, als "humanitäre Aufnahmeaktion" (siehe Seite 26).
Wie gleichgültig einige Regierungen der Europäischen Gemeinschaft, die sonst nächtelang verbissen um Stahl- und Milchquoten feilschen, der Flüchtlingstragödie gegenüberstehen, wurde am Montag voriger Woche beim Treffen der EG-Außenminister in Brüssel deutlich. Spitzenbeamte des Bonner Auswärtigen Amtes hatten ihren neuen Chef Klaus Kinkel vorsorglich gewarnt, sich keine Hoffnungen zu machen. Seine Partner würden sich auf die formale Position zurückziehen, als Außenminister nicht für Flüchtlinge zuständig zu sein.
Die Beamten behielten recht. Aber es kam noch schlimmer. Die britische Präsidentschaft präsentierte einen nichtssagenden Resolutionsentwurf, der weit hinter früheren Erklärungen der EG-Europäer wie auch des Münchner Weltwirtschaftsgipfels zum Bürgerkriegsinferno im ehemaligen Jugoslawien zurückblieb.
In der Sitzung redete Kinkel Tacheles: "Das ist doch alles heiße Luft", herrschte er den britischen Außenminister Douglas Hurd an. Sitzungsleiter Hurd überließ seinem Staatssekretär den britischen Part: Unterstützt von den Belgiern und Spaniern, hielt der Brite dem verärgerten Kinkel entgegen, Flüchtlingsprobleme fielen nun einmal in die Kompetenz der Innenminister und Immigrationsbehörden. Letztere ließen in Großbritannien nicht mit sich spaßen.
Dem deutschen Außenminister nutzte auch nicht, daß sich sein französischer Kollege Roland Dumas formal hinter das deutsche Drängen stellte. Der gewiefte Chef des Quai d'Orsay demonstrierte zwar deutsch-französisches Einvernehmen gegen die ungeliebten Briten; aber ein Risiko ging Dumas nicht ein, weil London die Bonner abblockte.
Den Beweis ihrer Halbherzigkeit lieferten die Franzosen noch während der Sitzung: Wenn man von Flüchtlingen spreche, gab Dumas zu bedenken, müsse man doch auch an diejenigen denken, die aus Kambodscha, Haiti oder Laos nach Europa kämen. Dumas: "Überall gibt es Flüchtlinge."
Es half nichts: Obgleich die Deutschen sechs EG-Partner hinter sich wähnten, einigten sich die zwölf noch nicht einmal auf eine unverbindliche Bereitschaftserklärung, Bosnien-Flüchtlinge in ihren Ländern aufzunehmen. Ein Kinkel-Gehilfe: "Es war grotesk."
Mit dem scheinheiligen Argument, die bosnischen Flüchtlinge sollten "ihrer Heimat so nahe wie möglich" beherbergt werden - fernab in Italien, Deutschland und Österreich also -, drückt sich die britische Regierung vor einer Aufnahmequote.
Englands Premier John Major, im vergangenen Jahr als Retter der Kurden posierend, bekundete unterdessen immerhin die Bereitschaft, "bis zu 60" kriegsgeschädigte Kinder "im Falle einer Evakuierung" aufzunehmen.
Großbritannien begnüge sich mit der "Illusion einer Aktion" und sei stets zwei Schritte hinter der Entwicklung zurück, kommentierte sarkastisch der New Statesman. Nach wie vor findet auch Britanniens Chefdiplomat Hurd nichts dabei, sich als Belgrad-Besucher feixend mit Serbenführer Slobodan Milosevic zu zeigen, dem Urheber des blutigen Balkan-Dramas.
Während hinter den Alpen und der Save die Zahl der Verzweifelten täglich zunimmt, beschämt Ungarn Westeuropa und klassische Einwanderungsländer wie die USA, Australien und Kanada, die gleichfalls keinen einzigen Vertriebenen aus Bosnien aufgenommen haben. Als einziges europäisches Land hält der Magyaren-Staat seine Grenzen für die Flüchtlinge noch offen, obwohl er bereits 60 000 angenommen hat.
Doch die Macht der serbischen Panzer und Kanonen führt fast zwangsläufig zu neuen Flüchtlingswellen. Im sogenannten Entenschnabel Nordwest-Bosniens um Bihac planen die serbischen Strategen der völkischen Säuberung, 100 000 Moslems durch einen vorübergehend pazifizierten Korridor nach Kroatien zu jagen. Das gleiche Schicksal droht 320 000 Moslems in der Gegend von Cazin.
