17.05.1993

JugendweiheKochen und braten

In den neuen Bundesländern hat die einstmals sozialistische Jugendweihe wieder wachsenden Zulauf.
Steffie Schnoor, Kultusministerin von Mecklenburg-Vorpommern, ist entsetzt über ihre ostdeutschen Mitbürger. Eine "viel zu große Zahl von Menschen", klagte die aus dem Berliner Westen kommende Christdemokratin auf einer Synode der evangelischen Kirche in Schwerin, hingen immer noch der "vom SED-Regime zwangseingeführten Jugendweihe" an.
Per Rundschreiben an die Schulräte untersagte die Ministerin an den Schulen ihres Landes jegliche Informationsveranstaltungen über das ehemals sozialistische Ritual der Aufnahme in die Erwachsenenwelt.
Beifall bekommt die Protestantin Schnoor von der katholischen Kirche. Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky mahnte die Jugendlichen in der Ex-DDR, "bewußt mit der Jugendweihe zu brechen". Die katholischen Hirten hatten ihren Gläubigen zu SED-Zeiten die Teilnahme verboten.
Doch solche Verdikte nützen heute sowenig wie damals. Im deutschen Osten, wo nur ein Viertel der Bevölkerung einer Kirche angehört, haben die Jugendweihefeiern Zulauf fast wie in alten SED-Tagen. An der Weihe nehmen zwischen Ostseeküste und Erzgebirge in diesem Jahr über 70 000 Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren teil - 20 000 mehr als 1992.
Das Ritual, Ersatz für gefühlvolle katholische Erstkommunion- und evangelische Konfirmationsfeste, ist in der ostdeutschen Gesellschaft tief verankert. Von 1954 bis 1989 steuerte ein SED-gelenkter "Zentralausschuß für die Jugendweihe" in Ost-Berlin die jährlichen Veranstaltungen. Die vorbereitenden Jugendstunden dienten der sozialistischen Erbauung, mit Themen wie "Unser sozialistisches Vaterland" und "Die Welt verändert sich".
Doch mit der Wende änderte sich auch die Weihe. Das von Christkonservativen als "ideologiebefrachtetes Spektakel" (Bayernkurier) verdammte Fest hat sich von atheistischer Agitation und marxistischer Schulung weit entfernt. Die heutigen Veranstalter der Jugendfeiern verzichten auf weltanschauliche Schwüre. Statt mit SED-Parolen befassen sich die Vorbereitungslektionen mit Diskursen über das friedliche Zusammenleben von Deutschen und Ausländern, aber auch mit "Kochen und braten" und der Frage: "Wie schminke ich mich richtig?"
Eine "Interessenvereinigung Jugendweihe e. V." koordiniert als Nachfolgerin des einstigen Zentralausschusses die Weihefeiern in den neuen Bundesländern und im Berliner Osten. Der Jugendweiheverein, der sich in "programmatischen Grundsätzen" gegen "totalitäre Diktatur jeglicher Art" wendet, für "Toleranz" und die "Achtung der Menschenrechte" wirbt, wird von einem Liberalen geführt. Werner Riedel, 47, Präsident der Interessenvereinigung, FDP-Mitglied und nach der Wende zeitweise Stadtrat in Berlin-Hellersdorf, ärgert sich über "dumme Attacken" rechter Unionschristen und Verdächtigungen, er betreibe DDR-Nostalgie.
Die DDR, sagt Riedel, habe "die Jugendweihe nicht erfunden, sondern lediglich mißbraucht". Tatsächlich ist das Weiheritual älter als der SED-Staat. Die erste Jugendweihe feierte eine freireligiöse Vereinigung 1859 in Nordhausen am Harz. Seit 1889 veranstaltete auch die Arbeiterbewegung "proletarische Jugendweihen".
Während der Nazi-Zeit war die Jugendweihe verboten. Im Westen interessierten sich nach 1945 nur kleine Zirkel für eine Wiederbelebung.
Im Osten hingegen wurden die Jugendgelöbnisse in dreieinhalb Jahrzehnten trotz des ideologischen Brimboriums zum festen Bestandteil des Familienlebens, willkommener Anlaß für Sippenfeten und üppige Geschenke. Die Jugendweihe, schwärmte drei Jahre nach der Wende der Neubrandenburger Nordkurier, war "ein Stück ostdeutscher Identität", spätestens seit den siebziger Jahren so selbstverständlich wie die nichtkirchliche Trauung.
Auch die jungen Leute in den neuen Bundesländern, die so zahlreich zur Jugendweihe gehen, finden dort kaum "den Sinn des Lebens", wie Jugendweihepräsident Riedel die Feiern verklärt.
Jungen und Mädchen, die im Kinosaal der Leipzig-Information am Sachsenplatz bei Musik von Peter Maffay ("Ich wollte nie erwachsen sein") auf ihre grauen Weiheurkunden warten, begründen ihr Dabeisein vielmehr schlicht mit "unserer Tradition", so die frisch geweihte Sindy Gentsch, 15. Der ebenfalls 15 Jahre alte Jens Marx wollte sich "nicht ausschließen, weil es alle in der Familie gemacht haben".
Als offizielles Geschenk erhalten die Teilnehmer im Osten das Buch "Deutschland - so schön ist unser Land" aus einer westdeutschen Lexikothek. Zu DDR-Zeiten waren die Ansprüche höher. Da bekamen die zur sozialistischen Reife herangewachsenen Kinder das Werk "Der Sozialismus - Deine Welt", mit einem Geleitwort von Erich Honecker.

DER SPIEGEL 20/1993
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