27.07.1992

StädteGeschmeidige Gangart

Demoskopen und Ökonomen haben die langweiligste Großstadt Deutschlands ermittelt: Nürnberg.
Die Stadtväter von Nürnberg, der Lebkuchen- und Bratwurstmetropole Mittelfrankens, wollten ganz genau wissen, was Deutschland von ihnen hält. Ein halbes Jahr haben sie recherchiert, mit niederschmetterndem Ergebnis: Dem Rest der Republik gilt die Halbmillionenstadt als "beschaulich", "provinziell" und ziemlich "spießig".
Nichts von der "neuen Drehscheibe zwischen Ost und West", die Oberbürgermeister Peter Schönlein (SPD) seit Öffnung der Grenzen in seinen Reden beschwört. Kein Wort vom high-technischen "Top-Zentrum" in Bayern, mit dem die örtliche Industrie- und Handelskammer lockt.
Das erstrebte Großstadtflair, so zeigen Umfragen, verfliegt im Duft von Pfefferkuchen und Blauen Zipfeln, einer säuerlichen Wurstspezialität.
Bittere Wahrheiten, die eine achtköpfige Arbeitsgruppe "Nürnberg-Image", vom Stadtrat vor neun Monaten eingesetzt, jetzt gesammelt im Rathaus vorlegte. Demnach kennen zwar neun Prozent der Bundesbürger den 1. FC Nürnberg. Vier Prozent erinnern sich an die Nürnberger Prozesse. Doch kaum einer verbindet mit der mittelalterlichen Burgenstadt Kultur, und nur jeder hundertste hält Nürnberg überhaupt für eine Großstadt.
Frankfurt (646 000 Einwohner) dagegen, gerade um ein Drittel größer als Nürnberg (496 000 Einwohner), ist nach Ansicht von 31 Prozent der Deutschen die Stadt des Geldes. Nur einem von hundert fällt dazu das fruchtige Light-Alkoholikum, der Apfelwein, ein. Selbst in der Kohlenpott-Stadt Duisburg ist nach Meinung der Bundesbürger mehr los als in der sogenannten Noris.
Richtig weinerlich wurden die Mittelfranken, als das Wirtschaftsmagazin Capital sie auch noch auf den letzten von 15 Städte-Plätzen punktete. Entscheidende Minuskriterien: kaum Aufstiegschancen für Manager, geringes Einkommen, miserable Verkehrsanbindung, mieses Kulturangebot und auch noch schlechte Luft. Was Wunder, daß 28 Prozent der West-Bundesbürger spontan antworten, in Nürnberg leben wollten sie "auf gar keinen Fall".
Aufgabe der Image-Truppe ist es nun, den bösen Trend irgendwann zugunsten der Stadt zu brechen. Denn am mäßigen Ansehen der Stadt wird "über alle politisch trennenden Grenzen hinweg" (Süddeutsche Zeitung) gelitten.
Die Strategie der Image-Chirurgen scheint fundiert: Bevor Deutschland an Nürnberg glaubt, müssen die Bürger der Stadt überzeugt werden, sie lebten in einer "eleganten", "großzügigen" und "bedeutsamen Stadt" (Arbeitspapier).
Das wird nicht leicht. Kenner des feingesponnenen mittelfränkischen Gemüts ahnen, daß der Nürnberger nichts für überflüssiger hält als derartige Moden. Gegen den Wandel Nürnbergs zum Manager-Magneten spricht auch der eigenwillige Charme der Kleinmetropoliten. Sie selbst sehen sich als "selbstzweiflerisch, grüblerisch und nach innen gekehrt", hat Gruppenleiter Siegfried Kett, 53, herausgefunden.
Der "Nürnberg-Komplex", wie Experten dieses Lebensgefühl nennen, scheint tief im mürben Sandboden der Protestantenstadt zu wurzeln. "Mir schämen uns, daß mir mir sind", analysiert der fränkische Heimatschriftsteller Fitzgerald Kusz.