Uno-Beamte halten es für realistisch, daß bis zum Einbruch des Winters noch größere Flüchtlingsschübe folgen werden. Jesus Villanueva vom Kinderhilfswerk Unicef in Genf sieht "wenigstens noch eine Million auf dem Sprung".
Selbst ein Waffenstillstand würde den Druck der Flüchtlinge nur noch verstärken, wahrscheinlich eine Kettenreaktion auslösen. Denn wenn die Kanonen schweigen, werden noch mehr Menschen den verwüsteten Landstrichen zu entkommen suchen.
In Städten wie Gorazde, wo 50 000 Einwohner und 30 000 Flüchtlinge von serbischen Einheiten belagert wurden, ist nach den gnadenlosen Kämpfen ein Zusammenleben der ethnischen Gruppen kaum mehr vorstellbar. Das gleiche gilt auch für "die vielen Sarajevos", die von der Uno-Hochkommissarin Ogata auf ihrer bosnischen Reise entdeckt wurden.
"Flüchtlinge", weiß der Ex-Emigrant Willy Brandt, "sind Bauern auf dem Schachbrett blutiger regionaler und internationaler Konflikte." Chauvinismus und totalitäre Ideologien lösten im "Jahrhundert der Flüchtlinge", wie das 20. Jahrhundert genannt wird, immense Volksbewegungen aus.
In der Sowjetunion ließ der kommunistische Diktator Stalin Millionen Bürger deportieren. Sein Gegenspieler Adolf Hitler brach den Zweiten Weltkrieg vom Zaun: 50 Millionen Menschen mußten auf die Flucht, darunter 12 Millionen Ostdeutsche, die nach dem Untergang des Nazi-Reichs aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Nach Kriegsende konnten Millionen Ost-Flüchtlinge nicht in das von Stalin beherrschte Osteuropa zurückkehren. Im Kalten Krieg nahm der Westen zusätzlich Hunderttausende von Zufluchtsuchenden auf, als Rebellionen gegen Moskaus Vorherrschaft in Ungarn und der Tschechoslowakei zusammengebrochen waren. Die Flüchtlinge dienten als "Zeugen in der Propagandaschlacht gegen den Kommunismus" (UNHCR-Direktor Michel Moussalli).
"So wie es 1956 und 1968 undenkbar war, Ungarn beziehungsweise Tschechen zwangsweise zurückzuführen", argumentiert Moussalli, "ist es heute nicht zu verantworten, abgelehnte Asylbewerber in Krisenregionen abzuschieben."
Schützen sollte sie die inzwischen von 107 Staaten anerkannte Genfer Flüchtlingskonvention von 1951: Kein Flüchtling darf in Staaten zurückgeschickt werden, "in denen sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit . . . oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht sein würden".
Massenfluchtbewegungen entfesselte der Wettkampf der Weltsysteme in Asien, Afrika und Lateinamerika. Die Hoffnung, mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation werde es endlich weniger Flüchtlingselend geben, erfüllte sich nicht. Nach dem Golfkrieg, dem ersten Konflikt in George Bushs "neuer Weltordnung", flohen im April 1991 über 1,8 Millionen Kurden und Schiiten vor Saddam Husseins Truppen aus dem Irak in die Türkei und den Iran.
Doch dann erlebte Europa mit dem Auseinanderbrechen der Vielvölkerstaaten Sowjetunion und Jugoslawien die Rückkehr der nationalistischen Dämonen, die in diesem Jahrhundert schon zwei Weltenbrände entfacht hatten. Die Opfer fliehen, gen Westen.
"Den Friedens- und Wohlstandsinseln Europas", so fürchtet der Freiburger Kulturgeograph Hans-Georg Bohle, "steht ein weiteres Jahrhundert der Flüchtlinge, möglicherweise der Völkerwanderungen bevor."
Sich mit solch einem Schicksal abzufinden ist Franjo Pranic vorerst noch nicht bereit. "Wir möchten hier gar nicht bleiben", versichert der Bosnier, der in Wien mit dem ersten Elendszug eingetroffen war. Pranic trägt blutunterlaufene Striemen am Leib. Sie stammen von serbischen Gewehrkolben.
Es gibt wenig Hoffnung, daß sich die Heimkehr-Wünsche des Moslems und Hunderttausender seiner Glaubensbrüder bald erfüllen werden. "Wenn der Westen nicht eingreift, werden wir niemals zurück können", glaubt Pranic, "der Feind ist zu stark. Ohne eure Hilfe gibt es für uns keine Zukunft."
[Grafiktext]
__21_ Jugoslawien: Vertriebene im Bürgerkrieg auf dem Balkan
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 31/1992
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