10.05.1993

Sexualität

Anders als Naseputzen

Ein Tabu ist gefallen: Psychologen und Soziologen erforschen den Inzest zwischen Mutter und Sohn.

Als die junge Ehefrau zum erstenmal die Schwiegermutter besuchte, wollte sie nicht glauben, was sie da sah: Ihr Mann verschwand mit der Mutter im Bad und ließ sich waschen und abtrocknen, wie er es seit seiner Kindheit gewohnt war. Erst das Entsetzen seiner Frau brachte den 24jährigen auf die Idee, daß er für solchen Badespaß ein wenig zu alt geworden sei.

Ein 45jähriger erinnert sich, daß seine Mutter ihm, als er acht war, die Hose herunterstreifte, um gemeinsam mit einer Nachbarin zu prüfen, ob sich die Hoden gesenkt hätten. Der Mann denkt noch heute voller Scham an diese Szene zurück.

Beispiele, die typisch sind für eines der letzten sexuellen Tabus. Nachdem der Mißbrauch von Mädchen durch ihre Väter immer häufiger angeprangert wurde in den vergangenen Jahren, erforschen Wissenschaftler nun auch den Inzest zwischen Müttern und Söhnen.

In einer soeben erschienenen Studie hat der Bremer Soziologe Gerhard Amendt, 53, mehr als 900 Frauen detailliert über das Verhältnis zu ihren Söhnen befragt. Die Ergebnisse belegen, daß diese Beziehungen längst nicht so asexuell sind wie bisher angenommen*. Hinter mütterlicher Zuwendung, sagt Amendt, verbirgt sich oft "der unbewußte Wunsch, mit dem Sohn in sexuellen Kontakt zu treten".

Die Erotik zwischen Mutter und Sohn ist ein uraltes Thema. Im griechischen Mythos heiratet Ödipus seine Mutter, nachdem er den Vater erschlagen hat. Inspiriert von dieser Geschichte, formulierte Sigmund Freud die Theorie vom Ödipuskomplex, wonach jeder Junge seine Mutter begehre und sich an die Stelle des Vaters wünsche.

Bei Freud allerdings spielen die Frauen nur eine passive Rolle - Amendt hingegen berichtet, daß die Mütter selber die Initiative ergriffen. Nur hinterlassen sie keine sichtbaren Spuren. Während beim Mißbrauch durch Väter meist blaue Flecken, Striemen und zerrissene Hymen von der Brutalität des Mannes zeugen, verführen Frauen ihre Söhne scheinbar ohne Zwang. Oft bemerken sie es nicht einmal selber, daß in ihrer mütterlichen Zuwendung erotische Erregung mitschwingt.

Sie spielen und schmusen; sie trösten den Jungen zärtlich, wenn er Kummer hat, und streicheln ihn, wenn der Bauch schmerzt. Die Körperpflege des Sohnes erlaubt der Mutter zudem den Zugriff auch auf intimste Zonen.

So gibt eine Frau ihrem Vierjährigen fürsorglich Anschauungsunterricht, wenn er in der Wanne sitzt. Sie zeigt dem Jungen, wie er _(* Gerhard Amendt: "Wie Mütter ihre Söhne ) _(sehen". Ikaru-Verlag, Bremen; 204 ) _(Seiten; 38 Mark. ) "sein Kränchen baden" soll, indem sie die Vorhaut zurückstreift. Unter den liebevollen Fingergriffen versteift sich der Penis.

45 Prozent aller Mütter stimulieren das Genital ihres Sohnes, um einer Phimose vorzubeugen. "Es ist schon ein bißchen anders als Naseputzen", umschreibt eine Befragte ihre Faszination.

Dabei, sagt Wolfgang Guischard, Leiter der Erziehungsberatungsstelle Berlin-Tempelhof, seien in der Regel "solche Übungen in keinem Alter nötig".

Schon diese übertriebene Fürsorge werten Psychologen als Übergriff. Auch wenn die Mutter einen Fünfjährigen stille, befriedige sie damit eher ihre eigenen Bedürfnisse als die des Sohnes. Die Wünsche der Kinder werden oft gar nicht berücksichtigt. "Wenn der Sohn nicht mehr will, daß die Mutter ins Bad kommt, muß sie sich daran halten", sagt Sigrid Richter-Unger, Leiterin der Berliner Beratungsstelle "Kind im Zentrum".

