DER SPIEGEL



Stasi befragte Genscher-Freunde

Zwei ehemalige Offiziere des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) haben weitere Einzelheiten über den angeblichen Stasi-Spitzel Hans-Dietrich Genscher mit Decknamen "Tulpe" enthüllt. In ihrem gemeinsam verfaßten Buch berichten Günter Bohnsack und Herbert Brehmer aus ihrem früheren Arbeitsbereich für Desinformation*: "Die Abteilung hat verschiedene Male Personen einen Stasi-Kontakt angedichtet", um sie zu kompromittieren. Ende der sechziger Jahre habe man zuverlässig scheinende Hinweise erhalten, wonach der frühere Innen- und spätere Außenminister "im Dienst amerikanischer Geheimdienstkreise" gestanden habe, in deren Auftrag er die politische Szene Bonns steuern sollte. Aus Angst vor einer möglichen Gefährdung der sich anbahnenden deutsch-deutschen Beziehungen sei in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) die Idee entstanden, Genscher nach entsprechenden Recherchen über seine _(* Günter Bohnsack, Herbert Brehmer: ) _("Auftrag Irreführung". Carlsen-Verlag, ) _(Hamburg. ) ostdeutsche Vergangenheit in eine "progressive DDR-Ecke" zu rücken. Mehrere als Journalisten getarnte Aufklärer hätten in der Hallenser Heimat Genschers in Hunderten von Befragungen ehemalige Mitschüler und Luftwaffenhelfer auf Anhaltspunkte für eine regimetreue Tätigkeit oder gar Sowjetfreundlichkeit hin abgeklopft - ohne Ergebnis. Der einzig verfügbare Ansatz sei dann so entstanden: In der MfS-Bezirksverwaltung Halle habe sich die Akte eines Inoffiziellen Mitarbeiters mit dem Decknamen "Tulpe" aus den Reihen der DDR-Liberalen gefunden, der, wie Genscher, Anfang der fünfziger Jahre in den Westen übergesiedelt sei. "Tulpe" habe eine Reihe von Berichten über das liberale Hallenser Umfeld geliefert. Wenn es unbedingt sein müsse, sei eine Gleichsetzung "Genscher/Tulpe" denkbar, hätte der damals zuständige HVA-Experte erklärt. Unter diesen Vorzeichen sei der Vorgang als Vorlaufakte konserviert worden. Genschers Rolle in der Entspannungspolitik habe den Verdacht einer CIA-Verbindung "dann aber ad absurdum" geführt.

* Günter Bohnsack, Herbert Brehmer: "Auftrag Irreführung". Carlsen-Verlag, Hamburg.

DER SPIEGEL 35/1992
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