07.06.1993

Offensive des Terrors

Im Kampf um die Selbstreinigung des politischen Systems hat Italien eine kritische Phase erreicht. Nach den Bomben von Rom und Florenz kündigt sich eine neue Welle blutiger Anschläge an. Versuchen verschwörerische Mächte - von der Mafia bis zu den Geheimdiensten -, den vom Volk bejubelten Wandel zu stoppen?
Im üppigen tropischen Garten des Präsidentenpalastes auf dem Quirinal lustwandelte am vergangenen Mittwoch das Volk: Es war das erste Mal in der über 400jährigen Geschichte der einstigen päpstlichen Sommerresidenz, daß den einfachen Bürgern ungehinderter Zugang gewährt wurde.
Gegen die Tradition hatte Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro Parteibonzen und Wirtschaftsführer zum 47. Geburtstag der italienischen Republik nicht eingeladen. Dafür durften die Römer kommen, in Jeans statt in Gala.
So setzte der Präsident ein simples, aber deutliches Zeichen für den Wandel, der Italien seit etwa anderthalb Jahren erfaßt hat.
Unter einer systematischen Offensive der Justiz ist die Schmiergeldrepublik, "tangentopoli", in sich zusammengefallen. Die Herrschaft der Parteien über fast sämtliche Bereiche der italienischen Gesellschaft ist gebrochen; als Komplizen enttarnt wurden viele Granden aus der italienischen Industrie, von den Spitzenmännern bei Fiat bis hin zu Olivettis Carlo De Benedetti.
Auch das heimliche Bündnis zwischen Politik und organisierter Kriminalität flog auf, den Kollaborateuren von Mafia und Camorra wird jetzt das Handwerk gelegt. "Revolution", schrieb der _(* Bei einer Kranzniederlegung am ) _(vergangenen Mittwoch in Rom. ) Turiner Philosophieprofessor Gianni Vattimo über den massenhaften Sturz der Mächtigen, "mag ein zu großes Wort sein, aber die meisten Italiener vergleichen die Vorgänge in ihrer Bedeutung nur mit dem Fall der Faschisten am Ende des Zweiten Weltkriegs."
Nach einer Änderung des Wahlrechts durften zum erstenmal in der Geschichte der italienischen Nachkriegsrepublik am vergangenen Sonntag Millionen Wähler in wichtigen Großstädten des Landes wie Mailand, Turin oder Catania ihren Bürgermeister direkt bestimmen.
In Mailand, der Hauptstadt der Schmiergeldaffären, könnte der Soziologieprofessor Nando dalla Chiesa gewinnen, Mitbegründer der basisdemokratischen Bürgerbewegung La Rete, die sich den Kampf gegen die Mafia und die Säuberung der Politik zum Ziel gesetzt hat.
Dalla Chiesa hat für seinen Feldzug auch ein starkes persönliches Motiv: Er ist der Sohn des Polizeipräfekten Carlo Alberto dalla Chiesa, den die Mafia 1982 in Palermo ermordete.
Noch ist nicht ausgemacht, ob der Umsturz gelingt und die Mächte der Vergangenheit wirklich vertrieben werden. Skeptiker fürchten, daß die Revolution als bloßes Spektakel enden könnte. Die Meisterschaft in vorgetäuschtem Wandel, bei dem unter großem Getöse die Kulissen verschoben werden, vor denen dann die alten Darsteller in neuer Verkleidung auftreten, hat in Italien eine raffinierte Tradition.
Doch als "Opera buffa" können die Italiener das Ringen um eine grundlegende Reform ihres politischen Systems nicht mehr empfinden. Der Kampf zwischen den Kräften des Alten und des Neuen, der das Land in seinem Bann hält, hat eine ebenso mysteriöse wie mörderische Dimension angenommen:
Die Autobomben, die am 14. Mai im römischen Wohnviertel Parioli und am 27. Mai in Florenz, nahe den Uffizien, Terror und Tod säten, verbreiteten furchterregende Botschaften, deren Absender niemand genau kennt und deren Sinn schwer zu entziffern ist.
Eine dritte Sprengladung, primitiv konstruiert, konnte am vergangenen Mittwoch rechtzeitig entschärft werden - ausgerechnet am Geburtstag der Republik und kaum 500 Meter vom Quirinal entfernt, in dem ein paar Stunden später das Volk und sein populärer Staatspräsident feierten.
Ein Informant aus der Unterwelt hatte den geplanten Anschlag an die Polizei verraten. Gleichwohl erschütterte auch das vereitelte Attentat die bereits geschockte Nation. Exakt im Zentrum der politischen Macht Italiens plaziert, signalisierte die dritte Autobombe innerhalb von 20 Tagen: In Italien hat eine neue Saison des Terrors begonnen.
