27.07.1992

UmweltGegen Freund und Feind

Sind Bio-Insektensprays, von der chemischen Industrie als „naturidentisch“ angepriesen, für den Menschen gefährlich?
Wochenlang hatten die Katzenflöhe hungern müssen. Erst kurz vor Weihnachten letzten Jahres, als Ria Huster, 27, die leerstehende Wohnung in Cuxhaven bezog, fand das beißwütige Ungeziefer wieder ein neues Opfer.
Gleich dreimal gaste daraufhin ein Kammerjäger mit "mörderisch stinkenden Mitteln" (Huster) die Zimmer aus. Gegen die Flohplage half der Einsatz kaum, dafür bekam es der Bewohnerin schlecht: Ria Huster litt unter Schwindelanfällen, mußte sich häufig übergeben und verspürte einen "brennenden Schmerz beim Atmen". Ihr fluchtartiger Auszug (nach fünf Tagen) nützte nichts: Innerhalb eines Monats verlor die junge Frau sieben Kilogramm an Gewicht, ihr fielen Haare aus, und Hautausschläge plagten sie.
"Ich fühlte mich nur noch als halber Mensch", berichtet Ria Huster. Erst nachdem sie sich auch von den verseuchten Möbelstücken getrennt hatte, sei es ihr "spürbar besser" gegangen.
Schlimmer noch waren die Folgen des Insektensprays für eine Münchner Journalistin: Ihre Reaktionsfähigkeit und ihr Merkvermögen ließen nach, die Sprache wurde verwaschen, mitten auf der Straße klappte sie plötzlich zusammen - viele Monate war sie arbeitsunfähig.
In Frankfurt litt ein Baby nach einem Kammerjägereinsatz gegen Wespen an rätselhaften Muskelkrämpfen und Blickstarre. Aus dem Emsland ist die Krankengeschichte einer 40jährigen Lehrerin dokumentiert, die unter Herzjagen und Angstzuständen litt, ihr Immunsystem ist angeknackst; mit dem Schuljahr 1990/91 wurde sie in den einstweiligen Ruhestand versetzt.
In allen vier Fällen waren sogenannte Pyrethroide gegen das lästige Ungeziefer zum Einsatz gekommen, Insektenkiller, die in ihrem chemischen Aufbau einem pflanzlichen Gift nachempfunden sind.
Insektizide dieses Typs werden als "naturidentische Spritzmittel" angepriesen. In den vergangenen Jahren haben sie als Ersatz für die (in vielen Ländern verbotenen) Insektengifte Lindan und DDT rund 30 Prozent Marktanteil erobert. Ihr Erfolg beruht auf ihrem Öko-Image, Hersteller offerieren Pyrethroide unter der Bezeichnung "Bio-Fliegenspray".
Laut Bundesgesundheitsamt (BGA) rufen die Öko-Insektizide allenfalls leichte Beschwerden wie "Kribbeln, Taubheitsgefühl und Brennen" auf der Haut hervor. Die Symptome würden, so das BGA, "stets innerhalb von einigen Stunden" wieder verschwinden.
Nach Ansicht des Medizinprofessors Helmuth Müller-Mohnssen, 64, gleichen die Pyrethroide "chemischen Kampfstoffen, die zwischen Freund und Feind nicht unterscheiden". Die Insektizide nach dem Vorbild von Naturstoffen, erläutert der Pyrethroidexperte am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München, der mehr als 300 einschlägige Krankengeschichten gesammelt hat, "wirken nicht nur bei Insekten, sondern auch bei allen übrigen Tieren und beim Menschen als Nervengifte".
Ursprünglich wurde Pyrethrum - das älteste bekannte Insektenvertilgungsmittel der Welt - aus den Blüten einer bestimmten Chrysanthemenart gewonnen. Die Römer nannten es "persisches Insektenpulver" und verwendeten es gegen Läuse und Flöhe. Das giftige Pyrethrum hat einen Nachteil: Es zerfällt unter Lichteinwirkung rasch.
Ende der siebziger Jahre veränderten Chemiker das Naturmolekül und züchteten so im Reagenzglas die langlebigen und weit wirksameren Pyrethroide. In fast allen Insektensprays und Holzschutzmitteln stecken mittlerweile die abgewandelten Chrysanthemengifte; Kammerjäger versprühen die Substanzen im Auftrag der staatlichen Gesundheitsämter in Kindergärten, Altersheimen und Schulen.
