03.08.1992

ChinaAlles erlaubt

Nirgendwo sind Dopingkontrollen so lasch wie in China. Die Kraft der Sieger kommt aus der Apotheke.
Für Robert Pay, den Schwimmtrainer der Briten, ist es ein "offenes Geheimnis". Franziska van Almsick, die viermalige Medaillengewinnerin aus Berlin, "sieht es an den Körpern". Und dem Schmetterlingsschwimmer Chris-Carol Bremer aus Calenberg vergeht "die Lust, überhaupt noch ins Becken zu springen".
Die Chinesinnen, die bei den Olympischen Schwimmwettbewerben vier Gold- und fünf Silbermedaillen gewannen, haben, da ist die Konkurrenz sicher, ihre Wasserverdrängung mit unerlaubten Mitteln gesteigert.
Die stiernackigen Sportlerinnen mit den säuberlich lackierten Fingernägeln wecken Erinnerungen an Olympia 1980 in Moskau, als die DDR-Athletinnen überlegen siegten wie in Barcelona Zhuang Yong - selbst Weltrekordlerin Jenny Thompson (USA) war chancenlos. Lin Li gewann die 200 Meter Lagen, Yang Wenyi über 50 Meter Freistil - beide in Weltrekordzeit. In Fernost, so der Leiter des Hamburger Olympiastützpunktes, Jürgen Greve, "wird alles gemacht, was die DDR auch gemacht hat".
Bis Ende der achtziger Jahre gaben Austauschtrainer aus der DDR ihr Wissen vor allem an die Schwimmer weiter, für Zhuang Yong etwa wurde ein langjähriger Trainingsplan aufgestellt. Dabei floß so viel Know-how, daß Manfred Ewald, Chef des DDR-Sports, bei den National Games 1987 in Kanton Geheimnisverrat witterte und einen Tobsuchtsanfall bekam. Heute setzen Coaches aus dem Sportapparat der Ex-UdSSR das Werk für Billiglöhne fort.
Mit Erfolg: Bis zum Freitag abend hatten die Chinesen 24 Medaillen gewonnen, davon 8 goldene. In der Nationenwertung lagen die Asiaten auf Rang drei. In dieser Woche sieht das Plansoll weiteres Edelmetall im Badminton, Boxen, Tischtennis, Kunstspringen und in der Leichtathletik vor.
Im 1,2-Milliarden-Staat, in dem schon Vierjährige zu Spitzenleistungen getrieben werden (SPIEGEL 20/1992), wird quer durch alle Disziplinen geschluckt. 1988 flogen die Eisschnelläuferinnen Ye Qiaobo und Wang Xuili sowie Zhong Hua (Moderner Fünfkampf) und Yang Yang (Badminton) auf, 1991 wurden Kugelstoßerin Sui Xinmei und Sun Suimei (800 Meter) ertappt. Noch kurz vor Olympia fiel auch die Weltranglistenerste im Diskus, Xiao Yanling, bei Kontrollen auf und mußte zu Hause bleiben.
Schon 1975, noch zu Zeiten der Kulturrevolution, berichtete der Radrennfahrer Zhao Yu aus Shanxi von regelmäßigem Amphetamin-Konsum und Kollegen, die "wie Maschinen liefen".
Inzwischen unterliegt die Drogengabe strengster Geheimhaltung. Als ein junger Arzt 1991 auf einem Symposium in Peking eine neuartige Methode zur Verschleierung vorstellte, wurde er von Yang Zeyi, dem stellvertretenden Leiter des chinesischen Dopinglabors, zum Schweigen vergattert.
Die kollektive Kontaktsperre hat ihren Grund: Chinas Athleten sollen in Unwissenheit gehalten werden, um Panik vorzubeugen. Nachdem die Hochspringerin Yang Wenqin ein behindertes Kind zur Welt gebracht hatte, verließen viele ihrer Kommilitoninnen die Pekinger Sportuniversität.
Oft jedoch herrscht Arglosigkeit. Kan Fu Lin, der Cheftrainer der Leichtathleten, "weiß oft nicht genau", was die Ärzte seinem Star, der Kugelstoßweltmeisterin Huang Zhihong verabreichen, die Favoritin auf olympisches Gold ist. Viele Mittel, hat Kan beobachtet, helfen Huang "sehr gut".
Fahrlässiger Umgang mit der Pharmazie ist normal in China. Gao Cairong, im Nationalen Forschungsinstitut in Peking für die Regeneration der Athleten zuständig, hat von einer Liste verbotener Medikamente "noch nie gehört".
Jenseits der großen Mauer wird straffrei wie Fruchtgummi gehandelt, was im Westen nur auf Rezept oder auf dem Schwarzmarkt zu haben ist. An jeder Straßenecke gibt es Stärkungsmittel zu kaufen, die Extrakte aus Skorpionen, getrocknetem Mutterkuchen und giftigem Krötenschleim oder, wie etwa das Mittel Antlerviron, neben Esels-, Hunde- und Hirschpenis auch 10 Milligramm des bei Muskelmästern beliebten Methyltestosterons enthalten: 20 Kapseln zu knapp zwei Mark.
Jede Apotheke hält für wenig Geld gleich ein Potpourri indizierter Präparate bereit: Kortison, Ephedrin, Amphetamin oder harntreibende Mittel. Als "besonders wirksam" empfiehlt die Apothekenhelferin Stanozolol - jenes Anabolikum, das den kanadischen Sprinter Ben Johnson 1988 bei Olympia in Seoul die Goldmedaille kostete.
Seine Kontrollen, ahnt Professor Tian Leyang, 60, Chef des Pekinger Dopinglabors, haben vor allem Alibi-Charakter. Es fehlt das Geld für ausreichende Tests. 1991 wurden lediglich 610 Proben genommen, davon 78 unangekündigt. Nur 5 waren positiv. Was in entlegenen Provinzen geschieht, so Tian, "kann keiner sagen". Zumal internationale Sportverbände den Mißbrauch nach Kräften unterstützen. Der Weltschwimmverband Fina etwa verlangt von China keine Trainingskontrollen.
Doch selbst wenn ein Fahnder ins Land will, sind die Täter rechtzeitig gewarnt. Er müsse nur sein Visum beantragen, weiß Wolfgang Peter, der Dopingbeauftragte des internationalen Gewichtheberverbandes - "und schon gehen die Alarmglocken an".

DER SPIEGEL 32/1992
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