14.09.1992

Ich hab' an den geglaubt

21 Genossen machten im Januar 1990 dem ehemaligen SED-Politbüro hinter verschlossenen Türen den Prozeß. Die Mächtigen von gestern übten in Sack und Asche Selbstkritik - und schoben die Schuld für den Untergang des Regimes auf andere. Die Vernehmungsprotokolle hält die PDS bis heute unter Verschluß.

Wer hat der Arbeiterklasse in Deutschland die größte Niederlage ihrer Geschichte beigebracht? Ihr! Ihr - und kein anderer!" "Wißt ihr eigentlich, was ihr verbrochen habt?"

"Ein Land zu Grabe getragen, eine Partei zu Grabe getragen und ein Ideal zu Grabe getragen."

Solche und ähnliche Wahrheiten bekamen die 14 Kandidaten und Mitglieder des einstigen SED-Politbüros zu hören, die nicht - wie Erich Honecker, Willi Stoph, Günter Mittag und Erich Mielke - gleich beim ersten Aufwasch aus der Partei geflogen waren.

Eine zum Zwecke dringlicher Selbstreinigung gewählte Schiedskommission der SED/PDS entschied im Januar 1990 _(* 1988 auf der Leipziger Messe: Werner ) _(Jarowinsky, Werner Krolikowski, Willi ) _(Stoph, Erich Honecker, Günther Kleiber, ) _(Horst Sindermann, Joachim Herrmann, ) _(Günter Schabowski, Harry Tisch, Gerhard ) _(Schürer. ) über ihren Ausschluß oder Verbleib in der Partei nach der Devise: "Wir können uns nicht vorstellen, daß die Partei den Erneuerungsprozeß vollziehen kann, wenn sie sich nicht von euch trennt, so schmerzhaft wie das auch sein mag."

Und schmerzhaft war das allemal; den anklagenden und beklagenden Kommissionsgenossen war die Trauer um den real ruinierten Sozialismus deutlich anzumerken. "Im 21. Jahrhundert", empörte sich einer für alle, "wird man sich daran erinnern, es hat einmal den Versuch gegeben, in Deutschland einen Sozialismus aufzubauen. Ein total inkompetentes Politbüro hat das zunichte gemacht. Das verzeiht euch niemand."

Während des hoffnungslos verspäteten Geplänkels wurden, unter anderen, Honecker-Nachfolger Egon Krenz, Günter Schabowski - beide hatten den einstigen Generalsekretär zum Rücktritt bewogen -, SED-Ideologe Kurt Hager und DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler ausgeschlossen ebenso wie der alte Kämpfer Alfred Neumann und Erich Mückenberger, der 1927 der SPD, 1946 der SED beigetreten und bis zur Wende Vorsitzender der alten Zentralen Partei-Kontrollkommission (ZPKK) gewesen war, die, beispielsweise, in den fünfziger Jahren die aufmüpfigen Walter Janka und Wolfgang Harich aus der Einheitspartei rausgesäubert hatte. Nur einer blieb verschont, und das führte an der Basis sogleich zum "Skandal": Siegfried Lorenz, einst SED-Chef des Bezirks Karl-Marx-Stadt und schließlich Honecker-Opponent.

In Ost-Berlin brachen kleinere Täter über einst mächtige den Stab. Alle 21 Kommissionsmitglieder hatten SED-Funktionen bekleidet, der Einheitspartei immer recht gegeben, treu und brav. Einige waren Kreisvorsitzende, andere Abgeordnete; einer hatte dem Zentralkomitee angehört, einer, 20 Jahre lang, sogar der Stasi. Der Vorsitzende, Günther Wieland, war Staatsanwalt.

Als der schwafelnde Krenz bei seiner Anhörung in die Bredouille geriet und die durchaus berechtigte Gretchenfrage stellte: "Gab es jemand in diesem Raum, der die Absetzung Erich Honeckers gefordert hat?" antwortete ein Mitglied der Kommission: "Ich hab'' an den geglaubt. Ich hab'' an den geglaubt, weil ich nichts von ihm gewußt hab''."

Folglich kam es nicht zu einer Abrechnung mit dem SED-Regime. Tatbestände wie "Diktatur", "Stasi", "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" blieben unbeachtet. Daß es "stalinistische Strukturen nicht bloß oben gab", was die Genossin Ingeburg Lange zu ihrer Verteidigung anführte, wurde nicht wahrgenommen.

Es reichte lediglich zu systemimmanenter Kritik, und entsprechend lauteten die Fragen, die sich die Schiedsrichter eigentlich auch selber hätten stellen müssen:
* "Wann ist dir klar geworden, daß die wirtschaftliche
und politische Entwicklung . . . zu einem Kollaps für
die Gesellschaft führen mußte?"
* "Siehst du, daß die falsch verstandene Parteidisziplin
diese Partei und diesen Staat an den Rand des Abgrundes
gebracht hat?"
* "Warum kam es so spät, daß ihr zu der Erkenntnis
gelangt seid, mit Honecker geht es nicht mehr?"
* "Hättet ihr nicht mindestens stutzig werden müssen mit
den Ereignissen in der UdSSR?"

Ausflüchte und "selbstkritisches Bedauern" der Genossen, die in Sack und Asche vor das Tribunal traten oder wie Schabowski "in einer gewissen saloppen Art", waren ebenfalls systemimmanent: Honecker und Mittag, der die Wirtschaft zugrunde gerichtet hatte, waren die Alleinschuldigen am Malheur der SED und der DDR. Auflehnung, Aufstand verbot die "straffe Parteidisziplin, die uns anerzogen war"; da traute man sich "einfach nicht . . . irgend etwas Eigenständiges zu unternehmen".

Die Genossen hielten sich, bis die Straße ihnen Dampf machte, an das "Prinzip . . . Fraktionsbildung ist verboten". Und sie hatten, in Kenntnis stalinistischer Säuberungspraktiken, "Furcht gehabt, als Parteifeind, als Zerstörer der Einheit oder als Fraktionär dazustehen". Die Partei war ihnen doch "Heimat".

Wenn Fragen zum "Komplex Privilegien" gestellt wurden - nach den Einkäufen in der exklusiven "Verkaufsstelle" in Wandlitz, den Datschen und Jagdrevieren -, versuchten sich die Nießbraucher rauszuwinden; einige "schämten" sich auch. Schabowski, beispielsweise, machte "kein Hehl daraus", daß ihn "diese Tatsache bis heute sehr belastet". Daß, kurz vor Ladenschluß, seine Frau unter vielem anderen "in größerem Maße dort Bettwäsche" gehamstert hatte, kam ihm dennoch, wo er "also jetzt mit dem normalen Leben konfrontiert" sei, zupaß: "Die können wir jetzt gut gebrauchen."

Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge aus den Tonband-Protokollen, die unter Verschluß gehalten werden. Größere Auslassungen wurden mit drei Punkten gekennzeichnet, einige Textstellen sprachlich geglättet.

* 1988 auf der Leipziger Messe: Werner Jarowinsky, Werner Krolikowski, Willi Stoph, Erich Honecker, Günther Kleiber, Horst Sindermann, Joachim Herrmann, Günter Schabowski, Harry Tisch, Gerhard Schürer.

DER SPIEGEL 38/1992
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