Auf die neurotoxische Wirkung der Bio-Gifte stieß Müller-Mohnssen 1984, als er im Labor isolierte Nervenfasern von Fröschen mit einer pyrethroidhaltigen Nährlösung umspülte. Die Pyrethroide, so ergab damals seine vom BGA in Auftrag gegebene Untersuchung, blockieren die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen.
Der Forscher vermochte den Giftstoff, anders als ein lokales Betäubungsmittel wie etwa Kokain, nicht mehr aus den Nervensträngen herauszuwaschen. Mithin könne es, schloß Müller-Mohnssen, zur Anreicherung von Pyrethroiden im Körper und zu irreparablen Schäden am zentralen Nervensystem kommen.
Diese Schlußfolgerung des von ihr beauftragten Gutachters wird vom BGA und von der chemischen Industrie angezweifelt. Für "chronische Nerven- und Gehirnerkrankungen" gebe es "keine Hinweise", erklärte Karl-Heinz Leist, Toxikologe bei der Hoechst AG.
Der Streit unter Experten spielt für viele der Betroffenen keine Rolle: Weil verseuchte Wände und Möbelstücke die giftigen Substanzen jahrelang ausdünsten, sind auch die akuten gesundheitlichen Beschwerden von Dauer. Über Staubpartikel in der Luft, an denen die Pyrethroide besonders gut haften, gelangen sie in die Lunge; von dort verteilt der Blutkreislauf die Nervengifte im menschlichen Körper.
"Um Jahrzehnte gealtert" fühlt sich beispielsweise Rosegret Lammers, 46; sie leidet unter massiven Konzentrationsproblemen, krampfartigen Magenschmerzen und "Gefühlen der Todesangst". Häufig klagt die Gärtnerin aus dem niedersächsischen Hornbostel auch über Seh- und Gleichgewichtsstörungen, so schwer, daß sie sich "nicht mehr allein auf die Straße" traut.
Ausgelöst wurden ihre Beschwerden durch pyrethroidhaltige Holzschutzmittel (eines Naturfarbenherstellers), mit denen sie im März 1988 ihr Holzhaus imprägniert hatte. "Sicher wäre es besser, fortzuziehen", sagt Lammers jetzt, "aber das Haus im Wald war für mich die Erfüllung eines Traumes."
"Man hat den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben", urteilt Wolfgang Eckrich von der Gesellschaft für Umwelthygiene über den Ersatz von Lindan und DDT durch Pyrethroide. Eckrich sieht nur einen Ausweg: Insektenvertilgungsmittel, so der Biochemiker, "haben grundsätzlich in Wohnräumen nichts zu suchen".
Ein gesetzliches Verbot träfe die Industrie hart. "Unsere Insektensprays sind ja gerade für Innenräume konzipiert", erläutert der Biologe Peter Schröder von der Thompson GmbH ("Paral"). Bundesumweltminister Klaus Töpfer will nun erst einmal in einem Forschungsvorhaben prüfen lassen, ob ein Einsatz der Pyrethroide in Wohnungen "ohne Gefährdung der Bewohner" möglich ist.
Das wird dauern, wie das Beispiel der Elektroverdampfer nahelegt. Viele dieser Geräte, die wie ein Stecker in die Steckdose geschoben werden, heizen ein mit Pyrethroiden behandeltes Plättchen auf. Die Insektizide verdampfen und bilden im Raum eine Giftwolke, der auch die Bewohner ausgesetzt sind. Das Ungeziefer wird gegen fortgesetzten Verdampfereinsatz innerhalb kurzer Zeit resistent.
Auch das Bundesgesundheitsamt hält es für "bedenklich", daß die Konsumenten sich "mehrere Wochen oder Monate einer ständigen Belastung" mit Insektiziden aussetzen. Schon vor drei Jahren kündigte deshalb Wolfgang Lingk, Pestizid-Experte des BGA, ein Verbot der Insektizidvergaser an; doch Elektroverdampfer stehen nach wie vor bei den Drogerien in den Regalen.
Für Abrüstung im Wohnzimmer könnten die Verbraucher am ehesten selbst sorgen: Statt Kampfgase zu versprühen, sollten sie besser mit der Fliegenklatsche ins Gefecht ziehen. Fortgeschrittene Kammerjäger treiben Küchenschaben neuerdings mit Heißluft aus ihren dunklen Ecken.
Einen Geheimtip schließlich verrät Rainer Gsell vom Deutschen Schädlingsbekämpferverband: "Der ideale Insektenvertilger ist ein Staubsauger."

DER SPIEGEL 31/1992
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