Das von der Explosion gerissene Loch in der Uffizien-Fassade wurde zu einer Art Pilgerstätte. Aus Solidarität ließen die Museen in Siena Besucher gratis ein, die sich in Unterschriftenlisten gegen den Terror eintrugen. Vor allem die Bombe gegen die Uffizien löste eine Betroffenheit aus, die den Gefühlen in Deutschland nach Mölln und Solingen vergleichbar war.
Leitartikler und Politiker wußten die Attentate umgehend zu deuten: Finstere Mächte des Beharrens stemmten sich gegen den drohenden Verlust ihrer Macht. Es sei sehr wahrscheinlich, hieß es zum Beispiel in der Turiner Stampa, daß sich die Autobomben gegen "jene Kräfte der Erneuerung richten, die sich gerade unter großen Widerständen in Italien durchzusetzen beginnen".
Im Corriere della Sera erläuterte der prominente Germanist Claudio Magris, daß "geheime Kräfte", etwa die Mafia, mit den Terroranschlägen "eine unmißverständliche Warnung" an die Reformer übermitteln wollten: Wenn sie nicht aufhörten mit dem eingeschlagenen Weg, "werden die Plätze und Straßen des Landes mit Leichen übersät sein", könne sich jene Kette von Attentaten wiederholen, "die sich seit Jahrzehnten pünktlich ereignen, wenn es gilt, den Wandel zu blockieren".
Tatsächlich haben seit dem Ende der sechziger Jahre in periodischer Wiederkehr schreckliche Terroruntaten, bei denen Hunderte von Menschen ums Leben kamen, für Unsicherheit und Einschüchterung gesorgt, etwa: *___die Sprengstoffexplosion in der Landwirtschaftsbank an ____der Piazza Fontana in Mailand am 12. Dezember 1969 mit ____13 Toten; *___der Bombenanschlag auf eine Gewerkschaftsdemonstration ____auf der Piazza della Loggia in Brescia am 28. Mai 1974 ____mit 8 Toten; *___das Attentat auf dem Bahnhof von Bologna am 2. August ____1980 mit 85 Toten.
Stets steckte dahinter eine "Strategie der Spannung", mit der das Erstarken der Linken, zumal der Kommunistischen Partei, verhindert werden sollte.
Die italienischen Geheimdienste waren in der Regel beteiligt, wenigstens beim Verwischen der Spuren. Die Täter stammten vornehmlich aus rechtsradikalen Kreisen. Die meisten Anschläge blieben bis heute ungesühnt.
Das "Weihnachtsattentat" auf den Schnellzug 904 von Neapel nach Mailand am 23. Dezember 1984 (16 Tote) war von der Mafia inszeniert worden. Ein deutscher Sprengstoffexperte, der Rechtsradikale Friedrich Schaudinn, legte die Bombe. Der hauptverantwortliche Mafioso Pippo Calo ist inzwischen rechtsgültig verurteilt worden, desgleichen Schaudinn; doch der konnte nach Kroatien fliehen.
Dieser erste große und blutrünstige Anschlag der Cosa Nostra außerhalb ihres sizilianischen Stammterritoriums gilt jetzt als mögliches Vorbild für die Autobomben von Rom und Florenz. Zumindest hatte die Mafia damals Anlaß, sich ähnlich bedroht zu fühlen wie heute:
1984 liefen in Palermo die Vorbereitungen für den Maxi-Prozeß, in dem fast die gesamte Führungsspitze der Cosa Nostra vor Gericht stand. Jetzt hat die neue Offensive der Justiz nach der Ermordung der beiden wichtigsten Mafia-Jäger Italiens - Giovanni Falcone und Paolo Borsellino - die bekanntesten Bosse der Cosa Nostra hinter Schloß und Riegel gebracht.
Die Ermittler vermuten, daß die perfekt ausgeführten Attentate auf Falcone und Borsellino ohne die Komplizität subversiver Geheimdienstler nicht möglich gewesen wären. Nach den jüngsten Autobomben richtete sich der Verdacht ebenfalls auf abtrünnige Staatsschützer. Unverblümt forderte der Chef der Christdemokraten, Mino Martinazzoli, nach dem Anschlag von Florenz, bei dem fünf Menschen starben, daß die "Geheimdienste abgeschafft werden sollten".
Doch auch die Botschaft der Bombenleger verfehlte ihre Wirkung nicht: Antonino Caponnetto, ein ehrwürdiger, pensionierter Anti-Mafia-Staatsanwalt aus Florenz, sollte am vergangenen Montag in einer Mittelschule in der Nähe von Lucca über "Mafia und die Jugend" sprechen.
Am Abend davor schickte ihm der Direktor der Schule ein Telegramm. Angesichts der Ereignisse von Florenz halte er es für besser, den Vortrag auf unbestimmte Zeit zu verschieben.
* Bei einer Kranzniederlegung am vergangenen Mittwoch in Rom.

DER SPIEGEL 23/1993
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