Diese an Gemütskrankheit grenzende Melancholie wird von der Mehrheit der Nürnberger stark genossen. Aber nur solange sie den Vergleich mit anderen Großstädten nicht aushalten müssen, etwa mit München.
Da liegt der Nerv bloß. Nicht nur, weil die bayerische Landeshauptstadt nach dem Krieg erblühte, während Nürnberg knapp der Förderung als Zonenrandgebiet entging.
Am Mal der Demütigung durch die Münchner tragen die Mittelfranken schon lange, seit die freie Reichsstadt Nürnberg 1806 dem Bayerischen Königreich zugeschlagen wurde. Seither kämpfen die Nürnberger gegen ihre oberbayerischen Unterdrücker mit Protestschreiben und aufgeregten Besuchen in der Landeshauptstadt.
Mit mäßigem Erfolg. Um sich künftig vorteilhafter zu präsentieren, sollen jetzt Profis am Schild des neuen Selbstbewußtseins schmieden. Drei Werbeagenturen, angeschlossen eine ganze Gestaltungsklasse der lokalen Fachhochschule, erstellten griffige Formeln wie "Was ist der Unterschied zwischen einem Krokodil und Nürnberg? Keiner! Beide haben ihre grünen Seiten." oder "Donnerwetter Nürnberg!"
Über die Ergebnisse bei der Werbepräsentation zeigte sich der Stadtrat ganz entzückt. Nur die Finanzierung der rund zwei Millionen Mark teuren Kampagne ist noch nicht gesichert.
Eine mögliche "Image-Steuer" (Sitzungs-Protokoll) haben die Kommunalpolitiker rasch verworfen. Für erste Schritte zur Prestige-Verbesserung fanden sich, so das Arbeitspapier, günstigere Lösungen: *___Polizisten, Taxifahrer und Parküberwacher sollen in ____Eilkursen zu "Botschaftern" der Stadt ausgebildet ____werden; *___andernorts will sich die Kommune in Zukunft spontan ____zeigen - mit einer transportablen "Nürnberg-Schau aus ____dem Koffer".
An einem Logo, das die neue Identität unterstreichen soll, wird gearbeitet. Kleines Problem: Ein "repräsentativer Neubau", der auf dem Signet Modernität symbolisiert, konnte nicht gefunden werden.
An der Pegnitz hat es schon Tradition, großen Aufwand zu treiben mit kleinstmöglichem Erfolg. So entwarfen auf Bitten der Stadt deutsche Künstler Fresken für den historischen Rathaussaal - herausragend vertreten war der bodenständige Nürnberger Maler Michael Mathias Prechtl, der prominente Zeitgenossen zu verewigen gedachte.
Es folgten eine Debatte und ein öffentliches Hearing mit 21 Sachverständigen, darunter auch ein Vertreter des ADAC - Ergebnis: Heute, drei Jahre danach, ist der Saal jungfräulich weiß.
So hoffen Mittelfranken ohne Identitätsproblem auch diesmal auf eine "Null-Lösung" (Kusz). Damit fänden etwa die schlimmen Visionen des Stadtoriginals Klaus Schamberger ein Ende, der in seiner Nürnberg-Kolumne in der Abendzeitung erkannte: "Der frischgebackene Nürnberger Weltstadtbürger braucht eine geschmeidige Gangart, ein weltmännisches Outfit und eine höhere Bildung, die aus Champagner, handgeschnitzten Spargelspitzen und einer umfassenden Gehirnamputation besteht."
Image-Gruppenleiter Kett, der Nürnberg zu dem neuen Weltstadtglanz verhelfen soll, hält solche Polemik für "kontraproduktiv". Es sei allerdings alles eine Frage des Standpunktes.
Er selbst lebt in der Nachbarstadt Fürth. Kett: "Das ist noch viel schlimmer."

DER SPIEGEL 31/1992
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