Gründe für das sexualisierte Verhältnis von Müttern zu ihren Söhnen sehen Psychologen nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Rollenverteilung. Die Hauptverantwortung für die Erziehung trägt noch immer die Frau, auch wenn sie einen Beruf hat. Der Partner ist häufig abwesend oder gleichgültig; immer mehr Frauen erziehen ihre Kinder allein. Viele fühlen sich überfordert.

Der Sprößling kriegt die Folgen ab: So lassen 63,8 Prozent der befragten Frauen den Sohn gelegentlich oder immer als Ersatzmann bei sich schlafen, wenn der Partner mal nicht da ist.

Besonders Frauen, die mit ihrer Ehe oder Beziehung nicht zufrieden sind, wünschten sich den Sohn als verbesserte Ausgabe des Mannes. "Offener" oder "feinfühliger" solle das Kind einmal werden. Unter dem Vorwand, einen sensiblen und verständnisvollen Erwachsenen aus dem Jungen zu machen, verführen sie ihn zu inzestuöser Zärtlichkeit.

Viele Mütter machen sich dabei vor, ihr Verhalten habe nichts mit Sexualität zu tun. Der Sohn dagegen merkt sehr wohl, daß auch für die Mutter erregend ist, was ihm Lustgefühle bereitet.

Wann, wie und mit welchen Gedanken und Gefühlen darf eine Mutter sich ihrem Sohn überhaupt noch nähern? Wer in jedem Körperkontakt schon einen Übergriff sieht, töte alle Spontaneität zwischen Kindern und Eltern und fördere nur den Puritanismus, fürchten Kritiker. "Ich traue mich nicht mehr, meinen Sohn zu umarmen": Auf solche Klagen ist Charlotte Köttgen vom Hamburger Kindernotruf schon gefaßt.

"Kinder wollen verführt werden: sexuell, intellektuell, musisch, ästhetisch. An welchen Verführungen die Eltern mitwirken und an welchen nicht, markiert ihre Kulturfähigkeit, das Inzesttabu einzuhalten und ihre Kinder zu fördern", heißt es bei Amendt.

"Eine Mutter, die sich nicht fragt, was ihr Sohn empfindet, wenn sie mit ihm schmust und ihn im Intimbereich wäscht oder untersucht, geht schon zu weit", sagt Amendt. Solche "unangemessenen Übergriffe" der Mutter auf den Sohn fänden dann statt, "wenn ein Elternteil Facetten seines eigenen Begehrens auf das Kind richtet und seine erwachsenen Bedürfnisse an dieses weiterreicht". Es handele sich dabei um eine "feine Linie zwischen mütterlicher Sorge und Unangemessenheit, deren Überschreitung in Verwirrung, Verführung und inzestuösem Agieren enden kann".

Die heranwachsenden Jungen empfinden die Verführung durch die Mutter als eine Mischung aus Verwirrung, Erregung und Beschämung. Sie schwanken zwischen Flucht und Anziehung. Die Folgen solcher Übergriffe können auch dann verheerend sein, wenn es nicht zum inzestuösen Akt kommt.

Das zeigt sich, wenn diese Männer später eine Therapie beginnen. "Viele fühlen sich, als säßen sie auf einer Bombe", beschreibt Wolf-Peter Pohling, Gruppentherapeut bei der Männerberatungsstelle Mannege in Berlin, die aufgestauten Aggressionen seiner Patienten.

Meist fällt es ihnen schwer zuzugeben, daß sie von Müttern verführt und mißbraucht wurden. "Das entspricht einfach nicht dem Bild vom starken Mann", so Pohling.

Ein normales Verhältnis zu Frauen können die wenigsten jener Männer entwickeln. Sie versagen häufig in der Partnerschaft; viele sind beziehungsunfähig - so ziehen Frauen genau die Männer heran, von denen sie in die Arme ihrer Söhne getrieben werden.

* Gerhard Amendt: "Wie Mütter ihre Söhne sehen". Ikaru-Verlag, Bremen; 204 Seiten; 38 Mark.

DER SPIEGEL 19/1993
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