21.06.1993

LoreleyMehr Mystik

Kommunalpolitiker wollen ein marodes deutsches Kulturdenkmal aufpeppen - die Loreley soll wieder romantisch werden.
Vergebens hielt Staatsbesucher Hirohito nach einer Loreley mit goldenem Kamm Ausschau, als er vor über 20 Jahren Deutschlands berühmteste Klippe besichtigte. Spät, aber nicht zu spät hat sich die unterhalb des Rheinfelsens gelegene Gemeinde St. Goarshausen die kaiserliche Enttäuschung zu Herzen genommen.
Hirohitos Sohn und Nachfolger Akihito wird, wenn er sich bei seinem Deutschland-Trip in diesem Herbst dem Felsen nähert, eine Landestochter als Loreley begrüßen können - blond und langmähnig, wie die Sage befiehlt.
Unterstützt wird die Blondine, die wie andernorts Wein- oder Schützenköniginnen repräsentieren soll, von einer musisch begabten Kollegin: Als Star eines Musicals über die männerverschlingende Rhein-Nixe gibt die Popsängerin Chris Kempers den Sommer über dreimal täglich, von mittwochs bis sonntags, auf der Freilichtbühne des Felsplateaus "fast alles, musikalisch natürlich" - so das ZDF.
Dieses Jahr hat die Mainzer Landesregierung das runderneuerte Playback-Spektakel (Komponist: Lenny E. Hoffmann) mit einer 700 000-Mark-Bürgschaft abgesichert. Für das knapp einstündige Heldenstück von Liebe und Untergang (Eintrittspreis 22 Mark, Kinder die Hälfte) steckt Regisseur Steve Ray seine Loreley in ein grün-blaues, zur Fischflosse auslaufendes Paillettenkleid. Die Kempers hat ausgiebig Gelegenheit, zwischen moosbewachsenen Kunstfelsen Haar und Busen hin- und herwogen zu lassen.
Mit dem "überromantisierten Schmacht" (Rhein-Zeitung) auf der Bühne und dem vor allem für fotowütige Japaner attraktiven Loreley-Model wollen die Stadtväter von St.Goarshausen ein Stück urdeutscher Romantik neu beleben, das seit Jahren vor sich hingammelt: Am Gipfel der Loreley leuchtet ein knallgelber Briefkasten der Bundespost, rotlackierte Bänke verströmen den Charme einer Wartehalle. Von ferne gemahnt das Berghotel Loreley an ein ostdeutsches FDGB-Heim.
Wo der Blick am schönsten und der Fels am steilsten ist, tönt vom Fluß her Heinrich Heine in deutschem O-Ton aus Schiffslautsprechern herauf, während oben automatische Münz-Fremdenführer "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" auf Japanisch, Englisch und Französisch deklamieren.
"Das richtige Aha-Erlebnis stellt sich nicht ein", klagt Ulrich Lenz, dem die Förderung des Fremdenverkehrs in der 17 Kommunen umfassenden Verbandsgemeinde Loreley obliegt. Lenz und sein Verbandsbürgermeister Günther Kern sind sich einig, wie die Loreley den rund eine Million Touristen pro Jahr näher ans Herz zu bringen ist: "Wir müssen die Mystik besser herausarbeiten."
Für mehr Mystik auf dem Plateau sollen neben Model und Musical ein 200-Betten-Tagungshotel mit Tiefgarage, ein Loreley-Museum mit Ladengruppe, eine kleinere "Serenaden-Bühne" und eine der Felsspitze vorgebaute stählerne Aussichtsplattform sorgen. Von dort soll eine Treppe zu einer zweiten Plattform weiter unten führen, um "ein Gefühl für Tiefe und Gefahr zu vermitteln", so der Darmstädter Architekt und Stadtplaner Helmut Bott. Mit den Kollegen Johann Eisele und Nico Fritz hat Bott einen Bebauungsplan für die Loreley entworfen.
Am Fuß der 132 Meter aufragenden Klippe kann sich Bott ein Cafe in Form eines zerborstenen Schiffes vorstellen - zur Erinnerung an jene sagenhaften Schiffer, die der Singsang der barbusigen Sirene einst um Verstand und Kahn brachte.
Die Ideen von Kommunalpolitikern und Architekten haben, natürlich, den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) alarmiert. Die Bundler halten die Pläne für unvereinbar mit einem Beschluß, das gesamte Mittelrheintal in die Unesco-Liste des Kultur- und Naturerbes eintragen zu lassen.
In der felsigen Loreley-Landschaft haben Pflanzen und Tiere überdauert, die vor 120 000 Jahren, in der Wärmeperiode zwischen den beiden letzten Eiszeiten, aus dem Mittelmeerraum nach Norden wanderten, etwa Felsenahorn oder Smaragdeidechse. Würden sich die Kommunalplaner durchsetzen, fürchten die Naturschützer, ginge nicht nur dieser Biotop zugrunde, auch Investoren eröffne sich dann die Chance, den Loreley-Gipfel mit allen möglichen Betonhäusern vollzustellen.
"Wir können doch nicht mitansehen", so der örtliche BUND-Sprecher Dirk Melzer, "wie die Loreley auf den massentouristischen Strich geschickt wird."

DER SPIEGEL 25/1993
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